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Raus aus der Kirche - Erfährt die christliche Kirche einen Bedeutungsverlust in der Gesellschaft?

von Malte Jericke

Auf den ersten Blick scheinen die Zahlen erdrückend. Die „V. EKD Erhebung über Kirchenmitgliedschaft“ macht deutlich, dass die Evangelische Kirche in Deutschland innerhalb unserer Gesellschaft enorm an Bedeutung verliert. Waren 1970 noch 49% der Deutschen evangelisch und 44,6 % katholisch, so sind es im Jahr 2010 jeweils nur noch knapp über 29%. Mit 37,2 % sind die Konfessionslosen in der Zwischenzeit mit Abstand die größte Gruppe. Wobei die Anzahl der Konfessionslosen in Ostdeutschland noch sehr viel höher ist als in Westdeutschland.1 Dabei ist ein klarer Trend zu erkennen, dass immer mehr Menschen aus der Kirche austreten.


Religion ist keine selbstverständlicher Größe in der Gesellschaft mehr, insbesondere bei jungen Menschen. Die religiöse Sozialisation nimmt deutlich ab. So bezeichnet sich nur noch gut die Hälfte der Menschen unter 30 als religiös. Noch weniger erziehen ihre Kinder religiös oder finden es wichtig, dass Kinder eine religiöse Erziehung bekommen. Dabei lässt sich eine immer stärkere Polarisierung feststellen. Entweder wenden sich Menschen stark der Kirche zu oder wollen gar nichts mit ihr zu tun haben. Stärker in den Fokus rücken auch evangelikale Gruppen und Freikirchen.

Relevant erscheint Kirche noch durch gottesdienstliche Praxis, die Präsenz und Haltung einer Pfarrerin oder eines Pfarrers und besonders in den Kasualien. Hier wird Kirche noch wahrgenommen. Doch was sind Gründe für diese Entwicklung und wie lässt sich diese Tendenz vielleicht stoppen oder gar umkehren?


Eine einfache und umfassende Antwort auf diese Frage wird es nicht geben. Wagt man einen Blick in die Kirchengeschichte, so lässt sich wohl schon mit der Französischen Revolution, dem aufkommenden Humanismus und dem Entwurf modernerer Weltbilder das Einsetzen einer Entchristlichung oder Dechristianisierung feststellen.

Klar ist, die christlichen Kirchen befinden sich immer mehr in einem Konkurrenzkampf, sowohl mit anderen religiösen Gruppierungen als auch mit einer Vielfalt von weltlichen Angeboten. Niemand geht mehr in die Kirche, weil er sonntags nichts Besseres zu tun hat. Heutzutage gibt es so viele Freizeitangebote und Möglichkeiten sich auszuleben, dass die Kirche mit diesen Angeboten so oder so nicht konkurrieren kann. Auch eine steigende Mobilität kann hier angeführt werden. Immer häufiger wird gerade von jungen Menschen ein hohes Maß an Flexibilität verlangt. Die Ortsgebundenheit ist nicht mehr so stark wie früher, was der Kirche mit ihren teilweise sehr starren Strukturen nicht gerade entgegen kommt. Jedoch muss der Rückgang der Kirchenmitgliederzahlen nicht bedeuten, dass Menschen nicht mehr auf der Suche nach Sinndeutung sind. Insbesondere an biographisch bedeutsamen Punkten des Lebens wird für viele Menschen Kirche bzw. eine Sinndeutung dieser Ereignisse relevant.


Der Münchner Soziologe Armin Nassehi spricht von einer „Biographisierung und Kulturalisierung der Religion.“2 Menschen sind im Thema Religion durchaus sprachfähig und daran interessiert, jedoch mit ihrer eigenen Sprache innerhalb ihrer eigenen Biographie. Für die Sinndeutung des Lebens ist die Sprache der Kirche für viele Menschen nicht mehr verständlich und sie wenden sich deshalb von ihr ab.

Die „Kulturalisierung“ bezieht sich auf die Wahrnehmung religiöser Themen durch andere Medien als die Kirche. Insbesondere in Film oder Buch werden Themen der eigenen Sinndeutung behandelt und (vielleicht) verständlicher dargestellt als dies der Kirche in Gottesdienst und Predigt häufig gelingt. So lässt sich auch ein Bucherfolg wie Hape Kerkelings Pilgerbericht „Ich bin dann mal weg“ erklären. Es beschreibt sanfte religiöse Erfahrungen ohne den Zwang religiöser Dogmatik. Dies scheint bei vielen Menschen anzukommen. Man kann also nicht davon ausgehen, dass in der Gesellschaft kein religiöses Interesse mehr vorhanden ist! Allerdings scheint es, dass die Kirche Probleme hat, dieses Potential auszuschöpfen.

Die Frage ist, ob das überhaupt als schlimm angesehen werden muss. Ist es nicht auch positiv, in einer sich pluralisierenden Gesellschaft zu leben, in welcher das Individuum die Möglichkeit hat, sich ganz persönlich selbst einen Sinn zu geben? Ja, für einige Gruppen innerhalb der Kirche mag es vielleicht sogar attraktiv erscheinen, in einer kleineren Gruppe zu wirken und sich damit nicht so sehr mit den Problemen des Alltags beschäftigen zu müssen. Allerdings, finde ich, sollten gerade Theologinnen und Theologen den Anspruch haben Angebote zu kreieren, die für viele Menschen attraktiv sind und in denen sich viele Menschen wiederfinden können. Ein Spezialangebot für wenige Interessierte ist in der Botschaft Jesu, dessen Zielgruppe insbesondere Menschen am Rande der Gesellschaft waren, nicht impliziert. Wie kann man so einem Anspruch gerecht werden? Eine Patentlösung gibt es dafür sicherlich nicht, aber es lohnt sich darüber nachzudenken.

Die Kirche muss sich dem Pluralismus stellen und den Menschen zuerkennen, eigene religiöse Sinnerwartungen zu haben und zu definieren. Es geht um eine „Steigerung lebenskundlicher Deutungskompetenz.“3 Die religiösen Erwartungen und Erfahrungen der Menschen müssen aufgenommen und verarbeitet werden. Das Ohr der Kirche sollte also näher an den Menschen rücken. Kirche scheint immer dann am stärksten, wenn der einzelne Mensch das Gefühl hat: Das, was da passiert, hat in hohem Maße mit mir zu tun. Es geht darum, Menschen in ihrem Umfeld und in ihrer Lebenssituation abzuholen und zu zeigen, dass man dafür ein Angebot hat. Das kann nur durch Zuhören erreicht werden und nicht durch Verurteilungen oder Vorgaben. Kirche sollte nicht zuerst wertend sein, sondern ihrem seelsorgerischen Auftrag nachkommen. Dies könnte in unserer heutigen Gesellschaft ein Merkmal sein, welches die Kirche wieder stärker in das Bewusstsein der Menschen rückt.

Dabei kann es natürlich nicht um eine beliebige Deutung christlicher Religion gehen. Natürlich braucht man Unterscheidungsmerkmale zu anderen religiösen und weltlichen Gruppen. Es muss klar sein, für welche Werte und Überzeugungen man steht und Lehrsätze und Dogmen gehören nicht prinzipiell abgeschafft oder verurteilt. Doch sie müssens sich immer beziehen auf die Lebenssituation der einzelnen Menschen. Dann braucht man sich als Kirche auch nicht verstecken oder leise auftreten. Dann kann man laut und durchaus auch streitbar, aber immer kompromissbereit für seine Angebote werben und Menschen von sich überzeugen.


Malte Jericke (geb. am 11.10.1988 in Reutlingen) hat nach dem Abitur Zivildinst in einem Kindergarten in Hamburg gemacht. Im Wintersemester 2009/10 fing er an, Theologie in Neuendettelsau zu studieren. Nach 4 Semestern machte er Zwischenprüfung und studiert seitdem in Berlin an der HU. Im WiSe 13/14 war er für ein Auslandssemester in Kopenhagen.

1 Alle Zahlen sind nachzulesen in der Studie „Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis: V. EKD Erhebung über Kirchenmitgliedschaft“ oder bei der Forschungsgruppe für Weltanschauung in Deutschland (Fowid).

2 S. Nassehi, Armin: Erstaunliche religiöse Kompetenz, in: Bertelsmann Stiftung (Hg.), Religionsmonitor 2008, Gütersloh 2007.

3 S. Gräb, Wilhelm: Lebensgeschichten-Lebensdeutungen-Sinndeutungen. Eine praktische Theologie gelebter Religion, Gütersloh 1998, S. 89-94.

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Kommentare

M.Kraus
Sie schreiben: "der Rückgang der Kirchenmitgliederzahlen muss nicht bedeuten, dass Menschen nicht mehr auf der Suche nach Sinndeutung sind" und belegen die mit Kerkeling und co. Wenn ich die Studie richtig verstanden habe, ist aber genau das der Fall. Im Unterschied zur Studie vor 10 Jahren hat diese Studie die überraschende Erkenntnis gebracht: Abnahme der Kirchlichkeit bedeutet häufig auch Abnahme der Religiosität (vgl. z.B. S.10) Die Folge: Es gibt immer mehr Menschen, die ein Leben ohne Religion als Selbstverständlichkeit ansehen.
16.09.2014 - 21:20 Uhr