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Problematische Allianz: Europäische Literatur und islamistisch gefärbter Hass

Von Johannes Graßmann


1. Die Frage

Die These europäische Literaten und islamisch eingefärbter Extremismus stünden in einer Allianz mag zunächst abwegig wirken. In der europäischen Literatur werden schließlich keine Systeme islamisch-religiös fundierten Hasses geschaffen, sondern – man blicke auf den Bestseller-Autor Thilo Sarrazin – wenn überhaupt, „bekämpft“. Die Allianz zwischen islamisch fundiertem Hass und europäischer Literatur wird allerdings auf den zweiten Blick deutlich. Es ist eben keine inhaltliche Allianz, sondern eine strukturelle Allianz. Islamische Hassphilosophien untermauern ihre Ideen mit Erfahrungen, die im sog. ,Westen' gemacht wurden und beziehen ihren Nachwuchs aus, Milieus, die den ,Westen' als koloniales, hegemoniales Konstrukt wahrnehmen, das den ,Osten' zu unterdrücken sucht. Europäische Literaten hingegen schaffen, durch ihr Wirken ein Konstrukt des ,Orients', das Anlass zu weltfremden Überlegenheitsgefühlen der europäischen Bevölkerung gegenüber dem ,rückständigen Orient' geben.1

Ersteres müsste Substrat einer sozio-psychologischen Studie sein und soll hier nur kurz angeschnitten werden, um zu vermeiden in unwissenschaftliche und perspektivisch geformte Spekulationen über psychologische Grundlagen islamisch fundierten Hasses und in folge dessen des islamistischen Terrorismus abzugleiten. Zweiteres, die Frage nach der Konstruktion europäischer Perspektiven auf den sog. ,Orient' und die Verbindung kultureller Ausdrucksformen mit politisch-imperialistischen Intentionen, soll hier behandelt werden.

Die Frage lautet also:

Lässt sich zwischen dem in der europäischen Literatur konstruierten Orientbild und islamisch gefärbten Hassphilosophien eine, sich gegenseitig begünstigende, Wechselwirkung feststellen?

Um dies zu beantworten soll im Folgenden zunächst und ausführlich auf das europäische Phänomen des „Orientalismus“2 eingegangen werden. Im Anschluss folgt ein kurzer Blick auf islamistisch gefärbte Hassphilosophien. Geschlossen wird mit dem Versuch die eben formulierte Frage zu beantworten.


2. Orientalismus

Der Begriff des Orientalismus bezeichnete klassisch „eine Disziplin […], die sich dem Studium von klassischen Schriften aus dem Orient, dem Herausgeben dieser Schriften und dem Übersetzen in europäische Sprachen widmete.“3 Erweitert wurde Orientalismus auch „als eine ästhetische Rezeption vor allem arabischer und indischer Kunst und Literatur“4 gefasst. Orientalismus wurde als positive Zuwendung zur östlichen Kultur gedeutet.

Demgegenüber verstand Edward Said in seiner gleichnamigen Studie aus dem Jahr 1978 Orientalismus als einen „besondere[n] Niederschlag geopolitschen Bewusstseins in ästhetischen, philosophischen, ökonomischen, soziologischen, historischen und philologischen Texten.“5 Während Orientalismus klassisch als formale wissenschaftliche Disziplin oder als formaler Umgang mit östlichem Kulturgut verstanden wurde, fasste Said den Begriff als zugrunde liegendes Denkmodell auf, dass verschiedene wissenschaftliche und kulturelle Ausprägungen und Konzepte, bewusst oder unbewusst, beeinflusst. Nach dieser formalen Bestimmung soll nun eine inhaltliche geschehen.


2.1. Was ist Orientalismus?

Wie eben genannt bezeichnet Orientalismus heutzutage ein Prinzip und keine Strömung oder Wissenschaft, sondern „ein gewisser zielstrebiger Wille, eine offenkundig andere (alternative und neuartige) Welt zu verstehen, mitunter auch zu beherrschen, zu manipulieren und zu vereinnahmen.“6 Said sieht den Orientalismus in direkter Nachbarschaft zu Kolonialismus und Imperialismus. Es wird deutlich, dass in dieser Definition, die klassische Definition eingefasst ist, diese aber überstiegen wird. Wie gesagt handelt es sich beim Orientalismus, laut Said, um eine Ausdrucksform euro-amerikanischer Überlegenheitsgefühle gegenüber dem ,Orient'. Europäische und Amerikanische Literaten schaffen ein Bild des Orients und seiner Bewohner, sei es indem sie ihn als dunkel und rückständig gegenüber dem weit entwickelten Westen zeichnen, oder ihn als romantisch verklärtes Bild wie aus 1001 Nacht beschreiben. Dass dieses Bild mit der Realität nicht viel zu tun hat liegt auf der Hand. Der Orient wird also entweder direkt und offen als rückständig beschrieben, oder aber als Projektionsfläche eigener Wünsche und Hoffnungen verwendet. Gemeinsam ist beidem aber immer, dass der Osten zum einen nicht in seiner Realität dargestellt wird und zum anderen – hier liegt die größere Problematik – als das dem Westen kategorial Unterschiedene begriffen wird.


2.1. Ursachen und Gründe des Orientalismus

Die erste und grundlegendste Ursache für die Entstehung des Orientalismus war, dass Wissen über den Orient gesammelt wurde. In Europa mehrte sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts „das systematische Wissen über den Orient, gefördert sowohl durch den Kolonialismus als auch durch das wachsende Interesse am Fremden und Ungewöhnlichen“7. Dieses Wissen wurde allerdings „immer in einer Position der Stärke, um nicht zu sagen der Vorherrschaft“8 gesammelt, wodurch die Wahrnehmung selbstverständlich teilweise grotesk Verzerrt wurde. Die Bewohner des Orients wurden als Wissensobjekte gefasst, welchen keine besondere Eigenständigkeit zugeschrieben wurde, sondern die nur kategorisiert und untersucht werden konnten.

Eine weitere Ursache des Orientalismus war das am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert feststellbare exponentielle Wachstum von aufs engste mit politischen Ansichten verquickten Orientliteratur, in der der Osten gemäß den Vorstellungen und dem zuvor genannten perspektivischem Wissen dargestellt wurde. Auf diese Weise wurde eine strikte Differenz (um nicht zu sagen ein Gefälle) zwischen Westen und Osten durch die Literatur festgezurrt.

Diese Differenz weist auf einen weiteren Ursprung des Orientalismus, dem Bestreben Identität zu schaffen, hin. „[D]ie Differenz zwischen dem Bekannten (Europa, der Westen, ,wir') und dem Fremden (der Orient, der Osten, ,die')“9 wurde betont, um in der Abgrenzung die eigene (europäisch-westliche) Identität zu festigen. Wir konstruieren „sie als ,die', ihr Gebiet und ihre Mentalität als verschieden von ,unserer'. Auf diese Weise schienen moderne und primitive Gesellschaften ihre Identität in einem gewissen Maße negativ zu bestimmen.“10


2.2. Geschichtlicher Orientalismus

Im Jahre 1312 wurden an verschiedenen Bedeutenden Universitäten Europas die ersten „Lehrstühle für das Arabische, Griechische, Hebräische und Syrische“11 eingerichtet. Dabei handelte es sich allerdings bis ins 18. Jahrhundert hinein um Disziplinen, die sich mit der biblischen Geschichte oder den semitischen Sprachen befassten.12 Erst Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die Orientalistik in dem Maße erweitert, dass man davon Sprechen kann, dass der ganze ,Osten' berücksichtigt wird. Dies zeigt selbstverständlich die große Problematik die die Orientalistik betrifft: Es handelt sich um eine Wissenschaft, die sich der schier unbegrenzten Menge an kulturellen, sprachlichen, religiösen etc. Phänomenen zuwendet, die eine ganze Hemisphäre füllen. Allein schon aus dieser Fachdefinition musste zwangsläufig eine radikale Selektierung des Stoffes folgen und es mussten mehr als zweifelhafte Quellen bemüht werden. Ein Beispiel hierfür wären die, selbstverständlich auf Afrika bezogenen, Berichte aus viktorianischer Zeit, die die Sexualmoral der afrikanischen Ureinwohner beschrieben und die die Vorstellung von afrikanischer Sexualethik bis heute prägen. Ein Beispiel für die zuvor genannte bewusste Selektierung und Zuspitzung des Gegenstandes ist, dass sich die Orientalistik damals weitgehend auf die „ klassische Phase der jeweiligen Sprache oder Gesellschaft“13 beschränkte. Erst Ende des 19. Jahrhunderts begann der zeitgenössische Orient in den Blick zu rücken. Diese Selektion des Wissens und der Quellen sorgte paradoxerweise gerade dafür, dass „Europa […] im Orient fast von Anfang an mehr, als es empirisch über ihn wusste, [sah].“14 Der Orient wurde, wie zuvor erwähnt zu einer Projektionsfläche eigener Vorstellungen und Wünsche. Aber selbst wenn er nicht zur Projektionsfläche wurde, wurde die Perspektivität der Erfahrungen nicht berücksichtigt. Die Erfahrungen mit dem Orient wurden meist durch die Filter Reise, Geschichte, Fabel, Klischee und polemische Konfrontation gepresst ohne darauf zu reflektieren. Die Gefahren, die ein solches Vorgehen mit sich bringen wurden zuvor schon erwähnt.


2.3. Moderner Orientalismus

Es soll nun versucht werden, die bisher erkannten Formen des Orientalismus in die heutige Zeit zu übertragen. Auch heute bestehen noch perspektivisch geformte Anschauungen gegenüber dem Islam, der arabischen Bevölkerung und den orientalischen Gebieten. Erstens wird die orientalische Geographie wie in vergangen Zeiten von den Vorstellungen einer Wüstenlandschaft mit einzelnen Oasen geprägt. Schon in Kinderbüchern oder Fernsehserien wird dieses Bild fast ausnahmslos vermittelt. Die reiche Flora und Fauna des arabischen Erdteils wird zu meist auf Palmen und Kamele reduziert und die reichhaltige übrige Natur wird aus den Augen verloren. Die arabische Welt ist in den Köpfen der westlichen Bevölkerung eine weitgehend unwirtliche Gegend, die nur durch einzelne fleckenhafte Durchbrüche natürlichen Lebens gestört wird.

Zweitens wird die arabische Bevölkerung auch heutzutage als rückständig und unaufgeklärt angesehen. Das Leitbild arabischer Männer ist nach wie vor – natürlich überspitzt - der Krummsäbel schwingende Sarazene mit Turban und Vollbart. Das weibliche Leitbild hingegen hat sich in den letzten Jahrzehnten radikal verändert. War es zuvor die leichtbekleidete, verführerische Haremsdame oder exotische Bauchtänzerin, so werden die Vorstellungen heutzutage meist von vollverschleierten, unterdrückten und unmündigen Frauen geprägt.

Drittens hat sich die Vorstellung des Islams radikal geändert. Früher wurde dieser primär als eine romantisch verklärte Ausdrucksform des exotischen Orients erkannt. Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September hat sich die Vorstellung von einer radikal militanten Bewegung, die nichts weniger plant als die Weltrevolution und die Vernichtung des Abendlandes, in den westlichen Köpfen festgesetzt. Die kulturelle, friedliche und inwendige Seite des Islams wird vergessen zu Gunsten einer Vorstellung von Sprengstoffgürteln, Autobomben und Flaggenverbrennungen.

Dass diese Vorstellungen durchweg perspektivisch und kontextuell überformt sind muss wohl nicht extra erwähnt werden.


3. Islamische gefärbte Hassphilosophie – Ursprung und Motor

Der Islamist Sayyid Qutb kann wohl als einer bedeutendsten Vorreiter und Denker des islamistischen Terrorismus des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden. Die Ursprünge seines Denkens finden sich allerdings nicht in islamischen Koranschulen oder in radikalen religiösen Gruppierungen, sondern sein Denken hat seine Quellen nicht nur im Zusammentreffen mit der westlichen Kultur, sondern gerade auch in der Rezeption westlicher, kulturkritischer Philosophie.

Qutb wurde 1906 in einem ägyptischen Dorf geboren und galt schon im Kindesalter als hochbegabt und ungewöhnlich Intelligent. Er entstammte zwar einem religiösen Elternhaus, kam aber nicht aus religiös-fanatischen Kreisen. Bis zu einem Aufenthalt in den USA war Qutb ein säkularer, gebildeter Staatsbeamter unter dem ägyptischen Despoten Gamal Abdel Nasser. In den USA kam Qutb schließlich mit dem westlichen Sittenverfall in Kontakt und entwickelte daraufhin eine tiefe Feindschaft gegenüber ,dem Westen'. Qutbs endgültige Radikalisierung fand allerdings erst während seinen zwei Gefangennahmen in den Haftlagern Nassers statt.

Qutbs islamistisches Konzept basierte sowohl auf radikaler Kapitalismuskritik (diesen hatte er in einer seiner krassesten Ausformungen in den USA kennen gelernt) als auch auf radikaler Kommunismuskritik (diesen hatte er in Ägypten erfahren). Als alternativer Weg galt für ihn der Islam, in dem der Mensch in seiner Würde wahrgenommen wird (gegen den Kapitalismus) und nicht zu Produktionsmitteln degradiert wird (gegen den Kommunismus). Diese zunächst geradezu sympathisch wirkende Konzeption wurde schließlich durch die radikale Kultur- und Modernismuskritik des frühen 20. Jahrhunderts erweitert. Zu der Vorstellung einer islamisch geprägten Utopie trat die militante und destruktive Philosophie beispielsweise Friedrich Nietzsches. Der ,Westen' wurde mit der degenerierten Moderne identifiziert und damit zum Hassobjekt islamistischer Philosophie.

Wie aber konnten solche Philosophien die Massen derart mobilisieren? Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass der zuvor beschriebene Orientalismus diesen Philosophien zuspielte. Die östliche Welt nahm die Überheblichkeit ihr gegenüber durch die westliche Welt war. Zur herablassenden konstruierten Vorstellung des Westens von einem rückständigen zu beherrschenden Osten trat die Frustration einzelner Gruppen aus dem Osten. Sie begannen sich möglicherweise in einer – vielleicht nicht ganz unbegründeten – Verteidigungsposition gegenüber westlicher Übergriffe und erneuter Fremdherrschaft zu sehen. So ließe sich im westlich-europäischen Kulturchauvinismus eine Triebkraft islamistischen Terrors erblicken. Dass diese allein zur erschöpfenden Erklärung nicht ausreicht, sondern dass dazu eine Vielzahl weiterer sozialer, ökonomischer und politischer Ursachen tritt, versteht sich von selbst.


4. Fazit

Eingangs stellte ich die These auf, dass sich europäischer Kulturchauvinismus und islamistische Hassphilosophien in einer engen Korrelation befinden und sich zwar nicht gegenseitig bedingen, aber dennoch gegenseitig anfeuern. Ich hoffe dies in dem bisherigen Referat ansatzweise dargestellt zu haben:

  1. Der europäisch-westliche Bereich sieht sich bewusst oder unbewusst in einer hegemonialen Stellung gegenüber dem östlichen.

  2. Aus dieser Perspektive folgt perspektivistische Wissenssammlung bezüglich der östlichen Hemisphäre.

  3. Aus diesen unzulänglichen Quellen speist sich ein europäisch-westlicher Kulturchauvinismus, der der orientalischen Welt einen ungerechtfertigten, niederen Platz zuweist.

  4. Islamistische Hassphilosophien zehren aus westlicher Kulturkritik und rekrutieren ihre Gefolgsleute dadurch, dass sich diese den ungerechtfertigten Überheblichkeiten und Hegemonieansprüchen des Westens bewusst werden.

  5. Die Darstellungen des Orients durch westliche Literaten, Wissenschaftler, Politiker etc. stehen in direktem Zusammenhang mit islamistischem Gedankengut und islamistischem Terror.

     

1 Diese Struktur ließe sich selbstverständlich ebenso gut für den anglo-amerikanischen Raum beschreiben.

2 Said, Edward W.: Orientalismus, Frankfurt a.M. 2009.
3 Nehring, Andreas: Orientalismus und Mission. Die Repräsentation der tamilischen Gesellschaft und Religion durch Leipziger Missionare 1840-1940, Wiesbaden 2003, S. 30.
4 Ebd.
5 Said, Orientalismus, S. 21; Hervorhebung im Original.
6 Said, Orientalismus, S. 22: Hervorhebung im Original.
7 Said, Orientalismus, S. 53.
8 Ebd.
9 Said, Orientalismus, S. 57.
10 Said, Orientalismus, S. 70.
11 Said, Orientalismus, S. 65.
12 Said, Orientalismus, S. 66.
13 Said, Orientalismus, S. 68.
14 Said, Orientalismus, S. 71.

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Kommentare

Gabriel
Für die Entstehung des Islamismus dürfte vor allem die Erkenntnis des faktischen und sichtbaren politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Niedergangs der arabisch-islamischen Welt bis zum Ende des 19. Jahrunderts verantwortlich sein. Aus dieser Krisensituation heraus wird eine religiöse Erneuerung der Kultur durch die Rückehr zu deren vermeintlichen Wurzeln angestrebt. Wenn in dieser Perspektive auf die arabisch-islamische Welt "der Westen" und islamistische Vordenker wie Raschid Rida und Sayyid Qutb übereinstimmen - spricht das nicht einfach dafür, dass die Bestandsaufnahme der Krisensituation korrekt ist?
12.05.2014 - 10:15 Uhr
Kevin Simon
Hannes, ein hervorragender Artikel, der eine komplette Reformierung der Perspektive nach sich ziehen muss! Und ich denke, ein aehnlicher Kulturchauvinismus besteht auch beim euro-amerikanischen Afrikabild, eine Form des intelektuellen Imperialismus und Exeptionalismus! Salaam!
13.05.2014 - 18:45 Uhr
Einwand @ Gabriel
Hm, ich weiß nicht. Das scheint mir schon wieder eine typisch "westliche" Interpretation zu sein... vielleicht verstehe ich dich aber auch falsch.
Natürlich, wenn man mit dem Blick des Kirchen- oder Philosophiegeschichtlers die Abbassidenzeit betrachtet, die Blütezeit von Städten wie Samarkand, die Zeit der Kreuzzüge, wo das kulturelle Gefälle noch etwas anders aussah, auch gewisse Perioden der osmanischen Zeit ... dann kann man in dieser Draufsicht einen schrittweisen Niedergang der islamischen Welt, ja eine Umkehrung der Verhältnisse sehen. Aber das ist eher das Narrativ des Euro-Islam, vielleicht auch des arabischen Nationalismus.
Das Frappierende am Islamismus ist doch (sofern ich da richtig liege. Ich habe mich mit dem betreffenden Schrifttum noch nicht beschäftigt): Diese - aus unser westlichen Perspektive gesehen - Glanzzeiten sind gar keine "vorbildlichen" Referenzen des Islamismus.
Der Islamismus scheint ja an diese Epochen der arabischen und osmanischen Imperien gerade nicht anschließen zu wollen, sondern greift als Salafismus, wahabitischer Weg usw. gleich und unmittelbar sozusagen auf die mythische (im Sinne von "aller Geschichte enthobenen") Prophetenzeit zurück. Diese Jungs deuten doch schon alles ab 650 als Niedergang und interessieren sich gar nicht für so etwas wie "islamische Kirchengeschichte".
Dabei bildet ja auch faktisch nicht die Geschichte, sondern eine "exegetisch" entworfene Idealgesellschaft die strahlende Folie, vor der der Westen finster als der große Satan erscheint. Und wie gesagt: Wenn Niedergang, dann seit der "Abspaltung" der Schia.
Ich glaube also auch, dass, um den Islamismus zu begreifen, eher von einer sich als zeitlos verstehenden islamischen Utopie ausgegangen werden muss: "Islam like it never was -- but as it was meant to be".
Auch, dass der Islamismus gerade nicht unmittelbare und eigentlich auch nicht verspätete Reaktion auf die Kolonialisierung war, sondern letztlich auf den Panarabismus, den arabischen Sozialismus etc. (und deren nicht eingelöste Versprechen?), sollte man bedenken. Auch die "Schmähungen des Islam", aus denen sich die islamistische Empörung speist, sind doch eher jetziger westlicher Kulturexport und aktuelle Weltpolitik - weniger der Hiatus zu den glanzvollen Zeiten der islamischen Welt. (NB: Einer Welt, die es so ja genauso wenig gab wie "das" mittelalterliche corpus christianum.)
Vielleicht ist da also der Vergleich mit dem Kommunismus und anderen modernen Utopien doch die bessere Fährte, um den Islamismus zu verstehen. Wobei dann gleich auf den Bechstein-Artikel kürzlich im Blog zu verweisen ist, um gewisse Kurzschlüsse zu vermeiden.
Wenn man stattdessen oder zusätzlich eine (koloniale/postkoloniale) Kränkung im kollektiven Unterbewusstsein "der" arabischen "Welt" postulieren will, ist man schnell auf einer bedenklich metaphysischen Ebene.

Schwierige Materie.

Gruß an den Autor vom großen Bruder!
13.05.2014 - 21:14 Uhr
Gabriel
Ich habe in meinem Kommentar mit Bedacht das Wort "vermeintlich" vor die von den Islamisten angestrebten Quellen der Erneuerung gesetzt. Wir beide sind uns ja einig, dass es sich dabei um eine idealisierte Konstruktion, um eine Utopie handelt. Diese Betrachtung führt dann eben mglw. in die Nähe zu Ernst Noltes Einordnung des Islamismus, die zumindest im Befund des Illiberalismus einen richtigen Weg einschlägt. Was ich nicht verstehe ist diese gequälte Zurücksetzung der westlichen Sicht und die andauernd wiederholten Entschuldigungen dafür. Wie differenziert und fasziniert das Islambild des Westens sein kann, sieht man doch schon bei Goethe. Es wäre doch großartig, wenn die Blütezeit des Islam die Vision von radikalen Muslimen wäre! Das ist kein Kulturchauvinismus - das ist Vernunft.
14.05.2014 - 15:02 Uhr
@ Gabriel
Eine gequälte Zurücksetzung der westlichen Sicht hatte ich nicht vor. Zumindest nicht bezüglich der normativen Ebene. Auch ich persönlich denke, dass eine stärkere muslimische Anknüpfung an die Blütezeiten des Islams höchst wünschenswert wäre -- und dem könnte dann von Seiten der westlichen Kulturen ein gewisser Strang des Orientalismus (wie bei Goethe und Lessing) entgegenkommen.

(Nebenbei finde ich, wir brauchen hier in Deutschland mehr kluge 'Kopftuchmädchen', die für Al Ma'ari, Zamachshari, Al Ghazali und Konsorten schwärmen. Also: Ausbau der islamischen Theologie an den Unis!)

Die für mich zentrale Frage ist, ob es neben dieser "heiligen Allianz" der Vernünftigen beider Seiten (Lessing!) auch eine "unheilige Allianz" von Islamisten und westlichen Chauvinisten gibt. Das meine ich schon (man sehe nur gewisse Dynamiken zwischen Salafisten und proNRW). Und diesen Feinden der Freiheit spielt alles in die Hände, was eine Art metaphysischen Kulturantagonismus von Okzident und Abendland konstruiert, wo für eine vermittelnde Vernunft ja kein Platz mehr bleibt.

Deshalb meine Skepsis vor zu "großen" Narrativen im Sinne einer historischen Kränkung "der" islamischen Welt, die in "dem" muslimischen Minderwertigkeitskomplex weiterwirkt oder so... ob du an so etwas gedacht hast, weiß ich nicht. Ich lese auch E. Said hauptsächlich als Warnung vor solchen essentialisierten und essentialisierenden, also festschreibenden Abstraktionen.

Den Islamismus (also nicht: den Islam) würde ich mittlerweile als politisierte Eschatologie charakterisieren und entsprechend einordnen. Dazu gehört, dass er einen starken Dualismus konstruiert (Verworfene vs. Erwählte) und sich weniger über die Geschichte, als über seine "Utopie" rechtfertigt. Da bietet sich (und hier greife ich ja doch zu westlichen Interpretamenten) für mich der Kommunismus als Vergleich an.

Auch der "Faschismus" meinetwegen, aber den Begriff halte ich in jeder vernünftigen Diskussion, die sich nicht um B. Mussolini dreht, schlicht für verbrannt. Wenn man die LINKE derzeit wieder hört, meint man, Faschist bezeichne alles rechts von Gregor Gysi. Ein Kampfbegriff ohne Erkenntniswert...

Der Westen ist toll, keine Frage. Ich lebe hier gerne :-)
17.05.2014 - 20:31 Uhr