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Der Zusammenhang von Geschlechtermetaphorik und Missionierung in den Kolonien

von Viola Rüdele

Dieser Artikel wirft einen Blick auf die Zeit, in der europäische Staaten große Teile der Erde in einem stetigen Prozess unter ihre Gewalt brachten. Angefangen mit der Entdeckung fremder Erdteile zu Beginn des 16. Jahrhunderts folgte besonders im 18. und 19. Jahrhunderts eine Phase der Expansion mit dem Ziel der Unterwerfung der eroberten Gebiete.1

[Der Artikel bezieht sich auf folgendes Bild: Vespucci und Amerika, Kolorierter Kupferstich von Jan van der Straet und Theodore Galle, 1589.]

Ein Mann, prächtig gekleidet und mit diversen Machtinsignien samt Kreuzbanner ausgestattet, kommt, um eine Frau, wohl eine Jungfrau, nackt und bloß, zu erobern. Diese Situation stellt ein kolorierter Kupferstich aus dem Jahre 1589 von Jan von der Staet und Theodore Galle dar. Wie die Bildunterschrift („Americen Americus retexit, & Semel vocavit inde semper excitam“) aussagt, handelt es sich hierbei um eine bildliche Darstellung der Eroberung Amerikas durch die Europäer, hier stellvertretend durch die Person des Vespucci abgebildet.

Zur Beschreibung der neuen Situation, dass neue Länder und neue Personengruppen mit eigenen, „anderen“ Kulturen entdeckt wurden, bediente man sich alt bekannter und bewährter Sprachmechanismen, um den Herrschaftsanspruch über die jeweiligen Gebiete zu legitimieren. Gleichzeitig diente dieses Gefühl der Überlegenheit als Rechtfertigung, die Einheimischen nach westlichen Vorstellungen zu erziehen und zu missionieren. Das bereits bestehende Machtgefälle zwischen Mann und Frau, welches sich in diversen kontrastierenden Zuschreibungen manifestiert hatte, schien auch auf diese Situation, die eine Unterdrückung der eroberten Völker anstrebte, anwendbar zu sein.

Zunächst wurde die bestehende Zweiteilung der Menschen in Mann und Frau auf die Unterscheidung zwischen europäischen Kolonisatoren und andererseits den in den Kolonien wohnenden Menschen übertragen. Otto Jespersen beispielsweise bezeichnet (1905 und 1956) das Hawaiische als „feminin“, während er gleichzeitig vom „maskulinen“ Englisch spricht.3 Ebenso ist diese Parallel-Setzung im oben beschriebenen Kupferstich sichtbar. Auch hier werden die Kolonisatoren als Mann (hier Vespucci) und die eroberte Kolonie als Frau (hier Amerika) dargestellt. Der nächste Schritt ist die scharfe Abgrenzung der beiden Gruppen, also eine Abweisung der anderen Gruppe als ‚die Fremden‘. Fremdheit und Anders-Sein werden betont, wenn Frauen als ‚das andere Geschlecht‘ bezeichnet werden und die Frau als etwas „Unbekanntes, Dunkles, Rätselhaftes“4 dargestellt wird. Die Fremdheit des anderen wird hervorgehoben und so die Differenz verstärkt. In ähnlicher Weise und Absicht wird dies in folgendem Zitat eines Kolonisators deutlich. „Es muß aber ein gewisser Zwang zur Erlernung dieser [einheimischen] Sprachen vorliegen, und der muß darin bestehen, daß wir gerade durch das Fernhalten des Eingeborenen von unserer Sprachgemeinschaft die Grenze zwischen ihm und uns ziehen“5 [Hervorhebung durch Verf.]

Schließlich werden im dritten Schritt die beiden Gruppen mit gegenteiligen Eigenschaften ausgestattet, sodass die eine Seite positiv und die andere als Kontrast dazu negativ erscheint. Dieser Aufbau eines hierarchischen Zweiklassensystems wird von Sandy C. Kutzner treffenderweise die „binäre Logik des Imperialismus“6 genannt.

Denn diese binäre Logik wurde auf das Verhältnis der Eroberten im Gegensatz zu den Eroberern angewendet. Wurde die vorgefundene Sprache der Kolonien als ‚primitiv, einfach und ausdrucksarme Natursprache‘ bezeichnet, glänzte die eigene im Lichte einer ‚entwickelten, komplexen, ausdrucksreichen Kultursprache‘. Damit einhergehend beschrieb man die Sprecher*innengemeinschaft als ‚primitiv, unzivilisiert und ungebildet‘, ganz im Kontrast zu den ‚entwickelten, zivilisierten und gebildeten‘ Europäern. Dahinter steckt die Überlegung, dass zwischen der Sprache eines Volkes und dessen Charakter eine enge Verbindung besteht.

Zur Festigung der Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau wurden ebenfalls binäre Sprachsysteme aufgebaut. Die Frau galt als emotional, der Mann als rational. Oppositionspaare wie Körper vs. Geist, Passivität vs. Aktivität, Schwäche vs. Stärke, Natur vs. Kultur7 wurden proklamiert. Dazu leitete man aus den körperlichen Gegebenheiten die oben genannten, vom Mann differenten Eigenschaften der Frau ab. Hier diente allerdings nicht die Sprache als vorrangiger Beweis für die Unterschiedlichkeit (und Unterlegenheit), sondern die Physis.8

Die Verbindung dieser beiden binären Systeme ist in dem Kupferstich dargestellt. Die schon durch die Wahl von einer männlichen und einer weiblichen Person vorgenommene Differenz wird verstärkt durch deren äußerliche Darstellung. Amerika sitzt, während Vespucci steht. Hier ist schon anhand der im Bild dargestellten Positionen eine klare Hierarchie erkennbar.

Die Frau ist nackt und schutzlos im Gegensatz zum pompös gekleideten und bewaffneten Vespucci. Mit der Nacktheit ist auch die der Frau und der indigenen Bevölkerung der Kolonien zugeschriebene Naturverbundenheit und Projektion des Urzustandes angedeutet. Die Natur ist das noch nicht Gemachte, das Unberührte, das leere Blatt Papier, auf das man nun seine eigene Geschichte schreiben kann. Demgegenüber ist das bereits Gemachte die Kultur, die dann dem Western und gleichermaßen dem Mann sowie dem Christentum zugeordnet wird.

Dieser Logik folgend bezeichnete nun Otto Jespersen – wie bereits oben aufgezeigt - das Hawaiische als „feminin“ in Abgrenzung zum „maskulinen“ Englisch. Wenn das Hawaiische gleichermaßen von Adelbert von Chamisso als „kindlich“9 bezeichnet wird, so spricht aus diesen beiden Zuschreibungen ein Interesse an der Hochbewertung der eigenen Sprache (und der damit verbundenen Kultur) auf Kosten der anderen. Kinder stellen - analog zu Frauen – eine weniger entwickelte Gruppe Menschen dar. Ziel all dieser Beschreibungen war die Legitimation des eigenen Herrschaftsanspruches. Denn geringer entwickelte Menschen können von höher entwickelten noch etwas lernen, genauso wie Kinder von Eltern erzogen werden müssen. Man gab sich dementsprechend das hehre Ziel, „den Neger zu heben“10 und somit eine der Menschheit dienliche Aufgabe zu erfüllen.

Diese Aufgabe bestand aus christlicher Perspektive in der Bekehrung der indigenen Bevölkerung zum Christentum. Das Christentum als der Weg zum Heil statte die Missionar*innen mit dem Sendungsauftrag aus. In gleicher Absicht hisst Vespucci die Flagge mit dem Kreuz als Zeichen der moralischen Überlegenheit gegenüber Völkern, die – wie im Hintergrund des Bildes zu sehen – sich kannibalisch verhalten. Sie fügte dazu einen weiteren Dualismus neben Mann-Frau, Westen-Kolonie ein, und zwar den Gegensatz zwischen Christentum und Paganismus.11 Mit dieser Differenzierung wurde ihr Erziehungs- und Missionierungsanspruch gerechtfertigt. Mit dem Selbstverständnis, die Einwohnenden der Kolonien zu deren Seelenheil zu führen heraus aus heilloser Gottlosigkeit, wurde dieser Auftrag rückgebunden an Gott. Ein Missionar berichtet: „Wie du siehst, sind auch diese braunen Naturkinder Menschen wie wir alle und haben ihre Licht- und Schattenseiten. Gar zu schlimm sind sie nicht, und mit der Zeit und mit vieler Geduld lassen sie sich gewiß zu ordentlichen, braven Menschen heranbilden. Der liebe Gott hat sie ja auch erschaffen und mit einer unsterblichen Seele ausgestattet und will, daß sie mit ihren weißen Brüdern einst oben im Himmel ihn ewig loben und preisen.“12

Der Mangel an rechtem, höher-entwickeltem Glauben war für die Missionar*innen am nur wenig abstrakten Wortschatz erkennbar, der aber nötig für die Einführung in die christliche Religion ist.13 Denn christliche Glaubenssätze sind zumeist abstrakt und symbolisch formuliert. Geklagt wurde über den „große[n] Schmerz der Missionare, die in einem und demselben Dialekt vielleicht ein halbes Hundert Worte für verschiedene Arten von Bananen, aber nicht die leiseste Spur eines Wortes für "Gott", "Ewigkeit" oder dergleichen zu entdecken vermögen.“14
Dem wurde Abhilfe geschaffen beispielsweise durch die Übernahme von Begriffen aus der Sprache der eroberten Kolonien, welche durch wiederholten Gebrauch im neuen christlichen Kontext eine Bedeutungsänderung mit sich brachten.

Die Illustration dieser Situation als Analogie zum Geschlechterverhältnis ist machtpolitisch gesehen sehr treffend gewählt. Aufgrund äußerer Merkmale wie Körper oder Sprache werden Personengruppen diskreditiert und somit der Herrschafts-, Bildungs- und Missionierungsanspruch legitimiert. Die Kirche, die mit der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies die unterdrückte Stellung der Frau über Jahrhunderte hinweg begründet(e), konnte hier dankend auf dieses bewährte binäre Verhältnis zurückgreifen und auf die neue Situation übertragen.



1 Vgl. Osterhammel, Jürgen (2009): Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen. 6., durchgesehene Auflage. München: Verlag C. H. Beck, 29-46.

3 Vgl. Jespersen, Otto (1905): Growth and structure of the English language. Leipzig: B. G. Teubner.

4 Mayreder, Rosa (2008): Zur Kritik der Weiblichkeit. In: Ute Gerhard (Hg.): Klassikerinnen feministischer Theorie. Königstein/Taunus: Helmer (Frankfurter feministische Texte : […], Sozialwissenschaften, Bd. 10), S. 311–317. 5 Kindt, Ludwig (1906): „Sollen die Eingeborenen und die fremden Arbeiter in unseren Kolonien die deutsche Sprache erlernen?“. In: Zeitschrift für Kolonialpolitik, Kolonialrecht und Kolonialwirtschaft (6), S. 281–284.

6 Kutzner, Sandy C. (2012): "Zivilisierte" und "unzivilisierte" Sprachen. Historische Sprachbewertung und das wirklich Fremde in Sprachen. In: Stefan Engelberg und Doris Stolberg (Hg.): Sprachwissenschaft und kolonialzeitlicher Sprachkontakt. Sprachliche Begegnungen und Auseinandersetzungen. Berlin: De Gruyter (Koloniale und Postkoloniale Linguistik / ColonialandPostcolonialLinguistics (KPL/CPL)).

7 Vgl. Klein, Viola (2010): The Feminine Character. In: Ulla Wischermann (Hg.): Klassikerinnen feministischer Theorie. Grundlagentexte. Königstein/Taunus: Helmer (Frankfurter feministische Texte Sozialwissenschaften, 13), S. 49–61.

8 Vgl. Mayreder, Rosa (2008): Zur Kritik der Weiblichkeit. In: Ute Gerhard (Hg.): Klassikerinnen feministischer Theorie. Königstein/Taunus: Helmer (Frankfurter feministische Texte : […], Sozialwissenschaften, Bd. 10), S. 311–317.

9 Chamisso, Adelbert von: Ueber die hawaiische Sprache. Denkschrift, vorgelegt der K. Akademie der Wissenschaften zu Berlin am 12. Januar 1837. In: Adelbert von Chamisso: Chamissos gesammelte Werke. In vier Bänden ; mit biographischer Einleitung. Neu durchges. und verm. Ausg., [Ausg. in 2 Doppelbänden]. Hg. v. Max Koch. Stuttgart u.a.: Cotta (Cotta'sche Bibliothek der Weltliteratur), S. 272–275.

10 Schreiber (1904): Die Sprachenfrage in den deutschen Kolonien. In: Zeitschrift für Kolonialpolitik, Kolonialrecht und Kolonialwirtschaft (2), S. 112–121.

11 Vgl. Witvliet, Theo (1992): Europa und die Anderen. - Kirchliche Zeitgeschichte 5, 2 [Themenschwerpunkt Mission und Kolonialismus]: 187-203.

12 Salvator, [P.] (1910): Etwas über das Tun und Treiben unserer braunen Landsleute auf den Palauinseln. - Müller, [P.] Kilian (Hg.): Aus den Missionen der rhein.-westf. Kapuziner-Ordensprovinz auf den Karolinen, Marianen und Palau-Inseln in der deutschen Südsee. Jahresbericht 1910, 39.

13 Vgl. Thauren, [P.] Johannes (1931): Die Missionen in Neu-Guinea (Apost. Vikariat Ost-Neu-Guinea und Apost. Präfektur Mittel-Neu-Guinea). - Kaldenkirchen: Missionsdruckerei Steyl, 22.

14 Zöller, Hugo (1891): Deutsch-Neuguinea und meine Ersteigung des Finisterre-Gebirges. - Stuttgart, Berlin, Leipzig: Union Deutsche Verlagsgesellschaft, 357.

Viola Rüdele studierte Evangelische Theologie zuerst an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau und aktuell an der Eberhard-Karls-Universtität in Tübingen.

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Kommentare

Tobias Jammerthal
Faszinierender Artikel. Aber liegt nicht der Schluss nahe, dass die Künstler - wie für die Renaissance charakteristisch - sich aus ästhetischen Gründen an das antike Vorbild angeschlossen haben, wonach geographische Gebilde (wie auch so gut wie alle abstrakten Eigenschaften, etwa die Gerechtigkeit) immer durch weibliche Figuren personifiziert werden? Das ist zugegebenermaßen viel weniger aufregend, läge aber vom historischen Standpunkt betrachtet nahe...
04.06.2015 - 10:57 Uhr
Tobias Graßmann
@Tobias Jammerthal: Ich weiß nicht, ob das wirklich gegenläufige Alternativen sind. Denn ich meine, dass gerade diese allegorische Personifikation, die sicher vom grammatischen Geschlecht ausgeht, schon in der Antike eine Metaphorik freisetzt, in der das Mann/Frau-Verhältnis auf Eroberungen und die Deutung imperialer Machtpolitik übertragen werden kann.

Bei solchen Metaphern ist dann ja immer ein wechselseitiger Erhellungszusammenhang gesetzt: Wenn neu eroberte und zu kultivierende Gebiete "irgendwie" wie Frauen sind, sind auch Frauen "irgendwie" wie zu erobernde Gebiete. (Wie das mit den Allegorien für Abstrakta aussieht ist noch einmal eine andere Frage. Aber auch da wird wohl zu konstatieren sein, dass das nicht ohne Auswirkung auf die Konstruktion von Geschlechterverhältnissen bleibt.)

Freilich stellt sich hier dann die Frage, inwiefern die verbreitete und auch im Artikel latente Subjektfiktion überzeugt, die zumindest sprachlich nahe legt, dass "das Christentum" im Namen der Machtpolitik irgendwann einmal beschließt, gewisse patriarchale Ikonografie zu entwickeln und instrumentell einzusetzen.

Ich würde den Einwand deshalb so formulieren: Sind hier nicht uralte, von Sprachstrukturen unterbaute Deutungsmuster im Spiel, die weniger bewusst gehandhabt werden, als dass sie sich eben unbewusst fortschreiben? Sind somit patriarchale (und imperiale) Machtstrukturen nicht eher eine Art Erbsünde unserer hellenistisch-christlichen Mischkultur als das Produkt einer (bewussten oder sogar datierbaren) Verschwörung von Machteliten?
06.06.2015 - 10:05 Uhr