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Sprachloser Dialog? Christlich-Islamischer Dialog zwischen Rückschlägen und Neuanfängen

Die Welt brennt und oft ist dabei vom Islam die Rede, von Terror im Namen Gottes – der freilich nicht allein für diese Religion reserviert ist. Bemerkenswert aber, dass Angela Merkel, Bundeskanzlerin eines säkularen Staates, fordert: „Muslimische Geistlichkeit muss Verhältnis des Islams zur Gewalt klären“1. Kann der christlich-islamische Dialog im Ringen um diese Fragen eine Rolle spielen oder ist er nur „Gequatsche“ (so einmal Kardinal Lehmann) oder ein Treffen von Menschen, die sich kennen und mögen und gegenseitig das bestätigen, was sie ohnehin schon wissen, wie seine Kritiker oft meinen?
Dialoge gibt es viele, ob auf individueller Ebene oder zwischen Vertretern von Kirchengemeinden und Moscheen, in Begegnungszentren und Dialogvereinen, zwischen Vertretern von Islamverbänden und Kirchenämtern, zwischen Moscheevereinen und Vertretern der Politik, in Bildungshäusern, an Akademien und Universitäten. Die Ansprüche und Ziele mögen sich jeweils unterscheiden. In aller Regel, auch in christlich-muslimischen Dialogen, um die es hier v.a. gehen soll, stehen aber immer zwei Fragen im Hintergrund:
  • In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

  • Welche Rolle spielen Religionsgemeinschaften im säkularen Staat im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung?


Gleichermaßen schlechte Voraussetzungen: ungeeignete Paradigmen im jeweils kollektiven Gedächtnis

Die geistigen Voraussetzungen sind bei Christen und Muslimen in Deutschland denkbar schlecht, um gleichberechtigte Koexistenz auch nur denken zu können. Ich behaupte, dass unser jeweiliges kollektives Gedächtnis von Paradigmen geprägt ist, die alle Bemühungen um gelingendes Zusammenleben konterkarieren: Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 (cuius regio, eius religio) hat bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts weitgehend konfessionell „gesäuberte“, homogene Regionen geschaffen. Mag das im 16. Jahrhundert ein Fortschritt gewesen sein, so wurde doch diese Kapitulation vor der Verschiedenheit noch 2005 nicht zuletzt mit einer eindrucksvollen Briefmarke als „Religionsfrieden“ gefeiert. Wenn Anhänger von Pegida & Co das „Christliche Abendland“ im Sinne einer wie auch immer homogen gedachten Zone verteidigen wollen, dann drängen sich zumindest Parallelen zur politisch-konfessionellen Lösung des Augsburger Religionsfriedens auf, auch wenn die politischen Erwägungen im 16. Jahrhundert sicherlich von ganz anderer Qualität und einem anderen Verantwortungsbewusstsein getragen waren, als bei dieser neuen Bewegung.
Muslime betonen zurecht, dass das islamische politische System nahezu von Anfang an und später dann v.a. im Osmanischen Reich Juden und Christen als dhimmi, als Schutzbürger mit klar definiertem Autonomiestatus (weitgehende Freiheit in der Ausübung des Kultus und konfessionell verantwortetes Zivilrecht) betrachteten. Dies hat Existenz und Status nichtmuslimischer Minderheiten im Rahmen des „Hauses des Islam“ weitgehend gesichert. So positiv sich dieser „hierarchisierte Pluralismus“2 freilich in der Vergangenheit ausgenommen haben und von der problematischen Praxis gegenüber Minderheiten in Europa abgehoben mag: für die Koexistenz in einem säkularen Staat ist dieses Modell unbrauchbar. Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hat mit Bezug auf Jürgen Habermas von einem „Verfassungspatriotismus“ als Identifikationsangebot für alle Bürger gesprochen. Die Abstraktheit dieser Vorstellung wird es freilich schwer haben, sich gegen die im jeweils kollektiven Gedächtnis verankerten Bilder von einer als homogen oder pluralistisch hierarchisiert gedachten Gesellschaft durch zu setzen. Im christlich-islamischen Dialog finden sich diese Themen allzu oft stark vereinfacht wieder: der Islam hat eine Tradition der Toleranz und Deutschland braucht eine Willkommenskultur.

Dialog mit Kirchen, Politik und Zivilgesellschaft

Die Kirchen pflegen diese sog. „Willkommenskultur“ bereits seit Jahrzehnten durch ihre zahlreichen und differenzierten Dialogangebote. Deren personell und finanziell oft gut ausgestattete und professionell durchgeführte Arbeit weckt den Ehrgeiz auf muslimischer Seite, den Kirchen nicht zuletzt auch strukturell auf gleicher Augenhöhe gegenüber zu stehen: „Wir wollen haben, was die Kirchen auch haben!“ Der Weg, diese Strukturasymmetrien zu mindern, führt freilich über die politischen Strukturen in Land und Kommune, gleich ob es um Moscheebaupläne, Islamischen Religionsunterricht oder den Antrag auf den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts geht. Die Politik ist hier der erste und manchmal auch der einzige Ansprechpartner. Da kommt es vor, dass langjährige Dialogpartner von der Genehmigung eines Moscheebauprojekts erst aus der Zeitung erfahren. Wo der Dialog nicht politisch nützlich erscheint, gilt er in vielen Fällen als verzichtbar. Doch was ist nützlich? Interreligiöser Dialog als Diskurs der Zivilgesellschaft, in dem es darum geht, gemeinsam betreffende Fragen zu klären, Lösungen zu entwickeln und gemeinsam öffentlich zu vertreten ist unproblematisch, wo es um Phänomene geht, die Anlass geben, bestehende Grundhaltungen zu äußern, etwa bei Stellungnahmen gegen Rechtsextremismus oder islamfeindliche Bewegungen.

Kein Thema für den Dialog: Religion und Gewalt

Schwierig wird es aber, wo eine Auseinandersetzung mit dem eigenen religiösen Selbstverständnis gefragt ist. War es für zahlreiche Kirchen selbstverständlich, sich etwa während des Irakkriegs 2003 mit Transparenten „Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein“ von diesem Vorgehen zu distanzieren und sich mit der Kreuzzugsrhetorik von US-Präsident George W. Bush auch theologisch-inhaltlich kritisch auseinander zu setzen, ohne ihm das Christsein abzusprechen, so stellen sich vergleichbare Herausforderungen für Muslime – offenbar nicht nur in der besonderen Diasporasituation – als schwieriger dar. Nicht selten sind folgende Positionen zu hören:
  • Das Phänomen des Salafismus: Von der Presse „hoch geschrieben“ – darüber müssen wir nicht reden. Es betrifft uns nicht; auch nicht, wenn Pierre Vogel in der eigenen Stadt auf einem öffentlichen Platz predigt.

  • Das menschenverachtende Regime des sog. „Islamischen Staates“ mit seinen Taten im Namen des Islams: Was haben wir damit zu tun?

  • Die Terroranschläge auf die Karikaturisten und die Menschen im koscheren Supermarkt in Paris: Wer so etwas tut, kann kein Muslim sein.


Nicht darum geht es, dass sich jemand für die Taten anderer Menschen in anderen Ländern entschuldigen müsste, sondern darum, selbst Verantwortung zu übernehmen für die Interpretation der eigenen Religion im eigenen Kontext. Freilich mag es eine Überforderung sein, von Engagierten an der Basis hierzu differenzierte Reflexion und Stellungnahme zu erwarten, vor allem wenn sie den Standpunkt vertreten, dass Gewalt und Religion nichts miteinander zu tun hätten. „Die Religion“ gilt als perfekt, sie werde allenfalls missbraucht. Nein, es liege nicht an der Auslegung, so heißt es oft. Ein sich offenbar zunehmend durchsetzendes dichotomes Weltbild verbietet es, von mehreren möglichen Auslegungen von Koran und Sunna zu reden, wie sie sich in der reichen Theologiegeschichte des Islams darstellen. Da können dialogbemühte Christen und Integrationsspezialisten in Kenntnis dieser Vielfalt Islamkritikern gegenüber noch so oft betonen, „den Islam“ gebe es nicht. Doch doch, „den einen wahren Islam“ könne jeder kennen, wird von muslimischer Seite inzwischen immer häufiger erwidert, was als Glaubensaussage freilich schlichtweg zu respektieren ist. Die Religion könne allenfalls „missbraucht“ werden, heißt es. Ja, es gebe böse Menschen, die böse Dinge tun. Mit Religion aber habe all dies nichts zu tun. Muslimische Verbandsvertreter wissen inzwischen, sich – den Erwartungen von Politik und Gesellschaft gemäß – pflichtschuldig zu äußern und in den meisten Fällen so, dass es unanständig wäre, an ihrer Redlichkeit und Ernsthaftigkeit zu zweifeln. Gerade auch im vertrauensvollen christlich-islamischen Dialog jedoch zeigt sich, dass es kaum möglich ist, das auch von der Kanzlerin geforderte Desideratum einer theologischen Arbeit am Zusammenhang von Religion und Gewalt auch nur zu benennen, wenn selbst Hoffnungsgestalten wie der Imam von Penzberg in Freitagspredigt und Presseerklärung nach den Anschlägen von Paris kund tun, die Täter gehörten nicht zum Islam. Hier fehlt eine Hermeneutik der Differenz! Im Grunde wird hier – freilich in bester Absicht – die Hermeneutik der Salafisten angewandt: Wer nicht so glaubt wie wir, der gehört zu den „Ungläubigen“. Schon hat man sich eine theologisch differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema erspart. Ja man negiert, dass es überhaupt ein Thema sein könnte, will heißen: mit uns, mit unserer Religion, mit Theologie hat all das nichts zu tun.3 Mag die Befassung mit diesen Themen innerhalb der Glaubensgemeinschaft doch differenzierter sein; wenn im christlich-muslimischen Dialog der Wunsch geäußert wird, etwa das Verhältnis von Gewalt und Religion in Christentum und Islam zu reflektieren, dann zeigen mancherlei Erfahrungen, dass dies als unanständiges Ansinnen, ja als Angriff gewertet wird.
Unter diesen Voraussetzungen kommt ein interreligiöser Dialog über freundliche Vorstellungsrunden (die aber je nach Kontext sicherlich ihre bleibende Bedeutung und Berechtigung haben) nicht hinaus. Und da, wo er hoch qualifiziert geführt wird, ist die Frage, ob, bzw. wie ein differenziertes Reflexionsniveau auch auf die Basis ausstrahlen kann.

Die geistliche Verwurzelung fördern und auf Öffnung hoffen

„Nur wer selbst fest steht kann andere stehen lassen“ – so lautet mein Motto für den Dialog. Um diese Standfestigkeit ist es auf der christlichen Seite sehr unterschiedlich bestellt; für in der Diaspora oft de-kulturierte und entwurzelte Muslime4 ist sie ein besonderes Thema – auch wenn das öffentliche Bild von Muslimen geistliche Unsicherheit i.d.R. nicht vermuten lässt. Um eine konstruktive Standfestigkeit zu fördern, die vielleicht auch offen ist für eine islamische „Kultur der Ambiguität“5, ist die Ausbildung von Imamen und Religionspädagogen, sowie die Einführung von Islamischem Religionsunterricht dringend. Die daraus hoffentlich resultierende religiöse Bildung und qualifizierte Selbstreflexion sollte die verbreitete Trotz- und Opferhaltung überwinden und über das Eigene differenziert sprachfähig machen.6 Über die Fragen, die unsere gemeinsame Zukunft als verschieden Glaubende im säkularen Staat betreffen, herrscht noch Ratlosigkeit: das Schlagwort „Verfassungspatriotismus“ und die selbstverständliche Feststellung, dass Gesetze für alle gleich und einzuhalten sind, begründen nicht die für eine Gesellschaft notwendige Kohärenz. Es ist nicht nur so, dass weit und breit kein überzeugendes gemeinsames Paradigma dafür zur Verfügung steht, das an die Stelle unserer exkludierenden bzw. hierarchisierenden Paradigmen der kollektiven Erinnerungen treten könnte.

Selbstkritik gegen die Feigheit – für ein ehrliches Miteinander

Wir – Christen und Muslime im Dialog – schaffen es nur in sehr wenigen Kontexten, verantwortlich die eigenen problematischen theologischen, gesellschaftlichen und politischen Traditionen und Entwicklungen anzusprechen; nur damit aber könnte eine tragfähige Basis für ein vertrauensvolles Miteinander entwickelt werden. Auf westlicher Seite wäre hier nicht zuletzt die doppelbödige Nahostpolitik zu benennen, die heute zur Vernichtung einer jahrtausendealten multireligiösen Koexistenz im Nahen Osten wesentlich beiträgt und zu der auch auf kirchlicher Seite meist blind und tabubewehrt geschwiegen wird, wenn sie nicht gar unterstützt wird, während man gleichzeitig das Schicksal verfolgter Christen beklagt.7 Auf beiden Seiten werden auch im Dialog Mauern des Tabus hochgezogen, die die Auseinandersetzung über Phänomene verhindern, von denen sich der jeweils andere in seinem Selbstverständnis, ja seiner Existenz bedroht fühlt. Christen und Muslime sind derzeit noch selten, wenn überhaupt, in der Lage, offen über die zentralen und deshalb auch schmerzhaften Themen der Gegenwart und Zukunft zu sprechen. Solange wir hier sprachlos bleiben, kann der Dialog allenfalls oberflächliche Bilder von sich freundlich begegnenden gutwilligen Menschen liefern, die bei vielen ein zufriedenes „Na also. Geht doch!“ auslösen mögen; er kann so jedoch kaum die echten Fragen für ein gelingendes Zusammenleben auch nur stellen.


Hans-Martin Gloël, * 1965 ist Pfarrer der ELKB und Leiter des Begegnungszentrums Brücke – Köprü in Nürnberg. Er hat in Erlangen, Jerusalem (Dormition Abbey) und Heidelberg studiert, sowie in Bir Zeit (Westbank) Arabisch und Palästinensische Soziologie. In Beirut (Libanon) war er zwei Jahre lang als Pfarrvikar.
www.bruecke-nuernberg.de


1 FAZ, 16.01.2015, 1.

2 Maxime Rodinson; La notion de minorité et l’Islam, in: ders., L’Islam politique et croyance, Paris: Fayard 1993, 115-152, hier 116.

3 Dass es auch anders geht, zeigt der „Open Letter to Al-Baghdadi“ von muslimischen Rechtsgelehrten und Autoritäten vom September 2014. Er kann als eine „Ermahnung zur Wahrheit unter Glaubensbrüdern“ verstanden werden, die das Muslimsein der IS-Kämpfer „zu keinem Zeitpunkt infrage“ stellt (Zitat aus einem Dokument der EZW, Berlin: „Muslime distanzieren sich von Gewalt und Terror – Open letter to Al-Baghdadi“, Friedmann Eißler, 15.1.2014)

4 Zum Problemkreis der Dekulturation von Muslimen in der Diaspora und der Anfälligkeit eines dekulturierten Islams für Fundamentalismus siehe: Olivier Roy; Der islamische Weg nach Westen. Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung, München 2006

5 Thomas Bauer; Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011

6 Es ist keine Frage, dass auch in weiten Kreisen der autochthonen Bevölkerung – sei sie säkular oder religiös geprägt – von tief empfundener geistiger Heimatlosigkeit und Entwurzelung die Rede sein kann, was ebenso zu einer Opferhaltung und Abwehr alles Fremden führt, wie die Demonstrationen in deutschen Städten im Herbst und Winter 2014/15 zeigen.

7 In diesem Sinne äußert sich Hans Küng in DW-WORLD in einem Interview zum Karikaturenstreit am 07.02.2006

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