Blog

Der Umgang mit pseudepigraphen Schriften in der modernen Theologie

von Tim Schedel

Speziell für den Protestantismus und sein reformatorisches Schriftprinzip hat die Bibel als norma normans eine besondere Gewichtung. Ihr konnte, als göttlich inspirierte Schrift, argumentativ schwer begegnet werden. Allerdings benötigte sie dazu einen integren Textbestand. Sprich die Texte sollten von denjenigen Autoren stammen, die in den Schriften suggeriert wurden. Ein absichtliche Täuschung der Autorenschaft eines biblischen Schriftstücks stellte für den Protestantismus den worst case dar, da der theologischen Diskussion damit jeder Boden entzogen war.

Spätestens mit der Anzweiflung der Echtheit des 1Tim durch F.D.E. Schleiermacher im Jahre 1807 wurde das Thema der Pseudepigraphie für die Theologie zu einer problematischen Fragestellung. Und auch heute noch ist es hilfreich sich mit dem Problem zu beschäftigen, wenn Fragen über die Berechtigung mancher Schriften im Kanon diskutiert werden.

Der folgende Text soll einen Überblick über die Terminologie geben, sowie Erklärungsmodelle skizzieren und schließt mit meinem eigenen Diskussionsimpuls zur Sachlage.

Zur Terminologie

Ich wähle den Bezeichnung Pseudepigraphie statt Pseudonymität, da Pseudonym im heutigen Sprachgebrauch der künstlerischen und offensichtlichen Annahme eines falschen Namen entspricht. Pseudonymität verharmlost das Phänomen zu sehr, daher sind diejenigen Schriften des Altertums, die nicht von den Verfassern stammen, denen sie durch Inhalt, Titel oder Überlieferung zugewiesen sind, als pseudepigraph zu bezeichnen.

Um sich in einer Diskussion zu dem Thema sicher zu bewegen, ist es hilfreich zu systematisieren. Sinnvoll erscheint mir die Einteilung zwischen orthonymen, anonymen und pseudepigraphen Schriften. Ich führe sie exemplarische für die 27 Schriften des Neuen Testamentes an, man kann sie nach weitgehendem Konsens folgendermaßen zuordnen: Die Evangelien, die Apostelgeschichte, sowie die Schriften der Johanneischen Schule sind von einem, uns historisch nicht rekonstruierbaren, Autor verfasst worden. Sprich, sie sind anonym. Als orthonym gelten sieben Paulinen, nämlich Röm, 1+2Kor, Gal, Phil, 1Thess, Phlm. Die restlichen Briefe wurden wohl unter falschem Namen geschrieben (primäre Pseudepigraphie) oder einem falschen Autor zugeordnet (Sekundäre Pseudepigraphie). Als Beispiel für sekundäre Pseudepigraphie kann man den Hebr nennen, der erst in der Rezeptionsgeschichte Paulus zugeordnet wurde. Von diesen Formen ist allein die primäre Pseudepigraphie, sprich der bewussten Falschüberschrift durch den Autor, moralisch fragwürdig. In die Diskussion über die Zugehörigkeit zum Kanon müssen auch sekundär pseudepigraphe Schriften mit einbezogen werden.

Erklärungsmodelle für Pseudepigraphie

Nach dem die Orthonymität – die Übereinstimmung von vorgegebenen und tatsächlichem Autor – bei einem großen Teil der ntl. Briefe nicht mehr zu halten war, verloren sich einige Theologen in ihrer dogmatischen Beengtheit in meines Erachtens hilflosen Versuchen, die Ehre und Integrität der Schriften wiederherzustellen.

Zum einen durch die Behauptung, die Autoren waren religiös ergriffen und bekamen von einem transzendenten Wesen einen Auftrag. Bspw. unter dem Namen Pauli an Timotheus zu schreiben. Hier ist das Argument der Verbalinspiration entscheidend. Ähnlich ist die Behauptung der pia fraus, also dem frommen Frevel, vergleichbar mit der Medizinerlüge. In diesem Fall wurde zum Nutzen der Gemeinde und im Sinne Gottes ein Brief verfasst, dem durch die Zuordnung zu einem Apostel, die entsprechende Autorität verliehen wurde. Daran an schließen Schüler- oder Sekretärshypothesen. Hier wird postuliert, das Apostelschüler das Werk ihres Meisters posthum vollendeten oder dass ein Sekretär das Diktat des Apostels aus dem Gedächtnis wiedergab. Diese Ansätze halte ich für wenig plausibel und selbst wenn sie es schaffen die Integrität des tatsächlichen Autors wiederherzustellen, bleibt ein Problem: Vom Corpus Paulinum wurde faktisch gerade einmal die Hälfte von Paulus selbst geschrieben. Das Problem wurde damit also maximal verlagert, aber sicher nicht gelöst.

Ein guter Ansatz scheint mir Eckhart Reinmuths Ansatz des hermeneutischen Kontrakts. Er setzt nicht bei der Ebene der Produktion, sondern der Rezeption des Textes an. Dabei setzt er voraus, dass dem Leser des zweiten Jahrhunderts Zuschreibungen an Autoren, die eine bestimmte Funktion hatten, geläufig waren. Klassische Beispiele sind die Zuordnung der Psalmen zu David, der Weisheit an Salomo, aber auch der Epen an Homer und der mathematischen Erkenntnisse an Pythagoras.

Doch sollte sich jeder Autor der Inkongruenz zwischen den Intentionen, die er beim Verfassen seines Textes hatte, sowie der Wirkung des Textes auf die Leser bewusst sein. Gleiches gilt für die Leser in umgekehrter Weise. Jeder Text besteht aus den beiden Momenten der Produktion und Rezeption, die eng miteinander verknüpft sind. Der Autor weiß um die Rezeption seines Textes, daher versucht er mit textimmanenten Merkmalen die Auffassung seines Werkes zu steuern. Er konstruiert sich einen impliziten Leser oder intendierten Adressaten. Derjenige, welcher den Text dann liest, der reale Leser, versucht zwar den Gedankengang des Autors nachzuvollziehen, es wird ihm allerdings nie gelingen, den Text so zu verstehen, wie der Autor es wollte. Denn der „implizite oder intendierte Adressat ist ein Konstrukt des Autors, das gewissermaßen zu einem idealen Verstehen seine Textes befähigt ist: Es teilt sein Wissen, seine Werte, seine Voraussetzungen; es kann ihn nicht missverstehen, sondern versteht jede Andeutung, jede Anspielung in der gewünschten Weise.“

Umgekehrt lässt sich diese Reflexion auch vom Leser auf den Autor anwenden. Der Leser wird entweder aufgrund seiner eigenen Textinterpretation oder durch Bezüge zu anderen Werken oder durch biographische Daten einen impliziten Autor konstruieren. Dieses Konstrukt wird freilich nicht dem realen Autor, also dem Autor im konkreten Moment der Text-Produktion entsprechen. Dieses wechselseitige Verhältnis ist stets zu bedenken, sodass für das Verstehen eines Textes „die intendierte Rezeption zwischen dem impliziten Autor und seinem Pendant, dem impliziten Leser“ verstanden werden muss.

Bei pseudepigraphen Schriften tritt dann ein drittes Moment hinzu. Da der reale Autor durch die Wahl eines Pseudonyms einen intendierten Autor fingiert, ist hier von einem fiktiven Autor zu sprechen. Wenn er zudem noch, wie im 2Thess, eine konkrete Kommunikationssituation erfindet, entstehen so fiktive Adressaten, welche im Sinne des Autors vom realen Leser intendiert werden sollen. Mit der Einführung dieser dritten Rezeptionsebene bewegt sich der Autor auf einen hochanspruchsvollen hermeneutischen Niveau. So ist es nicht erstaunlich, dass in solchen Texten zahlreiche Widersprüche auftreten, die aber um der intendierten Rezeption willen, gerne auf sich genommen werden. Da diese Spannungen auch in den oben genannten Interpretationen Fortschreibungen der Lehre von Autoritäten oder Zuschreibungen auf ihre Person auftraten, verortet Reinmuth die Produktion und Rezeption pseudonymer Texte innerhalb „der in diesem Herkunftsbereich gewachsenen literarischen Konvention“ und setzt sie „als Bestandteile des selbstverständlich gültigen Kontrakts zwischen Autoren und Adressaten“ voraus.

Dieser Ansatz ist sicher nicht völlig unkritisch zu lesen, doch ist positiv hervorzuheben, dass Reinmuth einen neuen Zugang zum Thema Pseudepigraphie in kanonischen Schriften schafft. Das Verhältnis zwischen Produzenten und Rezipienten rückt in den Mittelpunkt. Die Festlegung des Kanons war eine theologische Entscheidung von Rezipienten, die den realen Autor nicht mehr erreichten. Inwieweit diese Rezipienten den intendierten Rezipienten des Verfassers entsprachen, ist nur zu erahnen. Sicher ist nur, dass sie nicht identisch waren. Ob und inwieweit der Autor intendierte, dass sein Werk als Schrift mit dem Signum der Apostolizität betrachtet werden sollte, lässt sich nur mit einer relativen Wahrscheinlichkeit beurteilen. Bei der Bestimmung dieser Wahrscheinlichkeit ist zu beachten, dass die Text-Rezeption nie abgeschlossen sein wird. Deshalb sollte die Beurteilung diesen sich immer wieder neu vollziehenden Prozess der Rezeption stets in die Urteilsbegründung miteinbeziehen.

Eigener Ansatz / Diskussionsimpuls

Dieser Ansatz erleuchtet mir die Umgangsweise mit pseudepigraphen Schriften, er stellt aber nicht ihre Berechtigung im Kanon her. Daher sollte man eine alte Faustregel überdenken, nämlich: Historische Apostolizität - Übereinstimmung mit den Aposteln oder die Herkunft bzw. Herleitung von den Aposteln – bedeutet Kanonität. Diese Faustregel muss umformuliert werden, denn entscheidend ist, dass die Schriften des Neuen Testamentes bei der Kanonisierung, nach den damals geltenden Maßstäben, als apostolisch galten. Jene Maßstäbe haben sich freilich geändert und werden sich auch weiterhin ändern. Wenn sich das Christentum als Weltreligion versteht, dann darf es seine Heilige Schrift nicht auf den viel zu engen Kreis der Apostel beschränken. Paulus war sicherlich der prägendste Autor des Christentums des ersten Jahrhundert, aber auch nur Mensch und Theologe wie viele andere auch. Seine Apostolizität begründet sich hauptsächlich in dem historisch nicht nachweisbaren Damaskuserlebnis. Diese historisch unsichere Apostolizität kann im dritten Jahrtausend nach Christus keine theologische Begründung mehr für die Aufnahme der paulinischen Briefe in den Kanon sein, wohl aber die Art, wie diese in der Rezeption durch die Leserinnen und Leser wirkten und wirken.

Die Tatsache, dass Christinen und Christen aller Konfessionen Pseudepigraphen seit fast 2000 Jahren als Heilige Schrift rezipieren, ist weitaus bedeutender zu bewerten, als die Frage, ob wirklich ein Apostel den Brief geschrieben hat. Dies erachte ich als ein mehr als ausreichendes Argument dafür, pseudepigraphe Schriften als gleichwertige Teile des Kanons anzuerkennen.

Tim Schedel (1988) ist Student der evangelischen Theologie und strebt das Kirchliche Examen in Bayern an. Er studierte bisher in Neuendettelsau, Berlin, sowie Wien und beginnt ab Herbst 2014 die Examensvorbereitung in Greifswald. Vor dem Studium engagierte er sich in Gemeinden und Gremien der Evangelischen Jugend im Dekanat Augsburg.

Literatur

Frey, Jörg; Janssen, Martina; et al. (Hgg.): Pseudepigraphie und Verfasserfiktion in frühchristlichen Briefen (WUNT 246), Tübingen 2009.

Reinmuth, Eckhart: Hermeneutik des Neuen Testaments: Eine Einführung in die Lektüre des Neuen Testaments (UTB 2310), Göttingen 2002.

Kommentieren

Kommentare

Es sind keine Kommentare vorhanden.