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Skurriles und Witziges

Ein Eröffnungsartikel von Julian Scharpf

Die populärste literarische Referenz der jüngeren Zeit zum Verhältnis von Theologie und Humor findet sich in Der Name der Rose von Umberto Eco. Dieser historische Kriminalroman ist Vorbild für moderne Klassiker des Genres wie Die Wanderhure, Das Vermächtnis der Wanderhure oder Die Tochter der Wanderhure. In Ecos Krimi klären Sean Connery und sein junger Gehilfe eine Mordserie unter Mönchen auf. Die analytisch- rationale Arbeitsweise der beiden mittelalterlichen Detektive wird später Vorbild sein für das Ermittler Duo Sherlock Holmes und Dr. Watson, welche wiederum Charles S. Pierce zu seiner epistemologischen Schlussfolgerungsweise der Abduktion inspiriert haben.

In Der Name der Rose ergießt sich bluttröpfchenweise über viele Seiten ein Narrativ, in dem der Leser einem greisen Mönch auf die Spur kommt, der das verschollen geglaubte „Zweite Buch der Poetik“ des Aristoteles in seinem Besitz hat. In der Poetik soll die Komödie Thema sein und eine positive Einstellung gegenüber der Freude und dem Lachen vorherrschen. Der greise Mönch hält das Buch für so gefährlich, dass er es mit Gift versieht um es unzugänglich zu machen. Er fürchtet, dass wenn die Menschen über alles lachen dürfen, sie auch über Gott lachen werden. In Bezug auf unsere Fragestellung wird hier eine epochenübergreifende Konfliktlinie erkennbar. Das Ende der Geschichte wird hier nicht verraten, nur so viel: Sean Connery löst die Mordserie auf, aber die berühmte Bibliothek inklusive der Poetik fällt den Flammen zum Opfer. Gelacht wird selten.

In unserem Fall führt die Spur mit verschollenen oder frei erfundenen Schriften weiter. Das Werk Die Hoden des Philosophen. Verräterische Einblicke von Vlad Ioanescu (1987) ist zwar bei Amazon und bei Google Books gelistet, es finden sich aber keine Auszüge aus dem Buch oder Verweise darauf, was einer Nicht- Existenz gleich kommt.

Das Werk trägt ein berechtigtes Anliegen in sich: Eine Klärung des Verhältnisses der Philosophen zu ihrer Körperlichkeit. Der Diskurs über das Verhältnis der Theologen zu ihrer Physis sollte in Anbetracht der offenherzigen Benennung expliziter Körperlichkeit in der Bibel, gewissermaßen seit Abrahams Lenden, gewaltfrei und chancengleich (Hashtag Habermas) geführt werden können. Dass dem leider nicht so ist, beweist Origenes, der sich, die Spannung zwischen Fleisch und Geist nicht ertragend und die einfachste Lösung suchend, selbst entmannt haben soll #Ockham's razor.

Aus protestantischer Perspektive wagt hier Philipp von Hessen einen neuen Aufschlag, dessen überbordende Sinnlichkeit damit erklärt wird, dass er einen Hoden mehr als der Durchschnittsmann habe. Die Medizingeschichte geht heute allerdings davon aus, dass im Falle des Landgrafen eine Spermatozele deutlich wahrscheinlicher ist als die extrem seltene Triorchie. Luther und Melanchthon zeigen jedenfalls Verständnis und erlauben die Heirat einer zweiten Frau. So viel zum Sujet aus kirchenhistorischer Sicht.

Das Verhältnis bei den Philosophen ist ungleich raffinierter. In der Online- Version des Duden wird vom Begriff „Hoden“ auf den medizinischen Sprachgebrauch der Heterotopie verwiesen, welcher die Bildung von Gewebe oder Körperteilen an atypischer Stelle bezeichnet wie bei „Knorpelgewebe im Hoden“. Die philosophische Definition der Heterotopie ihrerseits wurde von Michel Foucault geprägt. Foucault versteht darunter Orte und Zonen als tatsächlich realisierte Utopien, in denen alle anderen Räume innerhalb einer Kultur zugleich repräsentiert, bestritten oder umgekehrt werden. Beispiele für Heterotopien sind Klöster und Friedhöfe, wodurch der Bezug zur theologischen Reflexion hergestellt ist. Hier schwingt das Foucaultsche Pendel nach *außen.

Der Begriff der Heterotopie kann die Funktion dieser Rubrik innerhalb des Systems dieses Blogs beschreiben: Ein Ort, an dem theologisch Randständiges nonkonform verhandelt wird. Mit anderen Worten: Diese Rubrik ist das Knorpelgewebe in den Testikeln des NThK. Hier wird Skurriles, Witziges und Abgründiges seinen Platz haben. Vielleicht werden hier Texte stehen, vielleicht auch etwas ganz Anderes. Die Zukunft ist offen (K. Popper).


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Kommentare

kay hoffman
Interessant und lesenswert! kay hoffman
21.02.2014 - 08:37 Uhr