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80 Jahre Barmer Theologische Erklärung – ein Aufruf zur Verantwortung an Regierende und Regierte

von Theresa Dittmann


Die evangelische Kirche erinnerte am 31. Mai 2014 an die auf der Bekenntnissynode in Wuppertal- Barmen verabschiedete Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirchei. Die bayerische Landeskirche nahm sich das 80-jährige Jubiläum zum Anlass, einen Studientag für die kirchenleitenden Organe in Nürnberg zu veranstalten. Dabei stand insbesondere die Frage um eine mögliche Erweiterung der Kirchenverfassung durch die sog. Barmer Erklärung (BThE) im Vordergrund.ii Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm sprach von einer neuen geistlichen Kraft für die gegenwärtige Kirche, die von dieser Erklärung ausginge.


Die BThE war die theologische Grundlage der Bekennenden Kirche in der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Herrschaft von 1933 bis 1945. Die gemeinsame Formulierung dieser Thesen von Vertretern lutherischer, reformierter und unierter Kirchen ist zweifelsohne das bedeutendste Zeugnis gegen die theologischen Auffassungen der Deutschen Christen und damit eines der herausragenden Ereignisse der deutschen evangelischen Kirchengeschichteiii.

Die Erinnerung an die Erklärung ist nicht nur ein Erinnern an ein geschichtliches Ereignis, an dem Kirche in einer äußerst schwierigen und bedrängten Situation (wenn vielleicht auch nur mit einem Minimum von Oppositioniv) Widerstand leistete, sondern sie gibt kritische und weiterführende Impulse für das Handeln der Kirche in unseren gegenwärtigen Fragestellungen und Herausforderungen.

Was macht Kirche zu Kirche? Wie muss Kirche aussehen? Was ist ihre Aufgabe? Von diesen Fragen geleitet ist die BThE eine innerkirchliche Auseinandersetzung zu Wesen, Gestalt und Auftrag der Kirche. Eine Selbstbesinnung. Die Frage nach dem Wesentlichenv.

These 1 gibt als Grundlegung für alle weiteren Thesen die Richtung für die ganze Erklärung vor: Jesus Christus allein, dem einen Wort Gottesist zu gehorchenvi. Damit stellt sich die Kirche wieder in die Ursprungsperspektive der Reformation und damit in den Horizont der ganzen Christenheit auf Erdenvii.viii


Wie können wir das Hauptanliegen Barmens, die Kirche ganz auf Jesus Christus auszurichten, sich ganz auf ihr Wesentliches zu konzentrieren, heute aufnehmen?

Nach Barmen V hat der Staat die Aufgabe, für Recht und Frieden zu sorgen, die Kirche hingegen an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regiertenerinnern. Gegen ein Missverstehen der lutherischen Zwei-Reiche-Lehre, bekennt Barmen Gott als den einen Herrn über Staat und Kirche und fordert daher nicht eine Trennung, wohl aber, ganz im Sinne Luthers, eine Unterscheidung der Aufgaben von Kirche und Staat. Dies bedeutet deshalb eben nicht, dass sich Kirche in ein scheinbar unpolitisches religiöses Ghettoix einzuschließen hat. Im Gegenteil, Barmen fordert eine weltzugewandte Kirche! Kirche hat eine Verantwortung in der Welt und für die Welt. Ganz Geist der Reformation und der BThE ist es die Pflicht unserer Kirche, nicht nur auf sich selbst zu schauen, sondern den Blick über sich selbst hinaus zu weiten auf die Gesellschaft, in der sie lebt.x Zum einen gehört die Mahnung an die Regierenden dazu: ihre Verantwortung für eine gerechtere Weltordnung wahrzunehmen, für die Wahrung der Menschenrechte, für ein Leben ohne ökonomische, ökologische und menschliche Ausbeutung. Ebenfalls soll Kirche Regierte, sprich alle Menschen, an ihre Verantwortung erinnern, sich in die aktuellen Fragen und Herausforderungen der Zeit einzubringen, gegenwärtige Missstände zu kritisieren bis hin zu gewaltlosem Widerstand gegen korrupte und pervertierte Politik, Medien, Wirtschaft sowie gegen korrupte Moral und Religionxi. Barmen fordert auf zu einer aktiven Kirche, einer sichtbaren Glaubensgemeinschaftxii, die durch den Blick auf ihr Haupt Jesus Christus und die Verkündigung seiner Botschaft zur mündigen Mitverantwortung einlädt. Die Kirche als „brüderliche und schwesterliche Gemeinschaftkann daher kein Betreutes Lebenxiii sein, sondern braucht selbständige Gemeinden, die mit Ideen und Kreativität, in aller Offenheit und mit Mut das Leben in der Gemeinde und der Welt mit gestalten.


Und genau dieses Handeln fordert die zweite These der BThE ein, dass in der Zusage der Gnade Gottes, Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben [...] zu freiem, dankbaren Dienst an seinen Geschöpfensteckt. Dieser dankbare Dienst- das ist unser Handeln und unser Zeugnis in der Welt. Denn weil Handeln am Mitmenschen das Handeln an Jesus Christus selbst istxiv, ist es unmittelbar mit dem Verkündigungsauftrag als der zentralen Aufgabe unserer Kirche (Barmen II) verbunden. Trotz allem Einsatz und Engagement der Kirche warnt Barmen VI aber vor menschlichen Wünschen, Plänen, Zwecken und Selbstherrlichkeit im kirchlichen Handeln. Denn, so Martin Luther wir sind es doch nicht, die da die Kirche erhalten können, unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen, unsere Nachkommen werden's auch nicht sein; sondern der ist's gewesen, ist's noch, wirds sein, der da spricht: Ich bin bei euch bis ans Ende der Welt.xv

Bei aller Zeitbedingtheit und Kontextgebundenheit der BThE transportiert sie die zeitübergreifende Botschaft vom Zuspruch und Anspruch Gottes, von der Besinnung der Kirche auf ihr ureigenes Wesen, ihre Gestalt sowie ihre Aufgabe und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Mitgestaltung und Mitverantwortung in Kirche und Staat.


ii Den Einstiegsvortrag hielt Prof. Dr. Jürgen Moltmann. Das Referat ist nachträglich unter folgendem Link einzusehen: http://www.youtube.com/watch?v=dgrLh2CHC74

iii Zur Geschichte der Barmer Theologischen Erklärung: Carsten Nikolaisen, Der Weg nach Barmen. Die Entstehungsgeschichte der Theologischen Erklärung von 1934, Neukirchen-Vluyn 1985.

iv Karl Barth, Texte zur Barmer Theologischen Erklärung, Zürich 1984, S. 230.

v Kritisch anzumerken ist bei diesem Selbstbezug das Schweigen der Barmer Synode zur allgemeinen Judenverfolgung.

vi Wichtig ist das dazugehörige Bibelwort: Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich“.

viirgen Moltmann, Die Barmer Theologische Erklärung, in: Evangelische Theologie 69, 2009, S. 410.

viii In dieser christologischen Zentrierung spiegelt sich im Wesentlichen die Theologie Karl Barths wider, der mit Hans Asmussen und Thomas Breit die Formulierung der Thesen erarbeitet hat.

ix Ulrich Fischer in: Begründete Freiheit. Die Aktualität der Barmer Theologischen Erklärung. Vortragsreihe zum 75. Jahrestag im Berliner Dom, Neukirchen-Vluyn 2009, S. 8.

x Wolfgang Sommer, Die Barmer Theologische Erklärung und die lutherische Tradition der Zwei- Regimente-Unterscheidung, in: Deutsches Pfarrerblatt (114) 2014, S. 268-273.

xi Michael Welker, in: Begründete Freiheit. Die Aktualität der Barmer Theologischen Erklärung. Vortragsreihe zum 75. Jahrestag im Berliner Dom, Neukirchen-Vluyn 2009, S. 74.

xii Jürgen Moltmann, Die Barmer Theologische Erklärung, in: Evangelische Theologie 69, 2009, S.412.

xiiirgen Moltmann, Vortrag in Nürnberg zum 80. Jubiläum der Barmer Theologischen Erklärung im Landeskirchlichen Archiv der Evangelischen Lutherischen Kirche in Bayern. Vgl. Anm. 2.

xivWahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40).

xv Martin Luther, Wider die Antinomer, WA 50, S.476.



Zur Person:

Theresa Dittmann ist Dipl.-Rel-Päd. und arbeitet am Gottesdienst-Institut in Nürnberg. Gegenwärtig studiert sie Evangelische Theologie in Berlin und war zuvor in Erlangen und Jerusalem.

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