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Rez. Diarmaid MacCulloch: Reformation

Diarmaid MacCulloch, Reformation. Europe's House Divided. 1490–1700, London 2003 (= Taschenbuchausgabe London 22009)

deutsche Ausgabe: Diarmaid MacCulloch, Die Reformation. 1490–1700, aus dem Englischen übersetzt von Helke Voß-Becher, Klaus Binder und Bernd Leineweber, München 2008.


Die Vorbereitungen für 2017 zeigen es: Ob EKD-Stellungnahme oder fragendes Gemeindeglied, wir verbinden mit „Reformation“ vor allem Luther. Hammerschläge an der Kirchentür, Mut vor dem Kaiser in Worms, Bibelübersetzung auf der Wartburg … Wie aber verhält sich das zu anderen Ländern Europas? Dachten Elisabeth I. von England oder Calvin wie die Wittenberger? Gab es auch in Ländern eine Reformation, die heute katholisch sind? Inwiefern war die Reformation ein plötzliches Ereignis, und inwiefern ein langer Prozess? Und was hatte sie eigentlich mit Alltag und Frömmigkeit einfacher Leute zu tun? Diese historisch wie theologisch spannenden Fragen werden unter Kirchenhistorikern intensiv debattiert; die Antworten aber gelangen nur selten über Expertenkreise hinaus. Jedem, der einige kennenlernen und sich eine differenzierte, lebendige Vorstellung von der Reformationszeit verschaffen will, ist das hier vorgestellte Werk zu empfehlen: Diarmaid MacCulloch, Professor für Kirchengeschichte in Oxford, integriert darin nicht nur (im Unterschied zu vielen anderen Darstellungen) die Sichtweise verschiedener Konfessionen und Länder sowie Politik-, Geistes- und Alltagsgeschichte; er gestaltet daraus auch eine sehr anschauliche Erzählung.


Sprechend für MacCullochs Konzept ist der Untertitel: Europe's House Divided – die historische Bedeutung der Reformation liegt darin, dass sich aus einer gemeinsamen kirchlichen Kultur allmählich konfessionelle Trennlinien und damit eine neue Ordnung Europas entwickeln. „Reformation“ bezeichnet dabei nicht nur Strömungen, die in evangelische Kirchen mündeten, sondern alle, die beabsichtigten, das authentische Christentum wiederherzustellen. Dazu gehört z.B. auch die Gegenreformation (vgl. xix-xxii/13)1. Die Datierung 1490–1700 schließt sich einer zunehmend gängigen Forschungsthese an: Reformation lässt sich nicht auf die Zeit von 1517–1555 beschränken, sondern ist in längere Prozesse einzuordnen, die sich (mindestens) vom Spätmittelalter bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges erstrecken.


Das Buch gliedert sich in drei Teile. „I: A Common Culture” beschreibt die gemeinsamen Anfänge. Für die Zeit vor 1517 (Kap. 1./2.) wird das gängige Bild einer Verfallsepoche zurechtgerückt: So gab es Fortschritte in der Bildung geistlicher und volkssprachliche Bibeln; Spanien und Portugal gelang eine Vereinheitlichung kirchlicher Kultur, die gegen Reformation immun war. Es folgen (3.) die reformatorischen Anfänge Wittenbergs und Zürichs. Speziell die heiß umstrittene Frühzeit Luthers schildert MacCulloch differenziert mit Sinn für dessen Anliegen, aber auch für die nötige Quellenkritik. Für 1524–40 (4.) steht das Verhältnis zur Obrigkeit im Vordergrund. Dabei werden nicht nur gängige Beispiele (Reich, England) beschrieben, sondern auch weniger bekannte wie Polen-Litauen. Viele Leser mag es wundern, die folgenden Kapitel noch im ersten Teil zu finden. Dass in den Jahren 1540–60 mit ihren Reform- und Gesprächsversuchen (z.B. den Reichsreligionsgesprächen) die Trennung noch nicht unüberwindlich war (5.), doch zugleich durch Konflikte (Schmalkaldischer Krieg, Abendmahlsstreit etc.) und Selbstverständigungsprozesse (z.B. auf dem Trienter Konzil) eindeutige konfessionelle Abgrenzungen entstanden, kann sich aber auf zahlreiche neuere Forschungsergebnisse stützen: Mittlerweile ist es praktisch wissenschaftlicher Konsens, dass erst die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts Konfessionskirchen im präzisen Sinne hervorbringt.


Der II. Teil „Europe Divided“ widmet sich den getrennten Konfessionskulturen. Einleitend (7.) werden die konfessionell-politischen Grenzziehungen um 1570 und die innere Vielfalt der Konfessionen herausgestellt. Dann gliedert sich die Darstellung in den evangelischen Norden (8.: Teile des Reichs, Polen-Litauen, Skandinavien, Niederlande, Schottland, England), den katholischen Süden (9.: Italien, Spanien, Portugal und ihre Kolonien) und das umkämpfte Mitteleuropa (10.: Habsburger und Wittelsbacher Lande, Transsilvanien, Frankreich). Hier zeigt sich die geographische und gedankliche Weite des Werks, in dem das Verhältnis zur Ostkirche ebenso thematisiert wird wie der atypische Verlauf der Gegenreformation in Frankreich oder die Antitrinitarier einschließende religiöse Toleranz in Polen. Es folgen zwei Kapitel (11./12.) über Ursachen, Kontext und Konsequenzen des Dreißigjährigen Kriegs und des englischen Civil War. MacCulloch hebt hervor, dass hier zwei Charakteristika der Reformationszeit grundsätzlich in Frage gestellt wurden: die quasi-religiöse Dignität politischer Ordnungen sowie die Konfliktlösung durch Religionskriege.


Teil III „Patterns of Life“ behandelt lebensweltliche Entwicklungen, die sich keinem einzelnen Zeitabschnitt zuordnen lassen. Die Zeitwahrnehmung (13.) schließt nicht nur Kalenderreformen ein, sondern auch Endzeiterwartungen und deren Konsequenzen, z.B. Hexenverfolgung. Es folgen Leben, Tod und Kirchendisziplin (14.), zu denen auch der Umgang mit Büchern, Kunst und Musik gehört, sowie Ehe, Familie und Sexualmoral, die einerseits bleibende Züge aufwiesen (15.), andererseits eine „Sittenreformation“ durchmachten (16.). Das letzte Kapitel (17.) geht auf Folgen der Reformation ein. MacCulloch ist wichtig, diese nicht einlinig zu bestimmen: Toleranz war faktisch Konsequenz der Mehrkonfessionalität, wurde aber von den meisten Akteuren abgelehnt; Naturforschung und Religion konnten kollidieren, aber waren für viele Forscher keine Gegensätze; die Aufklärung knüpfte an Infragestellungen des Konfessionellen an, aber war darum nicht antireligiös. Abschließend wird knapp die Entwicklung hin zur heutigen Rolle der Konfessionen angedeutet.


Jeder Leser wird in diesem Buch spannende Entdeckungen machen. Wer weiß schon, dass in Graubünden 1526 jedes Dorf seine Kirchenzugehörigkeit wählen durfte (164/229) oder Ausgrabungen urchristlicher Katakomben die Identität der Gegenreformation prägten (402–404/529–533)? Gängige Vorstellungen werden korrigiert: Im England des 16. Jahrhunderts war das Heiratsalter kaum niedriger als heute (616–618/794–795); die Reformierten Ochino und Vermigli sowie die katholischen Reformer Contarini und Pole waren Schüler des gleichen Lehrers Valdés (213–215/292–295). Auch an unterhaltsamen Details fehlt es nicht, so begegnen ein Codesystem für Engelpostservice (92/137), eine Königin, die das Neue Testament auf Griechisch liest (287/385) oder das schottische Verbot, ein so unbiblisches Fest wie Weihnachten zu feiern (379/501).


Forscher werden natürlich auch Einzelheiten finden, die eine genauere Darstellung verdient hätten: z.B. die Stadtreformationen im Reich (vgl. 49–51/83–85). Dass nicht nur der Thomismus, sondern auch der Scotismus zur Erneuerung der römischen Theologie beitrug, fällt leider unter den Tisch (26/53 u.ö.). Der Consensus von Sandomir 1570 in Polen (die erste lutherisch-reformierte Abendmahlskonkordie!) kommt nicht vor. Dergleichen spiegelt aber die Tatsache, dass jeder Historiker selbstverständlich bestimmte Aspekte und Länder genauer kennt als andere.


Grundsätzlich problematisch erscheint, dass Zwingli stets von einem lutherischen Verständnis des Reformatorischen her beurteilt und in die Nähe gewaltbereiter radikaler Strömungen gerückt wird (vgl. 137–152.176.205/194–211.245.282). Das wird Zwinglis Intentionen schwerlich gerecht (zumal etwa die für seine Theologie zentrale, eigenwillig gefasste Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf nicht einmal erwähnt wird). Eine Sicht durch Luthers Brille widerfährt gelegentlich auch anderen (z.B. Melanchthon 228/310). Dies ist besonders bedauerlich, da MacCullochs Konzept eigentlich auf Überwindung solcher konfessionellen und nationalen Forschungseinseitigkeiten ausgelegt ist und ihm eine faire Würdigung etwa bei Täufern (z.B. 166–167/231–232) oder Gegenreformatoren (z.B. 322–329/427–437) auch meisterlich gelingt.


Theologen werden darüber stolpern, dass MacCulloch mit Lesern rechnet, die kaum Kenntnisse des Christentums haben. So enthält der Anhang Nizänum, Apostolicum, Zehn Gebote, Vaterunser und Ave Maria! Die anschauliche Erklärung grundlegender Konzepte (etwa Substanz und Akzidentien, 25/53) hat andererseits den Vorteil, dass das Buch auch für theologische Laien problemlos lesbar ist.


Formal ist anzumerken, dass Abbildungen und Landkarten sich oft an anderer Stelle befinden als der dadurch illustrierte Text. Die deutsche Übersetzung ist zuverlässig; demjenigen, der Englisch flüssig liest, sei aber das Original empfohlen: MacCullochs differenzierte Zwischentöne und sein Humor kommen hier naturgemäß deutlicher zur Geltung.


Dem Buch sind zahlreiche Leser zu wünschen, die sich durch seinen beträchtlichen Umfang nicht abschrecken lassen: Sie werden nicht nur durch Erkenntnisgewinn, sondern auch durch großen Lesegenuss belohnt!


Corinna Ehlers


Corinna Ehlers hat in Tübingen, Zürich und Jena Evangelische Theologie studiert und als Hilfskraft am Sachregister zu Luthers Werken sowie an der Neuedition der Confessio Augustana mitgewirkt. Derzeit arbeitet sie in Tübingen an einer Dissertation zur lutherisch-reformierten Konfessionsbildung im Zweiten Abendmahlsstreit (1552–1561) und ist ab April 2014 Kollegiatin im interdisziplinären Graduiertenkolleg „Religiöses Wissen im vormodernen Europa“

1 Die erste Zahl bezeichnet stets die Seitenzahlen der Ausgabe London 22009, die zweite die der deutschen Übersetzung.

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