Blog

Der Zeit ins Wort fallen - die Aufgabe der Theologie und das Verhältnis von Theologie und Politik

Überlegungen im Anschluss an Karl Barth

von Jan Holzendorf


  1. Einführung


Das Verhältnis von Theologie und Politik ist ein notwendiges Verhältnis. Weder die eine noch die andere Seite kommt aus diesem Verhältnis heraus, solange Himmel und Erde bestehen – selbst die Verabschiedung einzelner Theologen oder religiöser Gruppen aus der Gesellschaft ist ein Verhalten zu diesem Verhältnis. Zu fragen ist demnach nicht nach dem Ob einer solchen Verbindung, sondern nach dem Wie. Und nun genauer: Wie verhält sich die Theologie zur Politik, wie versteht sie selbst sich in diesem Miteinander, aus dem ein Entkommen nicht möglich ist?


Ein Blick in die Gegenwart: Die Theologie meldet sich zu Wort, oft und reichlich. Sie nimmt Stellung zu politischen Themen, zu ethischen Fragen, zum Leben der Menschen – Familie, Ernährung, Arbeit: Kaum ein Thema, zu dem sie nichts zu sagen wüsste. Sie bringt sich ein in das Gewirr der Stimmen, spricht, plappert zuweilen.

Lebens-Hilfe, Welt-Hilfe wird geleistet; aber steht diese Hilfe im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat? Oder macht sich die Erde den Himmel und den Herrn selbst, dessen Hilfe sie anbietet? Theologie als Wunscherfüller einer Ethik und einer Politik, die sich nichts mehr gesagt sein lassen will, weil sie sich selbst genug sagt?


Selbst-Gewissheit allerorten: Gott zu einer Deutefigur degradiert. Allenfalls als Idee, mit der die Rückbindung bestimmter (schon feststehender) Werte fixiert werden kann, noch brauchbar.

Der Chor der irdischen Heerscharen ruft: Lasst uns Gott machen, ein Bild, das uns genehm sei. Das „Neueste vom Neuen“, das einigen „so mächtig einzuleuchten scheint“.1 Der Rekurs darauf, dass die biblischen Schriften nun einmal die Probleme des ungemein modernen Menschen noch nicht kannten und deswegen keine Antwort darauf bereitstellen: Flucht. Aber die ausweglose und heil-lose Flucht vor dem Wort Gottes, das uns immer wieder einholt. Wo bist du, Adam?


Karl Barth hat gesagt, dass man Theologie mit der Bibel in der einen und der Zeitung in der anderen Hand zu betreiben habe. So richtig diese Einsicht ist, weil sie darauf insistiert, dass Theologie eine Wissenschaft ist, die sich auf den Menschen – und eben den konkreten Menschen – und auf die Welt – als eben diese konkrete und keine andere Welt – bezieht, so sehr kann die Zeitung dazu verwendet werden, von ihr aus nach Bibelstellen zu stochern, die dann wie tote Fische aus dem Fluss gezogen werden – um theologisch legitimiert zu wissen, was vorher schon ungemein eingeleuchtet hat.


Der Blick wendet sich von der Gegenwart ab und schaut suchend in die Vergangenheit. Dort wird hörbar: eine Schweizer Stimme. Von ihr her möchte ich das Wie des Verhältnisses von Theologie und Politik beschreiben. Meine These ist, dass dies nur dann sinnvoll geschehen kann, wenn Theologie ihre eigentliche Aufgabe nicht aus den Augen verliert: Nämlich das Betreiben von Theologie selbst. Ich möchte zeigen, dass die Theologie sich mit dieser Aufgabe zu beschäftigen – und dass sie damit mehr als genug zu tun hat. Zugleich möchte ich zeigen, dass dies nicht zu Weltabgewandtheit und politischer Abstinenz führen muss, sondern dass dies gerade und zwangsläufig dazu führt, die Gesellschaft mitzugestalten – nur dass eben der Blick von der Bibel in die Zeitung gewendet wird oder genauer: vom Wort Gottes in die Gegenwart.


  1. Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie2


Als Aufgabe der Theologie wird von Barth – ganz schlicht und doch sehr tiefsinnig – das Wort Gottes bestimmt. Dies ist wichtig, weil er es nicht als eine Aufgabe unter vielen, auch nicht als wichtigste Aufgabe der Theologie kennzeichnet, sondern als alleinige Aufgabe. Der Theologe hat nur diese Aufgabe, allein ihr ist er verpflichtet, aber ihr ganz und ohne Möglichkeit zur Flucht. Ob man diesen Schritt mitzugehen vermag, hängt meines Erachtens heute vor allem daran, ob man bereit ist, die Selbstvergottung des modernen Menschen aufzugeben und Gott darin die Ehre zu geben, dass man ihn Gott sein lässt. Wenn dies geschieht, dann stellt sich die Aufgabe in aller Schärfe und mit aller Macht; „Alles andere ist daneben Kinderspiel“.3


Dabei entbindet die menschliche Unmöglichkeit von Gott zu reden den Menschen gerade nicht von dieser Aufgabe, sondern verschärft sie nur, stellt sie neu, dringlicher – indem sie auf Gott selbst verweist als den, der reden muss, wenn wirklich geredet werden soll. Der Mensch kann und muss dann im steten Hören mutig versuchen, dennoch von Gott zu reden. In dieser dialektischen Struktur steht der Mensch – auch als Theologe.


Das Lied von Tobias Clausnitzer: „Unser Wissen und Verstand, sind mit Finsternis verhüllet, wo nicht deines Geistes Hand, uns mit hellem Licht erfüllet; Gutes denken, tun und dichten mußt du selbst in uns verrichten“.4 Singt der Theologe es noch ernsthaft mit – oder fügt er sich dem, was mit dem Begriff Moderne allenthalben heraufbeschworen wird, und ist ihm der Gedanke unerträglich geworden, sich etwas gesagt sein zu lassen, was er sich nicht selber sagt? Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie bedeutet zugleich, dass nicht das Wort des Menschen Aufgabe der Theologie ist. So wird bei jeder politischen Aussage, die ein Theologe trifft, ernstlich zu prüfen sein, wes Geistes Kind sie eigentlich ist.


  1. Die Existenz des Theologen


Barth betont in seiner Einführung in die evangelische Theologie, dass der Gegenstand der Theologie „nun einmal den ganzen Menschen und also auch das privateste Privatleben des kleinen Theologen“ angeht.5 Es gibt demnach keinen Bereich des Menschen, der sich der Größe Gottes entziehen kann, wenn sein Wort ihn trifft. Er ist als Theologe von seinem Gegenstand in seiner gesamten Existenz bestimmt. Demnach kann auch innerhalb des Theologen nicht zwischen einem politischen und einem theologischen Menschen getrennt werden. Er kann nicht an dieser Stelle ein bisschen politisch und an jener Stelle ein wenig theologisch sein und also kann er nicht hier ein wenig politisch und dort dann ein wenig theologisch reden.

Er ist immer in politischer Existenz, ein Mensch in Gesellschaft – aber er ist dies nur, indem er Theologe und von dort her bestimmt und an diese Stelle verwiesen ist.


  1. Eine Annäherung an das Verhältnis von Theologie und Politik


Davon ausgehend kann nun ein Versuch unternommen werden, das Verhältnis von Theologie und Politik zu bestimmen – wobei die genannte Reihenfolge schon die bezeichnet, die für den Theologen unumgänglich ist. Ihm kann es in erster Linie nur um Theologie als Nachvollzug des Wortes Gottes gehen; darin liegt seine Aufgabe, und ihr hat er sich zu stellen. Politik als Bereich der Gesellschaftsgestaltung kann nur insofern in den Blick kommen, als er sie gerade nicht als das für ihn Wesentliche in den Blick nimmt. Von politischen Fragen bleibt er nicht unberührt; aber sie geben ihm nicht vor, ob und wie er sich zu einzelnen Sachverhalten stellt.

Nur so ist es möglich, auch die Gehalte des Evangeliums als der Offenbarung Jesu Christi zur Geltung zu bringen, die „der Zeit ins Wort fallen“.6 Gerade so wird man den Dienst, den die Theologie damit verrichtet, nicht zu gering schätzen dürfen. Sie ist kritischer Impuls für Gegenwart, Gesellschaft und Politik.

Sie kann zu zeigen versuchen, dass der, welcher als der „ausgebürgerte Christus“7 unterzugehen scheint, im Beisein des Weltlaufes eine eigene Stimme hat – die eigentliche Stimme, durch die er „mit seiner Gnade die Situation der Welt“8 vorgibt.


  1. Noch einmal: Eine Schweizer Stimme


Eine Gesellschaft, ein Staat: zusammengebrochen. Unter Tonnen von Schutt und in Staub gehüllt Tote, noch eben Lebende. Das Unheil, das ein Land über die Welt gebracht hatte, hat unbarmherzig zurückgeschlagen. Ein Volk, das im Dunkel lebt. Die Überlegungen, was mit diesem Staat, mit diesem Nicht-Staat genauer, geschehen soll, gehen in ganz verschiedene Richtungen. Barth meldet sich mit seiner Schweizer Stimme deutlich zu Wort, in vielleicht unbegreiflicher und jedenfalls ganz unerwarteter Weise. In einer Predigt am 16. Juni 1946 in Frankfurt9 sagt er: „Uns ist zugesagt, daß wir jetzt, heute, sofort Jesu rechte Jünger sein dürfen.“ Dabei spielt es keine Rolle „wer oder was wir sonst sein mögen […], Menschen, die einmal Nazis gewesen sind und es vielleicht heimlich schon wieder sind, oder tapfere Antifaschisten. […] Mag ein jeder sein, was er ist, und treiben, was er treiben darf; wenn wir rechte Jünger Jesu sind, dann wird sich ja finden, was wir in Zukunft sein und treiben können und werden.“

Getragen werden diese Aussagen freilich von den versöhnungstheologischen Überlegungen Barths. Er diskutiert die Schande nicht weg, sondern benennt sie deutlich und klar. Aber er benennt sie so, dass sie nicht das Entscheidende ist, dass die Gegenwart (und auch die Vergangenheit!) nicht über das wirkliche Gottesverhältnis bestimmt, sondern so, dass Gott in freier Gnade mit den Menschen an jedem Punkt ihres Lebens neu anfangen will. Es heißt weiter: „Das Wort Jesu greift durch und fängt mit allen, mit einem jeden von uns ganz von vorn an.“ Barth spricht das Wort von Gottes Gnade gerade in ihren Abgrund hinein zu. Und zugleich zeigt er hier, dass das kritische Potenzial des Evangeliums so entfaltet werden kann, dass es höchst politisch ist – denn was Barth hier predigt ist nicht lediglich eine theologische Aussage, sondern indem sie das ist, indem sie theologischer Zuspruch auch und gerade an die Bewohner Deutschlands ist, ist es eine Aussage mit hoher politischer Sprengkraft. Es impliziert ein kontrafaktisches Verhalten diesem Volk gegenüber – das in großer Schande stehende, das besiegte und geschlagene Volk soll als eben dieses Volk aufgerichtet und mit ihm soll neu angefangen werden. Das Licht scheint in die Finsternis. Diese theologischen Gedanken setzen sodann Handlungen aus sich heraus, indem Barth beispielsweise die Fakultät in Bonn beim Wiederaufbau unterstützt und in der Phase materieller Not Hilfsgüter aus der Schweiz organisiert.


  1. Impulse für die Gegenwart


Der Rekurs auf Barth kann dazu ermutigen, sich als Theologe wieder auf die eigentliche Aufgabe der Theologie zu konzentrieren: Das Wort Gottes zu hören und zu verkündigen, es nachzuvollziehen und den Menschen Gott vor Augen zu malen – mit allen Schwierigkeiten und Nöten, die das zwangsweise mit sich führt. Wir könnten dann auf eine Theologie hoffen, die nicht vorrangig Soziologie und Empirie betreibt, die sich der Moderne so bedingungslos ergeben gibt und sich von ihr alles gesagt sein lassen will, die sich an den Maßstäben der Gesellschaft ihre eigenen Grenzen aufbaut hinsichtlich dessen, was sie sagen und was sie verschweigen soll, sondern die sich als Theo-logie im guten Sinn des Wortes versteht. Von hier aus könnte man es heute einmal wieder mit dem Diktum Barths probieren: Theologie und nur Theologie treiben. An dieser Aufgabe hat der Theologe schon übergenug zu tun; er wird sich dann nicht in eine Flut von Positionspapieren und politische Stellungnahmen flüchten, sondern sich im Beharren auf seine Aufgabe eben dieser stellen – und sich dann zu Wort melden, wenn es ihm von anderwärts her geboten scheint. Alles andere ist eine Degradierung Gottes, eine Verendlichung Gottes – stellt Gott in den Dienst der Moderne, in der auch dem Menschen nur übrig bleibt „sich selber mit sich selber über sich selber zu verständigen“.10

Doch damit ist nicht einer solchen Theologie das Wort geredet, die sich in Weltabgewandtheit übt und die Gestaltung der Welt anderen überlässt. Karl Barth hat gezeigt, dass gerade in der Konzentration auf das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie ihre politischen Impulse freigesetzt werden können – indem sie auch das der Gegenwart gegenüber kritische Potential des Evangeliums zu entfalten sucht. Theologie redet dann nicht nur mit, sondern auch und gerade wider die „eskalierende Moderne“.11

Gleichzeitig zeigt das Beispiel Barths auch, dass mit diesem Satz nicht Handlungsunfähigkeit verbunden ist; die Theologie als Nachvollzug des Wortes Gottes setzt aus sich selbst solche Handlungsfelder frei, wenn sie das Wort des Herrn des Himmels und der Erden verkündigt. Michael Trowitzsch formuliert treffend: „Theologische Besinnung […] bedeutet, vom Vertrauen auf ein bestimmtes Befremdendes zurückzukommen und sich in ihm dem Wirklichen zu stellen.“12

Der Theologe als Theologe soll seiner Aufgabe gerecht werden: Er soll Theologie und nur Theologie treiben – und nur darin, aber darin wirklich!, höchst politisch sein.






1Karl Barth: Einführung in die Evangelische Theologie, Zürich 1962, S. 8.
2Das Folgende will die Kerngedanken des maßgeblichen Aufsatzes zusammenfassen. Vgl. Karl Barth: Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie, in: Jürgen Moltmann: Anfänge der Dialektischen Theologie, München 1977, S. 197-218.
3Barth, Wort Gottes, S. 199.
4EG 161.
5Barth, Einführung, S. 68.
6Vgl. Michael Trowitzsch: Karl Barth heute, Göttingen 2007, S. 51f.
7Trowitzsch, Karl Barth heute, S. 53.
8Trowitzsch, Karl Barth heute, S. 52.
9Karl Barth: Predigten 1935-1952, hg. von Hartmut Spieker und Hinrich Stoevesandt (Karl Barth Gesamtausgabe 26), Zürich 1996, S. 311-320.
10Karl Barth: Kirchliche Dogmatik IV/3, Zürich 1959, S. 295.
11Trowitzsch, Karl Barth heute, S. 40.
12Trowitzsch, Karl Barth Heute, S. 167.


Jan Holzendorf ist Student der evangelischen Theologie in Göttingen.

Kommentieren

Kommentare

Es sind keine Kommentare vorhanden.