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Ein schwärmerisches Misstrauen gegenüber Kirchenleitung

Julian Scharpf nimmt kritisch Stellung zu Tobias Graßmanns Kommentar Der Chef der Protestanten?


Ich teile die in diesem Blog von Tobias Graßmann geäußerte Einschätzung, dass Heinrich Bedford-Strohm die zwangsläufige und richtige Wahl als EKD Ratsvorsitzender ist. Er hat ein klares theologisches Programm in der Linie von Wolfgang Huber, wirkt sympathisch und ist medientauglich. In seiner Arbeit als Landesbischof in Bayern hat er sich Respekt verdient als kollegialer Pfarrer im kirchenleitenden Dienst, als ein pastor pastorum.


Ich kann daher die Befürchtung nicht verstehen, dass mit der Wahl seiner Person eine Hierarchisierung und Klerikalisierung des deutschen Protestantismus einhergehen könnte.


Mit der Kritik an dem Sprachbild des „Chefs der Protestanten“ wird vordergründig Medienkritik geübt und ein scheinbarer Widerspruch zwischen der reformatorischen Kernüberzeugung einer Gleichrangigkeit aller Gläubigen und moderner öffentlicher Aufmerksamkeitsökonomie gezeichnet. Aber eigentlich wird versucht, einem prominenten Vertreter der evangelischen Kirche einen Warnschuss zu verpassen. Das wird weder den gescholtenen Medien, noch dem Amt des Ratsvorsitzenden, der Person Bedford-Strohm oder der Unabhängigkeit des einzelnen Christenmenschen gerecht.


Aus einer launigen Überschrift im Wochenblatt „Die Zeit“ wird nicht nur geschlussfolgert, dass in den Medien eine verfehlte Interpretation evangelischen Selbstverständnisses vorliegt, sondern dass das womöglich seinen Grund haben könnte in einer Katholisierung der EKD selbst. Das überzeuge, wen es zu überzeugen vermag.


Im Grunde drückt der Nackenschlag für Bedford-Strohm das Unbehagen gegenüber der von ihm angestrebten Öffentlichkeitswirksamkeit sowie ein intuitives, schwärmerisches Misstrauen gegenüber Kirchenleitung als solche aus. Weil Bedford-Strohm seinen Kopf ein wenig in die Höhe reckt, ziehen ihn seine Brüder und Schwestern am Talarzipfel gleich wieder runter. Weil der bekannteste Landesbischof mit der nach außen sichtbaren Repräsentation der freiheitsbewahrenden Ordnung der Kirche beauftragt ist, wird befürchtet, dass Christus als das oberste Haupt und der tragende Grund der Einheit der Kirche in den Hintergrund treten könnte.


Zu den Befürchtungen ist zu sagen, dass in einer unübersichtlichen Meinungslandschaft durch die Personalisierung eine Komplexitätsreduktion erreicht wird, die nicht einhergehen muss mit einer Verfälschung der Botschaft. Der Protestantismus kann in seiner Wertschätzung der Individualität die personalisierte Repräsentation christlicher Überzeugungen im öffentlichen Raum nicht abwerten. Die vom Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann deutlich akzentuierte Bedeutung der geschickten Nutzung von Massenmedien in der Reformationszeit wie Flugblättern mit Karikaturen zeigt doch deutlich, dass gezielte Öffentlichkeitswirksamkeit, Medienaffinität und inhaltliche Zuspitzung gewissermaßen evangelische Kernkompetenzen sind.


Ich gehe davon aus, dass Heinrich Bedford-Strohm eine Strahlkraft als öffentliche evangelische Person entwickelt ohne dadurch das breite Spektrum des Protestantismus zu überblenden. Die drei ehemaligen Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber, Margot Käßmann und Nikolaus Schneider werden sicherlich weiterhin medial präsent sein. Theologinnen und Theologen in der Politik wie Joachim Gauck oder Katrin Göring-Eckardt werden als evangelische Christen wahrgenommen. Im Feuilleton werden public intellectuals wie Friedrich Wilhelm Graf sicher nicht um eine kritische Meinung verlegen sein, ganz unabhängig davon, um welches Thema es sich handelt. Die Debatte um die angemessene Würdigung der Reformation nach der Veröffentlichung des Textes „Rechtfertigung und Freiheit“ hat ja schon deutlich gemacht, dass die genuin protestantische Meinungsvielfalt und Streitlust leidenschaftlich gepflegt wird. Die Diskursfähigkeit des Protestantismus hat ihren Ursprung im Vertrauen darauf, dass nicht Menschen die Einheit der Kirche herstellen oder repräsentieren müssen, sondern dass ihre Einheit durch ihren Grund, Christus, in der Einheit mit dem Vater und dem Heiligen Geist, bewahrt wird. Die Ordnung der Kirche allerdings benötigt um der Gemeinde Willen transparente und verfasste Strukturen sowie Ämter, mit denen die Beauftragung zu verantworteter Leitung verbunden ist (s. 28. Artikel der Confessio Augustana). Gäbe es diese nicht, entstünde ein rechtsfreier Raum, der die Freiheit des einzelnen Christenmenschen gefährdete.


Für die meisten Kirchenmitglieder dürfte sowieso das für sie prägende Gesicht ihrer Kirche eher die Ortsgemeinde, die Pfarrerin vor Ort, der Mitarbeiter der Sozialstation oder der Jungscharleiter sein. Warum sollte sich eine Stärkung des Profils der evangelischen Kirche als Gemeinde vor Ort mit einem Ratsvorsitzenden als in der bundesdeutschen Öffentlichkeit beachteten evangelischen Stimme widersprechen? Es ist zu hoffen, dass der EKD Ratsvorsitzende oder auch ein Landesbischof Impulse im öffentlichen Diskurs setzen können, die für viele Menschen in den Gemeinden bedenkenswert sind. Aber glaubt denn jemand ernsthaft, dass die Gläubigen sich etwas von einem „Chef“ vorschreiben lassen? Ein Blick auf die deutschen katholischen Laien zeigt doch, wie unabhängig gläubige und kirchentreue Menschen vom Lehramt leben können.


Worin Tobias Graßmann richtig liegt, ist dass wir eine Diskussion darüber brauchen, wohin sich die Evangelische Kirche in Deutschland entwickelt. Nach Wolfgang Hubers wegweisendem Papier der „Kirche der Freiheit“ haben es seine Nachfolger unterlassen zu bedenken, wie sich die Kirche auf die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte einstellt und strukturiert. Das wird Bedford-Strohms Aufgabe sein, was das „Innere“ der Kirche betrifft. Nach Außen wird er einfach und deutlich zu erklären haben, warum wir um den 31. Oktober 2017 eigentlich so ein Spektakel betreiben.


Das sind in dieser Zeit die „großen Aufgaben“, von denen der 1. Brief an Timotheus 3,1–7 spricht. Wünschen wir Heinrich Bedford-Strohm bei seiner Arbeit Geschick und Ausdauer.

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