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Rezension Albrecht Ritschl: Unterricht in der christlichen Religion

Es gibt Bücher, die nehmen in der eigenen Biographie einen besonderen Platz ein. Für mich ist so ein besonderes Buch Albrecht Ritschls „Unterricht in der christlichen Religion“. Es begegnet in der Rückschau an zwei markanten Punkten meiner theologischen Entwicklung:

Erstens war es das erste theologische Buch, das ich selbst für mein Studium gekauft habe, Textgrundlage in meinem ersten systematisch-theologisches Proseminar und damit des ersten von mir besuchten theologischen Seminars überhaupt. Und zweitens bin ich mit meinem Examensschwerpunkt im Fach Dogmatik zu genau diesen Anfängen zurückgekehrt, indem ich mich erneut mit Ritschls Christologie beschäftigt habe. Dass sich Ritschls „Unterricht“ also wie ein Klammer um mein Studium legt und auch zwischendurch immer wieder zur Hand genommen wurde, spricht dafür, dass dieses Buch nicht mit einer einzigen Lektüre zu erschöpfen ist. Wie oft aber kommt es vor, dass ein Text, der Stütze und Halt bei ersten theologischen Gehversuchen war, auch nach einem abgeschlossenen Theologiestudium noch neues Interesse weckt?


Albrecht Ritschls „Unterricht“, 1875 gedacht als Lehrbuch für die höheren Gymnasialklassen und Ersatz für die dort üblichen, am Schema der altprotestantischen Dogmatik orientierten Lehrbücher, war für diesen Zweck aufgrund seiner Komplexität auch in vermeintlich seligen Zeiten der Gymnasialbildung nicht brauchbar. Der Titel bereits spielt – durchaus selbstbewusst – auf Calvins Insitutio Christianae religionis an. Was Ritschl in den berüchtigten „Paragraphenknödel[n]“ (S. XI) seines Unterrichts kondensiert, will nichts weniger sein als das Ganze der christlichen Lehre in der Verbindung von Dogmatik und Ethik, entfaltet in enger Anlehnung an die Bibel und weitestgehend unter Verzicht auf dogmengeschichtliche Auseinandersetzungen. Es bietet sich daher in Form und Inhalt als systematisch-theologisches Handbuch für das Theologiestudium an und wurde von seinen Lesern in der Regel wohl auch so gebraucht.


Was sind nun besonders hervorzuhebende Grundzüge der Theologie Ritschls?


Wie schon angeklungen ist, liegt Ritschl besonders an der Verbindung von Religion als Theorie oder Weltanschauung, d.h. dem Selbstverständnis des Menschen im Verhältnis zu Gott und der Welt, und Sittlichkeit als Praxis, d.h. der Dimension aktiver menschlicher Tätigkeit. Diese beiden Sphären gehören zusammen und ihnen korrespondieren die beiden Brennpunkte der berühmten „Ellipse“ des Ritschl'schen Systems: Das Geschehen von Rechtfertigung und Versöhnung (so auch der Titel seines Hauptwerks) sowie das Reich Gottes als die vollkommene Verbindung freier Geister untereinander und mit Gott. Die wahre und gelingende Vermittlung von Individuum und Gemeinschaft, für die unter anderem die Begriffe Versöhnung und Beruf stehen, ist dabei ein Zentralanliegen der Theologie Ritschls, die bewusst „vom Standpunkte der christlichen Gemeinde aus“ (S. 10) entworfen, somit als dezidiert kirchliche Theologie entfaltet wird.1


Will man nun auf Ritschl das gebräuchliche Label „Kulturprotestantismus“ anwenden, so sollte man allerdings vorsichtig sein: Ritschl greift zum Beispiel vielerorts auf zeitgenössische Philosophie zurück, insbesondere auf Kant und (vermutlich über seinen Lehrer F. C. Baur vermittelt) auch auf Hegel. Er übernimmt philosophische Versatzstücke und Begriffe für heutige Leser überraschend unbefangen, wo er der christlichen Religion und Theologie Wesensverwandtes oder einen Mehrwert für die Erschließung der christlichen Gehalte erkennt – und wäre es nicht auch töricht, sich hier aus theologischem Abgrenzungsfuror einem Plus an begrifflicher Klarheit oder diskursiver Plausibilität zu verschließen? Gerade die kantische Philosophie und ihr strikter Dualismus von Natur und Freiheit, behauptet Ritschl, sei anschlussfähig an christlich-paulinische Vorstellungen etwa vom Leben im Fleisch und im Geist.


Doch Ritschl schaltet seiner Arbeit eben keine Zeitdiagnose oder Analyse der gegenwärtigen Kultur und ihrer angeblichen oder tatsächlichen Bedürfnisse vor, welche danach seiner Theologie die Zügel hält. Ritschl will Theologe und nichts als Theologe sein und dabei – entsprechend seinem ethischen Zentralbegriff „Berufstreue“ – vor allem diese Arbeit gut und gewissenhaft erledigen. Somit verpflichtet er die Theologie nicht auf irgendwelche Moden zeitgenössischer Philosophie, sondern behält immer ihren Gegenstand im Blick. Dieser Gegenstand, den Ritschl mit den historischen Methoden seiner Zeit nach allen Regeln der Kunst von späteren Entstellungen reinigen und neu zur Geltung bringen möchte, ist eben die christliche Religion als vollkommene Erkenntnis Gottes, wie sie sich insbesondere in der Bibel erschließt.2


Ein paar theologische Konzepte Ritschls sind nun in gebotener Kürze nachzuzeichnen. Dabei zieht sich der betont kirchliche Charakter mit dem Grundinteresse der Vermittlung von Individuum und Gemeinschaft, also dem fundamentalen Sozialbezug der Theologie Ritschls, durch alle Unterpunkte:


  • Gotteslehre und Liebesbegriff: Angesichts der inflationären Verwendungsbegriff des Liebesbegriffs und seiner zunehmenden Banalisierung mag es wenig innovativ erscheinen, dass Ritschl es unternimmt, den Zorn aus dem Gottesgedanken auszuscheiden und Gott konsequent als Liebe zu denken. Interessant wird dieses Unternehmen allerdings durch den intersubjektiv gefassten Liebesbegriff Ritschls, der Liebe auf der Grundlage einer Art Willensmetaphysik als dasjenige fasst, was Individuen in der Ausrichtung auf einen gemeinsamen Zweck zusammenfasst und so vereint. Diese zukunftsgerichtete und dabei auch dezidiert aktive Konzeption von Liebe unterscheidet sich auch in seinem konstitutiven Gemeinschaftsbezug charakteristisch von dem grassierenden ‚Liebesdeismus‘ heutiger Zeit, welcher gerade an der undifferenzierten und geschichtslosen Statik seines Liebeskonzeptes leidet. Indem Gott Geist und Liebe ist, will und wirkt er die Verwirklichung des Reiches Gottes als einer vollkommenen Verbindung freier Geister.

  • Sündenlehre und Rechtfertigungslehre: Ritschls Konzeption der Sünde ist meines Erachtens eine besonders wegweisende Neuformulierung der klassischen Lehre vom peccatum originale, d.h. der Ursünde. Indem Ritschl die Sünde als „Gegenreich“ des Reiches Gottes und basale Struktur in der menschlichen Gesellschaft fasst, in welche die oder der Einzelne faktisch immer schon eingebunden ist, weist er jede Betrachtung des Menschen als atomisiertem Einzelnen als nur abstrakt (und letztlich auch die menschliche Bestimmung verfehlend) zurück – hier erweist er sich als äußerst anschlussfähig an neuere sozial- und sozialisationstheoretische Konzeptionen. Die Rechtfertigung des Sünders wird davon ausgehend als Teil dem weiteren, weil positiven Ganzen der Versöhnung eingegliedert, welche Ritschl ausgehend von seinem Gottesbegriff und alttestamentlichen Konzepten des Sühnekults (vgl. Lev 16) als Wiederherstellung ungetrübter Gemeinschaft mit Gott und dem Nächsten interpretiert.

  • Christologie: Die besonderen Akzente der Christologie Ritschls liegen einerseits in einer willensmetaphysischen und damit „anti-naturalistischen“ Neuformulierung der klassischen Zwei-Naturen-Lehre, andererseits in der Betonung dessen, dass bei Jesus Christus als dem „Stifter“ der christlichen Gemeinschaft auf charakteristische Weise Werk, Person und Botschaft ineins fallen. Jesu Christi Botschaft liegt gerade in seinem Werk, das auch im Kreuz nichts anderes ist als Ausdruck seiner vollständigen Personhaftigkeit, also: „stetige Berufstreue“ in der Erfüllung seiner Bestimmung. Diese Bestimmung liegt aber in nichts geringerem, als die Menschen mit Gott und untereinander zu versöhnen und so eine neue, die christliche, Gemeinschaft zu stiften.

  • Ekklesiologie und Eschatologie: Wenn Ritschl von Reich Gottes redet, so muss man nach der Kritik Johannes Weiß' und Albert Schweitzers freilich feststellen, dass hier keine eschatologische Größe im traditionellen Sinn gemeint ist, ja: eine Eschatologie findet sich bei Ritschl höchstens in Ansätzen. Letztlich ist das Reich Gottes für ihn vielmehr eine ekklesiologische Chiffre, der man etwa die traditionelle ecclesia militans zur Seite stellen kann. Angesichts der ekklesiologischen Misere, die in der protestantischen Theologie vielerorts zu beklagen ist, muss man aber positiv hervorheben, dass Ritschl hier eine reformatorisch inspirierte, keineswegs binnenkirchlich verengte Ekklesiologie entwirft, der besonders daran gelegen ist, gerade die Unverzichtbarkeit des individuellen Orts und tätigen Beitrags von Christinnen und Christen im Gefüge des allgemeinen Reiches Gottes als der göttlichen Liebeswirklichkeit festzuhalten.


Wenn man nun noch einmal übergreifend Bilanz ziehen will, so muss man konstatieren:


Ritschls Theologie, geprägt von einer charakteristischen Stetigkeit und Seriosität, fängt vermutlich die Tiefen und Untiefen der Glaubenserfahrung des angefochtenen Individuums weniger gut ein als etwa manche Schriften Luthers. Allerdings muss man an die – insbesondere von Luther und ähnlichen ‚Bußtheologen‘ inspirierte – Tradition der Krisentheologie im Gegenzug die Frage stellen, ob sich hier nicht der Fokus auf den Ausnahmezustand rückt, welcher damit sozusagen unter der Hand zur Regel erhoben wird. Wird so nicht der Alltag mit all seiner Stetigkeit, die ganz ordinäre Arbeit in Familie und Beruf und nicht zuletzt, mit der Fokussierung auf individuelle Seelenqualen, die konstitutive Dimension der Gemeinschaft unterbelichtet? Auf all diesen Feldern, praktisch als (keinesfalls banale!) ‚Normaldogmatik und -ethik‘ für den christenmenschlichen Alltagsgebrauch entfaltet Albrecht Ritschls „Unterricht“ seine besondere Stärke. Vielleicht muss man diese Theologie „bürgerlich“ nennen – doch leben wir nicht in der Regel ein bürgerliches Leben und gleitet nicht beispielsweise eine ständige Beschwörung glaubensgewirkter, revolutionärer Umwälzungen in Gottes-, Selbst- und Weltverständnis viel zu leicht ab in weltfremde Bekennerromantik für alltagsferne Sonntagsreden? Ritschl muss uns daran erinnern, dass uns von Jesus Christus her die Hinwendung zum Nächsten gerade als konkrete, alltägliche Liebestätigkeit aufgegeben ist. Und vielleicht ist Ritschl gerade in seiner Alltäglichkeit genuin reformatorisch, insofern er von dieser Basis aus alle Spielarten einer kontemplativen, asketischen Weltflucht, die sich aus Heilsegoismus der Gemeinschaft entzieht, scharf geißelt – ob in Katholizismus oder Pietismus.


Wenn freilich die echten, die gewaltigen Widersprüche und Aporien des Menschen vor Gott aufbrechen, ist sicher auch für den passionierten Ritschlianer hier und da ein modifizierender Rückgriff auf andere Theologiekonzeptionen zu empfehlen. Oder hat man dann gar das Gebiet der Theologie insgesamt zu verlassen, um sich in Gebet (nebenbei: auch ein Zentralbegriff Ritschls), Schrift und Sakrament auf den offenbaren Gott zu werfen? Dies lässt sich Ritschls Unterricht leider nicht entnehmen. Doch von welchem etwa 150 Seiten umfassenden Buch kann man schon verlangen, dass es alle unsere religiösen und theologischen Probleme löst?


Albrecht Ritschl: Unterricht in der christlichen Religion. Studienausgabe nach der 1. Auflage von 1875 nebst den Abweichungen der 2. und 3. Auflage, eingeleitet und herausgegeben von Christine Axt-Piscalar, Tübingen 2002. Das Buch ist – trotz Lieferschwierigkeiten bei Amazon – über den Verlag selbst noch problemlos erhältlich.


1 Dass hier bei aller Abgrenzung von Schleiermacher doch die Gemeinsamkeiten überwiegen, sei nur am Rande erwähnt. Insbesondere in der Christologie, aber auch in anderen Loci ist der Einfluss Schleiermachers offensichtlich – allerdings in charakteristischer Anknüpfung an all die Stellen vor allem der Glaubenslehre, an welchen Schleiermacher den Gemeinschaftsbezug der Religion stark macht.
2 NB: In der Wertschätzung des Alten Testaments und dessen Bedeutung für das Christentum sticht Ritschl unter den meisten seiner Zeitgenossen und auch seiner Schüler (vgl. Harnack) positiv heraus. Dass bei diesem „Läuterungsprogramm“ aus heutiger (kirchengeschichtlicher und exegetischer) Sicht ansonsten einige Korrekturen vorzunehmen sind, ist unbestreitbar. Für den Grundbestand der Theologie Ritschls stellt das aber kein großes Problem dar, meine ich.

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