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Gedanken zur (Weih-)Nacht

Mittlerweile haben wir nthk.de gut ein Jahr in Betrieb. Über 50 Artikel konnten wir bis jetzt veröffentlichen. Das ist eine hervorragende Quote, vielen Dank dafür an alle Autorinnen und Autoren. Danke auch an alle, die hier das Projekt verfolgen, Artikel lesen und vielleicht auch kommentieren. Falls ihr selbst etwas beitragen möchtet, seid ihr immer gerne willkommen. Schreibt einfach an nthk@gmx.de. Ich wünsche allen Besuchern der Seite, auch im Namen des Kernteams, frohe Weihnachten und ein gesundes neues Jahr!



Lasst uns zufrieden mit der Kleinheit eurer Welt.
(PEER in Galaktika)

Übermorgen ist Heiliger Abend. Und heute marschieren (Selbstbezeichnung: „spazieren“) patriotische „Europäer“, quasi als Jahreshöhepunkt, durch Dresden und singen im Anschluss Weihnachtslieder. Letzte Woche waren es 15000. Dass es diese Woche mehr werden, ist nicht unwahrscheinlich. Sollte es nach 1945 in Deutschland jemals einen Grund gegeben haben, auf Weihnachten zu verzichten, dann ist es wohl dieser. Dabei war das Jahr an Highlights der dunklen Art nicht gerade arm.

Da war zunächst die Krise in der Ukraine, mit allen dazugehörigen Verwerfungen, Vereinfachungen, Beschuldigungen und einen ohne Zweifel seine Grenzen austestenden Putin.

Als Reaktion daraufhin gab es dann die Friedensmahnwachen, die das Prinzip des Pazifismus mit ordentlichen Verschwörungstheorien oder gruppenspezifischen Vorurteilen durchmischen. Herhalten musste wie so oft Israel oder das Judentum im Allgemeinen. Die Protagonisten sind mit Ken Jebsen und Jürgen Elsässer keine unbeschriebenen Blätter, was das Schüren von Hass angeht.

Apropos Israel: Ein besonderes Highlight des dunklen 2014 waren die Anti-Israel-Demos im Sommer. Wieder einmal war es soweit, dass dem Judentum in Deutschland öffentlich der Tod gewünscht wurde. Und auch wenn es natürlich die einfachste Lösung war, dies auf muslimische Jugendliche und junge Erwachsene zu schieben, ist das natürlich nur die halbe Wahrheit. Antijudaismus und -semitismus, vor allem in den Form eines harschen Antizionismus ist wieder halbwegs mehrheitsfähig. Ein gutes Beispiel stellt der auf Facebook sehr aktive deutsche Journalist Jürgen Todenhöfer dar.

Und apropos Hass: 2014 ist auch das Jahr des Akif Pirinçci, der zwar quer durch die Feuilletons durchfällt, aber mit seinem Hass-Pamphlet „Deutschland von Sinnen“ in gewissen Kreisen auf offene und in noch größeren Kreisen auf verdeckte Zustimmung stößt. Eigentlich hat dieses Buch nur Verachtung verdient, doch ist es in gewisser Weise die konsequenteste Zuspitzung einer Stimmung, die in Deutschland irgendwie gärt. Eine Stimmung, an der sich eben auch der Erfolg einer Partei wie der AfD festmacht. Oder anders: Die AfD ist die Mischung aus der politischen Form der Verachtung für den politischen Betrieb und einem übersteigerten Interesse für das eigene Land. So ist dann auch Alternative für Deutschland zu verstehen. Es ist nicht eine Alternative zu anderen politischen Meinungen im pluralen politischen Betrieb. Nein, es ist die einzige Alternative für Deutschland. Natürlich kommt bei der AfD da noch mehr von Pirinçci (ein Wunder, dass er noch nicht gemeinsam mit Beatrix von Storch veröffentlicht hat) dazu: Hass auf Gleichstellungspolitik. Hass auf Europa. Hass auf das Andere.

Diese ganze hier angerissene Soße wird noch durch weniger auffällige, vielleicht eher zu belächelnde Tendenzen begleitet, die man im großen und ganzen als Verschwörungstheorien umreißen kann: Dass politische Verschwörungstheorien, in diesem Sinne sind vor allem die Reichsbürger mit Xavier Naidoo zu nennen, eher lächerlich sind, ist zwar zu begrüßen. Dass es andere Verschwörungstheorien gibt, die gerade im gesundheitlichen Bereich extrem problematisch werden, stimmt aber schon nachdenklich. Nur als Beispiel ist zum einen gerade die Impfgegnerschaft zu nennen, die erstaunlicherweise mit dem Bildungsstand eher zunimmt. Zum anderen, und dieses Beispiel ist noch einen Tick härter, gibt es zur Zeit Eltern, die ihre Kinder mit dem „Heilmittel“ MMS heilen. Hierbei handelt es sich schlicht und ergreifend um Chlorbleiche. Das die Folgen verheerend sind, ist natürlich ohne Frage. Die ersten Gesundheitsämter schulen ihre Mitarbeiter schon.

Diese Dinge haben mit dem Vorigen insoweit zu tun, als das auch sie sich durch eine prinzipielle Verachtung des politischen und gesellschaftlichen Systems auszeichnen. Alles bereits genannte lässt sich auf den Nenner bringen, dass die politischen und gesellschaftlichen Regularien mit ihren Funktionsträgern versagt haben.

So dann eben auch Pegida. Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes. Menschen, die Sachsen vor der Islamisierung (Sachsen!) bewahren wollen und das christliche Abendland (nochmals: Sachsen!) zu retten vorgeben. Eine Demonstration, bei der 15000 Menschen durch Dresden laufen, „Wir sind das Volk skandieren“ und damit vorgeben, in der Tradition der Montagsdemonstrationen zu stehen, die vor 25 Jahren zum Fall der Mauer beitrugen oder sogar diesen wesentlich beeinflussten. Nichts könnte falscher sein. Vor 25 Jahren ging es um die Freiheit und Gerechtigkeit, jetzt geht es um das komplette Gegenteil: Eine starke politische Hand, die wieder Ordnung in das vermeintliche Chaos bringt. Deshalb ist es auch völlig plausibel, dass diese Patrioten auf Putin stehen: Die unsrigen Politiker sind vom amerikanischen Finanzkapital gesteuerte Marionetten, die keine Handlungskompetenz haben. Der einzige, der hier noch helfen kann, ist Putin, der dieser Geld- und Machtelite widersteht.

Das düstere daran ist, dass es sich bei den Personen eben nicht um „Nazis in Nadelstreifen“ (Maas) handelt. Es handelt sich um ganz gewöhnliche Menschen, gut zu sehen im Interview-Material der Sendung Panorama, auch wenn dieses Material durch die Teilnahme eines RTL-Moderators mit Wallraf-Syndrom etwas in Verruf steht. Ich meine, der Schluss, dass eben auch die Nazis '33 getragen wurden, von einer breiten Masse normaler Menschen, ist zwar einfach, aber nicht nur falsch.

Von unsren Kirchen hört man dazu noch recht wenig. Einige Politiker und Personen des öffentlichen Lebens nutzen die Vorweihnachtszeit, um PEGIDA darauf hinzuweisen, dass auch Maria und Josef Herberge in einer fremden Stadt suchten und später fliehen mussten, dass also genau die biblische Botschaft, die ja als Grundlage des christlichen Glaubens quasi Quelle der abendländischen Kultur ist, dem Anliegen von PEGIDA widerspricht. Dies ist nett und irgendwie naheliegend, könnte aber falscher nicht sein. Nicht weil es historisch umstritten ist, ob Jesus' Familie wirklich geflüchtet ist. Das ist egal. Nein, weil der Verweis auf den christlichen Glauben allein Menschen als Gruppe noch nie von Schindluder abhalten konnte. Einzelne Menschen kann er vielleicht motivieren, aber als Gruppengröße wirkt Glaube immer system-stabilisierend. Dies ist traurig, lehrt uns aber eines deutlich: Der Christ ist kein besserer Mensch als der Nicht-Christ. Er sollte ein guter Mensch sein. Aber sich anständig verhalten, das sollte ja sowieso jeder. Man kann es auch von der anderen Seite konturieren: Wenn ein Mensch nur gut handelt, weil das Christentum ihm vorschreibt, dass er gut handeln soll, handelt er dann wirklich gut, und in diesem Sinne moralisch, oder hält er sich nur an ihm vorgegebene Regeln?

Das richtige Handeln und das gute Handeln im Zusammenhang mit der Einwanderung hat vielleicht andere Gründe. Ich denke, wir können es, obschon vereinfacht, auf folgende Alternative bringen: Leiten wir aus dem Privileg hier in Deutschland zu leben und in diese und jene wirtschaftliche und soziale Verhältnisse geboren zu sein, ein besonderes Recht ab? Oder tun wir es eben nicht. Natürlich sind dies keine reinen Entweder/Oder-Alternativen, aber ein bisschen mehr Bescheidenheit und auch Dankbarkeit dafür in diesem privilegierten Land zu leben, würde manchmal schon helfen. Nur: Es wird nicht so passieren. Es werden weiter Leute unzufrieden mit dem sein, was sie haben. Sie werden auf die Straße gehen, gegen die, die am einfachsten als die Schuldigen zu identifizieren sind, also die Ausländer (und werden sich gleichzeitig im Chor mit der Bildzeitung über die GDL-Schmarotzer aufregen). Die Politiker, allen voran die Christdemokratie mit der Speerspitze aus Bayern, aber auch meine Sozialdemokraten werden sich zwar abgrenzen von den Demonstranten, aber sagen, dass die schon was richtiges sehen, vor allem um davon abzulenken, dass das Problem vielleicht eher in der Sozialpolitik liegt, als in der Asylpolitik. Diese ist ja viel leichter zu ändern als jene, gerade da die Lobbies ziemlich unterschiedlich stark sind – geht es bei der Lobby, gegen die ein besserer sozialer Ausgleich durchgesetzt werden müsste, ja um die wirklich finanziell besser Gestellten. Die Politiker werden sich auch diesen Positionen nähern, um diese Personen nicht komplett an die AfD zu verlieren.

Sascha Lobo bezeichnete in einem vielgescholtenen Spiegel-Artikel die Pegida-Demonstranten als „Latenz-Nazis“. Dies ist zwar irgendwie nett, aber auch nutzlos. Man braucht keine neue Begriffe um das Phänomen zu beschreiben, denn wie gesagt waren auch nicht 1933 alles überzeugte Faschisten oder Latenz-Nazis, die mehr oder weniger unbewusst das Programm der NSDAP teilten. Nein, vielmehr waren ein großer Teil der Unterstützer doch Bürger, die für ihre offensichtlichen Probleme den für sie offensichtlichsten Verursacher suchten: Ein demokratisches, freiheitliches System und eine Volksgruppe, die irgendwie anders ist. Die Lösung war damals die Abschaffung des parlamentarischen Systems und die Vernichtung der Juden. Soweit wird es nicht kommen, dennoch macht es mich fassungslos, dass Politiker und Politikerinnen aller Parteien offen oder verdeckt auf die Forderungen der PEGIDA einzugehen versuchen (CDU: Burka-Verbot, CSU: Deutsch-Sprechen in der Familie, SPD: Dialogbereitschaft von Gabriel). Ich glaube nicht, dass es irgendetwas legitimes gibt, was PEGIDA fordert. Nein, es ist ein einfaches Ausweichen von den wirklichen Problemen auf die einfachsten „Lösungen“. Insgesamt erinnert mich vielleicht das Positionspapier der PEGIDA nicht ganz falsch an das 25-Punkte-Programm. So ist der Ruf „Wir sind das Volk“ ja auch kein Ruf nach mehr Demokratie, sondern danach, dass endlich mal jemand anfängt, wenn nötig auch mit starker Hand, die vielfältigen Probleme durch das zügige Rausschmeißen der Anderen „zu lösen“.

Genauso fassungslos macht mich auch, dass die evangelischen Kirchen nicht mal den Anschein erwecken, gegen diese Tendenzen vorzugehen. Klar wird es in Weihnachtspredigen den Verweis auf Maria und Josef und Jesu Flucht nach Ägypten geben. Das ist allerdings wenig hilfreich (siehe oben). Nein, es waren nach '45 schon einmal die evangelischen Landeskirchen, die v.a. über die evangelischen Akademien das demokratieskeptische Bildungsbürgertum mit Demokratie vertraut machten und in diesem Feld Bildungsarbeit leisteten. Dass Kirche das nicht mehr leisten kann, liegt wahrscheinlich schlicht und ergreifend daran, dass die Foren, über die das möglich wäre, noch nicht genutzt werden. Ich glaube jedoch nicht, dass es von der Kirche mehr zu erwarten gibt, als ein, freilich auch wichtiges, „Nein, so nicht“.


Es könnte der Beginn von schlechteren Tagen sein. Ich habe keine Lösungen dafür, auch ich mache nicht mehr als zu schreiben und mich darüber aufzuregen. Vielleicht will ich am Ende nur sagen können, dass ich es gleich gesagt habe. Ich weiß es nicht. Es wird Weihnachten. Winter ist noch nicht, aber es wird wieder kalt in Deutschland.



Großes Schweigen

Die Stimme Gottes: Ich habe es nicht gewollt.
(
Karl Kraus in „Die letzten Tage der Menschheit“
)

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Kommentare

Tobias Jammerthal
Lieber Niklas, tiefschürfende Gedanken. Aber wenn du dem Evangelischen Pressedienst aufmerksam folgst, wirst du feststellen, dass die Landeskirchen sich durchaus schon deutlich positioniert haben, und auch die römisch-katholischen Bischöfe recht klare Worte reden. Von einem Schweigen der Kirche kann also nicht die Rede sein. Der Umgang mit PEGIDA und Co. kann sich aber nicht darauf beschränken, sonor zu erklären, dass solche Positionen in unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft keinen Platz hätten. Ich bin der Meinung, dass wir hier ein Paradebeispiel dafür haben, dass die Unterscheidung zwischen Person und Werk kein theologisches Abstraktum ist: Die Forderungen, die du umsichtig und mustergültig kritisch analysierst, sind sachlich auf wackliger Grundlage. Aber die Menschen, die sie erheben, haben Anspruch auf Wahrnehmung. Du schreibst selbst: Es stehen oft vergleichsweise alltägliche Probleme hinter solchen Positionen, gepaart mit dem Gefühl, von der politischen Klasse nicht wahrgenommen zu werden. Da wird es wenig ausrichten, im moralinsauren Tonus zu erklären, dass es sich hier um den moralisch-sittlichen Abschaum unserer Gesellschaft handle. Denn nicht nur ist das dahinter stehende politische Konzept fraglich, weil eine sich selbst immunisierende Demokratie letztlich zur Oligarchie herabsinkt. Eine solche Abkanzelung ist auch kirchlich nicht verantwortbar, weil sie fundamental verkennt, dass - um kirchenjahreszeitlich zu sprechen - das Kind auch für die in der Krippe liegt, die politisch problematische Positionen vertreten mögen. Es führt kein Weg daran vorbei, dass ein jeder, der in Dresden meint, Weihnachtslieder gegen eine vorgebliche Islamisierung singen zu müssen, einen zweifachen Anspruch hat: erstens, dass er nicht deswegen kirchlich quasi exkommuniziert wird, sondern dass er als Sünder wie alle anderen Menschen auch in der Gemeinschaft der von Christus gerechtfertigten Sünder willkommen ist. Und zweitens, dass er als Staatsbürger ernstgenommen wird, dass man in sachlichen Streit mit ihm tritt - unsere Demokratie ist wahrlich stark genug dafür!
24.12.2014 - 09:08 Uhr