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Da zog ich an, was kindisch war?!

Zur Infantilisierung evangelischer Gottesdienste

von Klaus Beckmann

Familiengottesdienst am Reformationstag: Der Pfarrer, die Gitarre umgehängt, singt mit fünfzehn Kindern aus dem Kindergarten eine Reihe harmlos-lustiger Lieder, viele Eltern sind da, freilich auch nicht wenige ältere Gemeindeglieder, von denen mancher sich zur Feier des kirchengeschichtlichen Datums festtagsfein angezogen hat. Doch der Kindergarten prägt die Veranstaltung. Zu den Gebeten bleibt es unruhig, die wenigen Predigtgedanken gehen im Lärm unter.

Beim letzten Lied fordert der Pfarrer „alle, die sich nicht zu alt dafür fühlen“, auf, doch die eingeübten Gebärden der Kinder mitzumachen, Gott ist „sooo groß“, „sooo wunderbar“, „sooo weit“. Nicht nur die Angehörigen des in der vorangegangenen Woche beerdigten Gemeindeglieds schauen pikiert, empfinden die Situation als peinlich und bedrängend.

Kindische Selbstvorführung

Das liturgische Desaster dieses Reformationsfestes scheint symptomatisch für ein verunglücktes Bemühen evangelischer Gemeinden um „die Jugend“, für ein Werben um Kinder, das zur kindischen Selbstvorführung gerät und „Gebildete unter den Verächtern“ des real existierenden Protestantismus in schlimmsten Vorbehalten bestätigt.

Bestimmt ist es richtig, Kinder an Inhalte und Riten der christlichen Gemeinde heran zu führen, ihnen zu vermitteln, dass auch sie, die ganz Kleinen, im Vollsinn als Getaufte dazu gehören. Das Gelingen dieses Vorhabens hängt jedoch davon ab, ob der unterschiedliche Status verschiedener Gruppen innerhalb der Gemeinde erfahrbar respektiert wird. Außer pädagogischer Kompetenz und grundlegender menschlicher Empathie erfordert dies Sicherheit und Stetigkeit im Liturgischen. Kinder „auch“ zu berücksichtigen, darf im Gottesdienst nicht zur faktischen Ausgrenzung oder Zurücksetzung anderer Gemeindeglieder führen, wie es im „Kindergottesdienst für alle“ unvermeidlich ist. Eine Überhöhung des „Kindlichen“, bei der kritische Eigenständigkeit und Anspruch auf Intellektualität als Indiz vermeintlich geringerer Gottesnähe diffamiert werden – verbrämt etwa mit dem jedem Zusammenhang entrissenen Jesuswort Mk 10,14 – , drängt Christen an den Rand, deren Haltung zur Gemeinde auf gereifter Lebenserfahrung und in reflektierter Distanz gründet, die inhaltlich Ansprechendes erwarten und im Gottesdienst nichts weniger suchen als vom Pfarrer dirigierte Kollektivekstase. Menschen, die sich emotionaler Vereinnahmung im Gottesdienst verweigern – vielleicht auch, weil ihnen beim Anblick eines Musikanten vor Kinderschar die Assoziation des Hamelner Rattenfängers ankommt –, als sich „zu alt“ Fühlende oder auch intellektuell Abgehobene persönlich abzuqualifizieren, ist – ob es unausgesprochen oder, wie im Fall jenes Reformationsgottesdienstes, sogar ausdrücklich geschieht – nicht nur gegenüber trauernden Angehörigen eine pastorale Katastrophe.

Unterschwelliger Machtkampf

Was mag – neben prinzipiell legitimem, doch unglücklich umgesetztem Bemühen um die nachwachsende Generation – Pfarrer veranlassen, die Gottesdienstgemeinde in der landauf, landab beliebten liturgischen Form des „Familiengottesdienstes“ auf infantile Gefühls- und Verhaltensmuster festzulegen? Neben pastoraler Scheu vor konkreten, intellektuell fundierten und womöglich angreifbaren Aussagen einer soliden Predigt dürfte unterschwellig die Autoritätsfrage im Raum stehen, wenn ein „Hirte“ seiner Gemeinde die Rolle einer unmündigen Schafherde aufzwingt. Erwachsene, die sich auf ein solches Spiel einlassen, zeigen sich domestizierbar und äußern später kaum ärgerliche Kritik an der Arbeit des Theologen. Dies wiederum könnte über Rollenunsicherheiten des die Gemeinde leitenden „Profis“ hinweghelfen. So aber werden die Kinder im Gottesdienst instrumentalisiert, um den Pfarrer gegen berechtigte Erwartungen seiner mündigen Gemeinde abzuschirmen.

Der Protestantismus verstand sich von Anfang an als Bildungsbewegung. Im 19. Jahrhundert haben insbesondere liberale Protestanten die organische Verbindung zwischen evangelischem Vertrauen auf Gottes Gnade und individueller Intellektualität und Kritikbereitschaft betont. „Ich weiß, woran ich glaube“ sang ein gesellschaftlich engagierter, der Gegenwart zeitgenössisch zugetaner Protestantismus. Dabei bekam, neben der Hochschätzung von Wissenschaft und freiem Gedankenaustausch, die differenzierte pädagogische Zuwendung zu jungen Menschen einen hohen Stellenwert.

Als „Gottesdienste der Zukunft“ preist hingegen eine aus dem Jahr 2004 stammende Sammlung von „Ideen für Familiengottesdienste durch das Kirchenjahr“ die Kombination aus Gemeinde- und Kindergottesdienst – nicht zuletzt mit dem Argument der Arbeitsersparnis, falle beim Familiengottesdienst die Vorbereitung verschiedener Gottesdienstformen doch weg. Der Autor verschweigt indes nicht, sich „wie geohrfeigt“ zu fühlen, „wenn mir jemand nach dem Gottesdienst sagt: Das war aber schön für die Kinder!“. Doch um genau diese Erfahrung wird, Ehrlichkeit aller Beteiligten vorausgesetzt, nicht herumkommen, wer die Heranführung der Kinder an die Gemeinde zum Preis der Infantilisierung des Gottesdienstes erkauft. Dass der (vermeintlich) kindgemäße Zuschnitt des Familiengottesdienstes viele erwachsene Gemeindeglieder um das theologische „Schwarzbrot“ bringt und sie „irgendwann [!] unzufrieden“ werden lässt, bemerkte selbst der Verfasser der zitierten Ideensammlung.

Biographische Passagen

Erforderlich scheint ein neues Überdenken der Bedeutung biographischer Phasen und Passagen im Rahmen praktischer Theologie. Die in den letzten Jahren aufgelebte Debatte um das Kinderabendmahl gibt ein prominentes Beispiel, wie entscheidend es ist, verantwortungsbewusst und respektvoll mit der Verschiedenheit von Lebensphasen umzugehen. Napoleon Bonaparte soll im Alter gefragt worden sein, welches sein größter Tag im Leben gewesen sei; obwohl eher ein lauer Christ, habe er nicht etwa die Kaiserkrönung genannt, sondern seine Erstkommunion. Auch ältere Protestanten erinnern sich ihres ersten Abendmahls während der Konfirmation. So gut es pädagogisch gemeint sein mag, geht das heute oft vorgebrachte Argument, Kinder sollten möglichst früh und häufig an das Abendmahl „gewöhnt“ werden, doch zwangsläufig am erhofften Ziel vorbei – so wahr das Abendmahl niemals „gewöhnlich“ sein will und künstlich gesteigerte Teilnehmerzahlen keinerlei Gewinn markieren. Eine „Gewöhnung“ an das Abendmahl enthält Heranwachsenden die Erfahrung einer bewusst als Eintritt in eine neue Lebensphase gestalteten ersten Teilnahme vor. Dass weder Katholiken noch Juden bislang dazu neigen, auf bestimmte Eintrittsregelungen zur umfassend-erwachsenen Teilnahme an ihrem Gottesdienst zu verzichten, sollte Protestanten wohl doch nachdenklich machen. Heranwachsenden Menschen zu vermitteln, dass Teilhabe mit sukzessivem Erwerb von Kompetenz verbunden ist, wäre nicht zuletzt ein bildungspolitisches Verdienst – und stünde keineswegs in Widerspruch zur evangelischen Rechtfertigungstheologie, die erlösende Gnade nicht in der Institution Kirche vermittelt sieht und das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen dementsprechend nicht von fleißigem Abendmahlsbesuch abhängig macht.

Nach evangelischem Verständnis wirkt das Sakrament nicht aus äußerem Vollzug, sondern in der Kraft des geglaubten Wortes. Damit wird das Abendmahl abgegrenzt gegen jede Heils-Magie; äußere Teilnahme als solche hat keinerlei „rettende“ Folge. Gerade Luthers Abendmahlslehre ist Worttheologie par excellence, betont der Reformator doch im Großen Katechismus für das zur Austeilung gesprochene Deutewort: „Nu ist je das ganze Evangelion durch das Wort in dies Sakrament gesteckt.“

Erosion theologischer Urteilskraft

Die fortgeschrittene Erosion theologischer Urteilskraft illustriert demgegenüber ein Empfehlungsschreiben für das Kinderabendmahl, das eine süddeutsche lutherische Kirchenleitung vor einigen Jahren herausgab. Darin wird, um die Forderung nach belehrter Teilnahme zu entkräften, das Abendmahl als sowieso unbegreifliches „Geheimnis“ beschrieben. Verleugnet wird so in erster Linie Martin Luther, für den das Sakrament als Vergegenwärtigung der gnädigen Zuwendung Gottes aufs Allerklarste mit dem Wort verknüpft war. Kinder, die der Abendmahlsliturgie nicht verständig folgen können, als Regelfall äußerlich in die Austeilung einzubinden, konstituiert eine Zwei-Klassen-Gemeinde von „Verstehenden“ und „Nur-Verzehrenden“, die allen evangelischen Grundsätzen zuwider läuft. Denn dies – und nicht eine pädagogisch durchdachte, separat vollzogene Hinführung der Kinder zum Gottesdienst, an dem sie von der Konfirmation an als mündige Protestanten teilnehmen sollen – diskriminiert einen Teil der Gottesdienstgemeinde als Unwissende.

„Das Evangelium annehmen wie ein Kind“ im neutestamentlichen Sinn bedeutet: Vertrauen zu lernen und die eigene Biographie in das Licht der väterlichen Gegenwart Gottes zu stellen. Dies legitimiert aber keinesfalls die gesetzliche, Menschen in ihrer persönlichen Prägung verkürzende und herabwürdigende Forderung, den eigenen kritischen Verstand – nicht die geringste Gabe Gottes! – im Gottesdienst zumindest streckenweise auszuschalten und sich in kindische Raster pressen zu lassen. Differenzierte Durchgestaltung kirchlichen Handelns im Blick auf die legitime Verschiedenheit getaufter Christen ist eine maßgebliche Herausforderung, will der Protestantismus seinen Anspruch bewahren, kritischen und selbstständigen Menschen eine gute Adresse zu sein. Ein theologisch solider Predigtgottesdienst und daneben eine einfühlsam gestaltete Kinderkirche tun sicherlich bessere Dienste als vordergründig arbeitsökonomische Mischformen. In einer sich infantilisierenden Gottesdienstgemeinde hätte Paulus, der als Erwachsener ablegte, was kindlich war, ohne darüber sein Vertrauen auf den gnädigen Vatergott zu verlieren (1. Kor 13,11), schlechte Karten. Dabei war er doch theologischer Kronzeuge der Reformation.

Dr. Klaus Beckmann ist Militärpfarrer in Koblenz.

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