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Unscharfe Begriffe, kernige Thesen. Zu Hamed Abdel-Samads neuem Buch

Hamed Abdel-Samads neues Buch vergleicht Faschismus und Islamismus. Das Ergebnis verrät viel über das problematische Religionsverständnis des Autors. Von Andreas Bechstein

Mit seinem neuen Buch „Der islamische Faschismus. Eine Analyse“ (2014) ist Hamed Abdel-Samad zweifellos ein Werk gelungen, das die Debatte um „den“ Islam in Deutschland befeuern wird. Der Beitrag dürfte sich jedoch auf eine weitere Polarisierung beschränken. Die These ist schnell zusammengefasst: Der Islamismus als politische Bewegung habe eindeutig faschistoide Züge. Diese seien nicht erst im Laufe einer historischen Entwicklung in den Islamismus integriert worden, sondern vielmehr essentieller Bestandteil islamischer Theologie. Hat Abdel-Samad Recht, dann wäre nicht nur der Islamismus faschistoid, sondern „der“ Islam.

Das Buch ist angesichts der jüngsten Ereignisse um seine Person in einem erstaunlich ruhigen Stil verfasst. Die Biografie des deutsch-ägyptischen Politikwissenschaftlers führt anschaulich das Bedrohungs- und Unterdrückungspotential vor Augen, das von religiösen Extremismen ausgeht.

Wenn Abdel-Samad über Todesurteile gegen „Ungläubige" schreibt, berichtet er über sein Leben und das seiner Familie, das mittlerweile ständigen Bedrohungen ausgesetzt ist. Diesem Druck standhalten zu müssen, nötigt Respekt ab und fordert Solidarität. Hamed Abdel-Samad hat das unveräußerliche Recht, seine Thesen öffentlich zu machen und zu erläutern. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut demokratischer Gesellschaften, das es zu verteidigen gilt. Unabhängig davon, ob man die geäußerten Positionen teilt. Das heißt aber nicht, dass Abdel-Samads Auffassungen unwidersprochen bleiben müssen.

Ich halte seinen Vergleich zwischen Faschismus und Islamismus weder für zielführend noch für zutreffend. Die vielen unterschiedlichen Argumente, die gegen seine These sprechen, kennt er zwar. Er webt sie beiläufig in sein Buch ein. Ernst nimmt er sie nicht.

Abdel-Samads Gleichsetzung oder zumindest Unterordnung der beiden Phänomene, die er eigenem Bekunden nach eigentlich vermeiden will, fußt zuallererst auf einer selektiven Wahrnehmung historischer Quellen sowie einer unscharfen, austauschbaren Verwendung einer Vielzahl analytischer und politischer Begriffe wie Faschismus, Totalitarismus, Politische Religion, Fundamentalismus, Islamismus. Das Buch begibt sich mitten hinein in das Gebiet der Extremismus- und Fundamentalismus-Forschung, das vor Grundsatz-, Begriffs- und Methodenstreitigkeiten nur so strotzt. Dabei wird es den Debatten nicht einmal im Ansatz gerecht. Das Konzept hinter dem Begriff des Fundamentalismus will bspw. auf etwas anderes hinaus als das des Totalitarismus. Aber das ist Abdel-Samad egal. Er benutzt die Begriffe über weite Strecken austauschbar, um seinen Text abwechslungsreich zu gestalten und Parallelen zwischen Faschismus und Islamismus herauszustreichen.

Parallele Strukturen, unterschiedliche Inhalte

Die inhaltlichen und vor allem strukturellen Analogien, die Abdel-Samad durch seine phänomenologische Analyse in der Tradition Ernst Noltes zwischen Faschismus und Islamismus zutage fördert, sind zwar vorhanden: Absolute Wahrheit, dualistisches Weltbild, Antisemitismus, Opferbereitschaft, Imperialismus, Antiindividualismus usf. Gerade das Kapitel „Die Muslimbrüder“ arbeitet Abhängigkeiten und Parallelen im Denken heraus.

Doch gilt das Diktum, das er selbst im Vorwort seines Buches bemüht: „Der Vergleich zweier Phänomene bedeutet … nicht, sie automatisch gleichzusetzen“ (S. 16). Tatsächlich schwanken die Wichtigkeit der Strukturmerkmale sowie ihre Füllung in Islamismus und Faschismus. Und neben den Verwandtschaften gibt es eklatante inhaltliche Unterschiede.

So sind dem Islamismus biologistische Konzepte wie Rassismus und Sozialdarwinismus fremd. Zum Islam kann man problemlos konvertieren. Mission ist gerade ein zentrales Merkmal gesellschaftlich aktiver Islamistinnen und Islamisten. Die Welt soll durch das gepredigte Wort und durch soziales Engagement erobert werden. Die Hinwendung zu Armen und Fremden ist fester Bestandteil islamistischer Lehre. Erst wenn die Einladung zum Islam scheitert, ist der Kampf gegen die Feinde des Islam möglich. Faschisten kennen zwar Propaganda und politische Gefolgschaft, aber eine Konversion etwa zum Deutschtum ist ja gerade nicht möglich. Rassenzugehörigkeiten und -eigenschaften sind unumstößlich. Der Kampf gegen die Feinde bleibt so alternativlos.

Der größte Unterschied dürfte wohl in der religiösen Verfasstheit der Phänomene liegen. Der Islamismus ist religiös. Faschismus und Nationalsozialismus sind in der Regel antireligiös. Diesen Unterschied erwähnt Abdel-Samad zwar in einem Zitat des Muslimbruders Hassan al-Banna, unterschätzt aber dessen Tragweite.

Der Islamismus versteht sich als die Urform, die Reinform des Islam. Nur seine Vertreterinnen und Vertreter würden heute noch den gottgegebenen Gesetzen so authentisch wie die ersten Generationen der Muslime folgen. Nur sie würden Gott gehorchen. Alle anderen Auffassungen von Islam seien menschliche Verirrung, Übertreibung und Verzerrung, die im Laufe der Zeit den Blick auf das klare Gesetz Gottes versperrt hätten.

Im Kern geht es um Religion

Hinter dieser Auffassung steckt ein essentialistisches Verständnis von Religion, das sich zu stark an schriftlichen Überlieferungen orientiert und diese ahistorisch interpretiert. Es übersieht, dass es Religion(en) überhaupt nicht losgelöst von Individuen, Gruppen und deren Kontexten geben kann. Religionen sind nichts ohne Menschen. Dieses essentialistische Verständnis, demzufolge es einen überzeitlichen, göttlich offenbarten und klar erkennbaren Kern des Islam gebe, übernimmt Abdel-Samad fatalerweise von seinen Gegnern (die zitierten Denker sind allesamt Männer). Während die Islamisten den Kern bejubeln, kritisiert er ihn.

Ein offenerer Religionsbegriff, der es dem Autor erlauben würde, auch in islamischen Epochen und Frömmigkeitsstilen, in denen „die“ Scharia kaum eine Rolle spielte, als authentischen Ausdruck „des“ Islam zu sehen, hätte geholfen. Diesen Versuch unternimmt etwa Thomas Bauer erfolgreich in „Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams“ (2011). Stattdessen hängt Abdel-Samad inkonsequenterweise sowohl der überholten These eines Essentialismus als auch der Auffassung eines religiösen Evolutionismus an, demzufolge der Islam in seinen mittelalterlichen, intoleranten Flegeljahren stecke. Beide sind verfehlt. Es gibt nicht den Islam. Und es gibt keinen geraden Weg der Religionsgeschichte. Religiöse Traditionen sind faktisch wandelbar, untrennbar verwoben in unterschiedliche Kulturen und getragen von Individuen. Leider sitzt Abdel-Samad den Islamisten auf und hält nur das für echt islamisch, was islamistisch ist. Und echt islamistisch ist für den Autor überspitzt formuliert nur, was auch faschistisch ist. Da verwundert es nicht, dass Abdel-Samad dem Himmel abgeschworen hat. In einem Paradies voll faschistischer, gewalttätiger Sexisten will wohl niemand landen, der nicht selbst ein faschistischer, gewalttätiger Sexist ist.

Alternativen zum Faschismusbegriff?

Die Sichtung des Materials könnte Abdel-Samad auch zu anderen Schlüssen führen. Die Parallelen zwischen Faschismus und Islamismus hätten erstens zur konsequenten Verwendung eines Oberbegriffs eingeladen, der beiden Phänomenen ihre Eigenarten lässt und zugleich die Gemeinsamkeiten nicht unter den Tisch kehrt. Abdel-Samad hätte nicht mal einen erfinden müssen. Gegenwärtige Debatten legen Begriffe wie Fundamentalismus oder besser noch Extremismus nahe, die zwar ihrerseits umstritten sind, aber m.E. analytische Trennschärfe in die Untersuchung eingebracht hätten. Dann wäre dem Autor aber das politisch wirkungsvollere Schlagwort abhanden gekommen. Der Faschismusbegriff dient ihm als Drohkulisse.

Abdel-Samad vergleicht Äpfel mit Birnen, um am Schluss zu dem Ergebnis zu kommen, dass es apfelartige Tendenzen bei Birnen gibt, anstatt beide schlicht als Kernobst zu titulieren. Gut gemachte Phänomenologie zeichnet sich durch eine klare Klassifizierungen aus, die dennoch um ihre Begrenztheit weiß. Dieses Klassenziel verfehlt Abdel-Samad ganz bewusst.

Zweitens hätte gleich der erste Satz des ersten Buchkapitels, eine ganz andere Lesart der Beziehung von Islamismus und Faschismus zulassen können. Dort schreibt er: „Der Faschismus ist eine Art ,politische Religion?“ (S. 19). Nicht die Religion hat hier etwas Faschistisches. Der Faschismus hat etwas Religiöses. Er bedient sich ihrer Faszination, Motivationspotentiale, Sprachhorizonte und Transzendenzoffenheit. Dieser Ansatz im Gefolge Luigi Sturzos, Paul Tillichs, Eric Voegelins, Hans Maiers und anderer hätte ein größeres Erschließungspotential für die Islamismusdebatten der Gegenwart.

Extremistische Strömungen im Islam machen sich Strukturen und Sinnreservoire ihrer Religion zunutze, um Konflikte eskalieren zu lassen. Dieses Potential lässt sich genauso gegenteilig nutzen. Man muss nur wollen. Ansonsten befeuert man einen Diskurs, in dem sich Islamismus und radikale Islamismuskritik in ihren Vorurteilen bestätigen und dabei langsam aber sicher alle liberalen Kräfte zwischen sich aufreiben. Islamismus ist keine notwendige Form des Islam, erst recht nicht seine eigentliche.



Zum Autor:

Andreas Bechstein studierte Evangelische Theologie und Nahostwissenschaften. Er ist Mitarbeiter im Fachgebiet für Systematische Theologie und Religionsphilosophie am Fachbereich Evangelische Theologie der Philipps-Universität Marburg. Zurzeit arbeitet er an einem Promotionsprojekt zu Fundamentalismus und Extremismus in Christentum und Islam.




Verwendete und Auswahl an weiterführender Literatur in Kurztitelangabe:

- Abdel-Samad, H.: Der islamische Faschismus, München 2014.
- Backes, U.: Politische Extreme, Göttingen 2006.
- Bauer, Th.: Die Kultur der Ambiguität, Berlin 2011.
- Kepel, G.: Das Schwarzbuch des Dschihad, München / Zürich 2002 [französische Erstausgabe 2000].
- Kippenberg, H. G.: Gewalt als Gottesdienst, Bonn 2008.
- Nolte, E.: Der Faschismus in seiner Epoche, München / Zürich 52000 [1984].
- Pfahl-Traughber, A.: „Islamismus als extremistisches und totalitäres Denken“, in: Aufklärung und Kritik, Sonderheft 13/2007, S. 79-95.
- Riesebrodt, M.: Die Rückkehr der Religionen, München ²2001 [2000].
- Voegelin, E.: Die politischen Religionen, Wien 1938.

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