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„Und gewonnen hat, wie immer, Deutschland“

Eine Skizze zum WM-Sieg und zu nationaler Euphorie

von Niklas Schleicher


Ihr sagt: Wir leben doch heute!

Ja, gewiss - aber so sind hier die Leute.

(Franz Josef Degenhardt)


Auchi wenn die Weltmeisterschaft schon wieder über eine Woche vorbei ist, und sich die Presse und die Öffentlichkeit wieder wichtigeren Dingen zuwendet, sind m.E. einige Anmerkungen auch auf nthk.de nötig. Deutschland hat also den vierten Stern geholt, wir sind Weltmeister, wir sind wieder wer. Zugegeben: Das ist ein verdienter Sieg, nach dem hervorragenden Abschneiden der letzten Jahre, bestreitet das sicherlich niemand. Insgesamt war das DFB-Team auch in dieser, spielerisch gar nicht so schlechten WM die beste Mannschaft, was nicht nur an dem sensationellen Sieg im Halbfinale gegen Brasilien liegt.

Trotzdem, einen schalen Beigeschmack hat dieser Triumph. Nicht aufgrund der deutschen Mannschaft, sondern aufgrund der Art und Weise, wie dieser Sieg begangen wird, was dieser Sieg mit sich führt, welche Gefühle und Gedanken er anscheinend auslöst. Man möge mir die Übersensibilität verzeihen, wenn es denn diese ist, die mich zum Verfassen dieser Zeilen veranlasst, aber es ist ohne Zweifel interessant, sich die Rhetorik etwas näher anzuschauen, die den vierten Weltmeistertitel begleitet. Der unter dem Hashtag #gauchogate thematisierte Feiertanz der deuschen Nationalmannschaft ist in diesem Sinne nur ein Nebenaspekt, eher die Reaktionen darauf verschärfen das Problem noch. Der Tanz selbst ist wahrscheinlich als eine unter Alkohl- oder Euphorieeinfluss entstandene, verunglückte Feiereinlage zu bewerten. Doch später dazu mehr.

Die Frage, ob Deutschland oder doch nur die deutsche Nationalmannschaft, bestehend aus den Spielern und dem Trainerteam, den vierten Stern geholt hat, mag auf den ersten Blick kleinkariert erscheinen. Ist sie aber m.E. nicht. Es ist eine Frage danach, wer sich die Dominanz in diesem Turnier zuschreibt, wie sich der Fan, der Fußballbegeisterte, die Anhängerin der DFB-Elf versteht. In der Rhetorik, die schon nach dem Brasilien-Spiel die sozialen Medien dominierte, also die „Wir haben Brasilien gefickt“-Rhetorik ist aus dem Sieg dieser 11, 14 oder (mit Betreuer-Stab und Auswechselspieler) allerhöchsten 60 Männer und Frauen der Sieg von 80 Millionen geworden. Mehr noch: In dieser Rhetorik ist es kein Sieg, sondern eine Demontage, ja eine Vernichtung. 80 Millionen Deutsche haben über 200 Millionen Brasilianer dominiert. Nach dem Weltmeistertitel dominieren dementsprechend 80 Millionen Deutsche über dem Rest der Welt. Natürlich würde in dieser schlichten Verallgemeinerung dem nur eine kleine und nicht ernstzunehmende Minderheit zustimmen, aber die isolierte Rhetorik ist erstmal diese und stellt zunächst nur die Grundlage dessen dar, was darauf hin noch folgt. Dass ich diese Art der Rhetorik nicht gut finde, steht auf einem anderen Blatt und kann kritisiert werden, ist aber vielleicht noch nicht zu hoch zu bewerten.

Der individuellen Identifikation des einzelnen mit der Mannschaft und den in diesem Sinne 80 Millionen Nationalspielern folgt aber noch eine andere Gleichsetzung, gut zu diagnostizieren in den Medien. Die deutsche Nationalmannschaft wird zur politischen Größe Deutschland. Deutschland ist dann in diesem Sinne eine wiedererstarkte Nation, die neben dem Besitz von wirtschaftlichen und politischen Einfluss, nun auch noch im Sport Dominanz über andere Nationen besitzt. Diese Dominanz kann für die anderen Einflussspähren ziemlich gut genutzt werden. Man kann sich das so vor Augen führen: Jede der drei Weltmeistertitel der deutschen Nationalmannschaft bisher ist, jedenfalls in der Deutung, in gewisser Weise funktionalisiert worden. 1954 steht Deutschland aus den Trümmern wieder auf. 1974 ist der Sieg im Kalten Krieg auch in gewisser Weise ein Sieg der richtigen Seite. 1990 gewinnt das vereinte Deutschland. Und 2014 kann der Sieg folgende Funktion bekommen: Deutschland wird menschlich. Die deutsche Vormachtstellung und der deutsche Anspruch in Europa wird durch die Mannschaft, die überlegen und spielfreudig ein Turnier gewinnt, unterstrichen. Oder, diese Deutung ist vielleicht besser: Genauso spielerisch und so freundlich und aufmunternd die deutsche Nationalmannschaft mit ihren Gegnern nach dem Spiel umgeht, genauso wäre es, wenn Deutschland wieder Verantwortung übernimmt. Ein freudiger Nationalismus, ein Patriotismus mit menschlichem Antlitz und ein hilfsbereiter Imperialismus. Für das kann die deutsche Nationalmannschaft das Bild sein. Diese Instrumentalisierung profitiert natürlich von der oben ausgeführten Identifikation, greift in diesem Sinne auf die Unterstützung durch die breite Masse zurück, wird quasi von der 80 Millionen Menschen starken Nationalmannschaft getragen.

Wer jetzt denkt, dass ich mir dieses Bild von Nationalstolz, vereinfachenden Identifikationen und emotionalen Stolz auf Deutschland, die deutsche Nationalmannschaft oder was auch immer ausgedacht habe, der lese nur z.B. folgenden Artikel: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/vier-sterne-deutschland-die-welt-lacht-zurueck-13045251.html. Ein längeres Zitat mag zur Illustrierung meiner Skizze dienen: „Wohl noch am ehesten für ein gereiftes und – bei aller Lust an der Nörgelei – mit sich zufriedenes Deutschland, auf dem Fußballplatz wie in der Politik. Die Wiedervereinigung brachte nicht sofort und überall blühende Landschaften hervor. Doch ist die deutsche Einheit trotz mancher Härten und Rückschläge zu einem Erfolg geworden, von dem es in der Welt heißt, so etwas könnten eben nur die Deutschen stemmen, politisch wie finanziell. Ähnliches wird über Deutschland gesagt, wenn es darum geht, wer dem ins Straucheln gekommenen europäischen Einigungsprozess wieder Kraft und Richtung geben soll. Die Bundeskanzlerin ist auf diesem Feld zu einer politischen Spielmacherin geworden, ohne dass das ihr selbst oder ihrem Land zu Kopf gestiegen wäre. Deutschland setzt seine Stärke(n) maßvoll ein, bei der Verfolgung seiner Ziele wie bei der Wahrung seiner Interessen.“

In diese Gemengelage kann dann auch #gauchogate, die Aufregung und die Aufregung über die Aufregung dieses „Tanzes“, eingeordnet werden. Die Aufregung über die Aufregung ist relativ einfach: Man wird ja noch feiern dürfen, wir werden ja schließlich nicht jedes Jahr Weltmeister. Wir sind stolz über den Sieg unserer Mannschaft, über unsern Sieg. Und vor allem: Wir waren die ganze WM über gute Sieger, menschliche Sieger. Mit deutschen Großmachtfantasien hat das nichts zu tun. Und, dem würde ich zustimmen. Mit Sicherheit dachte keiner der Nationalspieler in diesen Kategorien, auch wenn die BILD-Zeitung in Person von Béla Anda (http://www.bild.de/politik/inland/nationalmannschaft/bela-anda-zwischenruf-zum-gaucho-tanz-36846776.bild.html) verlässlicherweise dafür sorgt, dass man sich wenigstens über die Rezeption des Tanzes gehörig zu gruseln vermag: „Im Fußball gibt’s Sieger und Besiegte. Und Mitleid für Verlierer gibt es da nicht. Es ist schön, dass die Spieler uns das wahre Gesicht des Fußballs gezeigt haben.“

Deshalb ist auch eher die Empörung, gerade in den Leitmedien, eher verräterisch. Man empört sich über die Vernichtung der fußballerischen Schönfärbung des deutschen Leitanspruchs: „Diese Bilder, man ahnt es schon, werden nicht nur in Argentinien zum Symbol für den Umgang der Deutschen mit diesem Sieg werden. Die seit Wochen zu hörenden Floskeln vom „neuen Deutschland“, das sich im Spiel dieser Mannschaft verkörpere, werden zum Gespött geraten. Man muss die angebliche „Weltoffenheit“ und „Toleranz“ nur mit den „gehenden Gauchos“ der Nationalspieler kontrastieren.“ (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik-empfang-der-weltmeister-so-gehen-gauchos-13047240.html)

Diese Gesamtsituation ist das eigentlich traurige. Nicht, dass ein paar Spieler zu ausgelassen feiern. Nicht, dass sich Menschen darüber aufregen. Sondern, dass sich niemand über die gleichschaltende Identifikationii der Deutschen mit ihrer Nationalmannschaft empört und, vor allem, dass es völlig problemlos möglich ist, diesen Sieg für den Anspruch Deutschlands im politischen Geschäft auszuschlachten.

Die Deutung dieses Geschehens ist natürlich meine Deutung. Ich möchte mit dem Versuch der Beschreibung dessen, was ich im Zusammenhang mit der WM wahrgenommen habe, eine Möglichkeit der Deskription des Verhaltens im Zusammenhang mit der politischen Funktionalisierung bieten, die natürlich in vielen Punkten auf einer vorreflexiven Ebene zu verorten ist. Da ich aber Ethik im Anschluss an Johannes Fischer (Verstehen statt Begründen) eher als Beschreibung des Verhaltens als eine Begründung von Handlungsregeln und -normen verstehe, und, falls nötig, auch die Kritik an diesem Verhalten, ist auch dieser Beitrag im Sinne meiner Überlegungen zur Natur zu verstehen: Der Versuch aufzuzeigen, welche impliziten, vorreflexiven oder expliziten, aber nicht ausgesprochenen, Einstellungen sich hinter dem einfachen Feiern des Sieges der deutschen Nationalmannschaft steht. In diesem Sinne ist das ein patriotischer Stolz, der sich als Ventil die deutsche Nationalmannschaft sucht, und zwar sowohl auf individueller Ebene, also im Bezug der Identifikation des Einzelnen mit der siegreichen Elf, als auch in einem politischen Sinne, der relativ geschickt die Mannschaft als Zugpferd und als Tarnkappe für die Darstellung und Rechtfertigung deutscher Hegemonialansprüche nutzt. In diesem Sinne kann als zweite Aufgabe der Ethik gemeinsam mit Rahel Jaeggi in der Kritik von Lebensformen zu suchen sein. Die Lebensform des Deutschen, die sich wieder daranmacht, an dem Anspruch der „Verantwortung“ (Gauck) oder, um keinen Euphemismus zu verwenden, Führungsanspruch in Europa darzustellen, ist auch im Hinblick auf die gemeinsamen Aufgaben vor denen Europa oder die Welt als ganzes steht, zu kritisieren. Wenn sich diese Lebensform, wie in der Weltmeisterschaft und der Freude danach, ein Antlitz der Menschlichkeit gibt, ist das nicht besser, sondern schlimmer, da wenigstes der Widerspruch dagegen schon immer wie Spielverderberei oder Nestbeschmutzung wirkt. Und zwar Nestbeschmutzung, die nichts anders tut, als einem die Freude über den glorreichen Sieg zu verderben.

Das mag vielleicht übertrieben oder an den Haaren herbeigezogen sein. Doch selbst dann hat dieser Artikel einen Sinn. Er versucht mein schales Bauchgefühl in Worte und Sätze zu bringen. Und vielleicht erzeugt er Widerspruch, was besser wäre, als dass ich vielleicht doch recht habe. Wenn ich jemanden damit zu nahe getreten bin, oder ihm Sand in die vor deutscher Freude glänzenden Augen gestreut habe, nun, das ist mir eigentlich egal. Über den Versuch mich zu widerlegen, wäre ich dankbar.





iZur Überschrift: Gehört an einem Vormittag kurz nach den olympischen Winter-Spielen 2014 auf einer Zugfahrt von Hof nach Glauchau in einem Gespräch zwischen zwei Sport- und Bierfans.

iiMittlerweile gibt es einen relativ klugen Kommentar in der FAZ: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wm-gefuehle-wir-sind-nicht-wie-sie-13054302.html. Doch auch hier wird nur die eine Seite der Identifikation zum Thema: Die des Einzelnen, der Einzelnen mit der Nationalmannschaft. Die politische Dimension gerät ins Hintertreffen.

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Kommentare

Tim Schedel
Lieber Niklas, ich will dich gar nicht groß widerlegen, aber gerne meine Gedanken im Anschluss an deine Kernthese äußern. " Diese Gesamtsituation ist das eigentlich traurige. Nicht, dass ein paar Spieler zu ausgelassen feiern. Nicht, dass sich Menschen darüber aufregen. Sondern, dass sich niemand über die gleichschaltende Identifikation der Deutschen mit ihrer Nationalmannschaft empört und, vor allem, dass es völlig problemlos möglich ist, diesen Sieg für den Anspruch Deutschlands im politischen Geschäft auszuschlachten." Dass sich beim sog. gauchogate die Gazetten bemühen ihrem Image zu entsprechen, war überdeutlich. Auf der einen Seite die populistische "Wir sind Weltmeister" Bild, auf der anderen Seite der mahnende Zeigefinger der FAZ, welche Likes und Shares aus dem linksintellektuellen Milieu abgreifen will. So weit, so gut. Die von dir kritisierte gleichschaltende Identifikation der Deutschen mit der Nationalmannschaft ist meiner Meinung nach, eher als ein psychologisches, denn als ein ethisches Problem zu betrachten. Das Phänomen wird dir in deiner Funktion als Schiedsrichter auch auf fränkischen Kreisligaplätzen begegnet sein, wenn ein Sieg gegen den Lokalrivalen, ein 400 Seelen-Dorf gleich zum übermächtigen Platzhirsch in jedweden Belangen machte. Es ist nichts Neues und gehört zum Sport dazu und kann auf dieser Stammtischebene, mit den damit verbundenen Frotzeleien, auch durchaus etwas Heiteres haben. Eine Fußball-WM ist natürlich der fruchtbarste Boden um diese Stammtischebene auf Nationalebene zu heben. Insgesamt acht Wochen wird über jeden Wischmobwechsel im Campo berichtet, die Nationalmannschaft wird zum ständigen Begleiter in allen Medien. Diese, von den Medien bewusst so eingesetzte, psychologisierende Wirkung bewirkt dann wohl die gleichschaltende Identifikation. Diese bewusste Steuerung ist wohl seit der WM 2002 so zu erkennen und die WM 2006 war schließlich der letzte Anstoß ein Fußballspiel nicht mehr als Sport-, sondern als nationales Ereignis zu deuten. Dies ist auch kein explizit deutsches Phänomen, aber allein die Deutschen haben Schwierigkeiten sich zu ihrem neu erworbenen Patriotismus zu verhalten. Wenn Du Ethik als Beschreibung von Verhalten auffasst, muss man sagen, dass es noch keine deutsche Patriotismus-Ethik gibt. Das Phänomen und auch die Fronten, die sich an dem Phänomen zerreiben, sind noch nicht beschrieben. Das Spektrum reicht vom Nationalisten, über den "Nach 70 Jahren muss auch mal gut sein mit Hitler"- Sager, den unreflektierten Partyfan, zum linksintellektuellen "Spielverderber". Eine klare Linie ist nirgendwo zu erkennen und muss wohl noch durch viel Arbeit von Ethikerinnen und Psychologinnen gefunden werden. Wie hilflos und zerfahren die Situation ist zeigt ein weiteres Beispiel aus den Medien. Die Verleihung eines Negativpreises für Rassismus durch eine Studierendenvertretung, an den schwarzen Autor Marius Jung für sein "Handbuch für Neger". Ich hab das Buch nicht gelesen, aber vielleicht gibt es, oder Diskussionen wie diese, einen Impuls das Phänomen "Der hilflose Umgang der Deutschen mit ihrem neuerworbenen Patriotismus" auch von ethischer Seite zu beschreiben.
21.07.2014 - 19:54 Uhr
Tobias Jammerthal
Lieber Niklas, vielen Dank für deinen wie immer lesenswerten Beitrag. Die skeptische Beleuchtung der weitgehend unkritischen Identifikation einer Gesellschaft mit erfolgreichen Sportlern, die ihr angehören, stellt dich in eine lange Tradition - schon der Vorsokratiker Xenophanes von Kolophon dröhnt "Wahrlich, ein Sieg in Olympia bringt wenig Nutzen / davon werden die Scheunen der Heimat nicht voll!" In der Tat lohnt es, die Berichterstattung über die Fußballweltmeisterschaft zu reflektieren und vorhandene Probleme aufzuzeigen - insbesondere, weil eine vergleichbare Identifizierung von "uns" mit der Nationalmannschaft bei weniger ruhmreichen Abschneiden wohl ausbliebe (Günther Netzer sprach meiner Erinnerung nach bei schlechtem Ergebnis immer von "der Mannschaft", bei gutem Ergebnis von "uns"...). Die Debatte wäre indes auf eine höhere Ebene zu heben. Dass auch eine individualisierte Gesellschaft anlässlich sportlicher Großereignisse ihren kollektiven Charakter vorübergehend wieder entdeckt, ist doch das eigentlich bemerkenswerte Phänomen. Zu fragen wäre also, warum dies der Fall ist. Mir will scheinen, als ob wir es hier wieder einmal mit einer anthropologischen Grundkonstante zu tun haben. Diese gilt es dann aber nicht in Xenophonscher Manier zu verachten, sondern wahrzunehmen und zu analysieren - gerade mit Hinblick darauf, ob wie sie eventuell weniger problematisch kanalisiert werden könnte.
22.07.2014 - 12:40 Uhr
Julian Scharpf
Die aktuelle Kritik an der WM-Euphorie kommt doch aus zwei Ecken. Da sind diejenigen kritischen Geister, denen Fußball egal und jede schwarz-rot-goldene Fahne zutiefst suspekt ist. Diese Position teile ich nicht, aber halte sie für legitim. In der anderen Ecke stehen eingefleischte Fans, denen Fußball als Massenereignis auf den Geist geht. In deren fußballerischem Mikrokosmos zwischen fränkischer Kreisliga und Tipico Wettbüro ist eben kein Platz für Party-Patrioten, Frauen und Event Fans. Diese elitäre Subkultur-Denke kennt man aus der Popkultur, wo die Fans tief getroffen sind, wenn ihr Geheimtipp plötzlich auf Platz 1 der Charts steht und der Mainstream jubelt. Das ist ja alles in Ordnung so weit, wenn nicht so getan wird, als ob ethische Bedenken zu dieser Perspektive führen würden. Im Kern ist es elitäre Verachtung der Masse und anderer sozialer Milieus, die moralisierend vorgetragen wird. Das ist ein Missbrauch von Ethik, wenn sie dafür herhalten muss, Ressentiments und vage Gefühle zu begründen, die durch Unverständnis hervor gerufen werden. Meines Erachtens hat Tobias den richtigen Punkt getroffen. Menschen fiebern seit jeher mit dem Team ihres Landes mit. Da gilt es natürlich, wachsam zu sein und Fehlentwicklungen zu kritisieren. Aber im Moment feuern die Deutschen ein Team an, das integrations-, leistungs- und verhaltensmäßig schwer zu toppen ist. Würde in dieser Mannschaft jetzt noch ein Körperbehinderter spielen, wäre sie der Gipfel aller Inklusionsphantasien.
22.07.2014 - 22:52 Uhr
Tobias Graßmann
Zu dem Thema habe ich ja damals '07 nach der vorletzten WM mein Deutschabi geschrieben. Alles kommt wieder...
Ich finde die Schedel'schen Differenzierungen des Reaktionsspektrums sehr hilfreich. Der Partyfan, der beim nächsten Unentschieden den Bundestrainer/Torwartgott/Superstürmer Klose schon wieder in die Wüste schicken wollen wird, ist ebensowenig ein Problem wie der semiprofessionelle Fußballwissenschaftler, der jetzt euphorisch über die Vollendung einer guten Nachwuchsarbeit seit den späten 90ern doziert, oder auch der reflektierte Patriot, der die Nationalmannschaft als ideale Verkörperung eines neuen, weltoffenen Deutschlands feiert -- so fremd einem all das auch erscheinen mag. Der Untergang des Abendlandes oder ein neues Drittes Reich droht hier zum Glück ebensowenig, wie bei den antisemitischen Parolen auf Pro-Palästina-Demonstrationen (so traurig einen die auch machen sollten).
Was man meines Erachtens aber schon sagen muss -- und da hat Niklas unzweifelhaft was gesehen -- ist, dass es nach diesem WM-Sieg (aber eigentlich fast schlimmer nach dem Brasilienspiel) in verschiedenen Zeitungen und Onlinemedien (und es war eben nicht nur die BILD!) Kommentare gab, die wenn nicht explizit, so doch implizit einen bestimmten Überschritt vertraten:
Die deutsche Mannschaft ist durch spezifisch "deutsche Tugenden" (welche das auch immer sein mögen) Weltmeister geworden, während südeuropäische und südamerikanische Mannschaften aufgrund ihrer jeweiligen nationalen "Lage" ausgeschieden sind.
Daraus folgt: Die Deutschen mit ihren deutschen Tugenden und ihrer deutschen"Mentalität" sind den vielleicht im Einzelfall genialen, aber doch immer faulen "Südländern" (schließt Frankreich ebenso ein wie Griechenland oder eben Argentinien) eben einfach überlegen, was man ja spätestens seit der Finanzkrise etc. aber ja eigentlich eh schon immer wusste.
Daraus folgt: Europa oder die Welt braucht mehr "Deutschland". Und wer oder was bitte ist deutscher als Angela Merkel (wahlweise auch: der deutsche Mittelstand oder so)?
Dieser Überschritt in seinem unverholenen Nationalchauvinismus und seiner politischen Verzweckung eines Sportereignisses, der auch einem Putin (russ. Medallien in Sotschi!) alle Ehre machen würde, ist, egal ob das jetzt allgemeine Meinung der Stammtische ist oder nur ein Gedankenkonstrukt gewisser übereifriger Interpretatoren in heißlaufenden Feuilletons darstellt, die ansonsten lieber über Kehlmann und Herta Müller schreiben, aber sich jetzt konjunkturbedingt an Fußball berauschen, er ist in jedem Fall nur eins: Ekelhaft. Punkt. Und wenn er unwidersprochen bleibt auch gefährlich. Denn hier kommen Vorurteile aus verschiedensten Debatten zusammen, die einfach nicht zusammengehören.
(Abgesehen davon, dass der Schluss schon im Obersatz falsch ist. Für mich als Laien haben die Argentinier einen ziemlich europäischen Fußball gespielt, der sich von dem der anerkannt nordischen Holländer jetzt nicht so kategorial unterschieden hätte, als dass man daraus Unterschiede zwischen romanischen und germanischen Volkscharakteren deduzieren könnte.)
Schließlich muss ich zum Thema deutscher Patriotismus schon mal sagen: Leute, vergesst nicht, wir leben in einem der wohlhabendsten, einflussreichsten und wahrscheinlich auch selbstbewusstesten Länder der Welt. Wir haben unterm Strich die Verwüstungen eines selbst herbeigeführten Krieges außerordentlich gut bewältigen können und sind mittlerweile seit mehr als 20 Jahren wiedervereinigt. Die letzten Heimatvertriebenen mit ihren -- unbestritten oft traumatischen und schrecklichen -- Erlebnissen sterben gerade in unseren Krankenhäusern und Pflegeheimen dahin. Irgendwann muss auch mal gut sein mit der "Balsam für die geschundene deutsche Seele"-Rhetorik! Kann man sich meinetwegen sparen, dieses Gejammere.
Wenn wir über deutschen Patriotismus sprechen wollen, dann seien wir mal so ehrlich und sagen, dass das der deutsche kein Patriotismus "trotz Allem" und aus einer Situation von nationalem Selbstzweifel, aus Angefochtensein und Schwäche ist, sondern ein von faktischer wirtschaftlich-politischer Potenz und offensichtlichen Erfolgen genährter Stolz. Auch im Fußball ist das so, der ja seit Jahren (siehe Bundesliga als eine der besten und teuersten Ligen, Mannschaften in der Championsleague, Abschneiden bei letzten Turnieren ...) in nicht geringem Maße von Deutschland geprägt ist.
Und für einen solchen Stolz der (ewigen) Gewinner gelten halt andere Benimmregeln, damit er nicht hässlich und überheblich wird, das gesunde Maß nicht verliert. Der Gauchotanz bewegt sich hier wohl auf einer Grenze und genau deshalb wird über ihn diskutiert ...
23.07.2014 - 22:40 Uhr