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Jesus und die Dornenkrone


Rezension von Aslan, Reza: Zealot. The Life and Times of Jesus of Nazareth, Random House, New York 2013. (In deutscher Übersetzung: Aslan, Reza: Zelot. Jesus von Nazareth und seine Zeit, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2013).

von Helge Bezold

 

Es war ein – aus heutiger Sicht – zunächst einfacher Gedanke. Nämlich „[...] dasjenige, was die Apostel in ihren eigenen Schriften vorbringen, von dem, was Jesus in seinem Leben würklich selbst ausgesprochen und gelehret hat, gänzlich abzusondern.“ [H. S. Reimarus (1694-1768), Von dem Zwecke Jesu und seiner Jünger, § 3.] Die historische Einsicht der Trennung vom neutestamentlichen „Jesus Christus“ und historischem „Jesus von Nazareth“ revolutionierte die theologische Forschung. Inzwischen erscheinen eigene Lehrbücher über die Geschichte der „Leben-Jesu-Forschung“ und unzählige historisch-theologische Untersuchungen zum Leben Jesu und seiner Umwelt. Für mindestens ein populärwissenschaftliches Jesus-Buch ist in jedem Jahr ein Stammplatz in den Bestsellerlisten von New York Times und Spiegel reserviert.

Der diesjährige Platz war Reza Aslans „Zelot“ vorbehalten. In den USA diente ein Fernsehinterview des konservativen Senders Fox News als Sprungbrett des Buches an die Spitze der Times-Bestsellerliste. Die schlecht vorbereitete Moderatorin Lauren Green erdreistete sich, zu fragen, ob Aslan als Moslem überhaupt ein Buch über Jesus schreiben dürfe. Mit gutem Recht und erstaunlicher Geduld verwies Aslan auf seine bisherige Forschung und seine erworbenen akademischen Grade. Gegenstand des Interviews waren allerdings nicht im Geringsten Azlans Thesen über Jesus, sondern es illustrierte auf schreckliche Art und Weise eine islamophobe Haltung in Amerika.

Dass Aslan Moslem ist und er aus dem Iran stammt, von wo er 1979 mit seinen Eltern vor der iranischen Revolution geflohen ist, hat mit seinem Buch über Jesus nur auf den zweiten Blick zu tun. Während einer Buchvorstellung berichtet Aslan – nebenbei bemerkt: Ein ungemein symphatischer und charismatischer Redner – von seiner Zeit als evangelikaler Christ in Amerika. Die Figur Jesu faszinierte ihn schon als Kind. Vor seinem Studium in Harvard konvertierte er allerdings zurück zum Islam. Neben einem Master in Religionswissenschaften hat Aslan einen Abschluss in Soziologie und ist Absolvent des renommierten Writer´s Workshop in Iowa, das bereits mehrere Pulitzer- und National Book Award-Preisträger hervorgebracht hat. Soviel vorab: Den Erfolg von „Zelot“ hat Aslan eher dem Studium des „creative writing“, als seinen neutestamentlichen Studien zu verdanken.

Von der ersten bis zur letzten Seite beweist Aslan, dass er das kreative Schreiben nach allen Regeln der Kunst beherrscht. Die deutsche Übersetzung verstärkt den ausdruckstarken und im wahrsten Sinne des Wortes „gewaltigen“ Stil zusätzlich. Selbst der kritische Leser wird von dieser Sprache und der plastischen Schilderung der Zeit Jesu in den Bann gezogen. Anschaulicher und spannender kann man ein historisches/populärwissenschaftliches Buch vermutlich nicht schreiben. Das Palästina um die Zeitenwende beschreibt Aslan als Pulverfass religiöser Fanatiker und Unruhestifter, die von den Römern unterdrückt wurden. Das inhaltliche Gerüst seines Buches ist ein Destillat aus 250 Jahren Leben-Jesu-Forschung. Unser Bild von Jesus sei allerdings durch den Heidenmissionar Paulus, die Evangelien und nicht zu letzt 2000 Jahre Dogmengeschichte christlicher Theologen verfälscht.

Diese oft plakativ und provokant verpackten (der Unterschied zwischen „verfälschen“ und „deuten“ verschwimmt), aber simplen Einsichten stoßen – erwartungsgemäß – dem bibeltreuen Christen böse auf. Aslan ist für die durch sein Buch ausgelöste Debatte über christlichen Fundamentalismus und seine zugrundeliegende kritische Quellenanalyse zu danken. Doch der gesamte mediale Aufruhr verfällt allzuleicht und –oft dem bekannten Bibel-Lüge/Geschichte-Wahrheit-Schema, das Aslan mit seinem genialen Stil erzeugt. Die seiner Analyse zugrundeliegenden Prämissen werden dabei stets für bare Münze genommen. Dass Jesus beispielsweise als Handwerker in der antiken Großstadt Sepphoris gearbeitet hat, ist zwar möglich, aber nicht belegt. Es passt nun einmal hervorragend in das Bild des von Aslan gezeichneten Guerilla-Jesus, der in prachtvollen, großstädtischen Gefilden den Sozialrevolutionär in sich entdeckt hat. Diesen Che Guevara-Jesus platziert Aslan geschickt in eine Zeit, in der unzählige (oder waren es doch nur einige?) gewalttätige jüdische Messiasse aufgetreten sind. Seine Kreuzigung durch die Römer unter dem Titel „König der Juden“ ist für Aslan ein eindeutiger Beweis dafür, dass Jesus als gewaltbereiter Messiasanwärter hingerichtet wurde. Es ist ein deutliches und für den modernen Menschen schlüssiges Bild. Die Mehrheit der Neutestamentler (Aslan ist übrigens keiner: Seine Dissertation hat er als Religionswissenschaftler über den Dschihadismus geschrieben) wird Aslans Schlussfolgerungen allerdings widersprechen.

Es mag sein, dass unter den Anhängern Jesu gewaltbereite Jünger anzutreffen waren (vgl. die auch von Azlan herangezogene Stelle in Lk 22, in der einer der Jünger dem Diener des Hohepriesters ein Ohr abschlägt. Dass Jesus diese Gewalttat nicht gutheißt und das Ohr sogar heilt, verschweigt Aslan): Jesu Zelotendasein lässt sich daraus allerdings nicht ablesen. Für eine jüdische Theokratie einzutreten, war – wie man zum Beispiel an der Gemeinschaft in Qumran ablesen kann – nicht zwangsweise mit dem Einsatz von Waffengewalt verbunden. Ein besonders schweres Gegenargument zu Aslans Theorie ist, dass in Jesu Verkündigung der eschatologischen „Königsherrschaft Gottes“ Gott gerade nicht als neuer, irdischer „König“, sondern meistens als himmlischer „Vater“ angesprochen wird. Im Vater Unser wird das an prominentester Stelle deutlich.

Aslan nimmt durchweg eine Tendenz zur nachösterlichen Verklärung Jesu zum friedfertigen „Lamm Gottes“ an. So richtig das in Bezug auf christliche Hoheitstitulatur sein mag: Alles, was die neutestamentliche Forschung für authentische Jesusworte hält (darunter eine ganz und gar friedfertige Bergpredigt/Feldrede), spricht gegen die Annahme einer solchen Tendenz. Dass sich die Jesusbewegung in einer von Gewalt und Messiasansprüchen geprägten Zeit gerade durch Gewaltlosigkeit ausgezeichnen konnte, ist – um es mit Aslan zu sagen – „much more likely“ („viel eher wahrscheinlich“). Wie wahscheinlich wäre es weiterhin, dass sich Aslans radikaler Jude gerade durch den Kontakt mit den Sündern (u.a. mit den Zöllnern, denen ein gewaltbereiter Jesus vermutlich mehr als nur ein Ohr abgeschlagen hätte) beliebt gemacht hat?

Weitere, unbegründete Annahmen ziehen sich durch „Zelot“. Es fällt auch Aslans – in der neutestamentlichen Wissenschaft längst aufgegebenes – Paulusbild auf: Paulus habe die Göttlichkeit Jesu frei erfunden und sich durch seine liberale Gesetzesinterpretation zum Antipoden des Jerusalemer Herrenbruders Jakobus entwickelt. Es sind schlichtweg zu viele tendenziöse, überholte oder spekulative Thesen.

Dennoch hat sich das Buch zu Recht als Bestseller etabliert. Das liegt nicht nur an Aslans detaillgetreuen Schilderung des antiken Palästinas oder seinen provokanten Thesen. Vielmehr liegt Aslans Erfolg in einem Bereich zwischen historischer Jesus-Forschung, Aslans persönlichem Hintergrund und seinem Gespür für das Zeitgeschehen: Aslans Zelot ist ein Abbild gesellschaftspolitischer und religiöser Vorstellungen des 21. Jahrhunderts. Die Menschen sind übersatt vom Friedensbewegungs-Jesus, von einem leuchtend-esoterischen Glaubensvorbild, vom Graf´schen „Kuschelgott“. Die Zeit war reif für einen Jesus, der nicht in amerikanische (und auch europäische) Wohnzimmer passt. Zu viele „Kreuzüge“ im Namen der Religionen, zu viele Fundamentalisten, Messiasse oder Gurus haben einen Jesus provoziert, dessen Dornenkrone nun die Welt zu spüren bekommen sollte.

Reza Aslans „Zelot“ ist eine Kritik an unseren Vorstellungen eines massentauglichen und kirchentagsglatten Superjesus. Diesen ganz und gar unhistorischen Jesus greift Aslan zurecht an. Wie und wer auch immer der echte, historische Jesus gewesen sein mag: An einen solchen hat es sich gelohnt zu glauben. Und das tut es immer noch. Dieser Jesus darf dann gerne auch ab und zu mal das Schwert bringen.



Helge Bezold hat in Berlin und Heidelberg evangelische Theologie studiert und war Hilfskraft am Lehrstuhl für Altes Testament bei Prof. Dr. Jan C. Gertz. Derzeit studiert er am Princeton Theological Seminary (USA).

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