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Energiewende: Gewissensentscheid oder Verfahrensfrage? Erkundungen im ländlichen Raum

von Niklas Schleicher

Spätestens seit der Katastrophe von Fukushima ist der Atomausstieg, der mit Zustimmung beinahe aller Parteien beschlossen wurde, und der damit einhergehende Umstieg auf erneuerbare Energien eines der wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Großprojekte. Eigentlich kann die bayrische Landeskirche dies nur begrüßen, ist es doch genau das, was Vertreter und Vertreterinnen der Kirche(n) seit langem fordern. Rekurs wird dabei auf den Topos „Bewahrung der Schöpfung“ genommen und, auch im Hinblick einer Generationengerechtigkeit, ein Verzicht auf Energie aus Atomkraft und fossilen Energien gefordert. Wenn man jedoch genauer hinschaut, stellt das die Kirche wiederum vor eine neue Herausforderung: Die Aufgabe des Mahners, der an das Gewissen appelliert und den Atomaustieg fordert, ist nicht mehr unbedingt notwendig. Das, was im Zusammenhang mit „Bewahrung der Schöpfung“ gefordert wird, ist als politisches Ziel auf dem Weg der Umsetzung. Diese Umsetzung, so die These dieses Artikel, scheint aber weniger eine Gewissensfrage als eine Verfahrensfrage zu sein. Genau hier soll im Folgenden angeknüpft werden. Für ein Forschungsprojekt des Institutes Technik-Theologie-Naturwissenschaften an der LMU München, das Strategien einer wertorientierten Kommunikation der Energiewende zu entwickeln versucht1, führte ich im Sommer 2012 Interviews mit Personen durch, die in der bayrischen Landeskirche hauptamtlich oder ehrenamtlich arbeiten (Ein Synodaler, ein Pfarrer, ein Dekan und zwei Personen mit übergemeindlichen Aufgabenbereich2). Thematisch drehten sich die Fragen um die Energiewende: Welche Chancen und Probleme die Befragten wahrnehmen, wie die Kommunikation und die Auffassung über das Thema in ihrem jeweiligen Aufgabenbereich abläuft und welche Ideen für eine erfolgreiche Umsetzung gesehen werden.

Ich möchte im Folgenden an Hand einzelner Passagen aus diesen Interviews auf verschiedene Probleme hinweisen, die im Zusammenhang mit der Energiewende gesehen werden. Diese Probleme einfach zur Sprache zu bringen, wäre allerdings wenig instruktiv; es muss in diesem Zusammenhang natürlich auf auch Möglichkeiten (auf Verfahren) zur Bewältigung hingewiesen werden. Auch gibt es sehr interessante Ansätze der Befragten, die gerade hier auf Potentiale der Kirche hinweisen. Dass die Interviews einen besonderen Fokus auf den ländlichen Raum legten, ist natürlich insofern sehr spannend, als dass gerade auf dem Land die Umsetzung der Energiewende durch den Anbau nachwachsender Rohstoffe oder der Bereitstellung von Flächen Chancen und Risiken entstehen.

Ich mein, die EW ist nicht in den Köpfen angekommen, wo sie ankommen sollte...“(B) oder: Das Problem von Information und Kommunikation

Auf den Punkt bringt es B: „...ich bin auch ein absoluter Befürworter für die EW, ich bin auch für den Atomausstieg“. An der Tatsache der Energiewende ist nichts zu rütteln, ihre Notwendigkeit im Hinblick auf einen verantwortlichen und verantwortbaren Umgang mit der Natur ist unumstritten. Ein Problem, dass auftritt, ist, das aus einem bloßen „das“ eben noch keine Informationen über das „wie“ folgt. In der Formulierung von A: „Also, wahrscheinlich bräuchten wir hier so was wie BILD, die Komplexitäts-Reduktionsmafia, die es einfach mal schafft, all das was angedacht ist, was geplant ist, was möglich ist, was nicht möglich ist, was die Kosten betrifft und alles Mögliche, was auf uns zu kommt in einfachen klaren Sätzen zu verpacken und den Leuten mitzugeben. Und was ich so in Gesprächen wahrnehme, ist das bei den Leuten bisher noch nicht angekommen, also größtenteils.“ Neben der fehlenden Verständlichkeit der Information über Themen der Energeiwende ist auch die Kommunikation über Arten der Umsetzung angemahnt worden: „Und dann sind die ganz aus allen Wolken gefallen, weil sie ganz anders unterrichtet waren“ (B).

aber andere zahlen mehr,[...] die den Boden brauchen, um da [...] Rohstoffe zu erzeugen zur Energieerzeugung“(E) oder: Flächenkonflikte

Der ländliche Raum ist zweifach betroffen von der Energiewende: Auf der einen Seite ist die Landbevölkerung natürlich im Konsum von Strom aus erneuerbaren Energien betroffen, was sie nicht von der Stadtbevölkerung unterscheidet. Auf der anderen Seite hat die Landbevölkerung noch einmal viel deutlicher mit der Produktion zu tun, da sich die Flächen für den Anbau von Energiepflanzen, für großflächige Solaranlagen oder Windparks eben auf dem Land befindet. Hier kann es zu Flächenkonflikten kommen: Durch die Rentabilität der Energieproduktion ist es im Interesse der Verpächter oder Nutzer, dass Flächen dafür genutzt werden, und die „klassische“ Flächennutzung zur Futter- und Lebensmittelproduktion so eventuell zu kurz kommen. Besonders deutlich wird es, wenn dadurch traditionelle lokale Geschäftszweige ins Hintertreffen geraten: „Zum Teil wird hier Braugerste angebaut, wegen der Brauerei und so. Und da hab ich jetzt schon mal gelesen oder gehört, dass die Brauerei zusehends Probleme bekommt. Weil die Bauern sagen: Braugerste lohnt sich ja gar nicht mehr bei diesen Dumpingpreisen, wir bauen dann doch lieber nachwachsende Rohstoffe an“ (C). Auch der Landwirt, der seine schon lange Zeit bewirtschafteten Flächen nicht mehr zu pachten vermag, ist kein Einzelfall: „Und jetzt läuft die Pacht aus und der Verpächter sagt: Ich würde es ja gern weiter verpachten, aber andere zahlen mehr, 500 Euro, die den Boden brauchen, um da nachwachsende Rohstoffe zu erzeugen zur Energieerzeugung“ (E).



„…Die ach so armen Bauern, die schnellmall einige hunderttausende mit zusammenkratzen können…“(A) oder: Die Rolle des Landwirtes als Energiewirt

Das Problem des Flächenkonfliktes weist schon auf einen Wirtschaftszweig hin, der im Rahmen der Energiewende vor besonderen Herausforderungen steht: Die Landwirtschaft. Sie hate zahlreiche Möglichkeiten, sich durch die Energiewende gut aufzustellen. Das Problem ist nur, dass es der Landwirt durch eine Erweiterung seines Betätigungsfeldes in Richtung Energiewirtschaft mit mehreren Problemen zu tun bekommt. Der Landwirt kommt in einen Rollenkonflikt: Wahrgenommen wird der Landwirt als Produzent von Nahrungsmitteln, als der, der die Landschaft bewahren und bebauen sollte. In dieser Rolle stiftet der Landwirt in gewisser Weise eine Identifikationsmöglichkeit, oder, um es vielleicht noch etwas schärfer zu formulieren: Der Landwirt fungiert als Stellvertreter, als der eine, der in der „Natur“ durch seine Hände-Arbeit für Nahrung sorgt. „Also der Landwirt ist ja jetzt nicht nur derjenige, der jetzt irgendwie Nahrungsmittel produziert,[...] er ist ja auch schon Landschaftspfleger, er übernimmt ja auch schon gewissermaßen teilweise schon Sachen, die in Naturschutz mit hineinfallen. Die werden ja auch fleißig bezuschusst von Seiten der EU[…]“ (A).Zunächst ist festzustellen, dass der Landwirt hinter dieser Erwartungshaltung in den Augen der Bürger oft zurückbleibt, was gerade in Zusammenhang mit den hohen Subventionen für Skapsis sorgt: „Also dieses Grüne, dieses Ökologische nehme ich in dem Maß eigentlich nicht wahr bei den Landwirten“ (A). Zusätzlich sorgt ein Landwirt, der auf der Ackerfläche Pflanzen anbaut, die verheizt oder vergast werden, oder seine Nutzflächen für Freiflächenphotovoltaik nutzt, für ein ungutes Bauchgefühl. Die Landwirtschaft ist zunächst ein Wirtschaftszweig und der Landwirt ist darauf bedacht, wirtschaftlich zu agieren und für das Auskommen seiner Familie zu sorgen. Natürlich handelt moderne Landwirtschaft heute nachhaltiger und natürlich ist der Landschaftsschutz ein Anliegen des Landwirtes: „Und wir haben jetzt den roten Wieland da, wir haben den schwarzen Wieland da, die Wiesenweihe hat eines der größten Brutgebiete hier bei uns in der Gemeinde und wird auch geschützt von Vogelschützern und die Landwirtschaft macht mit“ (B). Trotzdem ist der Unterschied zwischen herangetragenem Anspruch und Wirklichkeit deutlich zu erkennen.

Die Landwirte sind zudem von einem Neidkonflikt betroffen. Ihre Möglichkeit, durch die Energiewende den Umsatz zu steigern, wird ihnen teilweise übel genommen: „Und bei der Biogasanlage ist es auch wieder. Wer ist, der die baut? Das sind die Bauern. Die ach so armen Bauern, die schnellmall einige Hunderttausende zusammenkratzen können, um dieses Ding aus dem Boden stampfen“ (A). Auch dieses Problem ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass der Landwirt immer noch nicht als Unternehmer, als Selbstständiger wahrgenommen wird, der eben daraufhin bedacht sein muss, wirtschaftlich zu agieren oder, so E:„Die Landwirte sind Unternehmer und müssen mit spitzen Stift rechnen“.

„…dass […] da unsere Kirche […] schon auch eine gewisse Vorreiterrolle gespielt ha[t] und auch zur Bewusstseinsveränderung schon beigetragen haben…“(E) oder: Was kann die Kirche tun?

Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist die nach der Aufgabe der Kirche. Zunächst kann hier festgehlten werden, dass die Institution der Kirche selbst eine gewisse Vorreiterrolle übernommen hat: “Ich denke, wir versuchen selber auch in den Gemeinden und Einrichtungen einiges voranzutreiben, also wenn man schaut, wer alles regenerativen Strom über den Rahmenvertrag bezieht, dann sind das doch etliche Kirchgemeinden und Einrichtungen, wenn man anschaut, wer alles selber Strom produziert, insbesondere durch Photovoltaikanlagen auf den Dächern, dann ist das auch eine nennenswerte Zahl von Gemeinden und auch Einrichtungen, also auch diakonischen Trägern zum Beispiel“ (D). Mit dieser Vorreiterrolle erfüllt die Institution Kirche also das, was Sie unter Bewahrung der Schöpfung fordert und anmahnt: Einen Ausstieg aus der Atomenergie und einen Umstieg auf erneuerbare Energien. Nur: Die Kirche und ihre Amtsträger und Amtsträgerinnen forderten und fordren diesen Umstieg ja nicht nur für sich. Vielmehr verbindet sich damit ein gesellschaftlicher Anspruch. Nun ist dieser Anspruch aber schon als politisches Ziel festgeschrieben und die mahnende Stimme der Kirche ist in diesem Bereich nur noch von bedingter Tragfähigkeit: Die Energiewende ist eben von der Gewissens- zur Verfahrensfrage geworden. Vor diesem Hintergrund ist ein Blick auf die Probleme, die sich aus der Umsetzung ergeben, hilfreich. Zum großen Teil ist die Natur der Probleme mangelnde Verständlichkeit der Information und fehlende Kommunikation zwischen den Betroffen auf lokaler Ebene. Auch die Probleme, die im Zusammenhang mit der Landwirtschaft aufgezeigt wurden, lassen sich in vielen Fällen durch ein Gespräch auf Augenhöhe, dass verschiedene Vorurteile oder falsche Vorstellungen abzubauen hilft, bearbeiten. Hier wiederum kann die Kirche Potential entfalten: „Ich denke, dass wir für den weiteren Umbau [auf regenerative Energien N.S.] ganz stark auch eine moderierende Funktion haben werden, weil […] wir oft als […] neutraler Raum in den gesellschaftlichen Diskussionen von den verschiedenen Partnern akzeptiert werden“ (D). Neutraler Raum kann hier natürlich nicht einfach „Beliebigkeit“ bedeuten, sondern muss als eine anspruchsvolle Herausforderung aufgefasst werden. Diese Aufgabe der Kirche kann in der einzelnen Gemeinde darin bestehen, Probleme und Befürchtungen der Bürger anzuhören und ernstzunehmen, Möglichkeiten der Information und Kommunikation, z. B. über Gemeindeabende zu bieten und so den Prozess der Energiewende reflektiert zu begleiten. Der Versuch, Probleme durche eine einfache Fiixierung auf Richtig und Falsch zu entzauberm, muss dabei vermieden werden, gerade weil einfache Lösungen immer zu Lasten einer Partei des Konfliktes gehen: „Aber man muss nicht so ideologisch denken, dass ich meine, nur meins rettet die Schöpfung, weil das alles so grün ist und das ist beste und alle anderen machen die Schöpfung kaputt“ (B). Zusammenfassend kann in diesem Sinne ein Votum von C dienen: „Und das ist meines Erachtens der kirchliche Beitrag: Dass wir Foren bieten, wo man sich über einen verantworteten Umgang verständigen kann.“ Gerade im ländlichen Raum kann die Kirchgemeinde so jenseits einfacher Positionierung und zusätzlich zu einer reinen „Vorbildfunktion“ dafür Sorge tragen, dass Menschen für diese Thematik seniblisiert und informiert, und so gesprächsfähig und gesprächsbereit werden.

1Vgl.: http://www.ttn-institut.de/energiewende-bayern (Aufgerufen am 10.09.2013, 15:44 Uhr)
2Die Befragten wurden anonymisiert und sind mit den Buchstaben A-E angegeben.

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