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Die Jesus Christus Trilogie Edward Schillebeeckx'

von Christiane Alpers

Die Trilogie über Jesus Christus des flämischen Theologen Edward Schillebeeckx (1914-2009) zählt zu den Klassikern der römisch-katholischen Theologie des 20. Jahrhunderts. Auf Deutsch erschienen diese Werke als Jesus: die Geschichte von einem Lebenden. Herder, Freiburg 1975, Christus und die Christen: die Geschichte einer neuen Lebenspraxis Herder, Freiburg 1977 und Menschen: die Geschichte von Gott; Herder Freiburg 1990.

Die besondere Aufgabe, der sich Schillebeeckx hier stellte, war es, mit den damals neusten Kenntnissen der biblischen Exegese eine systematische Arbeit über die Bedeutung von Jesus Christus zu schreiben. Im ersten Band geht es ihm vor allem darum herauszufinden, wer der historische Mensch Jesus von Nazareth war. Das darauffolgende Christus Buch ist an der frühchristlichen Christologie interessiert. Schillebeeckx geht hier detailliert der Frage nach, wie die ersten Jünger definitives Heil von Gott in Jesus erfahren haben. Eines seiner Ziele war es, den christlichen Glauben einer gegenwärtigen Generation glaubwürdig widerzugeben. Dies ist ein Grund, warum Schillebeeckx den Zugang über den Erfahrungsbegriff einer scholastischen, metaphysischen Analyse der Dogmengeschichte vorzog. Dieser Wahl liegt die Überzeugung zu Grunde, dass Jesus, der als definitives Heil Gottes in die Welt kam, auch von den heute lebenden Menschen als solches verstanden werden muss, um überhaupt anerkannt und nachgefolgt werden zu können. Deshalb untersucht Schillebeeckx vor allem, wie der Begriff der Gnade und der Erlösung im Alten und im Neuen Testament verwendet wurden. Er bedient sich dazu der hermeneutischen Korrelationsmethode. Dies bedeutet, dass er davon ausgeht, dass es keine puren, ungefilterten menschlichen Erfahrungen geben kann, sondern dass jede Erfahrung immer nur als bereits interpretiert zugänglich ist. Jedes Ereignis wird so beispielsweise nur aus dem kulturellen und sprachlichen Hintergrund heraus verstanden, in dem sich der erfahrende Mensch befindet. Er/sie stellt die Erfahrung immer stets unbewusst in einen Sinnzusammenhang mit anderen Erfahrungen. Jede Erfahrung besteht somit aus einem Teil, der dem Menschen gegeben ist, mit dem der Erfahrende konfrontiert wird und aus einem Teil den der erfahrende Mensch selbst an die Erfahrung heranträgt. Schillebeeckx betont jedoch, dass dies eine lediglich theoretische Trennung ist, die man praktisch nie durchführen kann.

Aus diesem hermeneutischen Hintergrund analysiert Schillebeeckx nun auch die Erfahrungen, die die ersten Jünger mit Jesus hatten. Die Ausgangslage ist, dass sie ihre Begegnung mit Jesus als Gnade beschrieben. Daher untersucht Schillebeeckx, was der Begriff der Gnade bereits vor dieser Begegnung bedeutete. Denn obgleich sich die Bedeutung eines Wortes durch das Element der neuen Erfahrung, die damit erfasst werden soll, verändern kann, muss es doch eine Kontinuität zwischen alter und neuer Bedeutung geben. Ansonsten bestände kein Grund dasselbe Wort und nicht ein anderes zu verwenden um die neue Erfahrung zu beschreiben.

Schillebeeckx’s Analyse ist sehr detailliert, doch kommt er zu originellen Ergebnissen, die im weiteren Rahmen der Diskussionen über Natur und Gnade in der Theologie des 20. Jahrhunderts, jedoch nur wenig berücksichtigt wurden. Um seine Arbeit in Bezug zur Lebenswirklichkeit seiner Mitmenschen zu stellen, besteht der zweite Teil Schillebeeckx’s Korrelationsmethode darin, in der Gegenwart nach Orten zu suchen, an denen sinnvoll von Gnade gesprochen werden kann. Es ging ihm also darum, die Gotteserfahrung in seiner eigenen Zeit zu erkennen und Menschen verständlich zu machen. Dies ist auch damit verbunden, dass Schillebeeckx die sich verbreitende Säkularisierung und den Relvanzverlust des Christentums in seiner Gesellschaft miterlebte. Er wandt sich daher in Teilen der Trilogie besonders dem Problem des menschlichen Leidens zu, da er davon ausging, dass Gott auch hier anwesend ist. Letzteres folgerte er aus seiner Analyse des Kreuztods Jesu, aus der er schloss, dass die Worte „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ nur im Zusammenhang mit dem gesamten Psalm 22 gemeint sein konnten und daher von Gottes Abwesenheit nicht die Rede ist. Für das menschliche Leiden der Gegenwart, welches Schillebeeckx in katholischer Tradition als absolut sinnlos und unerklärbar annimmt, da es aus keinem anderen Grund als dem Nichts erwächst, bediente er sich der Arbeiten der Frankfurter Schule. Vor allem Theodor Adornos Idee einer negativen Kontrasterfahrung spielt hier eine große Rolle. Schillebeeckx resultierte, dass wenn der Mensch mit unerklärlichem Leid konfrontiert wird, dies als negative Kontrasterfahrung bezeichnet werden kann. Dies bedeutet, dass er/sie dagegen mit Protest reagiert und ohne darüber nachzudenken weiß und davon überzeugt ist, dass dies ein Zustand ist, der nicht in die rechte Ordnung der Welt gehört. Somit offenbart dieser unbewusste Protest gegen das Leiden eine Hoffnung des Menschen, die allein in Gott begründet ist. Dass Menschen trotz allem erfahrenen Leid davon überzeugt sind, dass es eine bessere Zukunft geben soll und kann, offenbart einen impliziten eschatologischen Glauben. An dieser Stelle kann also sinnvoll über Gott und vollkommene Erlösung durch Jesus Christus gesprochen werden.

Vor allem die ersten beiden Bände der Trilogie waren sehr umstritten, woraufhin er mit 1978 mit einem klärenden Zwischenbericht über die beiden Werke reagierte. Dieser ist auf Englisch als Interim Report on the Books Jesus and Christ, London: SCM, 1980 erschienen und bietet einen guten zusammenfassenden Einblick in Schillebeeckx’s Grundintention. Sein Bestreben sowohl der Tradition und dem historischen Christusereignis von vor 2000 Jahren als auch den Fragen und Bedürfnissen seiner gegenwärtigen Generation treu zu bleiben und gerecht zu werden, führte sicherlich zu einem beeindruckenden und einzigartigen Ergebnis. Aus seiner Theologie gingen beispielsweise Impulse für die lateinamerikanische Befreiungstheologie hervor. Schillebeeckx beschäftigte sich zwar vor allem mit modernen Fragen wie beispielsweise Problemen des Forschungsfortschritts oder der menschlichen Emanzipation zur Freiheit und korrelierte diese Probleme mit den biblischen Beschreibungen von Erfahrungen von Heil und Erlösung in Jesus Christus, was zur Folge hat. Dies hat zur Folge, dass nicht alles, was er geschrieben hat noch genauso auf gegenwärtige Probleme zutrifft. Seine theologische Methode auf die heutige Zeit anzuwenden, bietet jedoch immer noch Stoff für vielerlei akademische Forschung.


Christiane Alpers studierte Soziologie als BA Studiengang an der Universität Leipzig und absolvierte einen Master der Theologie an der University of Durham (UK). Seit Oktober 2013 arbeitet sie an einem Promotionsprojekt über die Christologie Edward Schillebeeckx’s als ’Public Theology‘.

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