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Peter Brown: Augustine of Hippo

von David Burkhart Janssen

Aurelius Augustinus von Hippo ist nicht nur einer der bedeutendsten Kirchenväter, sondern auch durch den großen Fundus seiner uns erhaltenen Schriften eine der komplexesten und literarisch am besten fassbaren Gestalten der Antiken Welt. Dieser Person hat Peter Brown, Althistoriker an der Universität Princton und führender Augustin-Kenner der anglophonen Welt, eine umfangreiche Biographie gewidmet, die zuerst 1967 erschien und 2000 mit einem umfangreichen Anhang überarbeitet neu aufgelegt wurde (Peter Brown, Augustine of Hippo: A Biography. A New Edition with an Epilogue [2nd ed.; Berkeley/ Los Angeles: University of California Press 2000]; Peter Brown, Augustinus von Hippo: Eine Biographie [2te Auflage; übersetzt von Johannes Bernhard und Walter Kumpmann; München: Deutscher Taschenbuch-Verlag 2000].).

Peter Browns Augustin Biographie ist 548 Seiten lang, davon entfallen 442 Seiten auf den Hauptteil, der Anhang besteht aus zwei Kapiteln, welche neuere Forschungsergebnisse mit einfließen lassen. Die Biographie orientiert sich chronologisch anhand von Augustins Leben. Unterteilt ist sie in fünf Teile, die jeweils zwischen einem und zwei Jahrzehnten aus Augustins Leben abdecken. Der erste Teil behandelt die ganze Jugend Augustins und die Hintergründe des spätantiken Africa. Eingeleitet werden diese fünf Teilabschnitte jeweils mit einer mehrseitigen Tabelle, die die relevanten Daten und Fakten zu Augustins Leben und Umwelt auflisten. Sonst hält sich Peter Brown mit „drögem Faktenwissen“ eher zurück, es geht ihm um die geistigen und gesellschaftlichen Hintergründe und Einflüsse, denen Augustin ausgesetzt war, und die philosophisch-theologischen Gedanken, mit denen Augustin seine Zeit und Nachwelt selbst prägte. Browns Biographie ist darum auch kein typisches Nachschlagewerk, obwohl es mit einem umfangreichen Index ausgestattet ist. Jeder der fünf Teile der Biographie ist in Kapitel gegliedert. Jedes Kapitel beschäftigt sich dabei mit einem Lebensabschnitt bzw. einem philosophisch-theologischem Problem Augustins in dieser Zeit: Dabei kommt es natürlich auch zu gewissen Überlappungen und Sprüngen innerhalb der Zeit. Dies kann einem Leser mit gar keinem bis wenig Vorkenntnissen durchaus Schwierigkeiten bereiten. Anderseits schafft jedes Kapitel einen sehr guten und detaillierten Überblick über die einzelnen Themen / Lebensabschnitte Augustins.

In seiner Augustin-Biographie stellt Peter Brown die Entwicklung der Persönlichkeit Augustins in ihrem historischen Kontext in den Mittelpunkt. Gerade auf die Welt des spätantiken westlichen Mittelmeerraums liegt der Schwerpunkt dieses Buches. Dabei stellt Brown geschickt die Vielseitigkeit der spätantiken Kultur da, die er als eine Umbruchszeit zwischen klassisch-antiker und christlicher Tradition charakterisiert. Augustin ist für ihn somit ein typischer Repräsentant dieser Zeit, der diesem Umbruch ausgesetzt ist. Gerade hier muss man Brown auch kritisch betrachten, da es auch divergierende Theorien zur Spätantike gibt und Browns Augustin Deutung stark von seiner Interpretation der Zeit abhängt. Diese Welt lässt Brown durch einen Blick fürs Detail, viele Anekdoten und viele Analogieschlüsse quer durch die Weltgeschichte für den Leser lebendig werden. Dies ist eine große Stärke des Werkes. Brown gelingt es, sowohl für Laien als auch für fortgeschrittene Kenner der Spätantike, ein stichhaltiges Bild der Umwelt Augustins zu skizzieren, Interesse für eine weitere Erforschung dieser Welt zu wecken und gleichzeitig die Relevanz der Geschehnisse und philosophischen Gedanken für die heutige Zeit zu betonen. Trotzdem bleibt Brown dabei wissenschaftlich genau. Dabei schafft es Brown, Augustins Wirkung auf seine Zeitgenossen darzustellen, und differenziert davon die zeitlose theologische Relevanz seiner Überlegungen. Trotzdem birgt sein Vorgehen jedoch auch die Gefahr von Anachronismen. Außerdem ist seine Sprache stark bildhaft und dadurch auch wertend.

Brown arbeitet vorrangig mit dem literarischen Corpus Augustins, wobei er natürlich Schwerpunkte setzt, v.a. auf die Confessiones, Briefe/ Epistulae und de civitate dei. Hilfreich ist dabei, dass er viel zitiert, allerdings immer übersetzt, so dass der Leser das lateinische Original selbst nachschlagen muss. Die starke Verwendung von Augustins eigenen Worten sorgt für Authentizität und gibt dem Leser einen guten Überblick über Augustins literarisches Schaffen und für Augustins eigene Sprache: Indem Brown Augustins „eigener Stimme“ viel Platz einräumt, führt er den Leser unwillkürlich in Augustins Denkmuster ein, ohne spekulativ zu werden. Dagegen repetiert Brown weniger vorgegebene Thesen, sondern entwickelt ein eigenes, kohärentes Bild von Augustin. Die verwendete Literatur ist natürlich, aufgrund des Abfassungsdatums, bereits etwas älter. Im Anhang gibt es zwar noch zwei Kapitel zur neueren Forschungsgeschichte, dabei bezieht sich das Kapitel „New Evidence“ auf einige neu wiederentdeckte Briefe Augustins (die sogenannten Divjak Briefe) und den Dolbeau Sermon, im Kapitel „New Directions“ revidiert Brown das Augustin-Bild seiner Biographie etwas und rückt Augustin in ein etwas positiveres Licht.

Im Zentrum von Browns Biographie steht dabei nicht unbedingt die Theologie oder Philosophie Augustins. Die Kapitel gliedern sich nach Augustins Lebensphasen, es handelt sich schließlich auch um eine Biographie, die der Persönlichkeit Augustins als Kind seiner Zeit gerecht werden will und auch wird. Trotzdem werden Augustins theologischen Entwicklungsprozesse natürlich ausführlich dargestellt. Dabei plädiert Brown v.a. dafür, dass Augustins philosophisch-theologischen Entscheidungen auf Grundlage von seinem Lebensumfeld und den vorliegenden theologisch und gesellschaftlichen Problemstellungen desselben gesehen werden müsse. So sieht Brown etwa in vielen Schriften Augustins (etwa de civitate dei) eine Auseinandersetzung mit der noch verbreiteten paganen Kultur, die sich auf die Errungenschaften „ihrer“ Philosophie stützte. Dieser Konflikt wiederum spiegele sich in vielen Teilen von Augustins Leben wieder, was gerade an Augustins Verhältnis zum Platonismus deutlich werde. Außerdem durchzieht das ganze Buch die These, dass Augustin nach Weisheit und Erkenntnis, gerade in der Frage nach dem Bösen, gestrebt habe, was Brown auch für ein Charakteristikum von Augustins Zeit hält. Ausführlich geht Brown auch auf die gesellschaftliche Prägung Augustins aus seiner Zeit in Thegaste, Karthago, Mailand und Hippo ein. Diese starke Konzentration auf eine Kontinuität Augustins innerhalb seiner Zeit bedeutet für Brown nicht, dass er Augustin Innovationen auf dem theologischen Feld abspräche. Im Gegenteil, denn gerade dadurch, dass Augustin konsequent als Kind seiner Zeit und seine geistige Entwicklung nie abgetrennt von seiner Umwelt gesehen wird, wird der eigentliche Genius Augustins aufgedeckt und seine große Bedeutung für die Theologie in seiner Zeit bis in unsere Zeit hinein betont. Gleichzeitig schafft Brown es dabei, Augustins Menschlichkeit zu bewahren.

Am Ende der Biographie fühlt sich der Leser fast, als wäre er Teil dieser spätantiken Welt, so bildhaft, präzise und menschlich hat Peter Brown sie dargestellt. Es gelingt Brown, die vielseitige Persönlichkeit Augustins zu skizzieren, ohne dabei zu vergessen, dass Augustin uns zwar durch seine Werke nahe erscheinen mag, aber doch vor über 1500 Jahren gelebt hat. Deshalb verliert sich Brown auch nicht in Psychologisierungen oder Spekulationen, genauso wenig wie er Augustin an heutigen Moralmaßstäben misst. Brown gelingt es somit, den Zusammenhang zwischen der historischen Situation und den philosophischen Gedanken Augustins aufzuzeigen, aber verliert dabei trotzdem nicht die Zeitlosigkeit der Philosophie Augustins aus den Augen. Somit zeigt Brown auch die Relevanz der Fragestellungen, mit denen sich Augustin auseinandersetzte, für die heutige Zeit auf. Diese Biographie ist deshalb zurecht ein Standartwerk über Augustins Leben, sie fordert den Leser aber zu einer eigenen, tieferen Beschäftigung mit der Spätantike und dem spätantiken Christentum heraus.


David Burkhart Janssen studiert in Tübingen evangelische Theologie (Pfarramt) und arbeitet als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Kirchengeschichte mit Schwerpunkt Alte Kirche (Prof. Dr. Volker Drecoll).

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