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Über das befreiende Ringen um Gottesbilder

von Claus Aschenbrenner

"Mach dir deinen eig'nen Gott, so wie er dir gefällt und dann regier' mit ihm die ganze Welt!"1, so lautet eine Strophe aus dem 2003 erschienenen Lied 'Mein Gott' der Band EAV. Wendet sich diese Kritik in erster Linie gegen den Missbrauch von Religion durch funda­mentalistische Kräfte, trifft sie doch auch auf jede Form des Machtmissbrauchs durch verabsolu­tierte Vorstellungen des Göttlichen zu. Auch in der jüdisch-christlichen Geschichte finden sich Gottesbilder, die gerade durch ihren Gültigkeitsanspruch ideologische Macht ange­häuft haben und die Geschichte berichtet ebenso, dass jene Machtstellung oft auch zur Legitimation von Unterdrückung, Entrechtung und Bevormundung verwendet wurde. Durch die Zeit hindurch sind uns jedoch auch immer wieder Theologien der Befreiung überliefert, die sich dagegen auf­lehnten und Alternativen zu den dogmatisch verfestigten Imaginationen vorweisen.

Jenes Ringen um die Idee des Göttlichen soll hier nun schlaglichtartig dargestellt werden um dessen Existenz zum einen zu belegen und zum anderen von dessen Notwendigkeit für einen lebendigen Glauben zu überzeugen.

Zunächst wird hierfür eine prominente Gottesbild-Tradition des alten Testamentes näher betrachtet, nämlich die, welche der Aussage "JHWH ist König"2 entspringt. Allein von die­sem kurzen Satz können einige Postulate abgeleitet werden: Er weist der Gottheit JHWH eine besondere Machtposition zu und eröffnet zudem ein hierarchisches Gefälle gegenüber allem, was sich diesen königlichen Gott unterwirft oder ihm unterworfen wird. Zudem wird die Gottheit durch die verwendete Sprache als männlich definiert, da das hebräische Wort mælæk (König) eine maskuline Form ist. Thematisch ist mit dieser Tradition auch die Gottes­vorstellung des Abrahamsbundes verküpft. JHWH verpflichtet gemäß dessen das Volk Israel zu Gehorsam und sieht dieses sowie die ganze Erde als sein Eigentum an, verspricht jedoch im Gegenzug es zu einem heiligen Volk zu machen.3 Man stellte sich somit vor, jener Gott handele wie ein menschlicher Herrscher.

Auf dieser Basis kann nun das Wirken der "klassischen" institutionell ungebundenen Pro­phetie betrachtet werden, wie sie von Amos, Jesaja, Micha und Hosea praktiziert wurde.4 Zu deren Lebzeit vertraten offensichtlich einige Mitglieder der Oberschicht die Meinung, dass ein königlicher Gott lediglich aufwändige Kultfeste wünsche, sie selbst von diesem mit Reichtum priviligiert seien und daher auch die bäuerliche Unterschicht zu übervorteilen dürften.5 Dagegen aber wandten sich die Propheten mit radikaler Härte. Ihr Gegenentwurf ist die Vorstellung eines Gottes, der die Ungerechtigkeit hasst und die Solidarität auch mit den Schwachen der Gesellschaft fordert.6 Die Tradition der Königlichkeit JHWHs ist damit nicht abgelehnt, sondern lediglich aufgrund sozialer Intentionen umgedeutet worden.

Auch innerhalb der Evangelien finden sich starke Äußerungen gegen den Missbrauch von Religion. Dort ist zu lesen, dass sich Jesus selbst gegen Menschen wendete, die die Er­füllung religiöser Gebote über das Wohl ihre Mitmenschen stellten. Er weist jene in der Synagoge zurecht, die ihn dafür tadeln wollten, dass er am Sabbath einen Mann heilte, und in der Geschichte über den barmherzigen Samariter werden jene als schlechtes Beispiel ge­nannt, denen ihre kultische Reinheit wichtiger war als das Leid des Überfallenen.7 Und die­ser menschenfreundliche Impetus findet sich auch in Aussagen über Gott wieder. In den Gleichnissen wie jenem über den gütigen Weinbergsbesitzer oder dem vom König, der seinem Schuldner alles erlässt, wird das Bild von einem herrschaftlichen JHWH neu ent­worfen im Licht der Güte, die hier jenem Gottesbild zugeschrieben wird.8 Die Gottheit wird befreit von ihrer Unnahbarkeit, was auch Mt 6,9 bezeugt, wo sie als "Vater" angesprochen wird, also wie ein Teil der Familie.

Das Ringen um das Verständnis Gottes ist meiner Meinung nach sogar bei Paulus zu finden, auch wenn seine Ideen später einer massiven Fixierung und Dogmatisierung zum Opfer fielen. Das Bild von dem einen Gott des israelitischen Volk wird in sofern verändert, dass dessen zentrales Handeln in der Welt an der Figur des Jesus Christus hängt, an dessen Sendung und Auferweckung.9 Hierbei ist anzumerken, dass allein der Glaube an diesen Messias und diesen Gott Gnade und Gerechtigkeit bringt, ohne dass noch zusätzlich bestimmte Ge­setze erfüllt werden müssen.10 Das hier entworfene Verständnis des Göttlichen ist also mit einem Gleichheitsgrundsatz für alle auf Christus Getaufen verknüpft und wurde auch zum Beispiel auf dem Apostelkonzil stark debattiert.11

Doch nicht nur in der Bibel gibt es derartige befreiende Aufbrüche gegen konkurrierende oder vorherrschende Gottesbilder. So hat sich auch Martin Luther gegen die dogmatischen Vorstellungen seiner Zeit gewandt, in jungen Jahren speziell gegen das kirchenrechtlich fixierte Ablasswesen, hinter dem ein gewaltiges finanzielles Interesse stand.12 In seinen 95 Thesen lehnt Luther unter Berufung auf die Bibel die Idee ab, dass Papst und Kirche die Macht besitzen für den christlichen Gott zu sprechen und damit dessen Autorität zu miss­brauchen.13 Jenem Gottesverständnis setzt Luther die Mystik der unvermittelten, befreien­den Beziehung zwischen Glaubenden und eben jenem Gott, deren Bedingung allein der Glaube ist.14 Dies zeigt, dass es auch in der Reformation von Anfang an auch um das Ringen um die Autorität bestimmter Bilder und Auffassungen von Gott ging.

Ein besonderes Kapitel dieses Ringens setzt mit der Aufklärung ein, dessen Prinzip der Vernunft die bis dahin gültigen mythologischen Gottesbilder kritisch auf ihre Plausibilität hinterfragt und zugleich dadurch einen Raum öffnet für neue Gottesvorstellungen. Stellver­tretend für die vielen neuen Sichtweisen des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts soll hier das von Friedrich Schleiermacher erwähnt sein. Dieser lehnte das Bild eines ver­menschlichten Gottes grundsätzlich ab, da religiöse Erkenntnis uns seiner Meinung nach nichts über die Idee von Gott lehrt, sondern nur über das Handeln des Universums, in dem er das Göttliche sieht, an uns.15 Das Wesen der Religion ist für Schleiermacher An­schauung d.h. Einwirkung jenes Universums auf den Menschen, sie ist Gefühl.16 Somit relativiert er alle autoritativen Ansprüche, die konkreten Gottesbilder aufwerfen, und eröff­net durch seine Theologie dem religiösen Subjekt eine große Freiheit.

Einen ähnlichen Ansatz wählt auch Paul Tillich bei seiner Antwort auf die Frage nach dem, wie wir uns Gott bzw. das Göttliche vorstellen können. Seiner Meinung ist das, was den Men­schen bedingungslos angeht, also ihn zutiefst emotional bewegt, als „Gott“ oder „Götze“ zu bezeichnen.17 Das Sein jenes „Gottes“ ist bei Tillich die unendliche Seins­mächtigkeit in allen und über allen, es ist wohl vergleichbar mit Schleiermachers Begriff des Universums.18 Tillichs Gottesverständnis bezeichnet somit den Grund des Seins selbst und er ist der Meinung, dass über jenen nur symbolisch etwas ausgesagt werden kann.19 Das Gottesbild eines königlichen Gottes beispielsweise ist somit lediglich ein Symbol dafür, wie sehr das Göttliche bzw. die Seinsmächtigkeit den Gläubigen und die Gläubige angeht und verliert dadurch nicht an Brisanz, sehr wohl aber an autoritativer Macht.

Abschließen möchte ich diese Darstellung mit Dorothee Sölle, die sich selbst als feministische Befreiungstheologin verstand. Als eine Vertreterin der sogenannten Gott-ist-tot-Theologie ging sie vom Ende des Theismus aus, d.h. vom Ende der Annahme, dass es eine höchste Wesenheit gibt, die alle Ordnungen aufstellt und erhält.20 Damit wird ganz klar jede Form hierarchischer Gottesbilder und Weltvorstellungen abgelehnt, die laut Sölle angesichts der neuzeitlichen Wissenschaft unverständlich und unglaubwürdig geworden sind.21 Alternative Gottesverständnisse können ihrer Meinung nach nur aus einem herr­schaftsfreien Dialog mit anderen über die Erfahrungen mit dem Göttlichen gewonnen wer­den und sind notwendig für die Opfer alltäglicher Brutalität wie Unterdrückung oder Ent­mündigung.22

Selbstverständlich könnte zu den bisher genannten Personen jeweils noch wesentlich mehr gesagt und eine Vielzahl weiterer genannt werden, die Ähnliches formuliert haben. Doch das bisher Aufgeführte soll genügen als Beleg dafür, dass es ein befreiendes Ringen um Gottesbilder gab und wohl auch weiterhin geben wird. Hierbei ist jedoch keine Entwick­lung dokumentiert, es geht nicht um die Ablösung einzelner Gottesbilder durch andere. Um die Vorstellungen der letzten Jahrhunderte darf nicht weniger gerungen werden als um jene aus biblischer Zeit. Denn erst der Dialog der religiösen Ansichten schafft doch kreativen Raum der Entfaltung, birgt in seiner Pluralität Lebendigkeit für den Glauben, der befreit in jeder Form gelebt werden kann. Dies ist aber nur möglich, wenn durch breite geistes­wissenschaftliche Bildung Intoleranz, verengender Ideologie und Fundamentalismus ent­gegengewirkt wird.


Claus Aschenbrenner studiert Evangelische Theologie an der Philipps Universität Marburg.

1 www.eav.at/eav/texte/text_292_0_mein_gott.htm, geprüft am 8. 10. 2014, 13:38 Uhr.

2 Vgl. z.B. 1Chr 16,31.

3 Vgl. Ex 19,5f.

4  Vgl. www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/altes-testament/prophetische-buecher/, geprüft am 12. 10. 2014, 12:23 Uhr.

5 Vgl. Alberz, Rainer: Religionsgeschichte Israels in alttestamentlicher Zeit. Teil 1: Von den Anängen bis zum Ende der Königszeit (GAT 8/1), Göttingen 21996, S. 251f sowie 268.

6 Vgl. ebd., S. 258f.

7 Vgl. Mk 3,1-6 sowie Lk 10,25-37.

8 Vgl. Mt 20,1-16 sowie Mt 18, 23-34.

9 Vgl. Schnelle, Udo: Paulus. Leben und Denken, Berlin21014, S. 444.

10 Vgl. Röm 3, 28 sowie Röm 5,1.

11 Vgl. Gal 3, 27f sowie Gal 2,1-10 und Apg 15.

12 Vgl. Dieter,Theodor: Art. Ablass, in: Leppin, Volker; Schneider-Ludorff, Gury (Hg.): Das Luther-Lexikon, Regensburg 2014, S. 39.

13 Vgl. a. a. O., S. 384f.

14 Vgl. Hamm, Berndt: Der frühe Luther. Etappen reformatorischer Neuorientierung, Tübingen 2010, S. 228.

15 Vgl. Welker, Klaus Eberhard: Die grundsätzliche Beurteilung der Religionsgeschichte durch Schleiermacher, Leiden/Köln 1965, S. 41f.

16 Vgl. Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Zweite Rede. Über das Wesen der Reli­gion, in: Merkenstock, Günter (Hg.): Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), Berlin 1999, S. 50 sowie 55.

17 Vgl. Tillich, Paul: Systematische Theologie Bd. 1, Stuttgart 81984, S. 247.

18 Vgl. a. a. O., 273.

19 Vgl. a. a. O., 277.

20 Vgl. Sölle, Dorothee: Gott Denken. Einführung in die Theologie, Stuttgart 31990, S. 223.

21 Vgl. a. a. O., S. 225.

22 Vgl. a. a. O., S. 231f sowie 233.

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