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Ein Plädoyer gegen die Pauschalisierung des Islam

Wenn in deutschen Großstädten tausende Bürger auf die Straße gehen um die christlich-jüdische Kultur des Abendlandes vor einer vermeintlichen Islamisierung zu schützen. Wenn unmittelbar im Gegenzug dazu die Bundeskanzlerin etwas verkündet, was dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff schon vor gut vier Jahren aufgefallen sein will: Der Islam gehört zu Deutschland. Und wenn erst am 22. Januar diesen Jahres daraufhin die stellvertretende Parteivorsitzende der CSU, Julia Klöckner, in einer Maybrit Illner-Talkrunde postuliert, dass dieser Satz so nicht ganz richtig sei und vielmehr lauten müsse: „Muslime gehören zu Deutschland“ – also eine ähnliche Meinung, wie sie Bundespräsident Joachim Gauck schon 2012 zum Ausdruck gebracht hatte – dann ist dabei auffallend, dass nur über „den Islam“ geredet wird, aber niemand mit den Muslimen selbst redet. Es ist also offensichtlich: In Deutschland leben nicht nur Protestanten, Katholiken und Konfessionslose, sondern wir sind eine plurale Gesellschaft, vor allem in religiöser Hinsicht. „Der Islam“ ist dabei zum Gegenstand öffentlicher Diskurse geworden, ja, zu einem Politikum. Doch auch sonst sorgt „der Islam“ für Furore, vor allem, wenn Dschihadisten mordend durch den Irak und Syrien unter der Flagge des Islamischen Staates streifen oder wenn Islamisten wegen angeblicher Verunglimpfung des Propheten in Frankreich ein Gemetzel unter den Mitarbeitern des Satire-Magazins Charlie Hebdo anrichten. Doch im Folgenden soll gezeigt werden, dass diese oft verengte Sichtweise auf die Religion der in Deutschland lebenden Muslime der tatsächlichen Situation nicht gerecht wird.

Dabei müssen jedoch mehrere Dinge bedacht werden: Zum einen, dass in diesen Diskursen immer von „dem Islam“ als monolithischen Block gesprochen wird. Auch eine Bewegung wie Pegida gebraucht Begriffe wie Islamisierung, als wäre jeder in Europa lebende Muslim nur darauf aus, seine Religion zu verbreiten und politisch durchzusetzen. Dabei gliedert sich der weltweite Islam in mehrere Richtungen, die größten sind dabei die Sunnitische, gemeinhin der Mehrheitsislam (knapp 90 Prozent der Muslime weltweit) in der öffentlichen Wahrnehmung, und die Schiitische. Diese Hauptunterscheidung in die zwei wesentlichen Richtungen des Islam hat vor allem historische Gründe. Die Schiiten sehen Ali Ibn Ali Talib, einen Neffen und Schwiegersohn des Propheten Mohammed als dessen einzig legitimen Nachfolger an, während die Sunniten Mohammeds Nachfolge auch durch Personen aus seinem Stamm, die aber nicht mit ihm blutsverwandt waren, für legitim halten. Diese unterschiedlichen Auffassungen sorgten vom Tode Mohammeds bis heute immer wieder für blutig ausgetragene Konflikte. Daneben gibt es im Islam noch viele weitere unterschiedliche Richtungen und Strömungen. Die einen pochen auf die Orthodoxie, also die rechte Lehre, wie die Wahabiten, vornehmlich in Saudi-Arabien anzutreffen. Andere sind eher mystisch geprägt, wie die Sufis. Wieder anderen, wie den Ahmadiyya1, die selbst den Anspruch erheben Muslime zu sein, wird dies durch den Mehrheitsislam abgesprochen. Doch was bedeutet diese innerislamische Vielfalt für die Situation in Deutschland? Ganz einfach: Die weltweite Vielfalt des Islam spiegelt sich auch in Deutschland wieder. Je nachdem, aus welchen Ländern Zuwanderer nach Deutschland kommen und welche Strömung in ihrem Herkunftsland verbreitet ist. So sind mehr als 70 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime der Sunnitischen Richtung des Islam zuzurechnen und etwa sieben Prozent der Schiitischen, der Rest verteilt sich auf andere, ganz unterschiedliche Strömungen.2 Doch daraus ergibt sich noch eine andere Konsequenz. Die Muslime in Deutschland unterscheiden sich auch hinsichtlich ihrer kulturellen Identität. So bringt ein erst kürzlich eingewanderter nordafrikanischer Muslim eine ganz andere religiöse und kulturelle Prägung mit, als ein bereits in der dritten Generation in Deutschland lebender türkischer Muslim. Dieser Umstand wirkt sich auch auf die Organisation der Moscheevereine und der Dachverbände aus, die noch sehr ausdifferenziert und an den jeweiligen Herkunftsländern und deren religiösen Prägungen orientiert sind. Auch hier gibt es allerdings Neuerungen und Veränderungen, die der Stimme der Muslime in Deutschland eine größere Gewichtung zukommen lassen wollen, mitunter der Schaffung einer größeren Einheitlichkeit in der Vertretung der deutschen Muslime, wo sie sich vorerst im Bereich der Jugendarbeit an den Organisationsformen anderer Verbände orientieren.3 Doch wie ist infolgedessen ein Satz wie „Der Islam gehört zu Deutschland“ zu bewerten? Natürlich gehört der Islam zu Deutschland und zwar der Islam in seiner Vielfalt. Jeder Muslim, der in Deutschland lebt ist Teil unserer Gesellschaft und damit gehört auch er zu Deutschland. Aber nur zu behaupten „Muslime gehören zu Deutschland“ greift zu kurz. Ganz richtig drückte es der EKD-Ratsvorsitzende und bayerische Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm aus: „Ich kann mir nicht vorstellen zu sagen: Die Muslime gehören zu Deutschland, aber ihre Religion nicht.“ Denn sie bringen ihre Religion, in ihrer individuellen Ausprägung, mit und sie ist damit auch ein Teil unserer Gesellschaft, öffentlich wahrnehmbar und Teil unserer Diskurse. Und damit gehören auch Salafisten, die hier in diesem Land aufgewachsen sind und leben, zu Deutschland, egal wie sehr sie sich auch einen von der Scharia geprägten Staat wünschen würden, ebenso wie Evangelikale, die die Schulpflicht als mit ihrem Glauben unvereinbar ablehnen. Doch nur das Wahrnehmen der Vielschichtigkeit und Vielfalt des Islam kann davor bewahren eine Religion pauschal zu verurteilen und Muslimen mit Vorurteilen hinsichtlich radikaler Tendenzen und terroristischer Bestrebungen zu begegnen.

Ausweiten lässt sich diese Denkweise natürlich auch auf Gesamteuropa. Vor allem angesichts der Tatsache, dass Bewegungen wie Pegida schon ihrem Namen nach den Anspruch erheben, ganz Europa zu vertreten. Schon als 711 n. Chr. Muslime die Straße nach Gibraltar überquerten und auf der Iberischen Halbinsel landeten, wurden sie ein Teil Europas. Al-Andalus4, ebenso wie die osmanischen Eroberungen auf dem Balkan, bis die Osmanen 1683 das zweite Mal mit Expansionsgelüsten vor den Toren Wiens standen, ließen den Islam in Europa heimisch werden, so dass auf dem Boden, der jetzt für eine christlich-jüdische Einheitskultur in Beschlag genommen wird, schon seit hunderten von Jahren Muslime leben. Ironischerweise beträgt heute der Anteil muslimischer Bevölkerung in Wien knapp zwölf Prozent. An dieser Stelle muss sich gefragt werden, ob der Begriff Abendland, wenn man ihn denn überhaupt verwenden will, ausschließlich exklusiv verstanden werden muss oder ob er nicht sogar unter Einbeziehung der Religion der in Europa lebenden Muslime verstanden werden kann. Doch selbst auf Deutschland bezogen ist die Geschichte des Islams keine, die nur auf die letzten zwanzig Jahre beschränkt ist. Schon zu Beginn der 60er Jahre begann die BRD gezielt, türkische Gastarbeiter anzuwerben. Ursprünglich war auch nur ein zeitlich begrenzter Aufenthalt der türkischen Muslime in Deutschland vorgesehen und es kam kaum zu Spannungen aufgrund religiöser und kultureller Differenzen. Erst als klar wurde, dass diese vormals als Gastarbeiter Angeworbenen bleiben würden, war für die deutsche Politik klar, dass ihr Plan gescheitert war. Es war unmöglich, die ehemaligen Gastarbeiter einfach zurückzuschicken, aber erst ihr dauerhaftes Bleiben geriet zur öffentlichen Kontroverse. So postulierte beispielsweise schon Anfang der 80er Jahre Alfred Dregger, der damalige Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, die türkischen Muslime stünden aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum Islam der „abendländischen Kultur“ derart fern, dass eine Assimilation unmöglich sei.5 Und wieder fällt der Begriff Abendland, natürlich exklusiv verstanden.

Schritte zu einer höheren Akzeptanz religiöser Vielfalt und um den interreligiösen Dialog zu beleben und aufrecht zu erhalten sind dabei vor allem der Interkulturelle Rat in Deutschland, der unter anderem von dem im interkulturellen Sektor engagierten evangelischen Theologen Jürgen Micksch gegründet wurde. Er initiierte zudem einen interreligiösen Arbeitskreis, in dem sich die Vertreter der christlichen Kirchen sowie die Vertreter verschiedener Richtungen der anderen beiden abrahamitischen Religionen, sowie auch der Buddhisten und der Bahai in Deutschland um eine Zusammenarbeit und einen Austausch zu bemühen. Entgegen vielfacher Kritik ist nämlich der islamischen Tradition das interreligiöse Gespräch nicht fremd. Im Islam erkennt man sogar die Buchreligionen, also Juden- und Christentum als Wege an, die zu Gott führen können, und auch der Koran verbietet streng genommen die Bekehrung Andersgläubiger unter Zwang6. Natürlich ist es richtig, dass innerhalb der Vielfalt des Islam eine zum Dialog bereite Mehrheit existiert. Aber all das darf nicht verschleiern, dass diese enorme Vielfalt des Islam in Deutschland auch radikale Strömungen umfasst. Doch sie bleiben auf Minderheiten beschränkt und deshalb bleibt zu hoffen, dass die große, keineswegs demokratiefeindliche und oft auch liberal gesinnte Mehrheit ihrer Stimme genug Gehör verschafft, um so auch in der Gesellschaft wirklich wahrgenommen zu werden. Die Existenz radikaler Minderheiten im Islam sollte aber nicht dazu führen, den Dialog zu vernachlässigen oder ihm seine Berechtigung abzusprechen. Ganz im Gegenteil: Gerade die Kirchen in Deutschland sind als religiöse Akteure, in noch höherem Maße als vielleicht die Politik, dazu befähigt, in einen konstruktiven Dialog mit den Muslimen in Deutschland zu treten. Gerade der gemeinsame religiöse Ursprung bietet fruchtbaren Boden, um in ein Gespräch auf Augenhöhe zu treten - ganz im Sinne der von den beiden katholischen Theologen Hans Küng und Karl-Josef Kuschel erdachten Abrahamitischen Ökumene, die aufgrund der gemeinsamen Berufung auf den Stammvater Abraham in den drei Religionen Judentum, Christentum und Islam sogar einen Trialog dieser Religionen favorisiert. Allerdings kommt den Kirchen als besser vernetzten und eher zentralisiert organisierten Vertretern der Mehrheitsreligion in Deutschland auch die Aufgabe zu, nicht nur über die Muslime zu reden, wie es nur allzu oft von Seiten der Politik geschieht, sondern mit ihnen. Unter diesen Voraussetzungen sollte es möglich sein, mit den vier bis fünf Prozent ansässigen Muslimen in Deutschland, die hier schon zumeist in der zweiten oder dritten Generation heimisch und selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft sind, mit Respekt zu begegnen und in einen Dialog für eine gemeinsame Zukunft zu treten.

Felix Imer ist Student der Evangelischen Theologie an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau und arbeitet dort als Hilfskraft am Lehrstuhl für Interkulturelle Theologie.

1 Die Ahmadiyya wird vor allem deshalb als häretisch angesehen, da sie neben den traditionellen islamischen Rechtsquellen (dem Koran, der Sunna, also der Handlungsweise des Propheten und den Hadithen, den Überlieferungen über Aussprüche und Handlungen des Propheten) auch noch die Offenbarungen, die an ihren Gründer Mirza Ghulam Ahmad ergingen, anerkennt.

2 http://www.deutsche-islam-konferenz.de/DIK/EN/Magazin/Lebenswelten/ZahlenDatenFakten/ZahlMLD/zahl-mld-node.html.

3 Gemeint ist der Bund der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland e.V. (BDAJ), der sich in seiner Organisation nach den Prinzipien der Jugendarbeit ausgerichtet hat und somit Mitglied im Deutschen Bundesjugendring (DBJR) ist.

4 Al-Andalus ist eine arabische Bezeichnung, die sich geographisch auf die von 711 bis 1492 besetzten Gebiete der Iberischen Halbinsel bezieht.

5 Vgl. Kandil, Fuad: Blockierte Kommunikation: Islam und Christentum. Zum Hintergrund aktueller Verständigungsprobleme (Christentum und Islam im Dialog. Christian-Muslim Relations Bd. 11), Berlin 2008.

6 Koran 2:256 nach Paret:"In der Religion gibt es keinen Zwang." Diese Aussage des Koran wird von den meisten muslimischen Exegeten als ein Verbot der gewaltsamen Missionierung aufgefasst.

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Kommentare

Dr. Klaus Beckmann
Der Artikel enthält wesentliche Informationen. Allerdings würde ich stärker betonen, dass das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher religiöser und kultureller Herkunft bzw. Prägung bei uns primär nicht in einem "Religionsgespräch", sondern durch die säkulare (wenn auch christlich imprägnierte) Staatsordnung geregelt ist. Vielleicht gibt dieser schon etwas ältere Beitrag von mir ein paar Diskussionsanstöße: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=3379
06.02.2015 - 09:39 Uhr