Blog

Bildung und Emanzipation

 

Ein Eröffnungsartikel von Sophia Weidemann


Der Mensch hat die Tendenz seine Umwelt und sich zu kategorisieren und später diese wieder aufzubrechen. Anhand dessen soll hier der Versuch getätigt werden, die beiden Begriffe „Bildung“ und „Emanzipation“ zu erfassen sowie der gleichnamigen Rubrik eine erste Richtung zu geben.


Bildung

Wörter auf „-ung“ bezeichen im Deutschen sowohl einen bestimmten Inhalt, als auch einen Vorgang. Zum Beispiel Verkündigung bezeichnet einerseits den Vorgang des Verkündigens und anderseits das inhaltlich Verkündigte. Auch das Wort Bildung fällt in diese Ambivalenz und bezeichnet einmal den Vorgang des Bildens und einmal das inhaltliche Wissen. Dass das Wort Bildung nicht nur auf Kunst oder Bau angewendet, im Sinne von etwas Neues Schaffen oder Umformung von vorhandenem Material, sondern auch auf den Menschen übertragen wird, zeigt ein bestimmtes Verständnis über den Menschen auf. Der Mensch wird nicht als fixes, starres Wesen gesehen, welches von Geburt an auf bestimmte Eigenschaften festgelegt ist, sondern als formbares, bildbares Wesen, in welches auch Neues gepflanzt werden kann (vgl. progressive Bedeutung von Bildung). Die Bildung kann von der Umwelt an den Menschen herangetragen werden oder der Mensch bildet sich im Lauf seines Lebens selbst. Auch das Bild als möglicher Ursprung des Wortes Bildung soll nicht außer Acht gelassen werden. Dieses Verständnis des Wortes zeigt auf, dass immer wieder auf Urbilder zurückgegriffen wird. Entweder bilden wir uns nach diesen vorhandenen Bildern oder wir bilden die Bilder neu.

Der Mensch bildet sich und seine Umwelt und kategorisiert sie. Allein die Abgrenzung des Menschen von der Umwelt ist dafür schon ein Beispiel. Innerhalb der Jahrtausende haben sich in sämtlichen Kulturkreisen, manchmal auch widersprüchliche, Kategorien gebildet, die als natürlich hingenommen werden, wie z.B. Trennung von Kulturen wie Orient und Okzident. Auch die Menschen wurden in Kategorien eingeordnet. Das Verhältnis Mann und Frau wurde bestimmt und in Rollen eingewiesen so wie Nationen, Hautfarben, Religionen und sexuelle Ausrichtungen auf einmal natürliche Ordnungen waren, in die sich die Menschen einfügen mussten. Dies geschah teils mithilfe von Kausalzusammenhängen oder Analogieschlüssen, z.B. wurden Bereiche aus den Naturwissenschaften wie Darwins Evolutionstheorie verdreht und als Argumentationsbasis für Genozide missbraucht. Durch diese Kategorisierungen kommt es jedoch auch immer zum Ausschluss von Gegenständen, die sich so einfach nicht einordnen ließen. Dieses wird meist als das Andere/das Fremde bezeichnet. Dieses Andere wird mit perspektivischen Inhalten gefüllt und versucht sich zu eigen zu machen, auch wenn kein Wissen darüber vorhanden ist.


Emanzipation

Emanzipation versteht man die Selbstbefreiung von einzelnen Menschen oder ganzen Gruppen aus teils unterdrückenden Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Konventionen oder auch nur die Loslösung eines Kindes von seinen Eltern. Scheinbar festgeschriebene Rollenmuster werden durchbrochen und Kategorien neu definiert.

So wurde gerade genügend dargestellt, wie Bildung Kategorien schafft. Bildung stellt jedoch nicht nur Kategorien her, sondern ist ein Triebmotor um diese zu durchbrechen. Menschen, die sich emanzipieren, erkennen (meist aufgrund der eigenen Not) die Probleme der Kategorisierung und versuchen sie zu durchbrechen. Anhand der Wellen der Frauenbewegungen kann gut nachvollzogen werden, wie solche Emanzipationsversuche aussehen. Die erste Bewegung speiste sich noch daraus, die den Männern zugesprochene Kategorie anzustreben und die gleichen Rechte wie sie zu erlangen, auch die zweite Welle verfolgte noch diese Ziele, setzte sich aber auch schon mit den Ursachen von Unterdrückung und Machtverhältnissen auseinander. Die dritte Frauenbewegung setzte sich unter anderem für andere Gruppen ein und erkannte, dass die Wurzeln der Unterschiede, wie Menschen wahrgenommen werden, tiefer in der Gesellschaft verankert sind. Inzwischen wird versucht, sämtliche künstlichen Konstruktionen aufzulösen und zu deessentialisieren, damit Menschen sich nicht mehr in die Schubladen einsperren lassen müssen. Bildung hilft hier die Strukturen zu hinterfragen und die epistemische Gewalt zu überwinden. Es wird auch nicht mehr nach kurzfristigen Lösungen gesucht um innerhalb des Systems die Ungleichheiten auszugleichen (Frauen- oder Immigrantenquoten) und somit den Widerstand zu normalisieren, sondern versucht, das Umdenken so anzuregen, dass nicht mehr in besagten Kategorien gedacht wird. Doch auch hier besteht die Gefahr wieder neue Kategorien aufzustellen und das Andere auszuschließen, da der Mensch zur Orientierung mit seiner Umwelt Kategorien braucht.


Die Rubrik

Diese Rubrik soll Raum schaffen um sich mit den Begriffen Bildung und Emanzipation auseinanderzusetzen. Dies kann geschehen in Form von theologisch-philosophischen Gedanken, die die oben angestrebte Umreißung der Begriffe neu diskutieren, oder anhand von konkreten Beispielen und Ausformungen. Dabei soll und darf jedes, von den Menschen künstlich getrennte Gebiet tangiert werden. Die Artikel sollen anregen gefestigte Gebilde im Kopf aufzulösen, zu emanzipieren und neu zu bilden.

Kommentieren

Kommentare

Es sind keine Kommentare vorhanden.