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Rechtfertigung und Freiheit: 500 Jahre Reformation

I

Mit „Reformation und Freiheit: 500 Jahre Reformation 2017“ legt die Evangelische Kirche in Deutschland einen Grundlagentext vor, der von einer ad-hoc-Kommission unter Vorsitz des Berliner Kirchenhistorikers Christoph Markschies vorbereitet und formuliert wurde.i Die Gattung des Grundlagentextes stellt klar, dass es sich nicht um eine Denkschrift oder eine Orientierungshilfe handelt – schade eigentlich, denn das Zeug zu einer solchen hätte der vorgelegte Text durchaus.

II

Das Herzstück des etwas mehr als 100-seitigen Textes stellt eine Analyse der reformatorischen Exklusivpartikel (solus Christus, sola gratia, solo verbo, sola scriptura, sola fide) sowie des Rechtfertigungsbegriffs als „Schlüssel der Reformation“ (44) dar (44-93). Bei der Behandlung der Exklusivpartikel gehen die Autoren jeweils in einem Viererschritt vor: An die knappe Darstellung des „Theologische[n] Grundgedanken[s]“ schließen sich zwei Ausführungen dieses Grundgedankens an, bevor abschließend jeweils eine innerkirchliche und eine gesellschaftliche aktuelle Herausforderung genannt wird. Damit wird dem schon in der Einleitung formulierten Konzept der Reformation als „offene[r] Lerngeschichte“ (34-43) entsprochen und zugleich der Überzeugung Rechnung getragen, dass die Kirche Jesu Christi wirklich immer eine zu reformierende sei. Gerade die aus der Analyse der Exklusivpartikel gewonnenen Herausforderungen an die (reformatorischen) Kirchen des 21. Jahrhunderts macht deutlich, dass Reformationsgedenken keine rein museale Angelegenheit ist. So resultiert aus dem solus christus die Forderung, dass Kirche in Verkündigung wie im interreligiösen Dialog gerade nicht einer diffusen und darum harmlosen allgemeinen Religiosität das Wort führen solle, sondern der Christusbezug konstitutiv für kirchliches Reden sein müsse (56-58). Sola gratia fordert dazu heraus, gegen die „allzu menschliche[n] Wertevorstellungen“ (67) der postmodernen Leistungs- und Konsumgesellschaft daran festzuhalten, dass der Mensch grundsätzlich Sünder sei – das ruft zur Demut vor Gott auf, hilft aber auch dabei, im menschlichen Miteinander den Unterschied von Person und Werk zu beherzigen (66-68). Das solo verbo bedeutet einerseits eine Herausforderung an die Predigtkultur, andererseits aber auch eine Chance, weil das Hören auf Gottes Wort gerade in einer schnelllebigen Informationsgesellschaft Räume der Entschleunigung fordert (74f.). Das Schriftprinzip sola scriptura beschreibt nach wie vor treffend die zentrale Rolle der Bibel in evangelischer Lehrbildung und Frömmigkeit (83-86), die in den letzten Jahrhunderten gewonnene Einsicht, dass wissenschaftliche Arbeit mit heiligen Texten nicht zur Zerstörung des Glaubens führe, ist ein wichtiger Beitrag des Christentums im interreligiösen Gespräch gerade mit dem Islam (86). Mit sola fide schließlich verbindet sich – auf den ersten Blick etwas überraschend – das Priestertum aller Gläubigen, also eine Nivellierung innerkirchlicher Hierarchie auf der einen Seite (91f), auf der anderen Seite kommt hier die Forderung nach tätiger Nächstenliebe in den Blick (92f). Umgriffen wird dieser Hauptteil von einer einleitenden Besinnung auf „Reformation – damals und heute“ (11-43) und einer Erörterung über eine angemessene Art und Weise, die Reformation zu feiern (94-106), bevor ein knapper und präziser Schluss (107-109) die Kerngedanken bündelt. Getragen ist der Grundlagentext demnach von der Einschätzung der Reformation als einem weltgeschichtlich bedeutsamen Ereignis (11): Die Reformation als „Paradigmenwechsel einer theologischen Elite löste einen Mentalitätswechsel breiter Schichten aus, der die Verfassungsordnung und die Lebenswirklichkeit unserer eigenen Gesellschaft wie auch vieler anderer zutiefst prägt“ (107). Die Kommission will vor diesem Hintergrund dazu ermuntern, „im Jahr 2017 die Botschaft von der in der Rechtfertigung begründeten Freiheit als Christusfest“ zu feiern (109). Die Charakterisierung des Reformationsjubiläums als Christusfest steht für die durchgängig erkennbare Forderung des Textes, 2017 gemeinsam mit römisch-katholischen Christen das Evangelium von Jesus Christus zu feiern, welches die Reformation gemeinsam mit der sich in der Konfessionalisierung entwickelnden römisch-katholischen Kirche bezeugt. Dass damit etwa der Forderung Kardinal Kurt Kochs, 2017 in ökumenischer Buße angesichts der Kirchenspaltung zu begehen,ii eine Absage erteilt wird, versteht sich von selbst und wird auch – wenngleich höflich – so formuliert (9). Beigegeben ist ein kleines Verzeichnis über „[e]inführende Literatur“ (110f), in dem überwiegend relevante Standardwerke der Forschung der letzten zehn Jahre aufgelistet werden, das aber auch Klassiker wie Gerhard Ebelings „Luther. Einführung in sein Denken“ oder Bernd Moellers einschlägige Darstellung „Deutschland im Zeitalter der Reformation“ enthält, und dass schließlich mit Otto Hermann Peschs „Hinführung zu Luther“ auch eine markante römisch-katholische Monographie enthält. Etwas deplatziert wirkt angesichts dieser solide-wissenschaftlichen Ausrichtung, dass das Verzeichnis auch Margot Käßmanns – doch eher auf den frommen Hausgebrauch zugeschnittene – Sammlung von Lutherworten („Schlag nach bei Luther“) enthält. Die Verbindung der Begriffe Rechtfertigung und Freiheit, welche dem Text seinen Titel gibt, durchzieht die Ausführungen als Leitmotiv. Dabei wird einerseits die Bedeutung der Reformation für die „neuzeitliche Freiheitsgeschichte“ (100) betont und besonders klar im Abschnitt „Die Reformation und die Freiheitsgeschichte“ (98-104) herausgearbeitet. Hier wird nach Meinung der Autoren besonders deutlich, dass die Reformation und das Gedenken an sie gesamtgesellschaftliche Relevanz hat. Zum anderen weisen sie darauf hin, dass der christliche Freiheitsbegriff die Möglichkeit eröffnet, die Rechtfertigungsbotschaft unter veränderten historischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so zu reformulieren, dass ihre Relevanz auch Menschen deutlich wird, die nicht mehr von Höllenfurcht gepeinigt sind (28; 32f.).

III

Der vorgelegte Text ist ein mustergültiges Beispiel für eine gelungene Aktualisierung zentraler Lehrgehalte des Christentums, wie sie aus dem Hören auf die Schrift in der Reformationszeit formuliert wurden. Die Entscheidung der Kommission, dabei von den reformatorischen Exklusivpartikeln auszugehen, überzeugt nicht nur wegen der Griffigkeit, die der gesamte Text so erhält, sondern auch sachlich: diese Schlagwörter haben sich seit ihrer Etablierung als wissenschaftlich tragfähig erwiesen,iii sie ermöglichen trotz ihrer relativen Offenheit eine präzise Erfassung dessen, worum es geht. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass die Kommission sich bemüht hat, die in deutschen Landen allgegenwärtige Reduzierung der Reformation auf die (zweifellos eindrucksvolle) Person Martin Luthers zu durchbrechen: der Text betont gleich zu Beginn die personale Vielgestaltigkeit der reformatorischen Bewegung (12f., s. auch 18f.) und ihre Verwurzelung in der Herausbildung des frühneuzeitlichen Staatswesens (etwa 20). Dass dieser Anspruch in der Durchführung nicht immer gelingtiv und etwa die Skizze eines evangelisches Verständnis vom geistlichen Amt nur auf Luthers Adelsschrift von 1520 zurückgreift,v fällt demgegenüber nicht weiter ins Gewicht. Durchgängig gelungen ist es der Kommission, ihre Ergebnisse in einer angemessenen Sprache zu präsentieren. Wenn der Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, ihn daher „theologisch interessierte Menschen, Kirchenvorstände, Theologen und Theologinnen, aber auch […] eine[r] breitere Öffentlichkeit, die nach der Bedeutung des Reformationsjubiläums 2017 fragt“ (10) ans Herz legt, kann er dies guten Gewissens tun: Auch nicht akademisch gebildete Theologen werden hier in verständlicher Sprachgestalt zentrale Theologumena antreffen. Dem akademisch gebildeten Theologen wird an manchen Stellen Vieles einfallen, was noch gesagt hätte werden können. Das mindert aber nicht die Verdienste der Kommission. Dem Ziel, mit der 500-Jahr-Feier der Reformation „nicht nur einige überraschende und kraftvolle Aktionen durchzuführen, sondern auch intensive inhaltliche Debatten über Sachanliegen der Reformation zu entfesseln“ (106), dient dieser Grundlagentext jedenfalls in vorbildlicher Weise.

Tobias Jammerthal

500 Jahre Reformation 2017. Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, 2014. http://ekd.de/download/2014_rechtfertigung_und_freiheit.pdf



i Der Kommission gehörten neben Markschies an: Dorothea Deneke-Stoll, Tabea Dölker, Kirsten Fehrs, Jens und Thies Gundlach, Martin Hauger, Martin Hirzel, Margot Käßmann, Anne Käfer, Ulrich Kasparick, Annette Kurschus, Rochus Leonhardt, Volker Leppin, Gottfried W. Locher, Uwe Michelsen, Christoph Seele, Christiane Tietz und Johannes Weiß. Vgl. http://ekd.de/EKD-Texte/93094.html

iii Vgl. die Erläuterungen zur Begriffsgenese 46-48.
iv So stehen – auf rein morphologischer Ebene gesehen – 20 Zitaten aus Lutherschriften 18 nicht-luthersche Zitate gegenüber, von denen immerhin 6 auf Calvin und je 3 auf Zwingli und auf den Heidelberger Katechismus entfallen.
v 41f. zur Legitimierung der Frauenordination, 89-91 zur Klarstellung, dass die Ordination keine Priesterweihe sei. Dass die klar funktionale Begründung eines Predigtamtes in den Artikeln V und XIV der Confessio Augustana nicht einmal erwähnt wird, schwächt die Argumentation insbesondere des mit "Priestertum aller Glaubenden" (89-91) überschriebenen Abschnitts unnötig; vielmehr hätte insbesondere CA V mit seiner positiven Beschreibung des Amtes der im Text nun zu findenden, ausschließlich negativen Argumentation (Absetzung vom römisch-katholischen Weiheverständnis) doch einen deutlich selbstbewussteren und fröhlicheren Eindruck gegeben.

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Kommentare

Tobias Grassmann
Wer zum Vergleich an einer anderen, deutlich kritischeren Stellungnahme von Seiten des Göttinger Kirchengeschichtlers Kaufmann zu diesem Papier interessiert ist:

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article128354577/Die-EKD-hat-ein-ideologisches-Luther-Bild.html

Die Einwände sind nicht alle von der Hand zu weisen, finde ich.

Interessanter finde ich allerdings die Konvergenz mit diesem Blogartikel bezüglich der Kritik an einer unangemessenen Konzentration auf Luther. Hier scheint die Kirchengeschichte (über die verschiedenen Lager Tübingen/Göttingen hinweg) dem kirchlichen Mainstream und dessen Stellungnahmen ein Stück voraus zu sein.
26.05.2014 - 17:55 Uhr
Niklas Schleicher
Auf die Kritik von Thomas Kaufmann und Heinz Schilling an der EKD-Schrift antwortet mit Christoph Markschies ein Mitverfasser dieser:

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article128798355/Die-EKD-bleibt-bei-der-Theologie-und-das-ist-gut-so.htmll

08.06.2014 - 08:29 Uhr
Tobias Jammerthal
Das Papier hat derweil auch auf römisch-katholischer Seite Kritik geernet: Karl Kardinal Kasper vermisst eine explizite Erwähnung der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" von 1999 und der römisch-katholische Bischof von Madgeburg vermisst „ökumenische Aufgeschlossenheit“.

Darauf reagiert mit Volker Leppin einer der Mitverfasser des Papiers: http://www.katholisch.de/de/katholisch/themen/kirche_2/140630_leppin_replik_kasper.php p
04.07.2014 - 13:26 Uhr
Niklas Schleicher
07.07.2014 - 11:56 Uhr
Tobias Jammerthal
Und auch der Heidelberger Kirchenhistoriker Christoph Strohm meldet sich zu Wort:http://aktuell.evangelisch.de/artikel/108320/der-vorwurf-der-lutherideologie-ist-herabsetzend
19.07.2014 - 13:30 Uhr
Tobias Jammerthal
Unterdessen scheint sich die Debatte vom protestantisch-theologischen Feld endgültig auf das Feld des interkonfessionellen Gesprächs zu bewegen.
• Wolfgang Thönissen, immerhin Leiter des Johann-Adam-Möhler-Instituts f. Ökumenik, kritisiert den Text als unökumenisch: http://www.katholisch.de/de/katholisch/themen/kirche_2/140710_thoenissen_ekd.php
• Der bayerische Landesbischof geht gegen römisch-katholische Kritik an: http://www.katholisch.de/de/katholisch/themen/kirche_2/140721_beitrag_bedford_strohm.php
Offenbar ist die „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ doch nicht so einfach. Der Versuch der deutschen Protestanten, sich ihres wichtigsten dogmatischen Erbteils neu zu vergewissern, hat auf liberal-römisch-katholischer Seite inzwischen Reaktionen hervorgerufen, die beinahe an protestantische Reaktionen auf Dominus Jesus, den seinerseits so umstrittenen Text der Glaubenskongregation, erinnern.
22.07.2014 - 12:23 Uhr
Tobias Jammerthal
... und weiter geht es mit einem Beitrag von: Dorothea Sattler
30.07.2014 - 10:36 Uhr
Tobias Graßmann
Da hast du, Tobias, dir aber einen besonderen nthk-Orden für die hevorragende Dokumentation dieser Debatte verdient!
31.07.2014 - 10:32 Uhr
Tobias Jammerthal
...und weiter geht es mit den Stellungnahmen, diesmal eine positive aus der Feder des Freiburger Fundamentaltheologen Magnus Striet, zusammengefasst beim EPD wie folgt: http://ekd.de/aktuell_presse/news_2014_08_26_1_rechtfertigung_und_freiheit.html
28.08.2014 - 11:29 Uhr