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Der Chef der Protestanten?

Ein Kommentar von Tobias Graßmann

Heinrich Bedford-Strohm ist zum Ratsvorsitzenden der EKD-Synode gewählt worden. Dieses wenig überraschende Ergebnis der 7. Tagung der 11. EKD-Synode ist für viele regionale und überregionale Medien Anlass, sich mit der Evangelischen Kirche in Deutschland und gegenwärtigen Entwicklungen in den protestantischen Kirchen Deutschlands zu befassen. Diese mediale Aufmerksamkeit sollte nicht nur für alle „öffentlichen Theologen“ in unseren Reihen, sondern für uns Protestantinnen und Protestanten insgesamt ein Grund zur Freude sein.

Wenn nun aber Bedford-Strohm in einem (prinzipiell sehr empfehlenswerten) Porträt des neuen Ratsvorsitzenden durch Reinhard Bingener in der online-Ausgabe der FAZ als der zukünftig „oberste Protestant Deutschlands, eine Mischung aus Regierungschef und Bundespräsident“1 bezeichnet wird und die Zeit auf ihrer Titelseite unter der launigen Überschrift „Habemus Zukunft!“ schreibt: „Der neue Chef der Protestanten im Interview“2, dann muss man schon die Frage stellen, ob es sich hierbei lediglich um rhetorische Stilmittel oder begriffliche Schlamperei im Einzelfall handelt.

Hat die von den Medien informierte Öffentlichkeit – welche die öffentliche Theologie sich ja seit jeher zu bespielen anschickt – wirklich so wenig vom Protestantismus in seiner Eigenart verstanden?

Ich als Protestant und Vikar der bayerischen Landeskirche kenne jedenfalls keinen „Chef“ in Sachen Protestantismus und ich kenne auch keine „oberen“ und „obersten“ Protestanten. Ich weiß um meine kirchlichen Vorgesetzten und den sogenannten Dienstweg an Instanzen, den ich im Zweifelsfall zu beschreiten habe.

Aber in meinem christlichen Glauben und protestantischen Bekenntnis weiß ich niemanden über mir außer Jesus Christus, den Herrn der Kirche, und die Heilige Schrift, welche ihn bezeugt und die in den Bekenntnisschriften meiner Konfession sowie seither im allgemeinen, öffentlichen Ringen von Gelehrten und Laien um ihre Wahrheit ausgelegt wird.

Man kann Bedford-Strohm deshalb von mir aus gerne als obersten gewählten Vertreter der Protestanten bezeichnen, als Vorsitzenden und auch als Chef der EKD, welche nun freilich die Protestantinnen und Protestanten in Deutschland weder unmittelbar, noch ausschließlich repräsentiert. Vom Chef einer protestantischen Kirche in Deutschland zum Chef der deutschen Protestanten führt schlicht und ergreifend kein protestantischer Weg – und hier handelt es sich für evangelische Christenmenschen nicht nur um eine begriffliche Spitzfindigkeit.

Doch sollten diese journalistischen Ausrutscher möglicherweise gar einen Anhalt im Selbstverständnis der Institution EKD und der Selbstinszenierung ihrer früheren Repräsentanten haben, die sich tatsächlich als „Chefinnen“ und „Chefs“ der Protestanten Deutschlands begriffen und dementsprechend agiert haben?

Das wäre freilich fatal, müsste man dann doch zugestehen, was Kritiker der EKD schon lange vorwerfen: Dass hier mit dem offiziellen Ziel der Vereinheitlichung von Regelungen und einer einheitlichen Repräsentation unter der Hand ein zutiefst unprotestantischer Zentralismus und ein hierarchischer Klerikalismus Raum greifen.

Um solchen (Selbst-)Missverständnissen vorzubauen, ist alles, was auch nur von ferne eine stufenförmige Hierarchie suggeriert, die von den einzelnen Glaubenden über die Ortsgemeinden und Landeskirchen bis hin zur EKD mit ihrem Ratsvorsitzenden als „Regierungschef“ an der Spitze aufsteigt, von Protestantinnen und Protestanten immer und allerorten strikt zurückzuweisen.

So mag sich der römische Katholizismus organisieren und in seinem Selbstbild repräsentieren – dem protestantischen Verständnis von der geistlichen Freiheit eines Christenmenschen widerspricht ein hierarchisch gestuftes Konzept von Kirche zutiefst!

Es ist nun an Heinrich Bedford-Strohm, im Amt des EKD-Ratsvorsitzenden eigene Akzente zu setzen und – zunächst für diese Amtsperiode – auch das Selbstverständnis der EKD charakteristisch auszubuchstabieren. Der kollegiale und transparente Führungsstil, mit dem er sich in der bayerischen Landeskirche viel Respekt und auch über sie hinaus große Sympathie erworben hat, lässt hoffen, dass bei ihm unprotestantisches Chefgehabe oder auch selbstgefällige Starallüren nicht zu beklagen sein werden.

Dem derzeitigen bayerischen Landesbischof sei deshalb von Herzen zum Ergebnis der Wahl gratuliert!




1 Bingener, Reinhard: Heinrich Bedford-Strohm. Der öffentliche Theologe, in: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/bayerns-landesbischof-heinrich-bedford-strohm-im-portraet-13256038.html letzter Zugriff am 13.11.2014 um 12:48.

2 Überschrift in DIE ZEIT vom 13. November 2014, S. 1.

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