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Religion und Atheismus – Zwei Weltdeutungsoptionen im säkularen Zeitalter

Heutzutage erscheint es uns, die wir in einer westlichen säkularen Gesellschaft leben, als ganz selbstverständlich, dass einige Menschen an einen Gott glauben, andere jedoch nicht. Jeder Mensch muss individuell für sich entscheiden, wie er die Welt und sein Leben deutet und ob er dies als Theist oder Atheist tut. In diesem Sinne bezeichnet der kanadische Philosoph und Soziologe Charles Taylor die gegenwärtige Situation als ein säkulares Zeitalter, als dessen zentrales Charakteristikum er feststellt, dass der Glaube an Gott nur noch eine Weltdeutungsoption unter vielen, insbesondere auch der atheistischen, darstellt, während er früher – jedenfalls für die meisten Menschen – eine Selbstverständlichkeit war.1 Wenn Atheisten und Theisten in Dialog miteinander treten, kommt es trotz dieses Bewusstseins einer prinzipiellen Optionalität und Wählbarkeit der Weltdeutungen immer wieder zu gegenseitigen Vorurteilen, die darauf beruhen, dass die jeweils andere Option nicht als gleichwertig anerkannt, beziehungsweise die eigene Option als überlegen wahrgenommen wird: So werfen religiöse Menschen Atheisten beispielsweise einen Mangel an Moralität oder zumindest mangelnde moralische Motivation vor, während viele Atheisten in der Religion einen Widerspruch zur Moderne mit ihrem wirtschaftlich-fortschrittlichem Denken und ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen sehen. Taylor beschäftigt sich in seinem erstmals 2007 erschienenen Buch A secular Age besonders mit den Vorurteilen, die seitens der atheistischen Position vorherrschend sind, da er diese als häufiger und präsenter bewertet.2 Er möchte dazu beitragen, mit diesen Vorurteilen, oder – wie er es nennt – mit diesen „unerkannt bleibende[n] Einschränkungen unserer Erkenntnis“3, aufzuräumen und dem religiösen Glauben zu neuer Anerkennung verhelfen, ihn also als eine legitime und verantwortbare Option der Weltdeutung verteidigen. Er will deutlich machen: Es hat sich unter modernen Bedingungen nichts an der prinzipiellen Möglichkeit des Glaubens geändert, sondern lediglich etwas an dem „Status, der der Neigung zum Glauben zugebilligt wird“.4

Taylor stellt zwei Varianten des Vorurteils, Religion sei mit der Moderne unvereinbar, vor. Eine erste Variante liegt in der Naturwissenschaft vor. Sie untermauert den Materialismus, indem sie Religion als Lückenfüller für Dinge darstellt, die sich naturwissenschaftlich noch nicht erklären lassen. Ihr liegt also ein negatives Religionsbild zugrunde, nach dem die Religion als „das Ergebnis eines kindischen Mangels an Mut“ erscheint.5 Solche unmündigen Menschen brauchen die Religion also als Trost, weil ihnen die Welt sinnlos erscheint und die Religion ihnen einen Sinn vorgaukelt. Dagegen erscheint es als mutig, sich nur an die Erkenntnisse der Naturwissenschaft zu halten, also nur naturwissenschaftlich Belegtes als wahr gelten zu lassen und somit die Sinnlosigkeit der Welt aushalten zu können. Die zweite Variante bezieht sich auf die moderne moralische Situation. Heute stehen häufig menschliche Ziele im Vordergrund und dies ist nach dieser Argumentationsrichtung mit der Religion unvereinbar, da diese nur nach höheren, jenseitigen Zielen strebt. Die Moderne vollzieht sich durch das Zurücklassen veralteter Denkmuster und Traditionen. Religiöse Menschen haben diese noch nicht abgelegt und sind folglich noch nicht in der Moderne angekommen. Erst wenn wir aufhören, einer transzendenten Macht zu dienen, kümmern wir uns um das, worum es wirklich geht: das menschliche Wohlergehen.

Indem Taylor diese beiden Varianten des wohl präsentesten Vorurteils gegen die Religion vorstellt, macht er zweierlei deutlich: Zum einen zeigt er, dass sich nichts an der prinzipiellen Möglichkeit einer religiösen Weltdeutung geändert hat. Anders gesagt: Beide vorgestellten Varianten diese Vorurteils liefern keine stichhaltigen Argumente, warum der Glauben unter modernen Bedingungen überwunden und veraltet sein sollte. Aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen folgt nämlich nicht, dass es keine andere Form der Erkenntnis geben kann. Die Naturwissenschaft tut zwar oft, als würde sie vom „Nullpunkt der Erfahrung aus, gegen die Zwänge des Religiösen“ argumentieren, als handle es sich bei ihr also um eine vollkommen neutrale Position, doch auch sie ist von historischen Entwicklungen beeinflusst und von Vorannahmen geprägt.6 Und aus einer atheistischen Weltsicht folgt auch genauso wenig, dass sich die Menschen für das allgemeine menschliche Wohl einsetzen, wie es aus einer religiösen Weltsicht folgt, dass sich die Menschen diesem Wohl verstellen und sich nur noch um jenseitige Belange sorgen. Taylor zeigt dagegen vielmehr, dass gerade eine rein immanente Weltdeutung auch in einen reinen Egoismus führen kann. Denn in einer solchen Weltdeutung müssen auch moralische Werte rein immanent begründet werden. Die Menschen geben sich ihre Werte folglich selbst und damit eröffnet sich ihnen auch die Möglichkeit, sich jeder Moralität zu entziehen. Dies macht Taylor am Beispiel Nietzsches deutlich, dessen Auffassung, Moral stehe der Selbstverwirklichung des von Natur aus machthungrigen und egoistischen Menschen entgegen, er als die radikalste Umsetzung der „Selbsterhebung des Menschen“ betrachtet, die er als eine mögliche Gefahr einer atheistischen Weltdeutung begreift.7 Auf dieses Aufzeigen der unzureichenden argumentativen Klarheit der beiden Vorurteils-Varianten baut Taylor auf, indem er zum anderen zeigt, warum viele Menschen, trotz dieser Unklarheiten an dem Vorurteil, religiöser Glaube sei den modernen Bedingungen nicht angemessen, festhalten. Das liegt seiner Meinung nach an einer Anziehungskraft, welche die auch die beiden vorgestellten Varianten dieses Vorurteils ausüben, indem sie die religiöse Position abwerten und gleichzeitig die atheistische Position aufwerten. Dadurch fühlen wir uns geschmeichelt, wenn wir uns dem Vorurteil, Religion sei mit der Moderne unvereinbar, anschließen. Die erste Argumentationsrichtung schmeichelt uns, indem die atheistische Haltung als mutiger und erwachsener dargestellt wird. Nur als Atheist stelle ich mich der Wahrheit und bin fähig die Sinnlosigkeit der Welt zu ertragen. Die zweite Argumentationsrichtung schmeichelt uns, weil sie uns als der Gesellschaft und dem menschlichen Wohl dienlicher darstellt. Nur als Atheist kümmere ich mich um das, worum es wirklich geht, anstatt mich an jenseitigen, unerreichbaren Zielen zu orientieren.

Einerseits verdeutlicht Taylor also, dass es sich um ein Vorurteil handelt, wenn man Religion als unvereinbar mit der Moderne begreift, dass in der Moderne also nicht einfach eine Wahrheit aufgedeckt wurde, die früher von der Religion verschleiert war, andererseits deckt er auf, warum es sich vielen Menschen als ein angenehmer Weg erschließt, sich diesem Vorurteil anzuschließen. Auf diese Weise trägt er dazu bei, die Religion als eine legitime und verantwortbare Option der Weltdeutung zu erweisen und macht damit etwas deutlich, was für das Selbstverständnis vieler Menschen des säkularen Zeitalters entscheidend ist: Es ist möglich gleichzeitig religiöser und moderner Mensch zu sein.

Zur Autorin: Mein Name ist Hanna Marie Hansen. Ich bin am 03.02.1991 in Hamburg geboren. Seit dem WiSe 2010 studiere ich Evangelische Religion und Deutsch auf Lehramt, seit dem SoSe 2012 außerdem Theologie an der Georg-August-Universität Göttingen.



1 Vgl. Taylor, Charles: Ein säkulares Zeitalter, Berlin 2012, S. 14.
2 Vgl. ebd., S. 919.
3 Ebd., S. 919.
4 Ebd., S. 941.
5 Ebd., S. 937.
6 Kühnlein, Michael: Religon als Auszug der Freiheit aus dem Gesetz?. Charles Taylor über die Vermessungsgrenzen des säkularen Zeitalters, in: Kühnlein, Michael / Lutz-Bachmann, Matthias (Hgg.): Unerfüllte Moderne?. Neue Perspektiven auf das Werk von Charles Taylor, Berlin 2011, 388-445; S. 395. 7 Taylor, Charles: Säkulares Zeitalter, S. 969.

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