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Familie. Überlebenstrategie oder individuell erfahrbares Gefühlsgut. - Das Familienbild in der Bibel, dem Recht, dem EKD-Familienpapier

1. Einleitung

Seit der Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“ des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland im Juni 2013, ist eine Diskussion über Werte, Zweck und Erscheinungsformen von Familie entflammt.

Doch zunächst stellt sich bei der Diskussion die Frage, was überhaupt Familie ist. Die Grundmeinungen gehen hierbei sehr weit auseinander. In dieser Arbeit soll ein Überblick über die verschiedenen Familienbilder in der Bibel, dem deutschen Gesetz, der Orientierungshilfe gegeben und schließlich der Versuch einer eigenen Definition gemacht werden, um eine Diskussionsgrundlage für dieses wichtige Thema zu schaffen.

2.1 Biblisches Familienbild

2.1.1 Die Familie im Alten Testament

Im Alten Testament ist der Familienbegriff sehr vielfältig. Für Halbnomaden hatte Familie einen anderen Zweck als z.B. für Städter. Des Weiteren ist die Familie stark hierarchisch-patriarchal strukturiert1. Kinder und Sklaven, die auch zur Familie gerechnet wurden, hatten keinerlei Rechte, konnten verkauft oder sogar geopfert werden2.

Den Familienbegriff kann man im Alten Testament kaum vom Begriff der Sippe abgrenzen. Zur Familie gehörten, nicht nur biologisch Verwandte, sondern auch Sklave*innen, aber auch ledige Verwandte. So variiert die Familienstärke zwischen fünf bis 30 Personen.

Alles im Allem garantierte Familie im AT v.a. das Überleben und die Weiterführung des Stammes.

2.1.2 Die Familie im Neuen Testament

Die Grundzüge des Familienbildes im Neuen Testament ähneln sehr denen des Alten Testament. Das Verhältnis zwischen Jesus und seiner Familie3 und die jesuanische Definition von den Jünger als Familie4, könnte man als Neudeutung des Familienbegriffs durch Jesus sehen. Des Weiteren fordert Jesus die Menschen auf, ihre Familie zu verlassen, um sich ihm anzuschließen5. So setzt er ein Gegenmodell zum starken Familienbewusstsein und -zusammenhalt der damaligen Zeit. Aber es wird weiterhin diese patriarchale Struktur - gerade bei Paulus- und Petrusbriefen - befürwortet6.

Somit ist der Familienbegriff des Neuen Testamentes sehr ambivalent. Dennoch ist zu sagen, dass Familie sowohl im Alten, als auch im Neuen Testament weitestgehend Überleben sichernde Funktion hatte und wenig gefühlsbasiert war.

2.2 Rechtliches Familienbild auf Grundlage von Artikel 6, Grundgesetzes und dem Buch 4, bürgerlichen Gesetzbuchs

Im Artikel 6 des Grundgesetzes werden Familien- und Eheangelegenheiten geregelt. Im Vordergrund steht hierbei der „besondere[ ] Schutz[ ]“7, welcher durch den Staat sichergestellt werden soll. Die Familie wird im deutschen Recht nicht nur als kleinste mögliche gesellschaftliche/soziologische (soziale) Einheit und daher von wirtschaftlicher Relevanz8 betrachtet (wirtschaftlich relevant), sondern explizit und exklusiv als Gemeinschaft von Eltern(teil) mit Kind oder Kindern definiert. Die Familie übernimmt somit die gesellschaftliche Aufgabe der Reproduktion und den damit verbundenen Aufgaben von Pflege und Erziehung9. Bei diesem Familienbild steht gesellschaftliches Nutzsystem im Vordergrund, das Sorgeverhältnis10 auf Grund von Gefühlen (Liebe, Vertrauen, Trauer) wird kaum bis gar nicht tangiert.

3 Neudefinition von Familie in der Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“

In der neusten Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ (erschienen 2013 im Gütersloher Verlag) wird versucht vom Ideal der „bürgerlichen Familie“11 Abstand zu nehmen. Es werden geschichtliche Zusammenhänge, wie zum Beispiel flächendeckende Kinderbetreuung und Familienbild in der DDR, aufgezeigt und in die Analyse der jetzigen Situation miteingebunden. Die Orientierungshilfe setzt den Zweck von Familie in den Bereich des Zwischenmenschlichen und Sozialen (Fürsorge, Verantwortung, Bildung etc.) und schafft es dadurch, über den traditionellen Familienbegriff (Mutter, Vater und Kinder) hinauszudenken und somit alternative Lebensformen miteinzubeziehen.

Dennoch zeigen Formulierungen wie „[…]für eine bessere Verwendbarkeit auf dem Arbeitsmarkt („employability“) zu sorgen.“12 oder „[…] bislang nicht ausreichenden berücksichtigten Beitrag zum Bruttosozialprodukt leistet“13, dass hier nicht nur vom Menschen und seinen Gefühlen und Bedürfnissen aus gedacht wird, sondern auch von einem dem Individuum übergeordneten System.

4 Definitionsvorschlag von Familie

Die Definitionen von Familie, die bis jetzt aufgezeigt wurden, gingen alle vollständig bzw. zum Teil von einem dem Individuum übergeordneten, gesamtgesellschaftlichen Zweck von Familie aus. Dies ist zu kritisieren, da dadurch eine Wertung von Familie erfolgt. Eine „gute“ Familie ist „gut“ für die Gesellschaft, weil sie für das Fortbestehen dieser Gesellschaft sorgt, bzw. (weil) die „gute“ Familie als ein elementarer Teil der Volkswirtschaft konsumiert oder verwendbare Arbeiter*innen für das Wirtschaftssystem produziert.

Im Bewusstsein, dass jegliche Definition ausschließend ist und daher nie ganz die Wirklichkeit umfassen kann, kann man doch als Arbeitshypothese Familie als ein Verhältnis von zwei oder mehreren Individuen, bei dem diese bewusst Sorge für einander in einem nicht punktuellen Zeitraum übernehmen, definieren. Bei diesem Definitionsvorschlag von Familie ist die sexuelle/biologische Reproduktion und die Erziehung eines in die Gesellschaft Hineinwachsenden möglich, aber kein Ausschlusskriterium. Die sexuelle Reproduktion ist also kein Zweck, sondern ein möglicher Aspekt, der sich aus Familie entwickeln kann.

Letztendlich ist auch dieser Definitionsversuch unzureichend, da Familie immer nur individuell zu erfassen ist. Wie Jesus in Matthäus 12,48-49, kann und muss jede*r selbst seine/ihre Familienmitglieder definieren. Keine außenperspektivische Definition entscheidet darüber wer/was zur der eigene Familie gehört, sondern nur das Verständnis von Familie der beteiligten Individuen.

Daher können weder Staat noch Kirche darüber entscheiden, was und wie Familie ist, bzw. was Familie für den/die Einzelne*n bedeutet. Dies sollte jeder/jedem bewusst sein, wenn sie/er über Familie sprechen oder diskutieren möchte.

Die Autorin heißt Maira Rehr und ist 20 Jahre alt. Seit einem Semester studiert sie nun Theologie an der Augustana Hochschule in Neuendettelsau. Vorher arbeitete sie in einem Altersheim in Tel Aviv im Rahmen des Internationalen Freiwilligen Dienstes, bei dem sie auch ihren Lieblingsbeschäftigungen nachgehen konnte: sich mit Menschen unterhalten, Gesellschaftsspiele spielen und Filme gucken.

Literaturverzeichnis

Camus, Albert; Wroblewsky, Vincent von: Der Mythos des Sisyphos, Reinbek bei Hamburg32001 Evangelische Kirche in Deutschland (Hg.): Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Die Orientierungshilfe der EKD in der Kontroverse, Frankfurt1, 2013

Evangelische Kirche in Deutschland (Hg.): Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken. Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Gütersloh2 2013

Gerstenberger, Erhard S.: Familie. II. Altes Testament, in RGG4 Bd. 3 (2000), 16f.

Heun, Werner: Familie. V. Juristisch, in RGG4 Bd. 3 (2000), 18f.

Keil, Siegfried: Familie, in TRE1 Bd. 11 (1983), 1-23

Lampert, Heinz: Die Bedeutung der Familien und der Familienpolitik für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft, Augsburg/Göttingen12002

Osiek, Carolyn: Familie. III. Neues Testament, in RGG4 Bd. 3 (2000), 17



1 Vgl. Spr 1,8;19,18

2 Vgl. Ex 21,7;22,28; Ri 11,30f.

3 zB. Joh 2,4

4 Vgl. Mt 12,48f.

5 Vgl. Lk 14,33

6 Vgl. 1 Kor 11,7-12; 14,33ff; Eph 5,24; 1 Petr 3,1-7 7 Art 6 (1) GG

8 Diese Relevanz wird vor allem in der Humanvermögensbildung, Konsumerhöhung durch Aufwendung der Familien für die Kinder und im Ziel des wirtschaftlichen Wachstums vor dem Hintergrund des demographischen Wandels sichtbar (vgl. Lampert: Die Bedeutung der Familien und der Familienpolitik für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft)

9 §1626, Buch 4, Abs. 2, Satz 1f. BGB

10 Den Begriff der Sorge wird übernommen hierbei von Albert Camus, der Sorge als eine Art Solidarität sieht, also eine Verbundenheit im Geiste, Entwicklung gemeinsame Ideen/ Lebensentwürfe und Unterstützung bei den Tätigkeiten des anderen Individuum (vgl. Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos, S. 23

11 „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ S.11

12 „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ S.15

13 „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ S. 19

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Kommentare

Harry
Liebe Maira,

erstma congratz ein echt guter Artikel und auch dein Punkt der sich durch den ganzen Text zieht, dass sich Familie von einer Zweckgebundenheit lösen sollte gefällt mir echt gut. Und ganz genau Familie ist dass was du draus machst bzw. wie du es erlebst. Ich hätte ich mich etwas mehr über eine genauere Beschreibung des Familienbildes im At gefreut. Klar in der Nomadenzeit ist die Sippe einfach ein Schutz und Nutzgemeinschaft aber man findet durchaus einiges an Emotionen die darüber hinaus gehen. Ich denke da besonders an die Josephs Novelle. Neid, Reue Vergebung Rückkehr Versöhnung, dass geht doch über reine Zweckgemeinschaften hinaus oder ? Naja aber ansonten wie gesagt geb ich dir Recht und ich muss sagen mir war der Grundgesetztext wirklich nicht geläufig von daher ein neues Eindruck. Danke :)
03.04.2014 - 11:07 Uhr