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Theologische Enzyklopädien vorgestellt –1: Martin Kähler

von Tobias Jammerthal, Baden-Baden


I

Martin Kähler lehrte fast ein halbes Jahrhundert lang in Halle, zunächst Neues Testament, dann Systematische Theologie. Er studierte unter anderem in Heidelberg bei Richard Rothe, wurde in Tübingen von Johann Tobias Beck stark beeindruckt und verdiente sich seine akademischen Sporen bei Gottfried August Tholuck in Halle. Dies und seine lebenslange Freundschaft mit Hermann Cremer führte Reinhold Seeberg zur Einschätzung, dass in Kählers „weitblickendem Biblizismus… ein Stück der edelsten und besten Traditionen der Vermittlungstheologie in kraftvoller und eigenartiger Weise“ unter uns fortlebe.1 Der Einfluss Kählers, zu dessen Füßen unter anderem Wilhelm Herrmann und Paul Tillich saßen, und der die meisten theologischen Mitglieder der Barmer Bekenntnissynode von 1934 geprägt hat, ist uns heutigen nur schwer nachvollziehbar: nur wenig veröffentlichte er zu Lebzeiten, erst nach und nach tritt der Nachlass ans Licht.

II

Kählers Entwurf einer theologischen Enzyklopädie gehört zu seinen schon zu Lebzeiten veröffentlichten Schriften, er ist Teil seiner 1883 in Erlangen erschienenen Wissenschaft der christlichen Lehre.2 Hier entwickelt er eine systematische Theologie vom Standpunkt des Rechtfertigungsglaubens aus in drei Lehrkreisen: Die „Christliche Apologetik“ dient der Vergewisserung über die Voraussetzungen dieses Glaubens, die „Evangelische Dogmatik“ der Darstellung seines Inhaltes und die „Theologische Ethik“ der Entwicklung seiner Konsequenzen. Den drei Lehrkreisen ist eine „Einleitung in die Theologie überhaupt und in die sogenannte systematische insbesondere“ vorangestellt, zu der Kählers Enzyklopädie gehört. Wie Kähler später drei Lehrkreise bilden wird, so gliedert er auch seine Enzyklopädie in drei „Stücke“: Er bestimmt zunächst den Gegenstand der Theologie, widmet sich hernach dem theologischen Verfahren und untersucht abschließend das Verhältnis der Theologie zu den anderen Wissenschaften.

IV

Um den Gegenstand der Theologie zu bestimmen, weist Kähler zunächst darauf hin, dass nur das Christentum eine Theologie ausgebildet habe (§2). Das hat sich inzwischen geändert, nach wie vor aktuell ist aber die daraus gezogene Konsequenz, dass Theologie wesensmäßig zum Christentum gehöre. Sie wurde, schreibt Kähler, nie außerhalb einer Kirche betrieben, sodass die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen die Voraussetzung der theologischen Arbeit bilde. Den eigentlichen Gegenstand der Theologie (§3) bildet für Kähler dabei nicht die Religion, sondern tatsächlich Gott. Diese Bestimmung vertieft Kähler christologisch, indem er ausführt, dass mit Jesus Christus Gott „den letzten Gegenstand der Christentumswissenschaft“ offenbart habe (9). Das klassisch lutherische pro me aufgreifend, formuliert Kähler: Weil die Theologie es mit den Taten und Wirkungen Gottes zu tun hat, ist ihr Gegenstand Gott, insofern der Mensch durch ihn von ihm erfährt, und der Mensch selbst, indem er von Gott erfährt.

V

Das theologische Verfahren als zweites Stück der kählerschen Enzyklopädie bildet ihren quantitativ umfangreichsten Teil, sie ist ihrerseits in Erkenntnislehre (§§ 4-7) und eine Gliederung der Disziplinen (§§ 8-10) geteilt.

Weil sich sowohl die Offenbarung selbst als auch deren fortgehende Vermittlung in der Geschichte vollziehen, bestimmt Kähler die Theologie als eine „geschichtliche positive Wissenschaft“ (§4). Sie folgt darum nach der geschichtlichen und anthropologischen Seite der Offenbarung der Methodik der entsprechenden nichttheologischen Wissenschaften (§5). Freilich hat es die Theologie eben nicht nur mit geschichtlichen Ereignissen, sondern auch mit dem „Übergeschichtlichen“, das sich in ihnen ausprägt, zu tun. Deswegen bedarf sie eines eigenen Verfahrens, dessen Voraussetzung der Glaube ist. Diesen bestimmt Kähler im Anschluss an die klassische protestantische Dogmatik sowohl als Vertrauen (fiducia, „die eine Seite eines wirklichen persönlichen Verhältnisses“, 15), als auch als Zustimmung (assensus, „eine durch äußere Einwirkung veranlasste Beziehung auf ganz bestimmte Gegenstände“, 16). Da er sich wesentlich auf Übergeschichtliches bezieht, dieses Übergeschichtliche jedoch der Prüfung durch die geschichtliche Vermittlung der Offenbarung prüfen lässt, ist der Glaube weder Werkzeug, noch Quelle, sondern Voraussetzung und Betätigung von Gotteserkenntnis. So ist der lebendige Glaube die Voraussetzung theologischen Arbeitens, das sich aber stets auf die geschichtliche Offenbarung zu beziehen hat und so die Bürgschaft seiner Sachlichkeit erhält. Zudem ist die konfessionell-kirchliche Bindung der Theologie ein Schutz vor individualistischer Willkür; so kann die für eine Wissenschaft zentrale „Allgemeingiltigkeit“ (16) auch in der Theologie gewahrt bleiben. Damit verbindet Kähler die Feststellung, dass Theologie losgelöst von der Kirche als Bekenntnisträgerin nicht getrieben werden könne; freilich sieht er in der Heiligen Schrift als „Urbekenntnis“ das Instrument, mit dem die Theologie alles spätere kirchliche Bekennen zu prüfen habe (§ 7).

Nach diesen Auslassungen zur theologischen Erkenntnislehre skizziert Kähler die Einteilung der Theologie in ihre unterschiedlichen Disziplinen. Die hergebrachte Gliederung in Bibelwissenschaft, Kirchengeschichte, Systematische und Praktische Theologie leuchtet, wie er überzeugt ist, an sich ohne weiteres ein (§ 8), ist aber im Rahmen einer theologischen Enzyklopädie dennoch zu begründen. Die von ihm als Schriftkunde bezeichnete Exegese sieht er deswegen als eine selbständige Disziplin der Theologie, weil sich in der Bibel die Dialektik von Geschichtlichem und Übergeschichtlichem mustergültig abbilde, weswegen sie als Kanon kirchlicher Verkündigung gelte. Darum, und weil sie „die Urkunden des ursprünglichen Glaubens“ (27) enthalte, ist ihre theologische Erforschung von grundlegender Wichtigkeit für die gesamte Theologie. Die von ihm als Christliche Lehre bezeichnete Systematische Theologie ist für Kähler „die eigentliche Zusammenfassung aller Theologie“ (30). Sie stellt nicht nur allgemeine Inhalte fest, sondern verhilft als gläubiges Verständnis den theologischen Inhalten zu einer wissenschaftlichen Durchgestaltung. So ist sie in der Lage dazu, der Exegese wie der Kirchengeschichte, von denen sie stofflich abhängig ist, die grundlegenden Einsichten zu liefern, die sie von ihren Nachbardisziplinen Philologie und Geschichtswissenschaft unterscheiden. Eine eigene Disziplin der Kirchengeschichte ist nach Kähler notwendig, weil die Geschichte der Kirche „die Verbindung zwischen der Gegenwart und der Stiftung des Christentums“ (31) herstellt. Es würde dem Charakter der Theologie als einer geschichtlich positiven Wissenschaft widersprechen, wenn sie nur das Ursprungsbekenntnis (Exegese) und die Gegenwart (Systematik) der Kirche behandelte. Insbesondere dient die Kirchengeschichte den beiden anderen theologischen Fächern, indem sie deren jeweilige Entwicklungsgeschichte in Erinnerung bringt. Kaum näher zu begründen ist die Notwendigkeit einer Praktischen Theologie. Mit ihr erfüllt die Theologie das kirchliche Bedürfnis nach wissenschaftlicher Fundierung und Reflexion der Praxis. Es ist ihre Aufgabe, die Gegenwart der Kirche „im Lichte der christlichen Lehre und auf Grund der Geschichte darauf hin zu prüfen, worin ihre Wirkungsmacht sie äußere“ (33), womit sie zugleich „eine Kunst der kirchlichen Dienstarbeit“ (34) wird. Innerhalb der Theologie kommt nach Kähler keiner Disziplin eine „unbedingt herrschende Stellung“ (34) zu. Sachlich sieht er die Exegese vor der Kirchengeschichte, während die Christliche Lehre für die Theologie insgesamt grundlegend ist. Gegenüber diesen drei Disziplinen der „reinen Theologie“ ist die „angewandte Theologie“ der Praktischen Theologie in einem sachlichen Abhängigkeitsverhältnis, weswegen Kähler ihre Charakterisierung als Krone der Theologie ablehnt.

VI

Kähler schließt seine Enzyklopädie mit einer knappen Erörterung des Verhältnisses zu anderen Wissenschaften, wobei er zunächst die Theologie „als Wissenschaftsabteilung“ begriffen sehen will (§11). Es gibt, schreibt er, nicht die Eine Wissenschaft, als deren Teile die einzelnen Wissenschaften zu betreiben seien. Dennoch helfe dieses Ideal dabei, über der notwendigen Spezialisierung der akademischen Wissenschaften nicht in Abkapselung zu verfallen. Nach den Ausführungen zum Gegenstand der Theologie vermag es nicht zu überraschen, dass Kähler rät, gegenüber Angriffen auf die Wissenschaftlichkeit der Theologie Ruhe zu bewahren. Die Theologie brauche weder in Selbstimmunisierung noch in Selbstaufgabe zu verfallen: wie sie, so habe auch eine jegliche andere Wissenschaft ihre jeweils eigene Voraussetzung; deswegen ist das gegen die Theologie erhobene Postulat der voraussetzungslosen Wissenschaft nicht haltbar. In der theologischen Voraussetzung sieht Kähler denn auch die eigentliche Unterscheidung der theologischen Disziplinen von ihren nichttheologischen Nachbarwissenschaften (§12).

VII

Polemik wird man hier nicht finden; dennoch ist immer wieder deutlich, dass Kähler seinen Entwurf in kritischer Auseinandersetzung mit Schleiermachers „Kurzer Darstellung“ verfasst hat. Bereits in seiner Theologiegeschichte des 19. Jahrhunderts hatte er Schleiermacher bei aller Bewunderung mangelnden Sinn für Offenbarung und Geschichte vorgeworfen.3 Die Bedeutung dieses Themas für Kähler hat nicht nur dazu geführt, dass er als einer der ersten die wissenschaftliche Fragwürdigkeit der Leben-Jesu-Forschung des 19. Jahrhunderts erkannt hat4 – sie schlägt sich auch in seiner Enzyklopädie auf Schritt und Tritt nieder.

Kähler ist als Theologe zuerst akademischer Lehrer. Seine Enzyklopädie ist – wie überhaupt seine Wissenschaft der christlichen Lehre – eine „Theologie der Konzentration“.5 Insofern führt sie das fides quaerens intellectum Anselm von Canterburys als konsequente Selbstvergewisserung des christlichen Glaubens vor. Dies ermöglicht Kähler eine erfrischend nüchterne Durchdringung des Stoffes, wie denn überhaupt die Ehrlichkeit des Verfassers über seine Vorgehensweise ein durchgehendes Motiv dieses Entwurfes ist. So kann er die Betonung der individuellen Heilszueignung der Erweckungsbewegung mit einem eindeutig kirchlichen Zugang zur Theologie verbinden, und all dies selbstverständlich im Modus streng methodisch kontrollierter Wissenschaft.

 

1 Seeberg, Reinhold: Die Kirche Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert. Eine Einführung in die religiösen, theologischen und kirchlichen Fragen der Gegenwart, Leipzig 31910, 312.
2 Kähler, Martin: Die Wissenschaft der christlichen Lehre von dem evangelischen Grundartikel aus im Abrisse dargestellt, Erlangen 1883 (im Folgenden werden die Seitenzahlen dieser Fassung im Obertext in Klammern zitiert).
3 Vgl. Kähler, Martin: Geschichte der protestantischen Dogmatik im 19. Jahrhundert. Bearbeitet und mit einem Verzeichnis der Schriften Martin Kählers herausgegeben von Ernst Kähler, Wuppertal; Zürich 21989, 66.79f.
4 Vgl. seinen Aufsatz „Der sogenannte historische Jesus und der geschichtliche, biblische Christus“ (1892, 21969)
5 Stephan, Horst: Geschichte der deutschen evangelischen Theologie seit dem deutschen Idealismus. Zweite neubearbeitete Auflage von Martin Schmidt, Berlin 1960, 271.

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