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Empört Euch!

Antijüdisch-kolonialistische Konstrukte und hegemoniale Projektion ‚des Anderen’. Anmerkungen zu einem antijüdischen ‚Credo’ im bayerischen Korrespondenzblatt1

von Cand. theol. Jonas Leipziger, M.A. (Neuendettelsau)

Das Verhältnis von christlicher Theologie und Kirche zum Judentum hat sich im vergangenen Jahrhundert nach der Katastrophe der Shoa vor allem dank des jüdisch-christlichen Dialogs grundlegend verändert: Die Revisionsbedürftigkeit christlicher Grundüberzeugungen wurde hinsichtlich ihres Antijudaismus und ihrer Verhältnisbestimmungen zu Jüdinnen und Juden deutlich.

Dieser Paradigmenwechsel2 zu einer Hinwendung zu Jüdinnen und Juden, der Achtung ihres Selbstverständnisses, der Wertschätzung jüdischer Tradition, der Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln Jesu und des Neuen Testamentes als jüdisch und der Abkehr von den unheilvollen antijüdischen Stereotypen und Glaubensinhalten ist jedoch bleibend fragil. Zuletzt zeigte sich dies in der sogenannten Beschneidungsdebatte 2012 sowie im Sommer diesen Jahres im Wiedererstarken von antisemitischen Parolen während des Gaza-Konfliktes. Studien zur Antisemitismusforschung zeigen, dass antijüdische bzw. antisemitische Einstellung auch zu einem gewissen Prozentsatz fester Bestandteil von Kirche und Gemeinde sowie in der Mitte der Gesamtgesellschaft sind – zum Teil subtiler, zum Teil offener.3

In der letzten Ausgabe des Korrespondenzblattes (11/2014) jedoch bemühte sich der Autor nicht, seine antijudaistische Grundtendenz zu verbergen oder in antizionistische Kleider eines neuen Antisemitismus zu hüllen.4 Wer glaubt, christlich-theologischer Antijudaismus bzw. Antisemitismus5 möge hoffentlich langsam aussterben und sei nicht mehr ‚salonfähig’, wird leider immer wieder eines besseren belehrt. Formen theologischer Ablehnung des Judentums und Judenhass sind zum Teil immer noch tief verankert.

Einige Passagen aus dem „Versuch eines universalen Bekenntnisses6 von Dr. H. Lang, die nur antijudaistisch genannt werden können, lauten: Das Judentum wird zur „national-religiöse[n] Ideologie des selbsternannten ‚auserwählten Volkes’“7; die Hebräische Bibel solle „nie mehr in die Hand genommen werden“, und zwar auf Grund der „seit Jahrzehnten menschenverachtenden und völkerrechtswidrigen Aktionen dieses Gottesstaates“, der „immer noch an den […] ‚Gesetzes’-Wust der Thora8 glaube. Teil dieses antijüdischen Bekenntnisses, das als fortschrittlich-evolutionistisch stilisiert ist, sei daher: „Wir glauben, dass Jesu Botschaft […] entscheidend dazu beigetragen hat, den Aberglauben an den rachesüchtigen, kriegerischen und menschenverachtenden, Jahwe des Alten Testamentes […] als absurde Erfindung einer Gottes-Idee zu überwinden.9

Die implizite theologische Strategie, die hinter dem Bekenntnis von Lang steht, ist die der ‚Entjudung’: Theologie soll gereinigt werden von jeglichem jüdischen Einfluss. Gleichzeitig schreibt Lang aber von Verantwortlichkeit an „Verbrechen an unschuldigen Opfern durch Judenverfolgungen“ sowie von „gleichwertige[n] Weltreligionen10: Eine Kontinuität zwischen biblischem, rabbinischem und modernem Judentum in seinen pluralen und unterschiedlichen Repräsentationen von Jüdinnen und Juden in der Gegenwart gibt es in seinem Denken jedoch nicht. Auch damit schreibt er christlichen Enterbung-Antijudaismus fort, und er sieht nicht, dass gerade ebensolcher Antijudaismus, den er tradiert und vertritt, auch zur Shoa geführt hat.

Christliche Judenverfolgungen werden aber nur dann prophylaktisch zu verhindern sein können, wenn innerhalb des Gedankengebäudes christlicher Theologie und Lehre das Judentum in seinem Selbstverständnis und in seiner Kontinuität der Geschichte, Gegenwart und Zukunft einen festen und affirmativ-positiven Raum zugesprochen bekommt, um so ein theologisches Resistenzpotential gegen theologische Diskriminierung von Jüdinnen und Juden zu entwickeln: Indem das Judentum theologisch-geistig abgewertet wird, dessen Verwerfung, Verstockung und Enterbung gepredigt werden, bleibt dies nicht immer ohne praktische und politische Folgen der physischen Gewalt.

Als Student der Evangelischen Theologie und der Jüdischen Studien, als Mitglied der bayerischen Landeskirche sowie als Engagierter im christlich-jüdischen Dialog schäme ich mich zutiefst – nicht nur vor jüdischen Freundinnen und Freunden, sondern auch für unsere Kirche – für solch offenen Antijudaismus in unserer Kirche. Ich möchte nicht Teil einer Kirche sein und nicht Teil einer PfarrerInnenschaft werden, die die ewig Gestrigen sind: die den christlichen Judenhass, der zum millionenfachen Völkermord an europäischen Jüdinnen und Juden geführt hat, selbstgerecht auf Kosten von Jüdinnen und Juden tradieren und – wie hier in dem Artikel auch bekenntnishaft – theologisch legitimieren; die Jüdinnen und Juden damit zutiefst beleidigen; die die Hebräische Bibel massiv diskreditieren und gegen das Neue Testament diametral ausspielen; die Juden in zwingende Verantwortlichkeit für die Politik Israels nehmen; die nicht trennen können zwischen israelischer Regierungspolitik und Jüdinnen und Juden in Israel und der Diaspora; und die den israelischen Staat derart einseitig delegitimieren.

Empört Euch! Lernt aus der Geschichte! Unterzieht euren Glauben und eure Theologie einer radikalen Revision hinsichtlich der Beziehung zur jüdischen Tradition. Hört auf, antijüdische Zerrbilder und kolonialistische Konstrukte durch hegemoniale Projektion ‚des Anderen’ zu predigen und zu lehren. Das Judentum fordert uns heraus – aber ich verstehe die jüdische Herausforderung an christliche Theologie als produktive Chance, nicht als Angst um Identitätsverlust, sondern gerade als wichtigen und sehr bereichernden Identitätsgewinn. Steht auf gegen theologischen Antijudaismus, wie er im zitierten Artikel öffentlich und offen propagiert wurde, und der in vielen weiteren Prägungen subtilere und verschwiegenere Formen annimmt. Distanziert Euch! Bekennt Euch zur Verbundenheit und Solidarität mit euren jüdischen Geschwistern, anstatt sie theologisch zu delegitimieren.

Mit vielen anderen kann ich formulieren: Wir glauben mit dem Juden Jesus an den Gott Israels, die bleibende Erwählung des einen jüdischen Gottesvolkes, die unbedingte Solidarität zur jüdischen Gemeinde und an die grundlegend-theologische Notwendigkeit einer Weggemeinschaft mit Jüdinnen und Juden, in die uns Jesus von Nazareth hineingenommen hat. Und es erfüllt uns mit großer Freude, dass die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern diese Grundüberzeugungen 2012 in ihre Kirchenverfassung aufgenommen hat:11Mit der ganzen Kirche Jesus Christi ist sie aus dem biblischen Gottesvolk Israel hervorgegangen und bezeugt mit der Heiligen Schrift dessen bleibende Erwählung.




1 Der vorliegende Beitrag stellt eine leicht erweiterte Fassung meines Artikels J. Leipziger, „Widerspruch. Gegen die Tradierung von Antijudaismus und Judenfeindschaft in Kirche und Theologie”, Korrespondenzblatt 12 (2014), S. 211–212, dar, der auch online verfügbar ist.

2 Vgl. der Überblick von W. Stegemann, „Von der ‚Verwerfung’ Israels zur ‚bleibenden Erwählung’. Fortschritte im christlichen Verhältnis zum Judentum“, in: Kirche und Israel 26 (2011), S. 32–46.

3 Vgl. dazu nur die Studien zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF-Survey) von W. Heitmeyer und A. Zick von 2002 bis 2012, den Bericht des unabha?ngigen Expertenkreises Antisemitismus mit dem Titel Antisemitismus in Deutschland. Erscheinungsformen, Bedingungen, Präventionsansätze von 2011, sowie die Studie Ein Blick in die Mitte. Zur Entstehung rechtsextremer und demokratischer Einstellungen im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2008 (<http://library.fes.de/pdf-files/do/05433.pdf>).

4 Die Forschung spricht hier vom sogenannten Israel-bezogenen Antisemitismus bzw. dem neuen Antisemitismus. Dieser lässt sich erkennen aufgrund der Denkmuster demonization, double standards und delegitimization (Dämonisierung, Doppelmoral und Delegitimation); vgl. dazu N. Sharansky, „Antisemitism in 3-D. Differentiating legitimate criticism of Israel from the so-called new anti-Semitism“  sowie S. Salzborn, „Israelkritik oder Antisemitismus? Kriterien für eine Unterscheidung“, in: Kirche und Israel 28 (2013), S. 5–16.Neben einer Verschiebung auf den Staat Israel hin sind insbesondere der Antisemitismus der gesellschaftlichen Mitte, der Linken sowie muslimischer MigrantInnen im Blickfeld der Forschung.

5 Die genauen Begrifflichkeiten zur Bezeichnung von Judenfeindschaft sind umstritten. Neben dem im 19. Jh. als Kampbegriff entstandenen Antisemitismus sind dies Antijudaismus, Judenhass, Judenfeindschaft oder Judäophobie. Umstritten ist, ob tatsächlich unterschieden werden kann zwischen einem christlich-religiösen Antijudaismus und einem rassischen Antisemitismus, bzw. inwieweit eine Kontinuität vorliegt. Zunehmend wird daher bestritten – was aber z.T. eine beliebte Argumentationsstrategie zu sein scheint – dass theologischer Antijudaismus von Antisemitismus derart eindeutig differenziert werden könnte. „Die Alternative“, so Stegemann, „ ist unangemessen; denn der moderne Antisemitismus hat mit antijüdischen Ressentiments der frühen Neuzeit zu tun.“ (E. W. Stegemann, „Antisemitismus, Antijudaismus“, in: V. Leppin/G. Schneider-Ludorff, Gury (Hgg.), Luther-Lexikon, Regensburg 2014, S. 63-64). Solcher Proto-Antisemitismus oder Frühantisemitismus findet sich beispielsweise auch bei Martin Luther, so Kaufmann: „Der Judenhass des Wittenberger Reformators schloss Motive ein, die sich nicht einfach als ‚theologische’ oder ‚religiöse’ bezeichnen lassen und die über den traditionellen christlichen Antijudaismus […] hinausgehen. Luthers Hinweis auf die Qualität jüdischen Blutes, sein Urteil über die erpresserische Wucherei, das Wissen um die Giftmordanschläge […] speiste sich aus allerlei trüben Rinnsalen eines spezifisch vormodernen Antisemitismus, d.h. einer Judenfeindschaft, die eine spezifische ‚Natur’ dieses Menschengeschlechts (WABr 5, S. 442,22) kennen zu können meinte.“ (Th. Kaufmann, Luthers Juden, Stuttgart 2014, S. 10).

6 H. Lang, „Confessio fidei universalis et credibilis“, in: Korrespondenzblatt 11 (2014), S. 188–190, hier S. 190.

7 Ebd., S. 190.

8 Ebd.

9 Ebd., S. 189.

10 Ebd.

11 Vgl. hierzu weiteres Material des Verein zur Förderung des christlich-jüdischen Gesprächs in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern e.V. im Internet unter <http://bcj.de/pages/materialien/kirchenverfassung.php>, sowie H. Utzschneider, „Der Weidener Beschluss der Landessynode der ELKB zur Ergänzung des Grundartikels der Kirchenverfassung im Hinblick auf das Judentum – Erläuterungen zur Diskussion und zum Wortlaut“, in: Kirche und Israel 26 (2011), S. 19–31.

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Kommentare

Tobias Jammerthal
Vielen Dank, lieber Jonas, für diese klaren Worte. Der Artikel, auf den du reagierst, ist in der Tat ein bestürzendes Zeugnis theologisch geradezu vakuumierten Denkens. Hoffen wir, dass das "Wir" des Dr. Lang nie mehr als ein majestätischer Plural wird!
26.11.2014 - 15:36 Uhr