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Martin Kähler: Geschichte der protestantischen Dogmatik im 19. Jahrhundert

Wir schreiben mittlerweile das 21. Jahrhundert. Die Bedingungen, unter denen Theologie getrieben wird, haben sich schon gegenüber denen, unter denen im 20. Jahrhundert noch Theologie getrieben werden konnte, erheblich geändert. Und dennoch prägt die Theologie des 20. Jahrhunderts das Bisschen, was von der Theologie des 21. bisher sichtbar ist, entscheidend. Und damit steht auch fest, warum eine Geschichte der protestantischen Dogmatik im 19. Jahrhundert mehr als nur antiquarisches Interesse in uns erwecken kann: die Frontstellungen des 19. Jahrhunderts sind es, die ihren Schatten auf die Theologie des 20. geworfen haben – und damit stehen auch wir im 21. Jahrhundert im langen Schatten des 19. Jahrhunderts.


Martin Kähler, dessen Geschichte der protestantischen Dogmatik im 19. Jahrhundert hier vorzustellen ist, hat dabei nicht den Ruf eines prominenten Theologen. Während er noch im ausgehenden 19. Jahrhundert so angesehen war, dass ihn die Berliner theologische Fakultät einstimmig für die "positive" Professur, mit der die Berufung Adolf Harnacks "ausbalanciert" werden sollte, vorschlug,i kennt man ihn in unseren Tagen höchstens noch für seine kleine Schrift "Der sogenannte historische Jesus und der geschichtliche, biblische Christus" (1892, 21969)ii, mit der er Albrecht Schweitzers kritische Bewertung der Leben-Jesu-Forschung in einer Weise vorwegnahm, die später Rudolf Bultmann aufnehmen und fortführen sollte.iii


Dennoch ist seine hier vorzustellende Schrift interessant. Sein Enkel Ernst Kähler bringt sie in der Fassung, in der sie im Sommersemester 1898 in Halle vorgetragen wurde; für die zweite Ausgabe wurde zusätzliches späteres Material einbezogen.iv Ihre Relevanz bekommt sie nicht zuletzt daraus, dass die Mehrheit der theologischen Mitglieder der Bekenntnissynode zu Barmen von 1934 mit ihr und bei ihrem Verfasser ihr theologisches Handwerkszeug gelernt hat.v Dass es sich beim gebotenen Text um eine studentische Mitschrift handelt, die der alte Kähler zwar durchgesehen, aber noch nicht für den Druck freigegeben hatte, macht sich unter anderem darin bemerkbar, dass die häufigen Zitate aus den Werken der jeweils besprochenen Theologen praktisch nie nachgewiesen werden, was den Lesefluss zwar nicht mindert, den Leser aber der Möglichkeit beraubt, an der einen oder anderen Stelle noch einmal genauer nachzuprüfen.


Mit seiner Vorlesung, so führt er es in den Prolegomena aus (14-17), will Kähler "dazu ermuntern und in den Stand setzen, aus dem reichen Schatze der Arbeit des 19. Jahrhunders unverdrossen zu schöpfen" (15). Um diesen Anspruch zu erfüllen, gibt er zunächst einleitend eine Übersicht über "[d]ie geschichtlichen Voraussetzungen der protestantischen Theologie und die Bedingungen ihrer Entwicklung" (18-40). Unter dem Stichwort "Die grundlegende Dogmatik des Protestantismus" (18-25) beschäftigt er sich mit der Reformationszeit und dem beginnenden 17. Jahrhundert. "Die Umwandlung der protestantischen Scholastik in die moderne Dogmatik" (26-40) stellt Kähler vor allem anhand der rationalistischen und pietistischen Anfragen an orthodoxe Lehrweise und -gehalte dar.


Den Beginn der eigentlichen Geschichte der protestantischen Dogmatik im 19. Jahrhundert macht auch für Kähler Friedrich Schleiermacher (41-81): "Es wäre schlimm, wenn auf irgendeinen folgenden Theologen Schleiermacher nicht eingewirkt hätte." (117/118). Kähler umreißt Schleiermachers grundlegenden Beitrag zur Dogmatik des 19. Jahrhunderts anhand seiner "Reden über die christliche Religion", seiner "Kurzen Darstellung des theologischen Studiums" und seiner "Glaubenslehre" und würdigt die insbesondere in den Reden gewahrte "Selbständigkeit und Unabhängigkeit des religiösen Lebens gegenüber der Wissenschaft und Moral" und die Ansätze zur Überwindung der Individualisierung (82). Seine Kritik entzündet sich neben der starken Rolle der Philosophie insbesondere an dem mangelnden Sinn für Offenbarung und Geschichte, den er Schleiermacher vorwirft (66, ähnlich 79f).


Im Anschluss an die Einordnung Schleiermachers geht Kähler cum grano salis chronologisch vor: Die 1830er und 40er Jahre sieht er von der Vermittlungstheologie (82-146) geprägt, die nach 1848 zunehmend in Flügelkämpfe gerät. Dieses chronologische Vorgehen erleichtert das Lesen, ob Kähler damit der Komplexität der theologischen Landschaft immer gerecht wird, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Kähler unterscheidet zwischen "spekulativer" (93-117), "kirchlich-pietistisch bestimmter" (118-139) und "humanitaristischer" (140-146) Vermittlungstheologie. Besonders herauszuheben ist sein Bemühen um eine differenzierte Begriffsverwendung (86-92): den Begriff "liberal" hält er für anachronistisch und darum nicht auf die Vermittlungstheologen anwendbar. Vielmehr kennzeichne der Begriff der Vermittlung diese Theologen vollkommen treffend, weil sie insgesamt geprägt sei von "eine[r] unbefangene[n] Zuversicht darauf, dass man mit den Mitteln der Wissenschaft dem Christentum zum Siege verhelfen kann" (89) – dass dies sie innerkirchlich wie innertheologisch zu unterschiedlichen Positionen bringen kann, führt er im Folgenden aus.


Die 1860er und 1870er Jahre sind für Kähler die Zeit des Positivismus (147-192) biblizistischer (155-166) und konfessioneller (167-192) Prägung. Das Phänomen des biblizistischen Positivismus stellt Kähler vor allem anhand seines Tübinger Lehrers Tobias Beck dar (158-165), dessen Bestreben es gewesen sei, "sich hinein[zu]leben in dieses Chaos der Bibel, aber dann in diesem Chaos die innere Ordnung [zu] finden" (159), wobei Kähler nicht verschweigt, dass "in diesem biblischen System eben etwas verloren geht, nämlich der evangelisch-reformatorische Begriff der christlichen Freiheit." (164). Der theologische Konfessionalismus ist nach Kähler nicht einfach aus Opposition zur preußischen Union heraus entsprungen, sondern wurzelt im Konventikelwesen und zeichnet sich vor allem durch seine Wertschätzung der Theologie des 16. und 17. Jahrhunderts aus, wobei sein Aufstieg mit dem Zerfallen der Vermittlungstheologie zusammenzusehen sei (169-171). Kählers Hauptanliegen ist es, darzustellen, dass "die konfessionellen Theologen […] durchaus nicht so konfessionell" seien, "wie die praktischen Konfessionalisten sich das eigentlich dachten" (176).


Die beiden letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts sieht Kähler unter dem Stichwort der „Dogmatik der religiösen Erkenntnis“ (193-270) vor allem dem intensiven Nachdenken über die Möglichkeit, des christlichen Glaubens gewiss zu werden, gewidmet. Kähler behandelt die beiden Erlanger Johann Hofmann und Franz Frank (212-234), die Neohegelianer (235-239), widmet sich Albrecht Ritschl (240-262) und Richard Lipsius (263). Besonderen Wert legt er darauf, dass dieser Teil der Theologiegeschichte des 19. Jahrhunderts noch nicht abgeschlossen sei (194). Man könne daher nur vorläufig einschätzen, welchen Platz die Theologie ab 1880 im Gesamt der 1898 ja noch laufenden Geschichte der protestantischen Dogmatik seines Jahrhunderts einnehmen würde.


Kählers Sprache ist von einer erfrischenden Klarheit und Nüchternheit, was nicht nur der Form des mündlichen Vortrags, der auch in der stenographischen Mitschrift sicherlich entschlackt wurde, geschuldet ist, sondern auch von anderen kählerschen Schriften gesagt werden kann.vi Der Leser spürt, dass es Kähler darum geht, verstanden zu werden, dass das Schicksal seines einmal in die Welt gesandten Textes ihm nicht gleichgültig ist. Dem dient auch, dass Kähler zwar seine eigene Position niemals verleugnet, was insbesondere in etlichen (und nicht immer sachlich notwendigen) Spitzen gegen die Schüler Ritschls deutlich wird, dies aber in einer Art und Weise geschieht, die dem Leser erlaubt, trotz möglicher Meinungsverschiedenheit sachlichen Gewinn aus der Lektüre zu ziehen. Das beste Beispiel hierfür bietet wohl Kählers Darstellung der spekulativen Methode seines Heidelberger Lehrers Richard Rothe (103-117) als "glänzendste[n] Beispiel[s] der spekulativen Theologie" (103): Kähler gibt zwar zu erkennen, dass diese Methode ihn nicht befriedigt (besonders deutlich 114: "Es ist eine moderne Gnosis, die wir hier vor uns haben"), macht sich aber dennoch die Mühe, sie luzide zu schildern, um seinen Studenten nahezubringen, warum sie großen Einfluss auf die zeitgenössische Theologie ausüben konnte.


Das größte Pfund aber, mit dem Kähler wuchern kann, ist sein Bewusstsein für historische Zusammenhänge. Wohl kann er sich mit großer Energie der Darstellung einzelner theologischer Ansätze widmen, doch stets bindet er den einzelnen Theologen zurück an seinen ideengeschichtlichen und allgemeinen historischen Kontext. Erleichtert wird ihm das nicht zuletzt dadurch, dass er viele der dargestellten Theologen als Student hören konnte – mit Rothe, Tholuck, Julius Müller und Beck stehen wichtige Namen der Theologiegeschichte des 19. Jahrhunderts in seinem akademischen Curriculum.vii Diese konsequente Kontextualisierung sorgt denn auch dafür, dass Kähler es schafft, dass das rechte Maß zwischen Detail und der großen Linie praktisch immer erhalten bleibt – und gerade so kann er seinen selbstgestellten Auftrag zur Ausführung bringen:


„Ich möchte dazu ermuntern und in den Stand setzen, aus dem reichen Schatze der Arbeit des 19. Jahrhunders unverdrossen zu schöpfen, an der staunenswerten Fülle von Talenten und tiefsinniger Auffassung des Christentums, wie es sich in der systematischen Theologie des 19. Jahrhunderts entwickelt hat, nicht mit dem Gedanken vorüberzugehen: das ist alles abgetan, da ist nichts mehr zu holen; ich möchte demgegenüber auf das aufmerksam machen, was man dort wirklich finden kann. Und damit verstehen wir [...], was jetzt an der Zeit ist und wie wir uns jetzt zu diesen Dingen stellen sollen.“ (S. 15)


Kähler, Martin: Geschichte der protestantischen Dogmatik im 19. Jahrhundert. Bearbeitet und mit einem Verzeichnis der Schriften Martin Kählers herausgegeben von Ernst Kähler, Wuppertal; Zürich 21989.


Tobias Jammerthal

i Vgl. Zahn-Harnack, Agnes von: Adolf von Harnack, Berlin-Tempelhof 1936, S. 208.
ii Der sogenannte historische Jesus und der geschichtliche, biblische Christus, hg. v. Ernst Wolf, München 21956. (11892)
iii Vgl. hierzu und zu allen anderen biographischen Angaben: Nüssel, Friederike: Art. Kähler, Martin, in: RGG4 4, Sp. 734-736.

iv Kähler, Martin: Geschichte der protestantischen Dogmatik im 19. Jahrhundert. Bearbeitet und mit einem Verzeichnis der Schriften Martin Kählers herausgegeben von Ernst Kähler, Wuppertal; Zürich 21989, S. 277-298. Im Folgenden werden die Seitenzahlen dieser Auflage jeweils im Haupttext in Klammern genannt.

v So Ernst Kähler in seiner Einleitung (Kähler, Geschichte, S. 11/12), ähnlich Nüssel a.a.O.

vi Vgl. etwa Kähler, Martin: Die Wissenschaft der christlichen Lehre von dem evangelischen Grundartikel aus im Abrisse dargestellt, Erlangen 1883.

vii Kähler hat nach einem Anfang in Königsberg in Heidelberg, Halle und Tübingen studiert. Vgl. die eindrucksvollen Schilderungen in seiner autobiograpischen Skizze: Theologe und Christ. Erinnerungen und Bekenntnisse, hg. v. Anna Kähler, Berlin 1926, S. 80-182.

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