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Doch, wir brauchen Dogmatik!

Wider die populäre Absage ans geordnete Nachdenken

von Klaus Beckmann


Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt hat im Jahr 2011 einen Sammelband publiziert mit dem Titel: „Religion in der Verantwortung“. Darin sind Beiträge von ihm zu religiösen, religionspolitischen und im weiteren Sinn theologischen Fragen zu lesen, die er seit den 1970er-Jahren verfasst hat. Es findet sich auch ein 1997 in der Augustana-Hochschule Neuendettelsau gehaltener Vortrag „Der Christ in der politischen Verantwortung“. Ich schätze Helmut Schmidt und wünschte mir, in der hohen Politik gäbe es viele umsichtige Persönlichkeiten wie ihn. Dennoch muss ich Schmidt widersprechen. Ich tue dies eingedenk des Umstands, dass Schmidt nicht nur gescheit und kenntnisreich ist, sondern, wie es manchem herausragend Begabtem zu ergehen pflegt, dies auch stark verinnerlicht hat. Mit wenigem scheint er so schlecht umgehen zu können wie mit dem Widerspruch der Belehrten; der israelische Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger Menachem Begin musste das einmal schmerzvoll erfahren. Ich riskiere meine Kritik an Helmut Schmidt dennoch.

In Neuendettelsau hat Schmidt gesagt: „Was wir heute von der Volkskirche erwarten, das ist Seelsorge und Trost; auch Barmherzigkeit gegenüber dem Schwachen und dem Armen, Solidarität mit unserem kranken Nachbarn. Wir brauchen eine Lehre der Toleranz gegenüber anderen und die Lehre vom Respekt gegenüber der persönlichen Würde jeder anderen und jedes anderen.“ So weit, so klar und so richtig. Nur, jetzt kommt’s: „Was wir nicht brauchen, ist kluge Dogmatik.“

Hier bin ich froh, dass Helmut Schmidt nicht zu denen gehört, die qua Amt in der Kirche Verantwortung tragen. Denn die Entgegenstellung von Dogmatik und praktizierter Nächstenliebe, von theologisch durchdachter Aussage und Trost, mag zwar populär sein – selbst unter Theologen –, aber zu eigen machen möchte ich sie mir auf keinen Fall. Ich riskiere, Helmut Schmidt zu entgegnen, sehe ich ihn mit seiner Absage an geordnetes Nachdenken – und das ist Dogmatik primär – doch zumindest in keiner guten Gesellschaft.

Natürlich ist es mit theologischen Richtigkeiten in der Kirche nicht getan. Natürlich ersetzt die korrekte Floskel niemals einfühlsames Anteilnehmen am nächsten Menschen. Natürlich kann eine Kirche das Richtige lehren und zugleich im Handeln versagen. Die Kirchengeschichte kennt solche Beispiele.

Und doch: Ich sage, ohne Dogmatik geht es nicht. Wir brauchen Dogmatik, kluge zumal.

Wir brauchen Dogmatik nicht allein, weil Theologie eine Wissenschaft ist und bleiben soll; eine Wissenschaft, die intellektuell herausfordert und deshalb um ihre Positionen immer wieder zu streiten hat. Schließlich bringt dieser Streit einigen Lustgewinn. Wir brauchen Dogmatik auch nicht nur, weil der Theologe und Pfarrer neben dem Philosophen und Historiker nicht gar so unbedarft dastehen mag.

Vor allem brauchen wir Dogmatik, weil der Trost, den der christliche Glaube spendet, ein konkreter Trost ist. Weil Gott konkret ist und sich in Jesus Christus eine bestimmte Identität gegeben hat, deren Einbettung in die Geschichte des jüdischen Volkes und seiner konkreten Hoffnung nicht zufällig ist. Wir brauchen Dogmatik, weil es eine bestimmte Geschichte Gottes mit den Menschen ist, die uns heute Rechenschaft abverlangt.

Der Gott der Bibel ist einer, der mit bestimmten Menschen auf eine bestimmte Weise durch deren Zeit geht. Er ist so, genau auf diese Weise, Gott: Gott mit uns – und nicht irgendwie anders. Das Wesen dieses Gottes verlangt konsequente Positionen und ebenso eindeutige Verwerfungen. Gottes Wesen und Handeln ist ein bestimmtes Ganzes. Denn Gott ist freundlich, aber nicht harmlos, schon gar nicht nett. Er ist an der Seite Abrahams, Isaaks und Jakobs, er geht mit Saul und David über deren zwielichtige Wege. Er befreit die Sklaven mit Mose aus Ägypten. Er kämpft in der entstehenden christlichen Kirche mit Paulus um eine bestimmte Sicht seiner Gegenwart am Kreuz.

Das alles ist farbig und getränkt mit Leben. Zugleich aber es ist eindeutig – für Leben und Recht, gegen Verderben und Selbstsucht des Menschen –, und es hat System. Da steht: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“ Gott ist treu, gerade gegenüber Menschen, die ihm nicht treu sind. Das ist der Kern des Evangeliums. Deshalb darf auch ich Gottes Treue für mich in Anspruch nehmen.

Ohne diesen Kern des Evangeliums wird es keine christliche Seelsorge geben. Ohne die Grundaussage, dass es für ein gelingendes Leben auf Gottes verlässlich zugesagte Gnade ankommt – nicht etwa auf mein Streben oder meine eigene Güte –, wird keine seelsorgliche Begegnung wirklich befreiend sein. Ohne diese bestimmte, Folgerungen aus sich heraussetzende Glaubenswahrheit und mithin dogmatische These im Hintergrund werde ich keinen Menschen, der mit seinen Lebenstrümmern zu mir kommt, wirklich absehen lassen können von seiner Schuld und seinen verinnerlichten Ansprüchen, selbst alles richten zu können und richten zu müssen.

Ohne Verankerung in den konkreten, in sich schlüssigen und Schlussfolgerungen provozierenden Aussagen der christlichen Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes mag es erhellende, womöglich sogar erleichternde Gespräche geben zwischen Menschen. Aber die einmalige Botschaft des Evangeliums – ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich – bleibt, wenn nicht die in sich konsequente Lehre vom Gott Israels und Vater Jesu Christi den Ausgangspunkt setzt, stumm. Ein christlicher Seelsorger hat Anderes zu sagen als zum Beispiel der Psychologe, der seinen Dienst gemäß seiner Profession gut versieht.

Natürlich besitzt kein dogmatisches System die letzte Wahrheit. Die schauen wir, wenn es keine Kirche mehr gibt. Als „Vorletzte“ sind wir darauf angewiesen, uns das beredte Handeln Gottes in seiner Geschichte immer wieder neu zu erschließen; neu auf den Begriff zu bringen, was der Gott Israels für uns ist.

Dogmatik ergründet Unterschiede und nennt sie beim Namen. Das nenne ich praktizierte Toleranz. Echte Toleranz nämlich lässt Unterschiede gelten, schmiert die differenzierte Realität nicht mit oberflächlichen Gemeinsamkeiten zu. Der Trost des Gottes Israels, der so leidenschaftlich liebt, dass er sich für mich Sünder dahingibt, ist etwas Anderes als der buddhistische Erleuchtungsweg, das Gottes- und Menschenverständnis des Koran oder die Maxime des gebildeten Humanismus: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ Ich sage nicht: Besser oder schlechter. Ich sage: Anders!

Wohl, ich traue dem Heiligen Geist zu, auch eine misslungene seelsorgliche Begegnung, in der ich es nicht schaffte, das befreiende evangelische Wort zu sagen, für einen bedrückten Menschen zu einer dennoch guten Begegnung zu machen. Aber auch dies, dass ich dem Heiligen Geist etwas zutraue, ist ja eine dogmatische Aussage. Doch will ich den Geist nicht herausfordern. Was ich tun kann, das muss ich schon selber tun oder wenigstes versuchen, auf Basis meiner dogmatischen Klärung. Die Kraft des Geistes als Ausrede wäre unredliche Dogmatik.

Dogmatik ist nicht alles in der Kirche. Es braucht auch anderwärts erworbene Kunde vom Menschen. Es braucht beim Seelsorger Lebenserfahrung. Es braucht persönliche Offenheit für den Nächsten. Es braucht historische Kritik, damit Kirche sich nicht überhebt. Es braucht Überlegung, welche liturgische Gestalt dem Evangelium angemessen ist. Es braucht zu allererst und allerletzt das, was wir nicht herstellen können, Gottes lebendige Gegenwart. Aber es braucht daneben unerlässlich die systematische Besinnung, wofür Christen stehen in der Welt.

Davon gibt die christliche Dogmatik Rechenschaft. Und in Seelsorge, Predigt, der Begegnung mit Menschen muss erkennbar werden, wofür wir stehen. Natürlich werden wir dem Angefochtenen keine dogmatische Formel um die Ohren hauen. Der dogmatische Kern muss aber doch der feste Kern des freundlichen Wortes sein, das ihn gerade jetzt anspricht und – so Gott will – erreicht.

Das wird Akzeptanz schaffen. Denn ein Gesprächspartner merkt, ob sein Gegenüber einen Stand hat oder nur modische Phrasen hersagt, die morgen schon durch eine andere Mode ersetzt sind.

So wage ich, Helmut Schmidt zu widersprechen: Seelsorge und alles kirchliche Handeln braucht Dogmatik. Kluge, dem Leben zugewandte, umso mehr aber ihrem Grund verpflichtete Dogmatik. Denn Dogmatik bindet immer wieder zurück an den einmaligen Gott, der uns Menschen so liebt, dass er ganz konkret ein Mensch wurde – bis zur letzten Konsequenz. Und von einem Übermaß an geordnetem Nachdenken, sollte es derlei überhaupt geben können, sind wir in Kirche und Gesellschaft ohnehin weit entfernt.

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Kommentare

Tim Schedel
Die Frage, ob man Dogmatik für die Seelsorge braucht ist m.E. nicht so schnell und eindeutig zu beantworten, wie durch Altkanzler Schmidt auf der einen und den Autor des Artikels auf der anderen Seite.

Wobei man Schmidt sicherlich recht geben kann ist, dass es für ein Seelsorgegespräch sicher nicht förderlich ist, wenn die Theologin sich hervorragend in den dogmatischen loci auskennt, systematisch sauber zwischen ihnen wechseln kann. Im Optimalfall findet sich für die Situation der Betroffenen, eine Bibelstelle aus AT und NT, sowie ein Kirchenvater, ein Scholastiker und etwas aus den Bekenntnisschriften. Das Ganze wird abgerundet durch ein Bonmont von Luther, einen Text von Paul-Gerhardt oder Dietrich Bonhoeffer. Diese Art des theologischen Muskelspiels, eine Form der Selbstdarstellung im Seelsorgegespräch, ist natürlich zu kritisieren. Leider wird diese Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit als oft Dogmatisch geprägte Seelsorge wahrgenommen.

Andererseits ist auch klar, dass eine christliche Theologin sich in ihrem Glauben positionieren muss. Dass dabei eine solide Bibelkenntnis und der souveräne Umgang mit dogmatischen Topoi unabdingbar sind, liegt auf der Hand.

Ich vertrete die Position, dass die Person des Seelsorgers das Entscheidende ist. Diese Person wird geformt, durch ihr Studium, aber sicher auch von vielen anderen Faktoren. Ob daher die Dogmatik wirklich ein entscheidender Baustein für diese Personenbildung ist, erscheint mir zweifelhaft. Sie hat aber sicherlich keinen Mehrwert für die Seelsorge gegenüber den anderen theologischen Disziplinen.
Der zweite Faktor ist die konkrete Situation der Seelsorgebedürftigen. Klassische dogmatische Topoi wie Rechtfertigung und Eschatologie kommen in der Lebenswelt der meisten Gläubigen nicht mehr vor; sie sind abstrakte, wenn nicht gar unbekannte Begriffe.

Die entscheidende Frage lautet daher für mich daher nicht, ob man ein, wie auch immer geartetes, Abstraktum „Dogmatik“ für die Seelsorge braucht. Sondern es ist entscheidend, hilfebedürftigen Personen mit all seinen – auch theologischen – Fähigkeiten Lösungswege aufzuzeigen.
10.03.2015 - 18:00 Uhr
Tobias Jammerthal
Lieber Tim,
die Alternative ist - wenn ich den Autor recht verstehe - nicht "Fertige Sätze um die Ohren schlagen" (="dogmatisch") versus "einfühlsam zuhören" (= "undogmatisch").
Die Alternative ist "Seelsorge mit Inhalt" versus "Seelsorge ohne Inhalt". Es geht nicht darum, WIE ein Seelsorgegespräch geführt wird, sondern WORAUF sich der Seelsorger verlässt: Verlasse ich mich darauf, dass ich schon irgendwie rausfinden werde, was jetzt passt? Das führt m.E. zu einer Überforderung des Seelsorgers, weil er als Person selbst dafür verantwortlich gemacht wird, ob ein Seelsorgegespräch gelingt. Die - wenn ich es richtig sehe - vom Autor eröffnete Alternative ist, dass ich weiß, nicht in eigener Vollmacht in ein Seelsorgegespräch zu gehen, sondern im Auftrag Gottes. Und von diesem Gott habe ich in der Dogmatik hoffentlich gelernt, dass er uns "weinen mit den Weinenden" heißt, weil er selbst in Jesus Christus unser Leid geteilt hat - um nur ein Beispiel zu nennen.
Es geht also letztlich gar nicht um eine konkret-praktische Frage: zur Debatte steht, ob die Rechtfertigungsbotschaft uns auch als Seelsorger etwas zu sagen hat.
Ist das nicht ein bisschen ähnlich wie bei der Predigt? Wenn zu predigen ist über den Satz "Lass die Toten ihre Toten begraben", dann wird die Predigt anzunehmenderweise schlecht, die nicht im intensiven theologischen Nachdenken darüber entstanden ist, was dieser Satz denn soll. Aber die Predigt wird anzunehmenderweise gut, bei der vorher nachgedacht wurde und die nachher auf der Kanzel trotzdem nicht Fußnoten-Paintball spielt.
Ich glaube, dass dem Autor ähnliches für die Seelsorge vorschweben dürfte.
12.03.2015 - 15:44 Uhr
Claudia Kühner-Graßmann
Lieber Tim,
wenn man Deine Äußerungen in einem sehr weiten Sinne fasst, kann ich Ihnen teilweise zustimmen. Ich frage mich allerdings nur, wie Du die Aufgabe der Dogmatik konkret beschreiben würdest. Wenn ich Deinen Kommentar richtig verstehe, dann legst Du einen sehr steifen Begriff von "Dogmatik" zugrunde, bei dem es lediglich darum geht, mit den einzelnen Topoi zu spielen. Meiner Meinung nach geht es zwar irgendwie auch darum, aber in der Form, dass mit Hilfe derselbigen versucht wird, die Glaubensinhalte in einer adäquaten Form darzustellen. Dogmatik ist zunächst also ein wissenschaftliches, nein besser: ein reflexives Unternehmen - und hier setzt ein zentraler Kritikpunkt ein: natürlich kommt die Rechtfertigungslehre, die Eschatologie etc. in dieser Form nicht in der Lebenswelt der Gläubigen vor (und ich bezweifle, dass sie dies je ist)! Das sind ja Lehrstücke, die auf die Glaubenspraxis reflektieren und nicht die Glaubenspraxis selbst. Was bringt dann Dogmatik im Seelsorgegespräch? Sie kann dem Seelsorgenden zu der Sprachfähigkeit verhelfen, die er in der Seelsorgesituation braucht. Sie kann ihm aber auch das hermeneutische Rüstzeug sein, um zu erkennen, was den Gläubigen "umtreibt". Es geht also nicht um ein "Herunterbeten" irgendwelcher Floskeln - im Gegenteil! Wir sehen also einen doppelten Nutzen: einerseits für den Seelsorgenden und seine eigene Positionierung, andererseits für das Seelsorgegespräch, um eventuell Glaubensinhalte/-probleme auffinden und darauf reagieren zu können.
Ein weiterer Kritikpunkt schließt sich daran an: Du spielst in Deinem Kommentar die theologischen Fächer gegeneinander aus und trennst stark zwischen bibelkundlichem und dogmatischen Inhalten. Ich stimme Dir zu, dass der richtige Bibelvers an der richtigen Stelle wichtig sein kann. Aber ich bezweifle, dass er so stark von anderen "Sprachformen des Glaubens" getrennt werden kann. Vielmehr sehe ich die Disziplinen - genauer: das dem Akt der Seelsorge dienliche theologische Wissen - viel enger zusammengestellt. Nur im "Verbund" sind sie dienlich. Ich sehe aber auch, dass die Funktion der Dogmatik diejenige zu sein scheint, die den höchsten Rechtfertigungsdruck hat (s. auch Dein "Beispiel") und in diesem Kontext lese ich den o.g. Artikel.
Schließlich habe ich eine Rückfrage: Das Konzept von der "Person des Seelsorgers" (und auch das im letzten Abschnitt angerissene Verständnis von Seelsorge), das Du vorschlägst, leuchtet mir in der dargestellten Version nicht wirklich ein. Da dies auch an der kurzen Form liegen kann, würde ich Dich um eine ausführlichere Darstellung (vielleicht in Form eines Artikels?) bitten.

Das in aller Kürze (inklusive begrifflicher Unschärfen).
24.03.2015 - 14:46 Uhr