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Zur Soziologie einer Kulturform

Rezension „Die Kneipe. Zur Soziologie einer Kulturform“, erschienen 1987 in der edition suhrkamp.


„Die inkommensurablen Ereignisse verlaufen synchron.“ Dieser Satz wird Max Frisch von Harald Schmidt zugeschrieben oder untergeschoben; ganz egal, sehr richtig. Das Bewusstsein für die Gleichzeitigkeit unvergleichlicher Ereignisse blitzt in Momenten von Übersicht und wacher Klarheit auf.


Während Jenny um ihren verstorbenen Bruder heult und schreit und in der ganzen Kneipe von Gast zu Gast rennt, kommt es im Nebenraum mit den Glücksspielautomaten zu einer lange andauernden und lauten Münzausschüttung. Draußen ist es hell von Licht und Schnee. Trotz des unwahrscheinlich großen Gewinns jubelt niemand, am Tresen bewegt keiner den Kopf in Richtung der Zocker. Jenny hat ein ausgemergeltes, von Drogen gezeichnetes Gesicht, gerade ist sie auch drauf. Sie sitzt apathisch am Tresen. Dann weint sie. Sie rennt auf die Gäste an den Tischen zu und schreit: „Wie könnt ihr lachen, wenn mein Bruder gestorben ist?“ Gisela, die Wirtin, versucht Jenny mit Essen zu beruhigen. Sie sagt: „Was soll ich denn nur mit der Kleenen machen?“ Ein Typ mit weißem Schal bestellt Wein für Jenny und sich und versucht, mit ihr zu knutschen. Gisela geht dazwischen: „Das ist jetzt nicht das, was die Jenny braucht!“ Er geht und nimmt beide Weingläser mit. Jenny bleibt am Tresen sitzen. Gisela beauftragt Jürgen, sich um Jenny zu kümmern. Jürgen ist circa 60 Jahre alt, trinkt Weizenbier und trägt einen Vokuhila. Sein Haar reicht über die Bomberjacke bis zum Steiß. Jürgen setzt sich mit Jenny an einen Tisch und sagt ruhig: „Jetzt erzähl mal, Mädchen.“ Jenny redet und heult und wird von Jürgen nicht unterbrochen. Am Ende sagt Jürgen: „Jetzt ist gut. Die Zeit geht weiter.“ Jenny hat aufgehört zu Heulen. Die beiden stehen auf. Jürgen geht zum Tresen und setzt sich neben Gisela, deren 16-Stunden-Schicht vorbei ist und die sich ein Bier gönnt. Jenny nimmt ihre Jacke und geht nach Hause. Die Münzausschüttung stellt sich als Automatenleerung durch die Fachkraft für Automatenservice von Novoline heraus.


Wer sich je ernsthaft mit Gaststättenkultur beschäftigt hat, kommt am Standardwerk „Die Kneipe. Zur Soziologie einer Kulturform“ nicht vorbei. Die vorliegende Studie ist auf dem Gebiet der Erforschung von Gaststätten als Zentren gesellschaftlicher Kommunikation und im Hinblick auf die Ergründung des soziokulturellen Hintergrunds von Kneipenbesuchen wegweisend. Ich selbst habe das Buch nicht gelesen.


Wenn jemand die Tatsache, dass dieses Werk in der edition suhrkamp erscheint, oder dieses Unterfangen selbst für trivial hält, der hat weder etwas von Wissenschaft, noch von Kneipen etwas verstanden. Genau so unsinnig ist die Aussage des rumänischen Fußballspielers Adrian Mutu, „Böse Flüche können mir nichts anhaben, weil ich meine Unterwäsche auf links trage“. Wer aus Aberglauben seine Unterwäsche auf links trägt, ist eben deshalb für böse Flüche anfällig. Ebenso verhält es sich mit der Erforschung von Kneipen: Wer dies für trivial hält, ist eben deshalb kein ernstzunehmender Wissenschaftler.


Denn die Ursache, der Urgrund jeder Wissenschaft, der Kunst und der Religion ist die Faszination, das Wundern und das Erstaunen darüber, dass etwas ist und über das, was ist. Und dazu gehört: alles. In diesem Fall: Kneipen. Damit ist noch nichts darüber gesagt, ob die jeweiligen Disziplinen dem Menschen zum Guten oder zum Bösen dienen. Das Wundern über das Vorgefundene sagt ja noch nicht, ob danach Freude oder Empörung folgt. Das Interesse für Technik kann ebenso einher gehen mit Misanthropie wie das für Kultur mit der Verachtung von Natur.


Eine Weltzugewandtheit und Interessiertheit in Voraussicht auf die Möglichkeit der rationalen Durchdringung und in dem Sinne, dass deren Ziel Beschreibung, Verständnis und Deutung der Welt ist, ist Grundlage von Religion, Wissenschaft, Kunst.

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Kommentare

kay hoffman
eine feldforschung der besonderen art - sehr zu empfehlen und zu unterstützen! kay
22.02.2014 - 13:12 Uhr