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Gibt es eine gerechte Schule?

Gerechtigkeit im Klassenzimmer – Einheit und Vielfalt
von
Cornelia Treml
„Bildung muss immer beim einzelnen Kind ansetzen. Die strategische Formel unserer Bildungspolitik lautet: Individuelle Förderung statt Einheitsschule“. Mit diesem Zitat äußert sich Dr. Ludwig Spaenle auf der Internetseite des Kultusministeriums zur Schule.

Es soll in diesem Text nicht darum gehen zwischen dem dreigliedrigen Schulsystem und einer längeren gemeinsamen Schulzeit abzuwägen. Viel mehr stellt sich mir die Frage, ob die Schulen tatsächlich beim einzelnen Kind einsetzen. Haben wir vielleicht einfach nur vielfältige Kategorien gefunden, um die Kinder maximal differenziert einzuteilen?

Im Alltag finden sich Lehrkräfte als Einzelkämpfer in einer heterogenen Schulklasse. Gymnasien und Realschulen definieren ihr Anforderungsniveau für ihre Schülerinnen und Schüler und haben das Recht „auszusieben“, wenn Jugendliche die geforderten Leistungen nicht erbringen. An Mittelschulen sammelt sich der „Sockel“ (http://www.youtube.com/watch?v=lorxAghv2BY&list=TLzMZF3Ku_-L5CRJjsnPXo_ymxxDLrVhER). Dazu gehören sowohl durchschnittlich begabte als auch mäßig bis schwach begabte Schülerinnen und Schüler. Die Mittelschule besuchen Jugendliche aus allen Milieus, auch wenn das C-Milieu überwiegt. Wer sprachliche Probleme durch einen Migrationshintergrund hat, landet an der Mittelschule. Und seit der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 (vgl. Inklusion an Schulen in Bayern, S. 3) inkludieren Grund - und Mittelschulklassen auch Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

Auf den ersten Blick liest sich das wie ein großes Problem. Selbstverständlich werden Eltern versuchen ihre Kinder von der Mittelschule fernzuhalten – bei so vielen Baustellen. Aber es ist einfach nur eine Herausforderung, zunächst für alle Beteiligten im Lehr-Lernprozess. Das betrifft die Eltern, die Schülerinnen und Schüler und selbstverständlich die Lehrkräfte.

Was ist echte Inklusion?
Fiktives Beispiel: Lukas bekommt keine Noten in den Kernfächern

Schon in der Grundschule hatte Lukas große Probleme dem Unterricht zu folgen. Die Ursachen dafür lagen in seiner frühkindlichen Entwicklung und vermutlich auch in seinem familiären Umfeld. Tests in der dritten Jahrgangsstufe ergaben, dass er den Anforderungen einer Regelschule kaum gerecht werden kann. Es gab zwei Möglichkeiten, das Förderzentrum besuchen oder in der Grundschulklasse bleiben und individuelle Unterstützung zu bekommen. Beide Wege hätten ihm geholfen. Lukas wollte sich nicht von seinen Mitschülern trennen und entschied sich gemeinsam mit seinen Eltern in der Grundschule zu bleiben. Seitdem wird er in den Kernfächern nach einem individuellen Förderplan unterrichtet, den die Klassenlehrkraft zusammen mit einem Sonderpädagogen entwickelt. Lukas bekommt keine Noten mehr, sondern einen Bericht über seine indivduellen Lernfortschritte und seinen Leistungsstand.

So oder so ähnlich führen Volksschulen zurzeit die Inklusion durch. Grund- und Mittelschulen arbeiten z.B. mit Hilfe der „Koop.-Klassen“ eng mit dem Förderzentrum zusammen. Die Vielfalt wird in diesen Klassen zur Regel. Differenzierte Arbeitsaufträge gehören zum täglichen Unterricht, die berühmte „Extrawurst“ ist an der Tagesordnung. Wenn ein Kind durch eine Teilleistungsstörung große Schwierigkeiten beim Schreiben hat, wird das Schreibpensum verringert und vermehrt Wert auf mündliche Aufgaben gelegt. Wenn ein Schüler oder eine Schülerin durch sonderpädagogischen Förderbedarf nicht in der Lage ist, z.B. eine Fremdsprache problemlos zu erlernen, wird im Stoff zurückgerudert und er oder sie bearbeitet den Stoff, der bereits weiter zurückliegt. Individuelle Hilfen werden großzügig verteilt, damit sich jedes Kind vom eigenen Standpunkt aus weiterentwickeln kann.


Die Norm für die Leistungen der Jugendlichen ist und bleibt der Lehrplan an Mittelschulen. Das ist der Beigeschmack der Inklusion. Wir sprechen nicht von echter Vielfalt und der Individualität jedes und jeder einzelnen. Es geht nach wie vor um eine Vielzahl an jungen Menschen, die das Anforderungsniveau und die Lernziele einer Jahrgangsstufe erreichen, und von den Abweichlern, denen, die zu schwach sind und nur mit Hilfe den Einstieg ins Berufsleben schaffen. Das sind die Defizitären, die eigentlich nicht in die Mittelschule gehören.


Also sind wir doch noch weit entfernt von echter Inklusion. Unterschiedlichkeit muss normal werden. Die einzigen, die diese Forderung bereits umsetzen, sind die Schülerinnen und Schüler, die nie etwas anderes gewohnt waren. In vielen Koop.-Klassen (Klassen an Mittelschulen, in denen Kinder mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf gemeinsam unterrichtet werden) ist es vollkommen normal, dass sich die Klasse hin und wieder in Niveaugruppen aufteilt. Keiner fragt nach, wenn ein Kind bei einer Probe nicht alle Aufgaben bearbeitet oder eine komplett andere Aufgabe erledigt. Einander zu helfen, wird zur Selbstverständlichkeit.

Ist das gut für mein Kind?

Performereltern und neoliberale Wirtschaftsexperten haben davor natürlich eine große Angst. Das könnte die guten Schülerinnen und Schüler doch ausbremsen! Unter Umständen kommt man im Stoff zu langsam voran. Man muss ja an seine eigenen Kinder denken.


Es mag verträumt und realitätsfern klingen, aber ich glaube, die oben beschriebene, die andere Schule ist möglich. Was ist die wahre Aufgabe, wenn wir mit Kindern und Jugendlichen arbeiten? Sie zu vernünftig denkenden Mitgliedern einer inklusiven Gesellschaft zu erziehen. Lernen und ein Miteinander in heterogenen Gruppen schließen einander keinesfalls aus.

Gerecht handeln heißt liebevoll führen

Eine Lehrkraft muss nicht eiskalt und knallhart sein. Wenn wir uns Wünschen, dass Schülerinnen und Schüler Besonderheiten aneinander akzeptieren, müssen das die Lehrkräfte vorleben. Das kann bedeuten, dass wir auf einen Vorfall zugewandt, empathisch und gnädig reagieren. Mehr als wir glauben, brauchen Jugendliche einen fairen, vertrauensvollen Umgang. Es ist wichtig, den „Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen, sich okay zu fühlen, wenn sie Fehler machen und etwas nicht wissen […] ohne dafür abwertende Kommentare, Blicke und abfällige Bemerkungen von Peers zu ernten“ (Hattie, S. 189).

Es geht nicht darum, dass man als Lehrkraft von seinen Schülerinnen und Schülern gemocht wird, sondern darum dafür zu sorgen, dass sich alle in der Klasse wohl und aufgehoben fühlen können. Es geht darum alle im Blick zu behalten und „fehlerhafte Vorstellungen, Missverständnisse und Wissensmängel“ (Hattie, S. 189) zu erkennen.

Wenn die Lehrkräfte akzeptieren können, dass jedes Kind seinen eigenen Lernweg hat und dass es nicht immer gleich schnell vorwärts gehen kann, wären alle am Bildungsprozess beteiligten sicher gelassener. Druck und Angst, den Ansprüchen nicht zu genügen, helfen jungen Menschen nicht weiter. Sie brauchen Unterstützung um machbare Schritte zu tun und niemanden, der ihnen immer wieder aufzeigt, was sie alles nicht können.


Werden die Schülerinnen und Schüler gerecht behandelt? - Fragen und Denkanstöße

Selbstverständlich braucht es für alle Verbesserungen am System Schule die Ausstattung mit Personal und finanziellen Mitteln und man darf nicht müde werden dies zu fordern. Schülerinnen und Schüler brauchen eine starke Lobby, Lehrerverbände treten eher als Gewerkschaften auf und können somit gar nicht immer für die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen eintreten.


Bei aller Weiterentwicklung unseres Schulsystems bleibt eine Frage offen. Echte Inklusion kann man nämlich gar nicht im dreigliedrigen Schulsystem durchführen. Bisher bleibt die Inklusion und die wahre Vielfalt Aufgabe der Grund- und Mittelschulen, Realschulen und Gymnasien sind letztendlich fast komplett von diesem gesellschaftlichen Umdenken ausgenommen. Sollte man also nicht doch über eine längere gemeinsame Schulzeit nachdenken?


„Die Qualität einer Gesellschaft erkennt man daran, wie sie mit den schwächsten ihrer Mitglieder umgeht.“ (Vortrag Prof. Franz Segbers, Landesjugendkammer, Dezember 2011) Ich frage mich: Ist es wirklich gerecht, dass ausgerechnet die schwächsten Schülerinnen und Schüler nach nur neun Jahren auf das Berufsleben „losgelassen“ werden? Ist es gerecht, dass sie, die sowieso schon oft wenig Unterstützung durch ihr Elternhaus erhalten, mit gerade 15 Jahren stapelweise Bewerbungen schreiben und mit Absagen umgehen lernen müssen? Wäre es nicht besser, allen jungen Menschen alle Zeit zu geben, die es eben braucht, um erwachsen zu werden? Sollten wir ihre Übergänge nicht wesentlich länger und besser begleiten und noch mehr für sie da sein?




Quellen

John Hattie: Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen – Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von „Visible Learning for Teachers“ besorgt von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer; Schneider Verlag Hohengehren GmbH; Baltmannsweiher 2014


Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst: Inklusion an Schulen in Bayern, Informationen für Beratungslehrkräfte und Schulpsychologen; Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, Grundsatzabteilung; München 2013

www.km.bayern.de


Cornelia Treml studierte Hauptschullehramt an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Mathematik, Fachdidaktiken evang. Religion, Deutsch und Musik) und arbeitet seit drei Jahren als Hauptschullehrerin im Landkreis Erding vor allem in Ganztages- und Koop-Klassen.  


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