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Ist Religion Privatsache?


Überlegungen zu privater und gemeinschaftlicher Religionsausübung von Johannes Graßmann


1. Anlass

Im vergangenen Superwahljahr 2013 forderten unterschiedliche Parteien auf ihren Plakaten dazu auf, „Religion [zu] privatisieren“1. Auch die These, dass Religion ihrem Wesen nach ohnehin Privatsache sei und daher keiner staatlichen und institutionellen Regulierung bedürfe, ist nicht neu.2 Die Forderungen nach weitergehender Trennung von Staat und Kirche und nach Anerkennung bzw. Gleichberechtigung aller religiösen Vorstellungen sollen hier nicht diskutiert werden. Das Ziel dieses Aufsatzes sei der Nachweis, dass die Urheber dieser Thesen erstens einen nicht ausreichend definierten und differenzierten Begriff des Privaten verwenden und, dass zweitens Religion niemals reine Privatsache ist. Religion und Gesellschaft sind sowohl formal als auch inhaltlich aufs engste miteinander verwoben.


2. Was ist Religion?

Die Frage was Religion sei, lässt sich in solch kleinem Rahmen selbstverständlich nicht erschöpfend erläutern. Es soll dennoch versucht werden eine kurze allgemeine Definition derer zu entwickeln.

Religion sei diejenige anthropologische Erscheinung, die dem individual-anthropologischen Phänomen der Frömmigkeit zuzuordnen ist.

Frömmigkeit ist nun die folgende zu definierende Größe. Sie wird phänomenologisch oftmals mit dem Befolgen von gewissen religionsspezifischen Frömmigkeits-Merkmalen beschrieben.3 Dem wird das Tillich'sche Beschäftigen mit „dem, was unbedingt angeht“4 entgegengesetzt. Frömmigkeit lässt sich somit als formales Befolgen von tradierten Verhaltenskatalogen definieren oder als innerliche Stimmung.5 Hier muss der innerlichen Stimmung der Vorrang gegeben werden, denn das formale Befolgen der Regeln braucht zugrunde liegende Anreize. Dabei muss es sich entweder um eine innerlich-fromme Stimmung oder aber um rationalistisch-utilitaristische Beweggründe handeln. Hier soll im Folgenden mit der frommen Stimmung gearbeitet werden, da dies den weit größeren Teil der formal Frommen ausmacht. Es wäre nicht nur eine Beleidigung, sondern auch Ignoranz der religiöse Gefühle, allen frommen Menschen reinen Rationalismus vorzuwerfen, ganz abgesehen von der Tatsache, dass diese Personen die weltlich-nützlichen Zwecke der Religion durch andere Vorgänge billiger erreichen könnten. Die Grundlage der formalen Frömmigkeit sei also die fromme Stimmung. Stimmungen sind die ungerichteten Gefühle, die sich menschlicher Einwirkung entziehen. Wenn ein Mensch traurig gestimmt ist, lässt sich aktiv nicht viel dagegen ausrichten. Anders verhält es sich, wenn ein Mensch traurig über etwas ist. Dieses gerichtete Gefühl lässt sich bearbeiten, indem mit dem affektierten Gegenstand umgegangen wird. Daher drängt der Mensch unbewusst dazu seine Stimmungen in Affekte (fokussierte Stimmungen) zu wandeln. Die innerliche Stimmung drängt in die äußerliche Welt.

Die Religion ist dasjenige, das dem Menschen einen Rahmen gibt, um seine frommen, zunächst als Stimmungen ungerichteten, Gefühle zu fokussieren. Bei diesen frommen Gefühlen handelt es sich um jene existentiellen Gefühle des Menschen wie die Angst vor dem Tod. Dazu bedient sich die Religion den Mittel des Rituals und der Tradition.

Religion lässt sich somit einerseits als Beschäftigung des Menschen mit existentiellen Fragen und andererseits als Befriedigung frommer Gefühle durch Rituale und Tradition definieren.


3. Private Religion

Dieser Bestimmung nach zerfällt die Religion in zwei Teilbereiche: Die objektiv gegebene Gegenstandsreligion mit ihren kanonischen Texten, Agenden und anderen Institutionen und die innerlich-subjektive Frömmigkeit. Üblicherweise wird – zumindest in lutherischer Tradition – der zweite Teilbereich als bedeutenderer, als tieferer Bereich der Religion verstanden. Hier finden Herzensfrömmigkeit, ernstes Gott suchen und zu guter Letzt auch Glaube ihr Zuhause. Diese Aspekte sind zweifelsohne privat und subjektiv. Hier setzt üblicherweise auch die Kritik seitens derer ein, die Religion privatisieren möchten. Die Kritiker sehen in guter Tradition mit dem liberal gedeuteten Luthertum, dem Pietismus und aller mystischen Schwärmerei in der religiösen Gruppe die festgeschriebene Gegenstandsreligion und bewerten diese zu Gunsten der Frömmigkeit geringer. Echter Glauben findet im Herzen statt und nicht in einer Kirche. Da die religiöse Gruppe nun für wahre Herzensreligion angeblich nicht zuträglich sei, wird diese oftmals vorschnell entweder als abträglich oder aber als Verein von dunklen Personen, die die einfachen Gottsuchenden ausnutzen und ausbeuten wollen, befunden. Daraus folgt, dass ein Staat, der sich mit religiösen Gruppen beschäftigt und diese berücksichtigt, die Herzensreligion der Gläubigen in Bedrängnis bringt.

Es ist also ein Mensch vorstellbar, der sich ausschließlich in dem Bereich der Herzensreligion bewegt. Ein einsamer Eremit, der ohne religiöse Führung und ohne Bekenntnis sich allein in reiner, mystischer Einsamkeit Gott hingibt. Doch – und das werden die Vertreter einer privatisierten Religion zugeben müssen – ist der einsame Eremit erstens eine nicht wirklich regelmäßig begegnende Ausnahme und zweitens ja auch nicht von Tradition und Ritual unberührt geblieben.


4. Öffentliche Religion

Die Gegenstandsreligion besteht jedoch nicht nur aus vorgegebenen Agenden und Bekenntnissen, sondern vor allem und zu aller erst aus anderen Gläubigen. Wieso sammeln sich nun die Gläubigen in einer Gegenstandsreligion, wenn doch die Herzensreligion, die einzig relevante Religion ist? Zunächst muss wohl festgehalten werden, dass Glaube in der Regel eben nicht einfach über einen Menschen kommt. Plötzlich hereinbrechende Bekehrung und Gotteserfahrung ist doch eher eine Ausnahme. Tatsächlich entsteht Religion meistens in sozialen Kontexten. Religion entsteht in Familien, Gemeinden usw. Der Herzensreligion geht faktisch die traditionelle Gegenstandsreligion voran. Zuerst gehen Kinder in den Gottesdienst oder hören von den Eltern biblische Geschichten und dann erst entsteht innerliche Frömmigkeit. Religion entsteht also nicht aus dem Nichts, sondern normalerweise in sozial-religiösen Kontexten. Hier ließe sich jetzt natürlich die Frage nach Henne und Ei einschieben, ob denn historisch zuerst Frömmigkeit oder Gegenstandsreligion vorhanden war. Dies soll hier aber nicht behandelt werden. Hier soll gezeigt werden, dass Religion phänomenologisch zum Einen ihren Ursprung in der Gemeinschaft hat, zum Anderen aber auch ihr Ziel in eben dieser. Denn auch diejenigen, die in der Herzensreligion die wahre Religion sehen, ziehen sich in den seltensten Fällen aus sämtlichen religiösen Gemeinschaften zurück und sei es nur, dass in kleinstem Kreis Religion gelebt wird. Dies hängt mit dem zuvor genannten Tillich'schen Unbedingten zusammen. Über das, was uns unbedingt angeht, wollen wir sprechen. Wir wollen uns über unsere religiösen Gefühle in Gemeinschaft unterhalten und austauschen.6

Es ist also eindeutig, dass Religion (und zwar beide Formen) immer in Gemeinschaft entsteht und in die Gemeinschaft strebt. Es ist aber implizit ebenso deutlich geworden, dass wenn von privatisierter Religion gesprochen wird, meist gar nicht private Religion bezeichnet, sondern diese vorausgesetzt wird. Privatisierte Religion bezeichnet grundsätzlich zunächst, dass sich die Religion (sprich die Gegenstandsreligion) nicht in die weltlichen Belange des Staates einzumischen habe. Hier wird aber, wie zuvor erwähnt wurde, stillschweigend der Primat der Herzensreligion vorausgesetzt, denn ein sui generis gesellschaftliches Phänomen, müsste staatliche Berücksichtigung erhalten und nur ein, seinem Wesen nach eigentlich innerliches, Phänomen kann die staatliche Berücksichtigung und die Einmischung in staatliche Belange vorenthalten werden.

Religion ist aber, wie gezeigt wurde, faktisch niemals reine innerliche Herzensreligion, sondern immer auch und in ebenso hohem Maße gemeinschaftliche Gegenstandsreligion. So wie sich Frömmigkeit und Frömmigkeitsvollzug nicht trennen lassen, so können auch Herzensreligion und Gegenstandsreligion nicht getrennt werden. Religion ist ihrem Wesen nach gemeinschaftlich und niemals rein privat.


Johannes Graßmann studiert Evangelische Theologie an der Augustana Hochschule Neuendettelsau.



1 http://piratenpartei-bayern.de/?attachment_id=5387 (zuletzt aufgerufen 11.01.2014).

2 Siehe z.B.: http://www.religion-ist-privatsache.at/ (zuletzt aufgerufen 11.01.2014).


3 Vgl. Heinrichs, Johannes: Art. Frömmigkeit/Spiritualität, in: Dunde, Siegfried R. (Hrsg.): Wörterbuch der Religionspsychologie, Gütersloh 1993, S.111.

4 Tillich, Paul: Wesen und Wandel des Glaubens, in: Ders.: Gesammelte Werke, Bd. VIII, S. 111.

5 Vgl. hierzu beispielsweise: Buntfuß, Markus: „Gott selbst ist nicht fromm“. Georg Simmels nach-theistischer Gottesbegriff, in: Lauster, Jörg; Oberdorfer, Bernd (Hrsg.): Der Gott der Vernunft. Protestantismus und vernünftiger Gottesgedanke, Tübingen 2009, S. 269 – 281.

6 Siehe hier natürlich auch Schleiermachers Überlegungen zur Geselligkeit in der Religion, beispielsweise in der vierten Rede „Über das Gesellige in der Religion oder über Kirche und Priesterthum“.

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