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Vom Alten Testament und dem protestantischen Schriftprinzip – Eine Exposition zu einer Diskussion?

von Niklas Schleicher

Mit vorliegendem Text möchte ich gerne die von Notger Slenczka aufgebrachte Frage zur kanonischen Geltung des Alten Testaments auf nthk.de diskutieren. Ich würde mich über Widerspruch, Differenzierungen, etc. sehr freuen, zumal folgender Text eher eine Skizze und eine Anfrage darstellt.


Gestern also auch Jan Assman:

„'Mit dem Verlust des Alten Testaments verlieren die Christen nahezu alles', sagt der Kulturwissenschaftler Jan Assmann der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt" (Mittwoch). Eine Kirche, die sich vom Alten Testament verabschiede, laufe Gefahr, 'zur Sekte zu werden'. Ohne das Alte Testament sei das Neue Testament mit seinen Geschichten über Jesus nicht zu verstehen: 'Das Alte Testament wird im Neuen ständig zitiert.' Auch Jesus sei nur im Zusammenhang mit seiner jüdischen Umgebung zu begreifen.“

Nachdem der Chefaufklärer der deutschsprachigen liberalen Theologie, Friedrich Wilhelm Graf, auch bereits Stellung bezogen hat und den Vorstoß Slenczkas über die Geltung des Alten Testaments nachzudenken, auch dazu genutzt hat, in seinem unvergleichlichen Stil die Pfullinger und hysterische Pfarrer abzuwatschen, nun der bedeutendste deutschsprachige Ägyptologe.

Alle weisen auf die Bedeutung des Alten Testaments hin. Auf seine Bedeutung für das Verständnis des Neuen oder für die Gläubigen. Weisen darauf hin, dass es verschiedene Arten gibt, wie das Alte Testament rezipiert werden kann und somit seinen Rang zu behalten vermag. Und m.E. führen alle gute Gründe auf. Vielleicht muss man aber trotzdem nochmal Slenczka zu Wort kommen lassen. Ich meine, es müsste doch jeden an der gegenwärtigen theologischen Landschaft Interessierten etwas komisch vorkommen, dass einer der profiliertesten dezidiert lutherisch argumentierenden Theologen (vielleicht neben Christine Axt-Piscalar und Gunther Wenz) einen Angriff mit Waffen fährt, die durch und durch in der liberalen Theologie verortet sind. Ich denke, dass man den Vorstoß weniger als Angriff auf das Alte Testament als vielmehr als Rettungsversuch für das lutherische Schriftprinzip zu verstehen hat, eben unter den Voraussetzungen, dass es für das Alte Testament nicht im entferntesten einen einheitlichen Zugriff gibt und wir es uns auch mit dem Judentum teilen, das einen dezidiert anderen Zugang hat und haben muss. Slezcka stellt sich doch primär der Frage, wie man unter den gegenwärtigen Bedingungen noch davon ausgehen kann, Normen für das christliche Leben und die christliche Lehre aus der Bibel ableiten kann und diagnostiziert, dass das unter Beibehaltung des gleichen Ranges für das Alte Testament unmöglich wird.

Zwei Gegenargumente, die vorgebracht werden, sind zwar interessant, aber gegen diese Analyse wirken sie nutzlos. Das erste Argument, das rezeptionsästhetische, betont, natürlich wieder mit unterschiedlichen Zuspitzungen, dass es unter postmodernen Bedingungen viele unterschiedliche Rezeptionsperspektiven gibt, mit denen man sich sich einer Schrift und damit auch der Bibel annähern kann. Die „Wahrheit“ erschließt sich dann im je eigenen Rezeptionsprozess. Ich selbst finde diese Art und Weise, oft auf Barthes „Tod eines Autors“ zurückgeführt, sich mit Texten zu beschäftigen, sehr attraktiv. Und für die Verwendung der Bibel als Quelle religiösen Lebens und Lehre ist das sicherlich auch sehr richtig. Aber: Wenn die Wahrheit, ganz salopp gesprochen, in dem Auge des Betrachters liegt1, dann wird eine Verwendung der Schrift als Norm hochgradig schwierig. Und verschärft wird dieses Problem eben noch, und hier sieht Slenczka richtiges, wenn eine Schrift als Norm dienen soll, die zwei Religionsgemeinschaften mit unterschiedlicher Deutung als eine solche zu verwenden versuchen. Damit ist über die, in verschiedenen Punkten noch größere Abständigkeit des AT von der gegenwärtigen Lebenswelt noch gar nichts gesagt. Auch die Schwierigkeiten in der ethischen Argumentation mit dem AT sind noch nicht angeschnitten. Wie auch immer: Wenn die Bibel und auch das AT als Norm kirchlicher Lehre und kirchlichen Lebens dienen sollen, ist eine Verständigung, wie die Schrift zu verstehen ist, eine auf jeden Fall zu diskutierende.

Das zweite Gegenargument erklärt die Wichtigkeit des Alten Testaments für das fromme Leben, oft verknüpft mit dem Hinweis, dass einige Schriften des Neuen Testaments (Apokalypse, Jakobusbrief) eine viel geringere Rolle spielen, als z.B. die Psalmen. Ein sehr richtiges Argument, dass aber wiederum über die normative Funktion des Alten Testaments überhaupt nichts aussagt. Ohne jetzt auf den Sein-Sollen-Fehlschluss zu zurückzugreifen, muss in diesem Sinne aber doch darauf hingewiesen werden, dass mit dieser Argumentation Kirchenlieder, Bonhoeffer, aber auch Margot Kässmann auch zur Norm für kirchliches Leben und Lehre werden müsste, spielen diese doch für die Frömmigkeit vieler Menschen eine große Rolle. Da Graf dies mit Sicherheit nicht will und nicht wollen kann, bietet sich, und das geht auch aus seinem sonstigen Text hervor, auch wenn er es mit über sein Historisierungsargument spielt, folgende Schlussfolgerung an: Graf und andere können dem AT deshalb den gleichen Rang wie dem NT zumessen, weil sie schon lange die Idee aufgegeben haben, dass die Schrift norma normans sein kann.

Über diese Frage allerdings ist zu diskutieren, und m.E. einer der letzten, der dass offensiv versucht hat, ist der Systematiker Falk Wagner2. Ich glaube, grob gesprochen, haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder wir gehen von einer grundlegenden und normierenden Funktion der Schrift aus, mit welcher Ausprägung auch immer. Dann aber müssen wir uns Gedanken darüber machen, in welcher Weise wir mit dem Kanon, seinen Grenzen und inneren Differenzierungen umgehen. Wir brauchen dann eine Hermeneutik, die es zulässt, verlässliche Richtungen der Interpretation auszuarbeiten. Denn eine Norm, mit der jeder die Dinge so entscheiden kann, wie er sie liest oder versteht, ist, salopp gesagt, keine Norm. Normen müssen, wenigstens in einem schwachen Sinne, etwas Normierendes haben.

Oder: Wir denken grundlegend darüber nach, ob es unter gegenwärtigen Bedingungen überhaupt so etwas wie ein Schriftprinzip, wie eine Norm geben muss, die aus der Schrift abgeleitet werden muss. Dass die Schrift als wichtigste Quelle für das religiöse, christliche Leben auch so nicht in Frage gestellt wird, kann man betonen. Man kann dann sowohl die Funktion für die Frömmigkeit als auch die Perspektive der Rezeptionsästhetik ernst nehmen, und zwar für beide Testamente. Aber man müsste darüber nachdenken, ob die Haupt-Norm für theologisches und religiöses Leben in den Schriften des Neuen und Alten Testaments zu finden ist. Ich würde in diesem Sinne die Analyse Slenczkas anders deuten, dass seine Bewertung des Alten Testaments der kirchlichen und theologischen Praxis entspricht. Die kirchliche und theologische Praxis arbeitet schon lang nicht mehr so, dass ihr Reden und Nachdenken über Gott als Hauptnorm auf die Bibel zurückgreift, sondern sie bedient sich der gegenwärtigen Lebenswelt und der Vernunft doch mindestens in gleichem Maße.

Dass sich die theologische Wissenschaft über diese Fragen keine Gedanken macht und dass der Vorstoß Slenzckas mit dem Hinweis abgekanzelt wird, er stelle eine Frage in den Raum, die so klar ist, wie dass die Erde keine Scheibe sei, ist bedenklich. Und dass seine Kritiker den Ball nicht in der Richtung aufnehmen, dass sie sich über das Schriftprinzip Gedanken machen wollen, ist irgendwie unbefriedigend, zumal ich der Überzeugung bin, dass, was die „Übereinstimmung mit dem Bekenntnis“ angeht, Slenczka einer derjenigen Theologen ist, die am ehesten auf dem Boden der reformatorischen Entscheidungen verhaftet bleiben.

Ich möchte mit diesem Text überhaupt keine Tendenz für eine Richtung angeben. Nur, gerade NthK könnte eine Plattform sein, auf der wir uns über die Gültigkeit dieser reformatorischen Einsicht und Grundentscheidung und seine Gültigkeit unter gegenwärtigen Bedingungen austauschen können. Mögen die Spiele beginnen...





1Auf die Diskussion eines geistgewirkten Verständnisses der Schrift möchte ich mich hier nicht einlassen, da dann die innertheologische Verständigung auch nicht erleichtert, sondern eher verkompliziert wird. Das Wirken des Geistes lässt sich in dieser Perspektive eben auch nur subjektiv beschreiben.
2Falk Wagner: Auch der Teufel zitiert die Bibel. Das Christentum zwischen Autoritätsanspruch und Krise des Schriftprinzips, in: Richard Ziegert (Hg.): Die Zukunft des Schriftprinzips, Stuttgart 1994, S. 236-258.

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Kommentare

Kevin Simon
Cui bono?

Diese Frage stellte sich mir sofort, als ich von Slenczkas Aufsatz hörte...wer trägt also den größten Nutzen aus dieser, zwar fraglichen aber durchaus legitimen Diskussion. Ist es ein Haschen nach Aufmerksamkeit zur Steigerung der Verkaufszahlen von Slenczkas Büchern? Den Vorwurf "Nazi-Theologe" von Markschies finde ich schon wieder viel zu schnell und unüberlegt, ein jämmerliches Totschlag-Argument. Es ist eine legitime Diskussion. Für mich jedoch eine nutzlose! Keiner kann bestreiten, dass das AT einen schlechthinnig zentralen Nutzen hat (vgl. Gal 2,24), auch wenn sich über die Gewichtung dieses "Zuchtmeisters" selbstverständlich streiten lässt. Für das Verständnis der Gnade finde ich es zentral. Warum also aus dem Kanon nehmen? Gegenfrage: Wem schadet es, wenn es weiterhin kanonisch bleibt? Dem Schriftprinzip? Es ist jedenfalls ein Beispiel dafür, wie sich Satire in der Realität widerspiegelt... http://www.der-postillon.com/2015/04/franziskus-modernisiert-weiter-altes.html
Gruß aus Tübingen!?

Kevin
30.04.2015 - 15:31 Uhr
Marcel K.
„Graf und andere können dem AT deshalb den gleichen Rang wie dem NT zumessen, weil sie schon lange die Idee aufgegeben haben, dass die Schrift norma normans sein kann.“
„Die kirchliche und theologische Praxis arbeitet schon lang nicht mehr so, dass ihr Reden und Nachdenken über Gott als Hauptnorm auf die Bibel zurückgreift, sondern sie bedient sich der gegenwärtigen Lebenswelt und der Vernunft doch mindestens in gleichem Maße.“

Das leuchtet mir ein, und da könnte durchaus einiges dran sein – wobei ich beim letzten zitierten Satz noch die kirchliche Tradition und die Bekenntnisse nennen würde, die auch im Luthertum, ob man will oder nicht, doch auch eine entscheidende Rolle in der Theologie spielen. Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass die Frage nach der Normativität ein treibender Gedanke bei Slenczka ist. Ich halte aber das Schriftprinzip in der Form, wie es Luther formuliert hat, ohnehin für nicht durchführbar – unter anderem gerade aufgrund der Erkenntnisse, die die Rezeptionsästhetik geliefert hat. Wenn Sinn und Bedeutung nicht im Text selbst liegen, sondern im Dialog zwischen Text und Rezipient entstehen, kann folglich auch die Normativität eines Textes nicht im Text selbst liegen, sondern nur in einem Auslegungsgeschehen. Darum erachte ich es nicht als grundlegendes Problem bezüglich der Normativität, dass zwei Religionsgemeinschaften denselben Textkorpus als normativ erachten und ihn dabei verschieden deuten.

Unter Slenczkas Prämisse, dass das AT seine Normativität verloren hat, weil sich herausgestellt hat, dass der historische Sinn der Texte nicht dem Verständnis entspricht, aufgrund dessen sie Teil des christlichen Kanons geworden sind, leidet allerdings auch die Normativität des NT. Denn Slenczka erklärt – unter Zurückweisung des rezeptionsästhetischen Arguments – die christologische Lesart des AT im NT – und damit den neutestamentlichen Christusglauben! – für einen Irrtum. Nun ist die Überzeugung, dass Jesus der im AT verheißene Christus ist, ja kein ausschmückendes Beiwerk, sondern wohl die zentrale Auffassung des NT. Wie ist es denn um die Normativität des NT bestellt, wenn man den neutestamentlichen Christusglauben für einen Irrtum erklärt?
30.04.2015 - 23:50 Uhr