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Rezension von Karl Barth: „Fides quaerens intellectum“


von Niklas Schleicher


Vorbemerkungen

Vorliegende Rezension beschäftigt sich mit einem genuinen Klassiker der evangelischen Theologie, der es Wert ist, dass man ihm eine Lektüre widmet.

„Fides quaerens intellectum“ (FQI) ist als Paperback in der Barth-Gesamtausgabe erhältlich. Grundlage der 1981 erschienen Ausgabe ist die von Barth besorgte zweite Auflage von 1958, die wiederum nur geringfügige Änderungen zu der ersten Auflage von 1931 bietet. Als Herausgeber von FQI zeichnen Eberhard Jüngel und Ingolf U. Dalferth verantwortlich, die eine kurze, rein editorische Einführung und einen überschaubaren, aber hilfreichen editorischen Apparat bieten. Etwas schade ist , dass die beiden Herausgeber inhaltlich keine Einführung geben; diese wäre mit Sicherheit spannend ausgefallen. Im Anhang des Werkes finden sich noch „Leitsätze zur Beurteilung des Anselmischen Arguments“ von Heinrich Scholz (177-183) und Notizen zur Seminarvorbereitung von Barth (185-203), wobei diese ob der Handschrift Barths eher witzig als nützlich sind. Abgeschlossen wird das Buch mit den üblichen Registern und Schlüsseln zu den Schriften Anselms.


Zum Buch

Nähert man sich FQI, stellt sich die Frage, unter welcher Prämisse man dies tut. Man kann zum einen im Buch einen Beitrag zum Verständnis der Theologie Anselms sehen, zum zweiten eine Wortmeldung in der Debatte um den sogenannten ontologischen Gottesbeweis finden oder FQI als ein Buch an einer Schlüsselstelle im Lebenswerk Barths lesen. Auch wenn in der Lektüre mehr oder weniger alle Prämissen zur Geltung kommen, ist es dennoch nützlich, sich der Voraussetzung der Lektüre, gerade bei diesem Werk, bewusst zu machen. Da es mit meiner Kenntnis von Anselm und der Diskussionen zu dessen Zeit nicht sonderlich weit her ist, möchte ich diese Lesart hintenanstellen und das Werk mit eher systematischen Interesse als mit theologiegeschichtlichem betrachten. Dass der Fokus auch nicht darauf liegt, hier einen besonders originellen Beitrag zur Diskussion um den ontologischen Gottesbeweis darzustellen, liegt an zweierlei. Zum einen ist in den populären Darstellungen entweder Barth ausgeklammert oder seine Interpretation Anselms wird als Sondermeinung präsentiert. Dies liegt zum andern auch daran, dass Barth Anselm genuin theologisch interpretiert (FQI 59). So ist die Leserichtung in systematischem Interesse vorgegeben: FQI ist als Versuch zu lesen, den Gottesbeweis Anselms auf seine theologische Bedeutung und Relevanz hin zu untersuchen. In diesem spezifisch theologischen Interesse, ist es dann auch schwierig, ob das dargelegte theologische Programm das von Anselm oder Barth ist. Die These, dass Barth in Anselms Proslogion das findet oder finden will, was er für die Formulierung seiner eigenen Theologie braucht, liegt nahe. Deshalb lohnt sich die Lektüre von FQI: Barth legt mit Anselm Grundentscheidungen seiner Theologie dar, die zum Verständnis der Entwicklung des Barthschen Denkens von großer Wichtigkeit sind.

Barth gliedert FQI in zwei größere Teile: „Das theologische Programm“ (FQI 11-72) und „Der Beweis der Existenz Gottes“ (FQI 73-174). Theologie, nach Anselm intelligere, also einsehen oder verstehen, ist deshalb notwendig, weil der Glaube nach dieser Einsicht verlangt, oder besser: nach dieser Einsicht strebt. Der Glaube selbst benötigt die Theologie allerdings nicht: „Es ist vielmehr Voraussetzung aller theologischen Forschung, dass der Glaube als solcher von der Peripetien des theologischen Ja und Nein unberührt bleibt.“ (FQI 16). Theologie ist wiederum möglich, weil der subjektive Glaube, also das credo sich auf das objektive Credo der Kirche bezieht und so schon in geringerem Maße ein intelligere ist. Interessant für den weiteren Fortgang sind dann die Bedingungen der Theologie (FQI 25-40): Die Erkenntnis, die in der Theologie zu erlangen ist, kann sich vom Credo der Kirche nicht unterscheiden. Vielmehr ist es notwendig, dass der Theologe den Glauben der Kirche bejaht, bevor er in das theologische Geschäft einsteigt. Theologie kann nicht voraussetzungslos stattfinden, sie muss sich immer bewusst sein, dass sie nur „in positiver Meditation der Glaubensvorlage bestehen kann.“ (FQI 39) Das wiederum bedeutet für den Weg der Theologie, dass dieser darin besteht, die „Mittelstrecke (zwischen Kenntnisnahme und Bejahung) [der Offenbarung] wirklich [zu] durchschreiten und also die Wahrheit als Wahrheit zu verstehen.“ (FQI 40) In diesem Sinne ist auch die Durchführung des Gottesbeweises zu verstehen: Als ein Einsichtigmachen des im Glauben schon bejahten. Das Ziel der Theologie ist dann zunächst der innere Beweis der Plausibilität des Geglaubten für den Gläubigen. Dieser innere Beweis kann so nur insofern der äußere Beweis werden, wenn der Gläubige den zu Überzeugenden auf diesem Weg mitnimmt. Anselm verlässt also seinen Standpunkt des Glaubens nicht, um in ein philosophisches Gespräch einzutreten, sondern versucht den Ungläubigen von der Rationalität des Geglaubten zu überzeugen.

Bevor sich Barth der Kommentierung der Durchführung des Beweises widmet, legt er die Voraussetzungen dar: „Der Name Gottes“ (FQI 75-91) und „Die Frage nach der Existenz Gottes“ (FQI 91-102).

Der Name Gottes ist identisch mit dem bereits erwähnten unum argumentum (aliquid quo nihil maius cogitari possit) und bildet den „gemeinsamen Hebel“ (FQI 75) sowohl für die Existenz (Proslogion 2-4) als auch für das Wesen Gottes (Proslogion 5-26). Dieses unum argumentum ist laut Barth „streng noetischen [also im Erkenntnisinteresse, N.S.] Inhalts.[...] Er sagt nicht, dass und nicht, was Gott ist, sondern, in Form eines vom Menschen vernommenen Verbots, wer er ist.“ (FQI 77) Zur Erkenntnis Gottes ist zusätzlich noch eine Voraussetzung, also eine Offenbarung notwendig, von der ausgehend dann die Existenz Gottes nachzuweisen ist. Diese Existenz Gottes ist insofern von besonderer Bedeutung, als dass sie die Existenz ist, von der alles Existieren als abhängig zu denken ist. Diese Existenz, die bereits im Glauben erfahren ist, ist jetzt unter Zuhilfenahme des Gottesnamens zu beweisen, eben weil der Glaube nach Erkenntnis verlangt und Gott „unmöglich als nur gedacht daseiend gedacht werden kann“ (FQI 96).

Proslogion 2 wird dann unter dem Vorzeichen der allgemeinen Existenz Gottes analysiert. Diese Analyse bezieht sich noch nicht auf die Art der Existenz, die nur Gott zukommt. Sie besagt nur, dass die Existenz in intellectu et in re größer ist als die Existenz bloß in intellectu. Dies gilt aber für alle Gegenstände. „Vere est heißt hier: er ist nicht nur im Denken, sondern auch dem Denken gegenüber da. Wie sollte ihm dieses Merkmal wahren Daseins nicht ebenso zu eigen sein wie jedem von ihm geschaffenen Gegenstand? Aber als Gott offenbar noch ganz anders zu eigen!“ (FQI 133) Das besondere an der Existenz Gottes ist nun, dass er nicht nur existiert, sondern dass er nicht als nicht-existierend gedacht werden kann. Denn ein Gott, dessen Existenz als nicht-seiend gedacht werden kann ist 'kleiner' als ein Gott, dessen Nicht-sein denkunmöglich ist. Dies wiederum geht aus dem Gottesnamen hervor, der sich Anselm in der Offenbarung erschlossen hat. Dies erklärt auch den Wechsel in die Anrede an Gott. Nicht über Gott redet Anselm, sondern in einem Gebet mit ihm, seine Offenbarung denkerisch nachvollziehend. Der inspiens um den es in Proslogion 4 geht, ist in diesem Sinne deshalb ein Tor, weil er Gott nicht kennt und nicht, weil er ihn leugnet. Denn wenn sich Gott als Gott offenbart, dann ist die Denkbarkeit seiner Nicht-Existenz ausgeschlossen. Der gesamte Gottesbeweis ist in der Interpretation Barths also Theologie im Sinne des denkerischen Nachvollziehens der Offenbarung. Oder mit den Worten Barths: „Es handelt sich um den Beweis des schon vorher, auch ohne Beweis, in sich selbst feststehenden Glaubens durch den Glauben.“ (FQI 173)

 

Anmerkungen

Zweifellos handelt es sich bei FQI um ein eindrucksvolles und lesenswertes Buch. Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Der ontologische Gottesbeweis (der nach Barth ja eigentlich nicht ontologischer Gottesbeweis heißen kann) ist eines der interessantesten Denkstücke der Philosophie und Theologie. Spielt er in der heutigen Zeit in der Theologie eine randständige Rolle, wird er in der analytischen Philosophie ausführlich diskutiert und hat in der Form des mathematischen Gottesbeweises von Kurt Gödel eine Ausprägung gefunden, die formallogisch gültig ist. Zur weiteren Beschäftigung mit dem ontologischen Gottesbeweis seien die Bücher: „Gottesbeweise von Anselm bis Gödel“ von Bromand und Kreis und „Gottesbeweise“ von Hiltscher empfohlen. Beim ersteren handelt es sich um eine Textsammlung, die durch instruktive Einleitungstexte systematisiert wird. Das zweite Buch stellt eine Einführung in die analytische Diskussion um den ontologischen Gottesbeweis dar.

  • FQI schließt gewissermaßen die Lücke zwischen dem Barth des Römerbriefes und der KD. Grundentscheidungen, die für Barth eine wichtige Rolle spielen, werden hier anhand von Anselm expliziert, so zum Beispiel die allem vorgängige Offenbarung Gottes und die klare Abwehr der Möglichkeit einer philosophischen Gotteserkenntnis. Gerade hinsichtlich der Behandlung des Gottesbeweises ist das ja schon eine sehr interessante Interpretation.

  • FQI macht eines deutlich: Der Glaube ist nicht auf die Theologie angewiesen. Zwar strebt der Glaube nach Erkenntnis, wenn diese jedoch ausbleibt oder nur in geringem Maße erlangt werden kann (nicht jeder ist Theologe!) ist jener nicht in Gefahr. Theologie ist aber auf den Glauben angewiesen. Er ist das Maß und die Grenze an dem sich die Theologie messen muss.


Die erste Rückfrage, die sich nahelegt ist, ob diese Scheidung von Theologie und Philosophie das ist, was Anselm durchzuführen gedachte, oder ob nicht gerade dieser Unterschied erst einer ist, der nach Kant relevant wird und für den Scholastiker schlicht nicht existierte. Die vehemente Betonung, dass der Gottesbeweis theologisches Programm ist, wäre dann also eher das Interesse von Barth als das von Anselm. Dies ist ja auch durchaus ein Punkt, der Barth immer wichtig war, die Inkommensurabilität von Theologie und Philosophie.

Angenommen FQI ist kongruent mit Barths theologischem Interesse, und dafür spricht ja einiges, ergibt sich eine zweite, und entscheidendere Rückfrage: Was ist die Relevanz von Theologie? Man kann in FQI auch ohne große Probleme eine Abwehr des theologischen Programms von Hirsch (Versuch des Einsichtigmachen des Christlichen Glaubens vor dem abendländischen Wahrheitsbewusstseins) oder Althaus (Möglichkeit einer natürlichen Gotteserkenntnis) sehen und FQI als glühenden Appell für den Primat der Offenbarung lesen. Wenn die Offenbarung also nicht empfangen ist, ist es auch sinnlos Theologie zu treiben, weil diese ja nur ein verständiges Nachvollziehen des schon als wahr erkannten ist. Dies mag alles seine Richtigkeit haben, und es ist sicherlich nicht primäre Aufgabe theologischer Arbeit, den religiös unmusikalischen die Plausibilität theologischer Aussagen nahezubringen. Nein, dies sieht Barth ja noch in gewisser Weise, indem er der Toren in seinen glaubenden Nachvollzug mitnehmen will. Und es ist auch weniger das Problem, ob es im Menschen etwas geben muss, dass für die Offenbarung empfänglich sein muss, ob nun ein schlechthinniges Abhängigkeitsgefühl oder etwas anderes. Das Problem ist doch vielmehr, ob es dem Christentum nicht an sich etwas (oder alles) inhärent sein muss, dass verständlich sein muss ohne eine Offenbarung, wie es zum Beispiel Løgstrup ist seiner ethischen Forderung darlegt. Ob das christliche den Einzelnen überzeugt, ist dann eine andere Frage. Aber sich um den Versuch des Nachweises seiner Rationalität durch einen Verweis auf das absolute Primat der Offenbarung zu bringen, ist doch wenigstens ob der behaupteten Wissenschaftlichkeit der Theologie fragwürdig und stellt zumindest die systematische Theologie schnell in einen völlig anderen Diskursraum als die Philosophie. Diese Unfähigkeit zum Gespräch – hier geht es nicht nur um andere Argumente, sondern um die völlige Andersartigkeit des Gespräches - mag zwar bei Dogmatik und theoretischer Philosophie ärgerlich,aber verschmerzbar zu sein, wird aber bei theologischer und philosophischer Ethik gerade unter postmodernen Bedingungen zum Problem. Wir leben eben mit anderen Menschen, die sich nicht als Christen bezeichnen zusammen und müssen uns mit diesen über das Verhalten und Handeln verständigen. Nicht reden dürfen zu meinen, weil man meint, nicht reden zu können, da man der Überzeugung ist, dass man eine ganz andere Wirklichkeitssicht hat, wird in diesem Sinne wirklich zu einem ganz offensichtlichen Problem, das sich zum Beispiel an einem Vorbeireden in Fragen der Reproduktionsmedizin zeigt.

Die Lektüre von FQI ist auch deshalb lohnenswert: Um zu zeigen, welche Probleme sich mit einer Theologie in der Nachfolge des Offenbarungspositivismus eines Barth verbinden.



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