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Was meinen wir Christen mit "Gemeinde"?

Von Tim Schedel

Folgenden Vortrag hielt ich Anfang Mai 2015 im islamischen Kulturzentrum Greifswald. Anlass war eine Reihe zum interreligiösen Dialog, diesmal mit den Thema „Gemeinde/Gemeinschaft“. Ich stellte das christliche Gemeindeverständnis aus der Sicht eines Theologen dar, anschließend stellte die „evangelischen Studentengemeinde Greifswald“ (esg) ihre Arbeit vor, den Abschluss bildete ein Vortrag über die Bedeutung von Gemeinde im Islam. Beiden Gruppen – esg und der islamischen Gemeinde in Greifswald – sei hiermit nochmals herzlich gedankt!

Zur Gliederung meines Vortrags: Der ersten Teil stellt eine Skizze der Vorbedingungen dar, die ich für die Entfaltung des Hauptteiles notwendig halte. Im zweiten Teil des Vortrags will ich anhand markanter Stellen aus der Bibel und den Bekenntnisschriften, die Grundlagen eines christlichen Gemeindeverständnisses aufzeigen. Der abschließende dritte Teil wird meine persönliche Sichtweise zum Thema haben.

1 Vorbedingungen für einen interreligiösen Dialog

Wenn wir das Gemeindeverständnis von Muslimen und Christen besprechen, werden wir sicherlich viele Gemeinsamkeiten herausarbeiten. Interessanter für das Gespräch ist es aber, herauszufinden worin die Unterschiede bestehen. Allen Religionen, die nur einen Gott haben ist gemeinsam, dass sie eine Schwierigkeit haben: Einerseits, dass Gott unbegreiflich ist; andererseits will man mit ihm ihn Kontakt treten und ihn wenigsten eine bisschen begreifen. Innerhalb der Geschichte erscheint Gott immer wieder Menschen, sog. Propheten, denen er seinen Willen kundtut, damit wir Gott begreifen können. Durch diese Propheten können wir einen Zugang zu Gott bekommen. In der Religion reflektieren wir dann das, „was uns unbedingt angeht“, also unsere Sorgen im Leben und vor allem die Frage, was nach unserem irdischen Leben geschieht.

Gläubige Christen sind der Meinung, dass sich Gott vor gut 2000 Jahren in dem galiläischen Juden Jesus von Nazareth offenbarte. Sein Handeln auf Erden, seine Kreuzigung und der Glaube, dass er auferstanden ist, ließen seine ersten Jünger zu dem Schluss kommen, dass er Gottes Sohn sei. Der Glauben an Jesus Christus als Gottes Sohn bestimmte daraufhin die christliche Religion und Jesus war der Mittler, die Distanz zu Gott zu überbrücken. Gläubige Muslime sehen den Propheten Mohammed als die Person an, an die Gott sich wandte, damit die Menschen ihn verstehen können. Nur ihm wurde Gottes Wille auf diese exklusive Weise verkündigt und er hatte die Aufgabe diesen Willen in der heiligen Schrift Koran festzuhalten.

Beide unsere Religionen standen also vor dem gleichen Problem – Wie verstehe und erreiche ich Gott / Allah – und lösten es unterschiedlich. Dieser unterschiedliche Zugang resultiert meiner Meinung nach aus den unterschiedlichen kontingenten Bedingungen unseres Seins. Wir wurden alle mehr oder wenig zufällig in unser Umfeld hineingeboren und haben aufgrund unserer Familie, aufgrund der Erziehung oder aufgrund eigenständigen Denkens erfasst, welcher Zugang zu Gott uns persönlich am plausibelsten erscheint. Die Richtigkeit des von uns gewählten Zugangs zu Gott kann nicht erwiesen werden! Allerdings gehört es auch zur Aufgaben eines jeden Gläubigen, seinen Zugang im Gespräch in Anerkennung und Abgrenzung zu anderen deutlich zu machen.

So wähle ich - als evangelischer Christ - folgende drei Stellen, die mir sinnvoll erscheinen, das christliche Gemeindeverständnis zu erleuchten. Die Auswahl ist subjektiv getroffen, doch will ich damit zeigen, wie ich persönlich einen Zugang zu dem Thema erhalte.

2 Kernstellen für das christliche Gemeindeverständnis

Matthäus 18,20: Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen,da bin ich mitten unter ihnen.

Zur Situation: Jesus redet mit seinen Jüngern über das Verhalten innerhalb einer Gemeinschaft. Er schließt seine Rede mit dem berühmten Worten: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“. Hierin zeigt sich die Grundidee von Gemeinde, wie sie im Christentum herrscht. Eine Versammlung, und sei es auch die kleinstmögliche mit zwei Leuten, die sich gemeinsam auf Jesus Christus beruft, bildet schon eine vollwertige christliche Gemeinschaft. Damit wäre der Vortrag eigentlich am Ende, denn weitere Bestimmungen braucht eine christliche Gemeinde nicht. Jedoch wäre das Christentum nicht zur Weltreligion geworden, wenn die ersten Christusgläubigen nicht der Meinung gewesen wären, die Gute Botschaft – Das Evangelium – durch Organisation als Gruppe in die Welt zu tragen. Als bis heute gültiges Eintrittsritual in diese Gemeinschaft gilt die Taufe.

Matthäus 28,18ff.: Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Das Evangelium nach Matthäus berichtet, dass Jesus, als er nach drei Tagen auferstanden war und seinen Jüngern erschien, folgende Worte an sie sprach: „Geht nun hin und macht alle Völker zu Jüngern: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Hierin zeigt sich ein weiteres Merkmal der christlichen Gemeinschaft. Alle Christinnen und Christen sind getauft auf den Namen des dreieinigen Gott Vater-Sohn-Geist. Die Vorstellung einer solchen Dreieinigkeit ist sehr schwierig und führte zu längeren theologischen Streitigkeiten. Auch kritische Anfragen anderer monotheistischen Religionen sind berechtigt und nehmen Christen immer wieder in die Begründungspflicht ihres Glaubens. Doch werden zwei Punkte deutlich: Das Bekenntnis zum dreieinigen Gott und das äußerlich sichtbare Symbol einer Taufe sind grundlegend für die Aufnahme in die christliche Gemeinschaft.

Confessio Augustana 7: Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden.

Die Entwicklungen im Kirchenverständnis der katholischen Kirche veranlassten den Augustinermönch Martin Luther im Jahr 1517, dieses Verständnis zu kritisieren. Als letztes vermittelndes Dokument zur Justierung der Frage, was unter Kirche zu verstehen ist, gilt die Confessio Augustana, die Luthers Hauptmitstreiter Phillip Melanchthon federführend verfasste. Die CA – auf deutsch das Augsburger Bekenntnis – war ein letzter Versuch, die Kirchentrennung zu vermeiden und wieder zu einem bibelorientierten Verständnis der Gemeinde Gottes zurück zu kommen.

Zentral ist für unser Thema der siebte Artikel: Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden.

Hierin zeigt sich das protestantische Gemeindeverständnis: Bedingung von Gemeinde ist wie bei beim o.g. Punkt eine Versammlung von Gläubigen. Diese Versammlung wird nun als Kirche gekennzeichnet und zeigt sich in der Verwaltung der Sakramente – Taufe & Abendmahl – und dadurch, dass das Evangelium rein gepredigt wird. Die reine Predigt des Evangeliums ist die Wiedergabe und Auslegung der biblischen Geschichten von Jesus für die jetzige anwesende Gemeinde.

3 Versuch einer Definition

Anhand dieser drei Schlaglichter versuche ich nun mein Verständnis von Gemeinde aufzuzeigen. Mir ist klar, dass die Auswahl sehr selektiv ist – zu Erwähnen wären sicher noch die Einsetzung des Jüngers Petrus zum Fels, auf dem die Kirche gebaut wird (Mt 16,18), und die Einsetzung der Kirche durch den Heiligen Geist an Pfingsten (Apg 2). Für mich persönlich spielen diese biblischen Geschichten eine untergeordnete Rolle für das Gemeindeverständnis, doch ich würde mich freuen, wenn gegensätzliche Ansichten im Anschluss zur Sprache kommen würden.

Aus den von mir gewählten Beispielen wird deutlich: Christliche Gemeinde ist die Versammlung einer unbestimmten Menge von Christinnen und Christen. Ihr Christsein bringen sie zum Ausdruck durch ihr Getauftsein, ihren Glauben an den dreieinigen Gott in Vater, Sohn und Heiligem Geist, sowie die Bereitschaft, ihren Glauben nach innen, aber auch nach außen darzustellen.

Diese von mir gewählte Definition in all ihrer Unbestimmtheit führt nun zu zwei Konsequenzen:
  1. Christliche Gemeinde ist nicht gebunden an die vorgegebenen Strukturen der sog. Amtskirche. Der Weg zum „Heil“ ist nicht mehr allein über die Institution möglich, sondern kann auch außerhalb dieser geschehen.

  2. Diese Freiheit führt zu vielen Möglichkeiten, wie nun der Glaube und die Gemeinschaft wirklich zu bestimmen sind. Die Konsequenz sind Diskussionen innerhalb der Gemeinde, aber auch die Auseinandersetzung mit alternativen Zugängen zur Gotteserkenntnis, wie sie andere Religionen vertreten. Daher ist Kennzeichen, aber auch die Pflicht einer und eines jeden in der Christlichen Gemeinschaft, bei der Position seiner eigenen Ansichten auch die Auseinandersetzung mit anderen Positionen zu suchen. Sowohl innerhalb seiner Glaubensgemeinschaft, als auch mit Gläubigen anderer Religionen.



Tim Schedel (1988) ist Student der evangelischen Theologie und strebt das Kirchliche Examen in Bayern an. Er studierte bisher in Neuendettelsau, Berlin, sowie Wien und beginnt ab Herbst 2014 die Examensvorbereitung in Greifswald. Vor dem Studium engagierte er sich in Gemeinden und Gremien der Evangelischen Jugend im Dekanat Augsburg.

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