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Der Dirigent als Zuhörer?

Prof. Martin Nicol – eine Begegnung


Tobias Graßmann traf sich für ein persönliches Gespräch mit Prof. Martin Nicol aus Erlangen. Statt einer hitzigen Disputation über Homiletik und Liturgik erwartete ihn die Frage: Wie sieht denn Ihr Traumgottesdienst aus?


Die Vorgeschichte

Meinem Gespräch mit Prof. Nicol war ein Emailverkehr vorangegangen, der sich an einer hitzigen Mail meinerseits entzündet hatte. Ich hatte die vom Predigerseminar Nürnberg empfohlene Programmschrift Nicols zur Liturgik unter dem Titel Weg im Geheimnis gelesen – die Warnungen vor der exzentrischen Sperrigkeit dieser Konzeption, die dieser Empfehlung beigegeben waren, hatten mein Interesse eher befördert, als geschwächt.

Nach der Lektüre aber sah ich mich durch Duktus und Argumentation dieser Schrift in meiner Theologie und Frömmigkeit so herausgefordert, dass ich den Autor mit meinen Leseeindrücken konfrontieren musste. Bereits auf meine erste Mail antwortete Nicol mit dem Vorschlag, sich für ein persönliches Gespräch zu treffen. Zwei Monate später kam dieses Gespräch dann auch tatsächlich zustande.

Manchmal – oder immer? – hat man beim Lesen ein Bild des Autors vor Augen, mit dem man schon während der Lektüre in eine Art dialogisches Verhältnis tritt. Bei argumentativen, programmatischen Texten, wie Nicol sie bevorzugt schreibt, ist er wohl unvermeidlich: ein impliziter Autor, durch den Text selbst heraufbeschworen, aber dabei immer auch durch Erwartungen und Informationen des Lesers mitgeprägt.

Ich stellte mir Nicol also unwillkürlich als kleinen Mann mit akkuratem Schnauzbart vor, die Schultern zusammengepresst und den Rücken bis zum Nacken durchgestreckt. Kleine, schmale Augenschlitze, die angriffslustig funkeln, treffen auf eine hohe, manchmal schrille Stimme. Ein Mann, der schon beim Betreten eines Raumes alle Blicke auf sich zieht und im gleichen Moment beginnt, potentielle Gegner auf Schwächen hin zu mustern. Ein versierter Polemiker, der im Gespräch blitzschnell umschaltet zwischen distanzierter Höflichkeit, rhetorisch geschliffenen Argumenten und der spöttisch-gönnerhaften Ironie, mit der er die vergifteten Pointen seiner Texte würzt.

Einen furchterregenden Gesprächspartner hatte ich mir da zusammenphantasiert und mich entsprechend vorbereitet. Erschöpft von zwei Wochen Predigerseminar nahm ich meine letzte Konzentration zusammen, um noch einmal Emails, Notizen und Beispiele aus meiner liturgischen Praxis durchzugehen. Ich las Passagen aus seinen Büchern quer, um noch einmal ein Gefühl für die Architektur seiner Theorie und die Bauart seiner Argumente zu bekommen. Alles in allem war ich überzeugt davon, nun auch persönlich vor dem unbarmherzigen Kritiker Rechenschaft ablegen zu müssen für jede Inkonsequenz in meinen noch tastenden Versuchen als Prediger und Liturg: Warum machen Sie dann das, wenn Sie doch sagen …? Und doch musste ich dieses Gesrpäch suchen.

Schließlich ging es im Kern um mein Verständnis protestantischer Frömmigkeitspraxis.


Die Begegnung

Martin Nicol ist größer als ich ihn mir vorgestellt hatte, aber hält sich etwas gebeugt.1 Seine Körperproportionen scheinen ein bisschen verschoben, er wirkt merkwürdigerweise zugleich älter und jünger als erwartet. Seine Stimme ist leise und sanft, immer wieder stocken seine Sätze. Er ist von zurückhaltender Freundlichkeit, teilweise wirkt er unsicher und ein bisschen verloren, auch wenn er scherzt. Aber vor allem prägen sich seine Augen ein, irgendwie groß und dunkel. Insgesamt eine eher melancholische als cholerische Natur, scheint mir …

Es dauert kaum Sekunden, dass mir klar ist: Dieses Gespräch wird anders als erwartet und ich muss seine Bücher von hier aus neu verstehen lernen. Mein impliziter Autor hat mit Martin Nicol herzlich wenig zu tun. Er ist nur ein literarisches Phänomen.

Schnell wird deutlich, dass Nicol und seine Position differenzierter sind, als seine Bücher dem Leser entgegentreten. Oder: Man muss in seinen Büchern die Zwischentöne wohl ernster nehmen, als ich es getan habe.

Die überraschende Frage, mit der Nicol nach einer beiderseits etwas unbeholfenen Begrüßung einsetzt, lautet: „Die Frage, die ich mir bei Ihren Texten gestellt habe, bei der affektiven Wucht dahinter: Wie sieht Ihr Traumgottesdienst aus?“ Es war ein gutes Gespräch.


Überlegungen

Es soll im Folgenden nicht um meinen Traumgottesdienst gehen, auch nicht um die inhaltlichen Klärungen, die sich im Laufe des Gesprächs für mich einstellten. Ein eigener Artikel über Gottesdienst, Liturgie und Predigt soll, sobald ich die Zeit dazu finde, folgen und er wird die Ergebnisse meiner Beschäftigung mit Nicol zum Ausgangspunkt haben. Hier soll es zunächst einmal um die Praktische Theologie Nicols gehen, wie ich sie in der persönlichen Begegnung neu lesen gelernt habe – wo aus meiner Sicht ihr Schwachpunkt liegt und von woher vielleicht auch für andere Leser als mich ein neuer Zugang erschlossen werden kann.

Immer wieder kommt unser Gespräch auf ein Thema zurück, das Nicol offensichtlich besonders interessiert: Warum fühlt sich ein Leser wie ich, der offensichtlich nicht wenige seiner konkreten Anliegen teilt, der sein Buch gewissenhaft und mit großem Gewinn gelesen hat, von dem Buch emotional so herausgefordert? Warum fühlen sich überhaupt so viele Leser von seinen Büchern angegriffen? Nicol wurde von den Reaktionen auf seine Bücher teilweise selbst überrascht und wohl auch verletzt. Das Gespräch mit mir bietet ihm die Gelegenheit, die eigene Wirkung besser zu verstehen – und mir, dem Geheimnis meines impliziten Autors seiner Bücher auf die Spur zu kommen.

Die Wellen, die er geschlagen hat, nimmt Nicol selbst als ambivalent wahr: Er kann mit Stolz sagen, dass sich heute nahezu alle Predigerseminare Deutschlands mehr oder weniger ausdrücklich an seinen Konzepten orientieren.2 Nicht wegzudiskutieren ist, dass seine Bücher gelesen werden und höhere Auflagen erzielen als die vieler Kritiker. Dabei deutet er an, dass ihn die akademische Ächtung durch viele seiner Kollegen getroffen hat, welche ihm den Bruch mit der etablierten Wissenschaftskultur heftig ankreiden.

Auf der anderen Seite gesteht er mir, dass auch ihm selbst vor einigen Entwicklungen schaudert, die er mit seinen Büchern ausgelöst hat – immer wieder kommt es vor, dass man sich auf ihn beruft, wo er doch seine Thesen und Anliegen verkannt oder fast bis ins Gegenteil verzerrt sieht. So distanziert er sich vorsichtig von früheren Schaffensperioden und bekennt halb entschuldigend, dass er eine so kraftvolle Programmschrift wie Einander ins Bild setzen heute nicht mehr schreiben könnte – verfasst in dem Schwung und unter dem noch unmittelbaren Eindruck seines homiletischen Durchbruchs in Amerika.

Durchblicken lässt Nicol schließlich, dass ihn vor allem heftige Reaktionen aus dem Bekanntenkreis überrumpelt haben, der vielfach für die Praxisbeispiele seiner Bücher herhalten musste. Hier scheinen wir dem zentralen Problem näher zu kommen. Es scheint in Nicols Bücher ein unbeabsichtigtes Verstehenshindernis für die Leser eingebaut zu sein, das der eigentlichen Intention und wahrscheinlich auch dem Naturell ihres Autors widerspricht. Was aber ist dieses Hindernis? Aus ihm, vermute ich, hatte auch mein impliziter Autor gespeist.

Das Hindernis muss zweifellos in den Texten gesucht werden, ihrem Genus, ihrer Sprache und ihrem Duktus. Nicol selbst erklärt sich als dem „angloamerikanischen“ Stil verhaftet und verweist auf die Besonderheiten von Programmschriften. Aber man kommt nicht weit, wenn man diesen Spuren folgt, die der Autor selbst auslegt. Die Unterschiede zwischen deutscher und amerikanischer Wissenschaftskultur, zwischen deutsch-blasiert und amerikanisch-hemdsärmelig, sind schnelle Erklärungen, die auch Nicols akademischen Kritiker bemühen – die aber den Kern des Problems nicht treffen dürften. Nicols Bücher lesen sich für mich trotz des Verzichtes auf Fußnoten äußerst europäisch, ja deutsch.

Meine These ist daher: Die Schwierigkeiten erwachsen eher aus der Rolle, die Nicol sich gesucht hat, und aus den literarischen Vorbildern, an denen er sich orientiert.

Denn eines ist wirklich augenfällig: Wenn Nicol von seiner Liebe zum journalistischen Feuilleton spricht, so wird über Mimik und Körperhaltung seine Begeisterung unmittelbar spürbar. Er selbst betont oft, dass ihn Konzert-, Theater- und Literaturkritik für seine Arbeit an der Gottesdienstlehre inspiriert hätten und er sich bemühe, feuilletonistisch zu schreiben. Sein Verhältnis zum Gottesdienst sei ähnlich dem eines Musikkritikers zum klassischen Konzert, etwa der Aufführung einer Beethovensonate. Dabei weiß Nicol wohl um die Gefahr, ins Elitäre abzugleiten – doch er gebe sich gerade durch Referenzen zum Massenmedium Film viel Mühe, dem entgegenzuwirken.

Ich meine allerdings: Das Leitbild des feuilletonistischen Kritikers und Rezensenten birgt – auch jenseits vom Ruch des Elitären – Gefahren, wenn es auf Alltagsphänomene wie Gottesdienst und Predigt angewandt wird.

Wenn in einer überregionalen Tageszeitung eine Theaterinszenierung, ein Film oder ein literarisches Werk rezensiert wird, so ist das Gefälle zwischen Rezensent und Künstler nicht besonders steil. Auch vernichtende Kritiken treffen daher in der Regel „Opfer“, die das stabile Selbstbewusstsein des Genies oder zumindest arrivierten Künstlers haben und „kleingeistige“ Kritik problemlos absorbieren können: Auch „vernichtende“ Kritik vernichtet nicht, bekanntlich wertet sie in manchen Fällen eher noch auf und macht interessant.

Man stelle sich nun aber vor: Ein Restaurantkritiker nimmt sich in vollem Ernst die Leberkässemmel einer örtlichen Metzgerei vor oder der Konzertkritiker das jährliche Vorspiel einer Kindermusikschule. Einen solchen Text könnte man nur als Scherz oder Kuriosität, im schlimmsten Fall als hochkulturelle Überheblichkeit gegenüber der Alltagswelt einordnen. So scheint mir Nicols Umgang mit seinen Praxisbeispielen in diese Richtung zu entgleiten, wenn er sich reichlich Stimmen aus den Feuilletons überregionaler Zeitungen leiht und auch selbst in die Rolle des Gottesdienstrezensenten schlüpft.

Ich glaube mittlerweile, dass Nicol aus ehrlicher Hochschätzung vor dem Gottesdienst der Kirche handelt und gerade deshalb nicht davor zurückschreckt, die scharfe Feder zu zücken und den Sonntagsgottesdienst zum Opfer einer kunstmäßigen Kritik zu machen. Er sei, so sagt er, keiner dieser ewig mäkelnden und allerorten den Verfall beklagenden „Ruhestandspfarrer im Korrespondenzblatt“, die „ihre Tinte nicht halten können“. Nicol will konstruktive Arbeit leisten, aus Liebe zum agendarischen Sonntagsgottesdienst und im Dienste guter liturgischer Praxis, wie sie ja mancherorts schon längst existiert.

 

Doch hier liegt das Problem: Anders als der klassische Rezensent prallt Nicols Kritik nicht gegen ein robustes Künstlerego, sondern sie stößt geradewegs ins Herz eines pastoralen Milieus, das durch jahrzehntelange Krisendiskurse, unzählige Reformversuche und die unaufhörliche Beschäftigung mit dem eigenen Selbstbild verunsichert und mit sich selbst entzweit ist. Er trifft ins Mark eines zutiefst angefochtenen pastoralen Selbstbewusstseins. Er nimmt sich eine Szene vor, in der es ja schon lange Tradition hat und auch in der Ausbildung als die höchste Kunst gilt, in permanenter kritischer Besinnung auf die eigene Praxis um persönliche Schwächen zu kreisen.

Im Effekt kritisiert sich ein Teil der Pfarrerschaft unaufhörlich selbst, wobei freilich um das Gesicht zu wahren und der Fairness halber auch ständig alle anderen kritisiert werden müssen – oder anders herum? Ein anderer Teil dagegen zieht sich zurück in die Oasen pastoraler Unnahbarkeit und verbittet sich alle Kritik an ihrem Tun und Lassen.

Wenn nun zur innerkirchlichen, durch betreffende Literatur, Gottesdienstinstitute, Fortbildungen und Konvente auf Dauer gestellten Selbstzerfleischung ein Kritiker von außen hinzu tritt, bleibt beiden Fraktionen nichts anderes übrig, als der temporäre Synkretismus: Zusammenstehen und alle Angriffe mit einer heftigen Abwehrreaktion kontern. Und Nicol tritt auch, ja gerade seiner eigenen Tradition gegenüber als gnadenloser Gottesdienstkritiker von außen und oben auf, nicht zuletzt, weil er sich in seinen Büchern zahlreiche kirchendistanzierte oder katholische Stimmen aus der Zeitungslandschaft zu eigen macht.

In dieser Rolle, wenn man sie bis zum Klischee strapaziert, erkennt man leicht meinen impliziten Autor wieder. Aber sie passt eigentlich nicht wirklich zu Nicol. Ich habe daher beschlossen, Nicols Texte mit einer neuen Brille zu lesen: Seine Texte lese ich mittlerweile als eine Art Verfremdung des Alltäglichen durch die Betrachtung, als ob es sich um ein Stück Hochkultur handele. Es scheint zu funktionieren.

Ich habe das Gefühl, dass sich Nicol selbst in seiner Kritikerrolle nicht vollends wohl fühlt. Er bekennt trotzig, ein durch und durch „positioneller Theologe“ zu sein. Dies sei der Bruch mit dem akademischen Mainstream, dessen er sich schuldig gemacht habe. Ich kann mich ihm hier nur anschließen: Theologie, die nicht positionell ist, ist ja auch schlichtweg unmöglich. Theologie, die beansprucht, nicht positionell oder gar überpositionell zu sein, ist methodisch naiv und weigert sich lediglich, den Balken im eigenen Auge zu sehen. Es kann nur darum gehen, welches Maß an positioneller Parteinahme legitim ist und wie die eigene Position transparent gemacht werden muss.

Macht also Nicol mit seiner Positionalität ernst oder bleibt auch er der (akademischen Fiktion einer) Überpositionalität verhaftet?

Vielleicht unterscheidet er sich weniger von seinen akademischen Kontrahenten, als er selbst meint, und die Position des feuilletonistischen Kritikers, die er mit seinen Büchern einnimmt, ist noch immer die (scheinbar) positionslose einer Praktischen Theologie, die von außen-oben auf die Kirche und ihre alltäglichen Vollzüge blickt.


Nachspiel

Unser Gespräch endete mit einer gemeinsamen Straßenbahnfahrt, auf der eine interessante Bemerkung Nicols fällt: „Man bräuchte halt eine zweite Naivität!“ Er spricht diesen Satz mit einem leichten Seufzen.

Im Nachhinein drängt sich mir ein anderes, vielleicht ja passenderes Leitbild für den praktischen Theologen in seinem Verhältnis zum Gottesdienst auf, das in Nicols Texten selbst gelegentlich anklingt: Weniger Kritiker, sondern Dirigent. Diese neue Rolle wäre – im Gegensatz zum Kritiker, der aus der Deckung des Publikums heraus betrachtet – klar auf Seiten der Aufführenden und nicht zuletzt des dargebotenen Werks positioniert, wenn auch dem Orchester gegenübergestellt.

Meine Frage an Nicol wäre, ob er sich, ausgehend von seiner Bemerkung zur zweiten Naivität, nicht wiederfinden könnte in der Rolle eines erfahrenen Dirigenten, der sich danach sehnt, eine Beethovensonate noch einmal so zu hören wie beim ersten Mal. Ganz Hörer und nichts sonst zu sein, das Stück Musik so zu genießen, als ob er von Arrangement und Partitur, von Harmonielehre, Akustik und Musikgeschichte nichts wüsste. Eine tragische Gestalt? Vielleicht. Doch dieser Nicol ist mir auf seine Weise gleichzeitig fremd und sympathisch. Wie müssten sich die Texte lesen, sollte dieser Dirigent zur Feder greifen?

Nicol treibt eine Sehnsucht nach dem Unverstellten und Ungebrochenen um, die sich mir, einem angehenden Mechaniker des Gottesdienstes, vielleicht nie ganz erschließen wird. Aber genau hier scheint mir ein Schlüssel zum besseren Verständnis der Texte Martin Nicols zu liegen. Vielleicht auch zu einer neuen Gestalt der Praktischen Theologie, die etwas weniger ortslos ist und damit eventuell auch bessere Chancen hat, von einem angefochtenen pastoralen Milieu nicht als Angriff empfunden, sondern als Hilfestellung akzeptiert zu werden.




1 Hier ist anzumerken, dass Nicol an Parkinson erkrankt ist. Mit dieser Erkrankung geht er offensiv um, sie ist somit kein Geheimnis - war mir vor dem Gespräch aber nicht bekannt.
2 Ich bin aufgrund meiner Erfahrungen freilich etwas skeptisch, ob dabei nicht oft eine bloße Anpassung der Begriffe an die Terminologie Nicols erfolgt, während etwa das von diesem heftig bekämpfte und mit seiner Konzeption letztlich unvereinbare Skopus-Denken in der Predigtlehre und eine funktionalistische Liturgiekonzeption unverändert fortwirken.

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