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Rezension Nikolaus von Kues: De docta ignorantia

Eine Rezension von Tobias Graßmann

Nikolaus von Kues' De docta ignorantia, 1440 erstmals erschienen, kann sicher ohne Übertreibung als ein Höhepunkt spätmittelalterlicher Theologie und Philosophie gelten. Warum aber – so könnten Theologinnen und Theologen insbesondere reformatorischer Prägung fragen – sollte man auch heute noch dieses Werk lesen?


Nikolaus von Kues unternimmt tapfer das von ihm selbst (!) als unmöglich erkannte: Er versucht, Gott konsequent als das Unendliche und Ewige zu denken. Doch das „Unendliche als Unendliches ist deshalb unerkennbar, da es sich aller Vergleichbarkeit entzieht“ (S. 9). Wie soll der menschliche Geist etwa das erfassen, was als das absolut Größte zugleich das absolut Kleinste ist? Das als unendliche Einheit gleichsam „kontrahiert“ alle Vielheit in sich begreift? Dessen Größe jede verendlichende Benennung überschreitet und damit letztlich auch den Begriff der „Größe“ nur als approximative Umschreibung zulässt? Gott, so lautet die bekannteste „Bestimmung“, ist das Zusammenfallen aller Gegensätze, die coincidentia oppositorum – oder sogar noch jenseits dieser zu verorten!

Die immense Leistung des Cusaners liegt nun darin, angesichts des Unendlichen und Ewigen nicht resignierend den Weg der Mystik einzuschlagen, die intellektuelle Wesensschau an die Stelle der Denkarbeit zu setzen, von der gescheiterten Theorie einfach in die Praxis zu flüchten. Diese klassische Lösung der Mönchs- und Spiritualitätstheologie sind für ihn gerade durch den menschlich-geschöpflichen Wissensdurst, der unvermeidlich und allem notwendigen Scheitern zum Trotz zur Gotteserkenntnis treibt, ausgeschlossen. Stattdessen treibt er den menschlichen Verstand mit dem Ziel der titelgebenden „belehrten Unwissenheit“ in die Regionen, in denen diesem zurecht schwindlig wird. So sollen durch mathematische Beispiele am Rande des Denkbaren (etwa die größtmögliche Linie, die zugleich Dreieck und Kreis ist), gleichnishafte Bilder und Spuren des göttlichen Seinsgrundes in der Schöpfung im Zuge einer sorgfältigen Klärung all die Aussagen zusammengetragen werden, die man von Gott eben doch machen kann – wobei gleichzeitig immer der begrenzte Aussagenwert bewusst gehalten, die inhärente Grenze der Gotteserkenntnis mitgeführt werden muss.

Schöpfend aus der platonischen Philosophie, wie sie sich die vom Christentum geprägte Spätantike angeeignet hat, aus der Mystik eines Meister Eckharts, aus hermetischen Schriften und der negativen Theologie des Pseudo-Dionysius Areopagita, aber auch der jüdischen Religionsphilosophie etwa eines Moses Maimonides schlägt Nikolaus von Kues den altbekannten Weg metaphysischer Erkenntnis ein, der gemeinhin als negative Theologie bezeichnet wird. Und doch ist klar, dass auch diese ihren Gegenstand teils trifft, teils gerade darin auch verfehlt, ist er doch das absolut Größte indem er „über allen Gegensätzen steht“ so „gleicherweise erhaben über alle bejahende und verneinende Aussage“ (S. 19). Unbestreitbar wird hier das verbreitete Klischee Lügen gestraft, die vorneuzeitliche Gotteslehre denke Gott durchweg naiv-gegenständlich.

Wer sich hier an die idealistische Philosophie eines Schelling oder Hegel erinnert fühlt, hat damit ebenso recht wie diejenige, der unmittelbar Karl Barths Kirchliche Dogmatik in den Sinn kommt, oder derjenige, welcher bei dieser „theologia circularis et in circulo posita“ an Tillichs Methode der Korrelation denkt. Ein Vorteil von Nikolaus von Kues ist dabei, dass er seine „dialektische“ Theologie in vergleichsweise knapper Form sowie einer einigermaßen „klassischen“, also erfrischend unprätentiösen Sprache darbietet. Es handelt bei der „Belehrten Unwissenheit“ also um einen spannenden Einstieg in einen klassischen Denktypus christlich-platonischer Philosophie und damit zugleich um ein Kompedium der unausweichlichen Probleme vernünftiger, doch dabei ihrem Gegenstand angemessener Gotteslehre.


Was ist aber in aller Kürze und im Durchgang durch das Werk zum theologischen Inhalt zu sagen?


Zum ersten Buch wäre zunächst festzuhalten, dass die Probleme, die dem analogen Denken von Gott inhärent sind und die etwa Karl Barth unter dem Stichwort der analogia entis behandelt, bei Nikolaus von Kues durchaus reflektiert werden und es sich hier mitnichten um eine Vernufttheologie handelt, die naiv vom Menschen und seinen Erkenntnisvermögen ausgeht. Bezüglich der Trinitätslehre wäre anzumerken, dass es seit Karl Rahner ja fast obligatorisch ist, eine solche Trinitätslehre augustinischer Bauart als „modalistisch“ zu geißeln, insofern sie von der Einheit anhebt, um daraus denkerisch die Trinität zu entwickeln. Will man aber die eindrucksvolle Geschlossenheit und (relative) Plausibilität einer solchen spekulativen Trinitätslehre sehen, bietet sich Nikolaus von Kues als Beispiel an.


Was das zweite Buch zur „Welt“ betrifft, so ist es zwar instruktiv zur vorneuzeitlichen Kosmologie und durchaus amüsant zu lesen, insbesondere was die Spekulationen über außerirdisches Leben angeht, insgesamt für den Leser aber am ehesten verzichtbar.


Für protestantische Theologen ist die Frage nach dem Glaubensverständnis interessant, wie es vor allem im dritten Buch entfaltet wird. Bei Nikolaus von Kues ist nun offensichtlich – und wenig überraschend –, dass er noch völlig unberührt ist von dem Problem der Rechtfertigungslehre, wie es Martin Luther im 16. Jh. neu und nachhaltig auf die theologische Tagesordnung setzt.

Aussagen, die den göttlichen Primat sichern wollen und damit zumindest in ihrem Anliegen mit dem protestantischen sola fide und sola gratia konvergieren, stehen unaufgelöst neben „synergistischen“ Passagen sowie dem scholastischen facere quod in se est. Da Nikolaus von Kues den Glauben – wie ich meine – prinzipiell als gottgewirkte Gotteserkenntnis versteht, die somit das objektiv-passive Moment stark mitführt und den Werken der Liebe voran geht, lässt sich wohl sagen, dass er der reformatorischen Position faktisch so nahe kommt, wie von seinen spätmittelalterlich-platonischen Denkvoraussetzungen her eben möglich ist. Freilich zeigt sich gerade darin die der mittelalterlichen habitus-Gnadenlehre inhärente Schwierigkeit, zwischen Gott und dem Menschen im Prozess der Heilsaneignung angemessen trennscharf zu unterscheiden. Man kann aber zumindest spekulieren, ob sich die reformatorische Kritik an der mittelalterlichen Kirche und ihrer Theologie in all ihrer Schärfe hätte entzünden müssen, wäre die Theologie des Cusaners mehrheitsfähig gewesen. Nicht zuletzt seine ökumenische Anschlussfähigkeit spricht daher für die Beschäftigung mit diesem Denker: neben etwa Augustin gehört Nikolaus von Kues definitiv zu den Referenzpunkten, auf die man sich im ökumenischen Diskurs gemeinsam beziehen, mithin „einigen“ kann.


Zusammenfassend:

Ob bei Nikolaus von Kues das Verhältnis von Glaube und Vernunft wirklich befriedigend erfasst wird – worum es in all der skizzierten Kritik ja grundsätzlich geht – bleibt eine durchaus offene Frage. Meines Erachtens ist dieser Frage aber möglichst unvoreingenommen nachzugehen – ohne kategorische Verdikte zu bemühen, die Nikolaus von Kues schlicht nicht treffen. Sicher handelt es sich hier um eine stark philosophisch geprägte Gotteskonzeption, keineswegs aber um „abstrakten Monotheismus von der Stange“.

Wenn also gerade der Überschritt von vernünftiger zu geoffenbarter Gottesrede, insbesondere auch vom präexistenten Logos zum geschichtlichen Jesus von Nazareth sowie von der platonischen Vernunfterkenntnis zum kirchlichen Dogma hier – „wie überall“ möchte man hinzufügen! – keineswegs bruchlos gelingt, sollte das nicht als Schwäche betrachtet werden. Vielmehr wird dem Leser bei Nikolaus von Kues exemplarisch deutlich – meine ich zumindest – dass dieses Problem, von den Reformatoren konstatiert und von protestantischer Theologie immer wieder zur Sprache gebracht, durchaus in der Natur der Sache liegt.


Wie diese Spannung konkret zu bewältigen oder zumindest anzugehen ist, bleibt auch für (post)moderne Leserinnen und Leser des Nikolaus von Kues noch zu diskutieren. Allerdings lohnt es sich immer, mit Cusanus nicht zu früh zum salto mortale des Denkens in die Sphäre der Frömmigkeitspraxis und Spiritualität anzusetzen, sondern etwas zu verweilen bei der Vernunft und ihren Problemen – denen sie ja doch nicht ausweichen kann, sollten der Cusaner und der große Königsberger recht behalten. Man kann somit mit dem Cusaner auch dem heutigen Leser nur zurufen:

„Laß es Dir gefallen, daß ein Deutscher Dir eine Denkmethode, wie auch immer Du sie beurteilen magst, in theologischen Dingen vorführt, die unermüdliche Arbeit mir zu einer echten Herzenssache werden ließ“ (S. 5).


De docta ignorantia ist enthalten und damit in durchaus erschwinglicher Weise zugänglich in der Studienausgabe: Nikolaus von Kues. Philosophisch-theologische Werke. Lateinisch-deutsch, Band 1, Felix Meiner Verlag Hamburg 2002. Unbedingt lohnt sich hier der Griff zu einer zweisprachigen Ausgabe. Als Beispiel möge genügen, dass eine angemessene deutsche Übersetzung wie „Eingeschränktheit“ in ihrer spröden Abstraktheit doch weit hinter dem auch bildlichen Gehalt der lateinischen contractio zurückbleibt.



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