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Natur - Eine Anfrage

von Niklas Schleicher

Eine Aufgabe (theologischer) Ethik ist es auch, Letztbegründungen richtigen Handelns oder Verhaltens zu hinterfragen oder kritisch zu beleuchten. Um ein solches Begründungsmuster soll es im folgenden gehen. Man möge mir nachsehen, dass der Text eher eine Skizze ist, als ein hieb- und stichfester Aufsatz. Umso mehr freue ich mich über Kritik, Widerspruch und weitere Kommentare.

Wir erleben seit einigen Jahren eine interessante Neubelebung und Weiterentwicklung einer Vorstellung, nämlich der von „Natur“. Es ist spannend, sich diese Entwicklung einmal genauer anzusehen und sich zunächst verschiedene Phänomene, die diese These untermauern, vor Augen zu führen.

1. Ein diesbezügliches Phänomen lässt sich relativ klar mit dem Blick in eine beliebige Bahnhofszeitschriftenhandlung belegen: Die in den letzten Jahren massiv gewachsene Anzahl an Zeitschriften der Machart "Landlust" , also relativ teuren Hochglanzmagazinen, die die wunderbaren und beinahe paradiesähnlichen Zustände des Landlebens zeigen, natürlich ohne darauf einzugehen, dass z.B. ein Gemüsegarten auch viel Arbeit erfordert. Dass diese Zeitschrift mit ihrem Idealbild eher Stadt- denn Landmenschen anspricht, ist beinahe offensichtlich.

2. Ein anderes Phänomen ist die seit (natürlich schon einigen) Jahren beobachtbare massive Agitation gegen grüne Gentechnik. Mein Eindruck ist es hier, dass sich die Gründe, die gegen Gentechnik ins Feld geführt werden, unter der Hand geändert haben. Waren es vor zehn Jahren eher die Befürchtung, dass große Konzerne die Oberhand über die Saatgüter haben, ist es doch heute eher davon geprägt, dass gentechnisch veränderte Pflanzen keine natürlich gewachsene Art der Ernährung darstellen.

3. Ein drittes Phänomen: Bei der Argumentation, ob es für gleichgeschlechtliche Paare möglich sein sollte, ein Kind zu adoptieren, spielt die Argumentation, dass es nicht natürlich ist, dass homosexuelle Partner miteinander ein Kind haben, eine große Rolle, auch wenn es zu einem guten Teil über das Recht und die Notwendigkeit des Kindes auf eine „natürliche“ Konstellation gespielt wird. Dass die Natürlichkeitsargumentation bei künstlicher Befruchtung o.ä. eigentlich keine Rolle  spielt, bzw. sogar als Argument dafür angeführt werden kann, in dem man sagt, dass es ja nur natürlich wäre, wenn dieses Paar Kinder hätte, kann, wenn man sich es vor Augen führt, wenigstens verwirren.1
Die Aufzählung dieser Phänomene ist nichts Neues, sondern wird durchaus bereits diskutiert.2 Interessant erscheinen mir aber zwei Eigenheiten, oder besser Modifikationen des Naturbegriffs, der unter der Hand zum common-sense zu zu werden scheinen.

a. Es geht hier nicht um eine reale Vorstellung von Natur, sondern um eine ideale. Gerade auch die Landlust-Zeitschriften vermitteln ja kein Bild von unberührter Natur, sondern von gestalteter Natur, die aber eben nicht nach gestalteter aussieht. Dies ist auch in bei der Begründung von künstlicher Befruchtung so zu sehen: In einer idealen Natur ist es für ein  heterosexuelles Paar möglich, Kinder zu bekommen, für ein homosexuelles nicht! Dass es unter dem Vorzeichen des Idealen auch nicht schizophren erscheint, gegen Gentechnik zu agitieren, während man in einen "Pink-Lady-Apfel" , beißt, der in einem staatlichen Züchtungsprogramm 1973 so normiert und ausgezüchtet wurde, versteht sich von selbst. In einer idealen Natur würden solche Äpfel selbstverständlich wachsen, aber es würde eben in keinem Bereich Gentechnik brauchen. Ich würde sogar soweit gehen, zu behaupten, dass ein Großteil der Bevölkerung weiterhin Fleisch von Schweinen aus Mastbetrieben essen würde, falls es möglich wäre In-Vitro-Fleisch ohne Unterschied verfügbar zu machen, weil: In einer idealen Natur würden alle Schweine gut leben können, während es mit Sicherheit kein Fleisch aus dem Labor geben würde.

b. Ich möchte einen Vorschlag machen, worauf diese Vorstellungen auf der anderen Seite hinauslaufen: Während reale Natur sowohl innerweltlich verfügbar ist, als auch eher ästhetische Bereiche anspricht, bedient der ideelle Naturbegriff zwei andere Dimensionen. Er wird zum transzendenten Moment, zu etwas, dass in der vollen Verwirklichung nur unter paradiesischen und utopischen Bedingungen erreichbar ist. Das wäre noch kein Problem, bekäme er nicht durch diese transzendente Ausformung eine andere Aufgabe: Der Naturbegriff wird zum Scheidungsbegriff zwischen wahr und falsch. Man könnte so formulieren: Wahr und damit richtig ist das, was in einer idealen Natur so vorkommen könnte.

Der naheliegende theologische Einwand könnte zum Beispiel zurecht betonen, dass gerade die Vorstellung der Sündhaftigkeit des Menschen einen rein menschlichen Begriff von gutem und richtigen Leben bereits schwierig macht. Oder darauf hinweisen, dass diese Vorstellung relativ nahe an Naturrechtskozeptionen sind, die der Protestantismus ja äußerst kritisch sieht. Oder man könnte noch expliziter hinterfragen, ob „Natur“ hier nicht an die Stelle von Gott  zu treten scheint.

Aber auch ohne theologische Implikationen ist diese Überhöhung des Naturbegriffs mit Vorsicht zu sehen. Zwei Andeutungen in diese Richtung:

a. Die Vorstellung von Natur, die im Hintergrund der beschriebenen Phänomene steht, hat keinerlei Anhalt an der Wirklichkeit und nimmt daran noch nicht einmal Anstoß. Vielmehr ist es relativ leicht ersichtlich, was auch ein etwas differenziert denkender Leser der Landlust zugeben muss, dass die ideale Naturvorstellung, die hinter diesen Phänomen steht, konstruiert ist. Nur hat diese Einsicht wenig Relevanz für die Geltung der Vorstellung. Man kann hier vielleicht von der Geltungsmacht durch die Vorstellung eines verlorenen und wiederzufindenden Paradies sprechen, was eben nur in menschlichen Idealbegriffen vorstellbar ist. Es kann dann eben leicht sein, dass ein ganz gewisser, menschlich geprägter Begriff von Natur zum Idealbild erhoben wird, der andere relevante Dinge, Implikationen anderer Menschen, völlig außer acht lässt.

b. Dem idealisierten Naturbegriff gelingt es, den Menschen aus seiner Vorstellungswelt zu eliminieren. Das bedeutet, dass in der Vorstellung derer, die die Wahrheit in einem idealisierten Begriff von Natur finden,  der Mensch mit seiner Kultur immer ein Gegenspieler zur Natur und deshalb von Anfang an nachrangig zu behandeln ist. Gut zu beobachten ist dies vielleicht bei der Frage nach Kinderwunsch eines schwulen oder lesbischen Paares. Die Gefahr ist hier in diesem Sinne, das über das Kindes- und Elternwohl nur sekundär argumentiert wird, und Vorstellungen der Natürlichkeit die Diskussion beherrschen. Besonders heikel ist die Natürlichkeitsproblematik bei denkbaren Fällen der grünen Gentechnik, in der diese z.B.  gegen verschiedene Arten von Hunger eingesetzt werden könnte (vgl. z.B. "Golden Rice Project" ) .

Ich möchte vermeiden hier falsch verstanden zu werden: Naturschutz ist wichtig. Nur darf der Mensch nicht als Feind der Natur aufgefasst werden, sondern muss im Programm als Teil derselben begriffen werden.

Ich konnte in diesem Essay nur andeuten, wie ich die derzeitige Natur- und Natürlichkeitsdebatte wahrnehme. Ich habe die Befürchtung, dass die Vorstellung der idealisierten, wahrheitsscheidenden Natur sich noch länger in den ethischen Debatten halten kann, eben auch weil sie über verschiedene Kanäle in die Meinung der Gesellschaft sickert und dort prägend ist. Man wird diese Vorstellung kaum mit Argumenten an die Vernunft tilgen können, aber man muss sie in Debatten wenigstens als das kennzeichnen, was sie ist: Eine idealisiertes Zerrbild.

  1. Ein weiteres interessantes Phänomen ist z.B. zur Zeit die Debatte um Impfen, bei der Rückzug auf natürliche Abwehrkräfte eine große Rolle spielt. Insgesamt wäre auch die gesamte homöopathische Medizin näher zu betrachten
  2. Vgl. http://www.pflanzen-forschung-ethik.de/ethik/natuerlichkeit.html

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Kommentare

Johann C. Dannhauer
Ich zitiere ja in diesem Zusammenhang ja gerne Pareto:

"Diese Natur ist ein gummi arabicum, ein jeder formt daraus, was er will..." (sinngemäß, habe meinen Traité de sociologie générale gerade weihnachtsbedingt nicht zur Hand :-).

Gut, dass du dem mal nachgespürt hast, wie und nach welchen Grundsätzen hier heute geformt und gebastelt wird...
23.12.2013 - 12:21 Uhr