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Lebendige Konfessionskulturen III: Veränderungen

Persönliche Erfahrungen mit Katholizismus und Protestantismus

 

Hallo, ich heiße Antonia Reihing1 und studiere evangelische Religion. Das war aber nicht immer so. Ich bin katholisch getauft und so war es nach meinem Abi für mich, mit meinem Interesse später Religion zu unterrichten, nur selbstverständlich, katholische Religion zu studieren.


Mein erstes Studium habe ich dann mit viel Elan in Osnabrück begonnen. Zu dieser Zeit kam für mich nur katholische Religion in Frage. Ohne dass meine Eltern einen großen Einfluss drauf gehabt haben, eher von meiner Großmutter beeinflusst, habe ich den evangelischen Glauben schon als kleines Kind eher als “falsch” betrachtet. Dies hatte nie irgendwelche fundierten Hintergründe, ich habe diese Einstellung bei mir bis zur Pubertät auch nie wirklich hinterfragt. Trotzdem war ich mit 19 Jahren immer noch überzeugt, dass mein Glaube der römisch-katholische wäre, auch wenn ich seit beginn der Pubertät so meine Probleme mit der Kirche und ihren Vorstellungen hatte.


Als ich dann anfing, katholische Religion zu studieren, kam nach ca. zwei Wochen der erste kleine Schock für mich. Alle Erstsemester wurden zu einem Pflichtvortrag eingeladen. In diesem Vortrag ging es um die Missio und was in diesem Rahmen von uns erwartet wurde. An sich ein sehr sinnvoller Vortrag, wenn da nicht einige Vorschriften der Kirche gewesen wären, die mir ganz schön Magenschmerzen bereiteten:

Zum einen wurde uns in dem Vortrag gesagt, dass wir verpflichtet seien katholisch zu heiraten. Ok, das hätte man sich denken können. Allerdings ist mein Partner dann verpflichtet, Christ zu sein oder zum Christentum zu konvertieren.

Des weiteren wurde gesagt, dass wir unsere künftigen Kinder sofort nach der Geburt kirchlich taufen lassen sollen. Außerdem gab es die Vorgabe, dass, wenn wir mit einem Partner länger als drei Jahre zusammen in einer Wohnung etc. zusammenleben würden, wir dazu angehalten wären, zu heiraten. Zu diesen Dingen kamen noch einige andere Vorschriften hinzu, wie zum Beispiel, dass man in der Öffentlichkeit nichts gegen die Aussagen des Papstes oder den Papst selbst sagen dürfe.

Auch seine Meinung zu gleichgeschlechtlichen Paaren sollte man lieber für sich behalten, wenn man da nicht mit der römisch-katholischen Kirche übereinstimmte.

Natürlich wurde uns gesagt, “Was die Kirche nicht weiß, macht die Kirche nicht heiß.” Am Ende des Vortrages mussten wir trotzdem unterschreiben, dass wir damit einverstanden sind. Das war Voraussetzung für das Studium, denn ohne die Missio darf man ja auch nicht unterrichten.


Wie sehr mich das belastet hat, hat sich erst nach Abbruch meines Studiums gezeigt. Nach einem Jahr Studium habe ich entschieden, dass die Grundschule nichts für mich als Lehrperson ist. Und mir ist ein riesengroßer Stein vom Herzen gefallen, als ich das Studium aufgeben habe. Diese Sorge habe ich vorher nie so wahr genommen und es hat mich überrascht, dass mich das so belastet hatte. Schließlich hätte es immer passieren können, dass Eltern, die mit meiner Benotung ihrer Kinder z.B. in meinem Zweitfach Mathe nicht zufrieden sind, mich wegen irgendwelchen Verstößen der Kirche melden. Dazu muss nur ein Elternteil über solche Bestimmungen Bescheid wissen und dann hätte ich meine Missio verlieren können.


Nach einem Jahr im Ausland habe ich mich dann – nach reichlicher Überlegung – dazu entschlossen, evangelische Religion zu studieren. Nun auf Gymnasiallehramt. Noch in der ersten Woche des Studiums habe ich mich erst mal erkundigt, ob es ähnliche Vorschriften für die Vocatio gibt. Zum Glück wurde mir gesagt, das dem nicht so ist.

Ich studiere jetzt seit ca. 1 ½ Jahren, bin allerdings noch nicht konvertiert, da ich mich erst ausgiebig mit den verschiedenen Richtungen des Protestantismus auseinandersetzen möchte, bevor ich mich für einen solch großen Schritt entscheide.


Ich bin mittlerweile der Überzeugung, das der Protestantismus meine Religion ist und ich mich in ihr richtig wohl fühlen kann.


Viele kleine Dinge sind zwar anders, aber ich habe mich dazu entschlossen, nicht alles abzulegen was ich vom katholischen Glauben noch in mir habe. Zum Beispiel werde ich weiterhin in der Fastenzeit fasten. Ich werde weiterhin vor und nach dem Essen beten und dies auch an meine Kinder weitergeben. Und ich werde auch weiterhin die Muttergottes als Anhänger einer Kette tragen, welche mir meine Urgroßmutter vererbt hat. Außerdem werde ich ebenso weiterhin, wenn ich mit meiner Familie in die Kirche gehe, in die katholische Kirche gehen, auch wenn ich dann die Hostie nicht empfangen darf. Denn ich fände es schade, wenn sich unsere gemeinsamen Kirchengänge nun scheiden würden, nur weil ich protestantisch werde.


Es werden mir auch kleine Dinge fehlen, die ich als Kind schon immer gut fand. Zum Beispiel finde ich es traurig, dass es im evangelischen Gottesdienst keine Messdiener gibt. Ich selber war bis zu meinem 18 Lebensjahr Messdienerin. Auch finde ich es schade, dass im protestantischen Glauben die Kommunion und Firmung zusammengelegt werden – und die Konfirmation meist zu einem Zeitpunkt im Leben eines Menschen stattfindet, in dem man sich mit allem möglichen beschäftigt, aber eher selten mit seinem Glauben. Ich selber habe meine Kommunion mit 9 Jahren gehabt, einem Alter, in dem gut Grundsteine für den späteren Glaubensweg gelegt werden können. Meine Firmung hatte ich dann mit 18 Jahren, wenn man sich bereit fühlt, selber und eigenständig noch einmal “Ja” zum Glauben zu sagen, und auch versteht, was das bedeutet.


Momentan bin ich dabei, mich mit den verschiedenen Richtungen des Protestantismus auseinanderzusetzen. Ich war überrascht, wie viele Möglichkeiten es da gibt. Schließlich kannte ich aus dem römischen Katholizismus nur eine einzige Möglichkeit.

Ich persönlich finde es schön, meinen Lebensweg auf diese Art und Weise durchschritten zu haben, und bin der Überzeugung, nun da angekommen zu sein, wo ich in meinem Glauben zu Hause bin.



1 Hierbei handelt es sich auf Wunsch der Autorin um ein Pseudonym.

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