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Ethik und Politik

Wer Politik und Moral auseinander halten will, versteht von beidem nichts.

Jean-Jacques Rousseau


Wenn sich ein Feld der Beschäftigung des Netzwerkes für Theologie in der Kirche „Ethik und Politik“ widmet, ist ein gewisser Zuschnitt und eine gewisse Abgrenzung bereits vorformuliert.

„Ethik und Politik“ stellt in diesem Sinne keine weitere Plattform dar, in der sich Meinungen über klassische politische Debatten im Stile von SPON oder faz.net finden. Es soll hier nicht allein Berthold Kohler, Jan Fleischhauer und Heribert Prantl die Stirn geboten werden, auch wenn dies sicherlich eine wichtige Aufgabe wäre. Vielmehr sollen die Begriffe Ethik und Politik und das Verhältnis beider aus spezifisch protestantischer Perspektive verhandelt werden.

Deshalb ist ein Ziel dieses Ressorts, Raum für eine Reflexion über diese Themen zu bieten. Verschiedene Leitfragen können dabei eine Rolle spielen, zunächst vielleicht ganz einfach erscheinende, wie: Was ist ethisch angezeigtes und moralisch verantwortbares Verhalten oder Handeln? Welchen Einfluss und wie kann theologisch oder kirchlich verantwortete Ethik auf den Entscheidungsprozess der Politik nehmen? Oder: Ist eine strikte Trennung beider Bereiche, also im weitesten Fall, Christentum und politischer Verantwortungsbereich, erforderlich? Ist das die angemessene Deutung von Luthers Zwei-Reich-Lehre oder einfach schizophren? Und überhaupt: Ist es im Bereich der Ethik dienlich von Handeln oder doch eher von Verhalten zu sprechen? Sind Intuitionen, Emotionen und „Bauchgefühle“ Dinge, die für ein ethisch begründetes Handeln getilgt werden müssen, d.h. muss der Vernunft allein moralische Potenz zugesprochen werden? Wie verhält es sich dann mit Erziehung und Bildung, wenn jede ethische Entscheidungsfindung neu vernünftig begründet werden muss? Wie ist das Verhältnis von Individualethik und Sozialethik? Und, nicht zuletzt: Wie kann theologische Ethik in Dialog mit philosophischer Ethik zu treten? Kann philosophische Ethik gar  von einer theologisch begründeten Ethik lernen?

Diesen eher thetisch geformten Fragen ist aber noch eine andere Fragestellung zuzufügen, die hier eher als eine Problemanzeige dienen kann. Gerade „Kirche“ ist bei ethischen Themen gefragt. Auch kirchen- und glaubensferne Menschen scheinen von den großen Konfessionen klare Stellung zu verschiedenen Themen zu erwarten, auch dann, wenn sie persönlich vielleicht anderer Meinung sind. Kirche soll hier, in unserer Zeit, in der es eigentlich „Common-Sense“ ist, dass die Zeit der „großen Erzählungen“ (Lyotard) vorbei ist, die Aufgabe der Komplexitätsreduktion wahrnehmen und komplexe Themen auf einen einfachen Gegensatz von richtig und falsch bringen. Kirche, kirchliche Würdenträger und andere Personen, die sich als dezidiert kirchlich-christlich verstehen, lassen sich gerne auf dieses Spiel ein, und sind bereit diese Erwartungshaltungen zu erfüllen, und einfache Antworten zu geben.  Als Beispiel vermag hier die Debatte um die Einführung der Präimplationsdiagnostik vor zwei Jahren dienen.

Genau das ist allerdings das, was ich wenigstens als problematisch, wenn nicht sogar für falsch erachte. Themen wie Gentechnik, Abtreibung, PID, Energiewende, etc. sind in ihren sozialen Dimensionen alles andere als einfach und sind ihrer Gesamtheit in keinem Fall auf ein einfaches richtig oder falsch zu bringen.

Auf der anderen Seite ist genauso Wert auf die je und je eigenen Einstellungen, Vorstellungen und Intuitionen des Einzelnen zu diesen Themen zu legen. Es genügt in moralisch-ethischer Hinsicht nicht, argumentativ zu begründen, wieso ein Weg, z.B. in der Energiewende gesamtgesellschaftlich sinnvoll erscheint, ohne auf die verschiedenen, teilweise un- oder unterbewussten „Bauchgefühle“ der einzelnen Betroffenen zu hören und für ihre jeweilige moralische Begründung wenigstens ernst zu nehmen, da solche „Bauchgefühle“ z.B. auf tiefgehende Vorstellungsmuster des guten Lebens hindeuten können.

Unter Beachtung dieser hier nur angedeuteten komplexen Beziehungen zwischen Ethik und Politik, zwischen Gesellschaft und Einzelnem, zwischen Vernunft und Gefühl, zwischen gutem Leben und richtigem Handeln, möchten wir hier in verschiedenen Essays zu unterschiedlichen Themen, seien sie eher einem konkreten Anlass entsprungen oder allgemein-ethischer Natur, ins Gespräch kommen. Von Zeit zu Zeit sollen hier auch verschiedene ethische Ansätze, seien sie theologischer oder philosophischer Natur, vorgestellt werden. Da ich es für wichtig halte, dass das Handeln oder Verhalten des Einzelnen vor jedermann begründet werden kann, ist hier weiterhin der Raum, wie bereits oben angedeutet, für die Diskussion zwischen dem Verhältnis von theologischer und philosophischer Ethik und damit zusammenhängenden wissenschaftstheoretischen Fragen.

Eine Serie, die für das Ressort zunächst geplant ist, soll sich mit den einzelnen Parteien Deutschlands aus der Sicht des Protestantismus beschäftigen und zwar nicht in wertend-normativer Absicht, sondern vielmehr unter der Perspektive, welche Ziele, Werte und Ideale die spezifische Partei teilt, die auch konstitutiver Teil des Protestantismus sind oder sein sollten.

Darüber hinaus ergeht auch von mir die herzliche Einladung, sich mit Vorschlägen, Ideen oder fertigen Essays an mich zu wenden.


Göttingen, den 09. Dezember 2013: Niklas Schleicher

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Kommentare

Laie
Wer sagt, dass Kirche heute in komplexen Fragen mit richtig oder falsch antworten soll? Sagt Ihnen das Ihr Bauchgefühl? Werden damit nicht die Menschen, die in die Kirche gehen, für dumm verkauft, wenn ihnen von theologischer Seite unterstellt wird, sie wünschten eine "Komplexitätsreduktion"?
09.12.2013 - 13:10 Uhr