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Religion und Gesellschaft

Ein Eröffnungsartikel von Claudia Kühner-Graßmann

Religion ist in der Gesellschaft und in der Gesellschaft ist Religion. So einfach und plausibel dieser Satz ist, so vielfältig und komplex sind die Möglichkeiten, jenes Verhältnis zu bestimmen. Schon die Grundfrage „Was ist Religion?“ wird kontrovers diskutiert. Abhängig ist die Beantwortung dabei immer auch vom gesellschaftlichen Kontext, von den Religionen einer Gesellschaft oder von der jeweiligen Religiosität der Theologisierenden selbst. Als evangelische Theologinnen und Theologen sollten wir uns daher auch fragen, ob es ein spezielles „protestantisches“ Profil von Beteiligung an der Gesellschaft und eine protestantische Vorstellung von der Gesellschaft gibt. Also: Wie die Gesellschaft in die Religion und die Religion in die Gesellschaft wirkt, wirken kann oder wirken soll.

Der Komplex „Religion und Gesellschaft“ birgt aber ein größeres Potential, als sich aus dem rotierenden Sprachspiel der beiden Worte ergibt. Deshalb versteht sich diese Rubrik nicht nur als Ort der Gegenwartsanalyse des Verhältnisses von Religion und Gesellschaft, sondern auch als Laboratorium. Als Laboratorium zunächst im engeren Sinne: Theologinnen und Theologen können sich hier am Verfassen von Texten versuchen. Sodann als Laboratorium in einem weiteren Sinne: Hier soll die Möglichkeit bestehen, sowohl eigene Thesen zum Thema als auch exemplarische Versuche jener Verhältnisbestimmung von Religion und Gesellschaft vorzustellen und zur Diskussion zu bringen. Es soll hier also nicht einfach um „falsche“ und „richtige“ Positionen gehen. Vielmehr bietet diese Rubrik den Raum für ein gemeinsames Ringen um die Beantwortung all der Fragen, die jenes Thema berühren – in der Hoffnung, dass es zu einem regen Austausch kommt.


Nachdem bereits mehrfach auf die Komplexität und Offenheit des Titels „Religion und Gesellschaft“ hingewiesen wurde, folgen nun, um die Offenheit nicht zu einer Konturlosigkeit werden zu lassen, einige Bemerkungen zu möglichen Themengebieten. Zunächst geht es – wie bereits angedeutet – um Fragen der Religionstheorie überhaupt, zu der es unterschiedliche Zugänge – systematisch-/ praktisch-theologische, philosophische oder religionswissenschaftliche – geben kann. Des Weiteren geht es natürlich um den Komplex „Religion in der Gesellschaft“: Welchen Status hat Religion, speziell die christliche, in unserer Gesellschaft? Es werden hierbei auch Fragen nach der Bedeutung der evangelischen Kirche und ihrer (rechtlichen) Verankerung in der Gesellschaft berührt – Fragen, die juristisches und soziologisches Gebiet streifen können. Dabei kann ein Blick über die Grenzen des Christlichen und die Grenzen Deutschlands bzw. Europas hilfreich sein. Denn, auf welche Gesellschaft beziehen wir uns? Wie sieht diese aus? Wie verhält sie sich zur Religion bzw. zu den Religionen? Aber auch von der anderen Seite her kann und soll gefragt werden: Wo lassen sich religiöse, speziell christliche Spuren in der Gesellschaft, in „Hoch- und Popkultur“ finden? Wie werden dort religiöse Themen – mal eher implizit, mal explizit, jedenfalls „nicht-theologisch“ – angesprochen, diskutiert oder auch kritisiert? Schließlich soll auch der Frage nach den divergierenden Verständnissen von Religion und Gesellschaft in verschiedenen geschichtlichen Epochen nachgegangen werden. Wie schlagen sich gesellschaftliche Konstellationen in theologischen Systemen nieder? Welche Abwege gilt es zu vermeiden?


Ferner können und sollen an diesem Ort Modelle der Verhältnisbestimmung von Religion und Gesellschaft vorgestellt werden. Dies kann im Referat klassischer Theorien geschehen. Spannend wäre der Blick auf Theologie und Biographien bedeutender Theologinnen und Theologen. Als Beispiele hierfür seien nur Ernst Troeltsch, Paul Tillich oder Karl Barth genannt, die neben ihren universitären Tätigkeiten auch politisch aktiv waren und sich damit aktiv in die Gesellschaft eingebracht haben. Gibt es Spuren in ihren Werken, die dieses Engagement mit ihrer Theologie verbinden? Sahen sie sich in ihrem politischen Engagement dezidiert als Theologen? Oder schlägt sich ihr Theologe-Sein anderweitig, weniger vordergründig nieder? Was kann ihr Selbstverständnis uns heute zeigen?


Die kommenden Artikel sollen sich aber nicht nur auf das Referieren und Darstellen von Positionen Anderer beschränken; das Referat soll nicht zum Selbstzweck werden. Vielmehr ist es wünschenswert, wenn die Artikel als reflektierte Positionierungen die eigenen Voraussetzungen und Prämissen aufzeigen sowie Bezüge auf einen gegenwärtigen Problemhorizont enthalten – eben unter dem Vorzeichen, dass diese Rubrik ein Laboratorium zu diesem Zweck sein möchte und sein darf. Wünschenswert wäre, dass diese Rubrik zum Nachdenken und Austausch anregt, möglichst jenseits herkömmlicher Denkmuster und insbesondere Verfallstheorien, sondern konstruktiv und problemorientiert. Ob all dies zu schaffen ist, hängt zum einen natürlich an den kommenden Beiträgen, zum anderen an der Bereitschaft Aller, sich auf dieses Laboratorium einzulassen.


Dem Thema selbst ist wohl schwer zu entkommen, denn, um die Worte vom Anfang noch einmal aufzugreifen, Religion ist in der Gesellschaft und in der Gesellschaft ist Religion – und wir als Theologinnen und Theologen müssen uns in allen Tätigkeitsfeldern dazu verhalten können. Auf in kontroverse, klärende, erkenntnisreiche und interessante Diskussionen!

Claudia Kühner-Graßmann

Göttingen, den 12. Dezember 2013

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