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Sport in der Kirche – Merkmale und Besonderheiten

Persönlicher Bezug

von Sophia Weidemann

Bei Überlegungen für neue Artikelanfragen im Bereich Bildung erinnerte ich mich aus meiner Zeit in der Evangelischen Jugend an die Arbeit von ej-sport. Auf den Landesjugendkonventen wurde jedes Jahr ein großes Sportevent gefeiert. Neben vielen Diskussionen und zwei Tagen Geschäftsteil, war die Sportveranstaltung jedes Jahr ein Highlight. Ob inklusives Basketballspiel mit und gegen Menschen mit Behinderung, Fußballturnier der Kirchenkreise oder einen Fitnessparkuhr, beim Sport wurde neu durchgemischt und Menschen, die bisher weniger miteinander zu tun hatten, spielten auf einmal nebeneinander, Berührungsängste wurden abgebaut oder auch einfach mal der Kopf vom Geschäftsteil frei gemacht. Das Schöne bei ej-sport war, dass auch Menschen wie ich, die sich tendenziell beim Anblick von Bällen ducken, gerne mal ein Basketballspiel mitspielten, und egal wie sehr wir uns die Köpfe bei inhaltlichen Diskussionen einschlugen, beim Sport war alles wieder vergessen.


Sport in der Kirche – Merkmale und Besonderheiten

von Reinhold Schweiger

Profil ej-sport

ej-sport ist eine offene Sportarbeit unter Trägerschaft der Evangelischen Kirche in Bayern. An den vielfältigen Sportangeboten nehmen beispielsweise Sportler/innen aus der Jugendhilfe, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, Erwachsene Flüchtlinge, Menschen mit Behinderungen – vor allem geistig behinderte Menschen aus Einrichtungen, Jugendliche und Erwachsene aus Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen, Schulen sowie privaten Zusammenschlüssen und Verbänden, sowie punktuell auch aus Sportvereinen teil.

Die Sportlerinnen und Sportler der Evangelischen Jugend in Bayern engagieren sich deshalb für Fairness, Respekt, gegenseitige Achtung und Toleranz und appellieren jeder Form von Diskriminierung auf Grund von Religion, Herkunft, Hautfarbe oder sexueller Identität entschlossen entgegen zu treten.

Sie zeigen sich solidarisch für ein buntes Miteinander von Menschen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturen und treten gemeinsam gegen Gewalt und Rechtsextremismus ein.

Keiner soll ausgegrenzt werden, weil er zu schwach, zu langsam, behindert oder einfach nur anders ist.

Ethos im ej-sport

Die Überzeugung, dass Körper, Geist und Seele eine unteilbare Einheit bilden, ist für ej-sport grundlegend. Der Sport und der Glaube helfen, diese Einheit zu erfahren und versuchen so zu einem erfüllten Leben beizutragen. Dabei wird versucht folgende Erfahrungen zu vermitteln:

  • Die Zusage Gottes zu den vitalen, lebensfrohen und spielerischen Kräften und Fähigkeiten des Menschen findet im ej-sport Ausdruck und Raum.

  • Sport wird dabei verstanden als elementare Möglichkeit des jungen Menschen, sich selbst und seine eigenen Grenzen zu erfahren und weiter zu entwickeln.

  • In der gemeinsamen Bewegung und dem Zusammenspiel erlebt der junge Mensch sich als angenommen und aktiv mitgestaltend.

Der Mensch braucht Bewegung und Besinnung zum geistigen und körperlichen Wohl. Im Sport soll Besinnung und ethische Reflexion möglich sein und das Leben in der Kirche braucht Freude, Spiel und körperliche Bewegung. Beide Bereiche, sowohl Sport als auch Kirche, werden über den Menschen, der an beidem partizipiert, als auf einander bezogen und sich gegenseitig ergänzend gedacht.

Leitgedanken und Ziele von ej-sport sind:

  • Gemeinsam für Respekt, Fairness und Menschenwürde einzutreten .

  • Auf Gefährdungen an Leib und Seele durch Doping aufmerksam zu machen und zu ihrer Überwindung beizutragen.

  • Menschen anzuregen, ihre Individualität in Spiel, Sport und Gemeinschaft zu fördern.

  • Die pädagogische Verantwortung gegenüber jungen Menschen in Kirche und Sport deutlich zu machen.

  • Sporttreibenden in Gottesdiensten und durch andere Angebote Raum zur Besinnung anzubieten.

  • Den Sportverein und die Gemeinde als Orte der Begegnung und der Einübung in ehrenamtliche Mitarbeit zu stärken sowie soziales Verhalten und die Zusammenarbeit beider zu fördern.

ej-sport will mit seinem Engagement das Gespräch zwischen Kirche und Sport auf allen Ebenen anstoßen, begleiten und gemeinsame Aktionen durchführen.

Warum mischt sich die Kirche in den Sport ein – einige Thesen?

  • Liebe Deinen Nächsten.

  • Die Kirche muss Anwalt der Armen, Schwachen und künftigen Generationen sein.

  • Wort und Tat verbinden.

  • Eine Kirche, die sich nicht mit der Realität auseinandersetzt ist tot.

  • Unbequem sein, dem Rad in die Speichen fallen, als kirchliche Pflicht?


Wesentliche Unterscheidungsmerkmale von ej-sport zu einem Sportverein:

  • Jesuanisches Menschenbild als Modell des Sports:
    Das Menschenbild Israels, das Jesus übernommen hat, nimmt die Begrenztheit und Verletzlichkeit des anderen Menschen ernst. Es ermutigt dazu, die Endlichkeit des eigenen wie des fremden Lebens anzunehmen. Es verherrlicht Krankheit nicht, aber es degradiert Kranke, Behinderte und Alte nicht zu Menschen zweiter Klasse. Gerade angesichts der Verletzlichkeit und Endlichkeit des Menschen schärft es ein, dass allen – unabhängig von Alter oder Geschlecht, von Staatsangehörigkeit oder Religion, von Leistung oder Verdienst – die gleiche Würde zukommt.

  • Es gibt keine Mitglieder und keinen Mitgliedsbeitrag, die Sportangebote sind für alle Konfessionen offen.

  • Flache Hierarchien und kurze Entscheidungswege. Teamarbeit wird großgeschrieben. Deshalb können beispielsweise neue Sportangebote kurzfristig realisiert werden.

  • Bei den Sportveranstaltungen gibt es in der Regel einen spirituellen Impuls.

  • Bei verschiedenen Sportangeboten erfolgt die Einteilung der Sportler/innen nach dem Grundsatz der Leistungshomogenität und nicht nach Alter, Geschlecht etc.

  • Jeder Sportler/in wird geehrt.


Reinhold Schweiger, seit 2001 Landessportreferent von ej-sport - der Evangelischen Jugend in Bayern




Theologische Anfragen und Diskussionsanregung

von Johannes Graßmann und Sophia Weidemann

Die Frage nach Relevanz und Legitimität sportlicher Aktivität innerhalb der Kirche ergibt sich aus dem Vorstellung des Christentums als einer leibfeindlichen und vergeistigten Religion. Diese Frage wurde von Reinhold Schweiger in der vorhergehenden Kurzcharakterisierung von ej-sport umfassend beantwortet. Dabei beschränkte er sich – an dieser Stelle – weitgehend auf die sozialen Aufgaben der Kirche. Einerseits wird Kirche als soziale Institution, andererseits als sich einer göttlichen Sendung bewusste Gemeinschaft aufgefasst, wodurch sie jeweils hier in der Form sportlicher Betätigung die Option für die Marginalisierten ergreift.

Dass sich diese hier aufgeführte Begründungsreihe durch weitere dogmatische Reihen erweitern ließe, versteht sich von selbst. Der Vorwurf, das Christentum sei eine leibfeindliche Religion lässt sich geschichtlich nur legitimieren, wenn man eine rigide Sexualmoral mit Leibfeindlichkeit gleichsetzt. Tatsächlich weisen stärker biblisch geprägte Strömungen des Christentums eine ungewöhnliche Hochschätzung des Leibes und der Leiblichkeit in Hinblick auf anthropologische, christologische und eschatologische Überlegungen auf. Aber auch die von der griechischen Philosophie geprägten Strömungen schätzen das geistliche zwar vielleicht höher, vertreten aber ebenso eine Einheit der Kategorien Leib und Seele innerhalb der Person.

Reinhold Schweigers Kurzcharakterisierung von ej-sport bietet selbstverständlich eine Vielzahl von Anstößen zum konstruktiven Weiterdenken. Wir wollen hier nur einen Gedanken, der ej-sport zugrunde liegt, aufgreifen und eine Anfrage unsererseits zur Diskussion stellen.

Dass das Christentum zumindest ein positives Verhältnis zum Leib entwickeln kann und auch zu sportlicher Betätigung anregen kann, hat Reinhold Schweiger gezeigt.

Allgemein lässt sich jedoch anfragen, ob sich heutzutage nicht eine enorme Überbewertung der Leiblichkeit entwickelt hat – mit all ihren bekannten Problemen (Essstörungen, Depressionen, Selbstzweifel). Selbstverständlich liegt ej-sport nichts ferner als solche Strukturen zu fördern. Nein zweifelsfrei tritt ej-sport bewusst und entschieden gegen wahnhafte Körperoptimierung ein. Im Allgemeinen lässt sich aber überlegen, ob und wie die christliche Tradition, die eben ein Mehr der Person auch über den Leib hinaus betont, solchen Strukturen entgegenwirken könnte.

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