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Lebendige Konfessionskulturen II: Unierter Protestantismus – wie hältst du's mit der Confession?

Tobias Jammerthal

Elf deutsche Landeskirchen und damit die Mehrheit der Mitglieder der Evangelischen Kirche in Deutschland, sind unierte, vereinigte Landeskirchen.1 Sie sind seit ihren Anfängen theologischer Kritik ausgesetzt. Insbesondere lutherische Theologen sehen in ihnen eine absonderliche Spätblüte des landesherrlichen Kirchenregiments, bei dem vor allem eines theologisch nicht beachtet wurde: die Frage des Bekenntnisses. Und in der Tat erscheint es auf den ersten Blick seltsam, dass eine vereinigte Kirche zugleich mit Martin Luthers Kleinem Katechismus den Heidelberger Katechismus als Bekenntnisschrift anerkennt.2 Wie also hält es der vereinigte Protestantismus mit dem Bekenntnis? Die Grundthese, die hier zu entfalten ist, lautet: Der vereinigte Protestantismus nimmt das Bekenntnis der Kirche ernst und kann sich gerade so positiv auf unterschiedliche Bekenntnistexte beziehen.3 Der Weg zu ihr hat drei Abschnitte:


1 Das Bekenntnis der Kirche entspringt
dem Hören auf Gottes Wort: norma normata.

Das Wort Gottes – Jesus Christus, unser Erlöser – begegnet uns in der Heiligen Schrift des Alten und des Neuen Testamentes. Es begegnet uns in der Heiligen Schrift, das heißt: nicht alles, was zwischen den Buchdeckeln zu finden ist, ist deshalb automatisch Gottes Wort. Es begegnet uns aber nur in der Heiligen Schrift, und nicht irgendwo sonst. Weder in der geschaffenen Natur, noch in der menschengemachten Kultur und auch nicht in der kirchlichen Tradition. Die Tradition der Kirche und das Bekenntnis der Kirche als Teil dieser Tradition hört auf, Tradition (und Bekenntnis) der Kirche zu sein, wenn sie beansprucht, an die Stelle der Heiligen Schrift oder zumindest neben sie zu treten. Bei all dem, was das Bekenntnis der Kirche also ist, kommt ihm immer eine dienende Funktion zu. Deswegen ist es Bekenntnis. Ein Bekenntnis hörte auf, Bekenntnis zu sein, wenn es keinen Bezugspunkt mehr hätte; zum Bekennt-nis gehört notwendig das Bekann-te, und zwar in der Weise, dass das erstere durch das letztere bestimmt wird. Darum ist die Rede vom Bekenntnisgegenstand misslich: es gehört zur Eigenart dieses Objekts, dass es sein Subjekt in einer Art und Weise qualifiziert, dass das Subjekt seiner Subjekthaftigkeit verloren ginge, wollte es seinerseits versuchen, das Objekt zu bestimmen. Wenn darum dem Bekenntnis der Kirche irgendeine Bedeutung zukommen kann, dann kommt ihm diese Bedeutung kraft dessen zu, was die Kirche bekennt.


2 Das Bekenntnis der Kirche versteht sich
als Anleitung zum Hören auf Gottes Wort: norma normata.

Wenn es soeben hieß, dass Christus, das Wort Gottes, uns in der Heiligen Schrift begegnet, so galt es sofort, ein Missverständnis abzuwehren: nicht die Heilige Schrift ist das Wort Gottes, sondern Gottes Wort wird in Heiliger Schrift vernommen. Nicht alles also, was in der Bibel steht, ist deshalb automatisch Gottes Wort. Das Hören auf Gottes Wort bedarf daher der Anleitung: Hören will geübt sein, die Wahrnehmung muss geschult werden, um zu wissen, was es bedeutet, was ich sehe, benötige ich Orientierung. Der Wanderer wird sich auch in der lieblichsten Gegend ohne eine Karte oder wenigstens Hinweisschilder verirren.

Christus ist das Wort Gottes und das Bekenntnis der Kirche ist dann Bekenntnis der Kirche, wenn es Christus bekennt. Dann aber kommt dem Bekenntnis der Kirche die Rolle zu, Anleitung zum Hören auf Gottes Wort, das es bekennt, zu sein. Das Bekenntnis der Kirche hat seine dienende Funktion darin, dem Einzelnen wie der Gemeinschaft den Weg in die Heilige Schrift zu öffnen und beiden Orientierung auf diesem Weg zu geben. Indem es sich strikt als Hin-Führung zum Hören versteht, dient es dem Herrn der Kirche. Indem es aber Hin-Führung zum Hören ist, kommt ihm eben doch eine Autorität zu. Freilich nicht in der Weise, dass das Bekenntnis nun an die Stelle des Bekannten treten würde, sondern in der Weise eines Hinweisschildes: man richtet sich danach nicht etwa, weil es ein Hinweisschild wäre, sondern weil es den Weg markiert, der zum Ziel führt. Weil die Kirche in ihrem Bekenntnis Christus bekennt, kommt diesem Bekenntnis die Autorität eines Hinweisschildes auf das Wort Gottes zu, dem zu folgen einem Jeden angeraten ist, der sich aufmacht, Gottes Wort zu hören.


3 Der vereinigte Protestantismus
nimmt ernst, dass das Bekenntnis der Kirche norma normata ist und
macht Ernst damit, dass es norma normata ist.

Dieser besondere Charakter des Bekenntnisses der Kirche kommt nun besonders herausragend in den vereinigten protestantischen Kirchen zum Vorschein: der vereinigte Protestantismus weiß darum, dass die Kirche eines Bekenntnisses bedarf, eben weil er um den Charakter dieses Bekenntnisses weiß.

Die Kirche ist die Gemeinschaft der Heiligen. Sie ist deshalb die Gemeinschaft derer, die auf Gottes Wort hören. Um auf Gottes Wort hören zu können, bedürfen sie der Hinführung zum Hören. Als das wandernde Volk Gottes ist die Kirche darauf angewiesen, immer wieder zum Hören auf Gottes Wort geführt zu werden, sie bedarf Hinweisschilder, die sie davor bewahren, sich in der Weite der Bibel zu verlaufen, und sie hält darum die Bekenntnisse der Väter in Ehren als geschichtliche Zeugnisse des Hörens auf Gottes Wort und darum als Anleitung zum Hören auf Gottes Wort.

Sie verwechselt aber die Schilder nicht mit dem, worauf diese hinweisen. Die Bekenntnisse der Väter hält sie nicht in Ehren, weil sie die Bekenntnisse der Väter wären, sondern weil die Väter sich in ihnen zu Christus als Gottes Wort für uns bekannt haben. Sie macht also Ernst damit, dass es dem Wesen des Bekenntnisses widersprechen würde, wenn es von seinem Gegenstand gelöst und absolut gesetzt würde, dass die Anleitung zum Hören nutzlos wäre, wenn sie nichts hätte, wozu sie anleiten sollte.

Wie gewinnt nun dieser Charakter des Bekenntnisses der Kirche Gestalt in einer vereinigten protestantischen Kirche?

Die Vereinigte evangelisch-Protestantische Kirche […] gründet sich auf die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments als die alleinige Quelle und Richtschnur ihres Glaubens, ihrer Lehre und ihres Lebens, und hält unter voller Anerkennung ihrer Geltung fest an den Bekenntnissen, welche sie ihrer Vereinigung zugrunde gelegt hat […] in ihrer übereinstimmenden Bezeugung der Grundlehren Heiliger Schrift und des in den allgemeinen Bekenntnissen der ganzen Christenheit ausgesprochenen Glaubens.4

Damit ist der Unterschied zwischen Bekenntnis der Kirche und Heiliger Schrift gewahrt, indem das Bekenntnis just als das angesehen wird, was es sein will: Bezeugung der Grundlehren Heiliger Schrift, Anleitung zum Hören auf Gottes Wort, Landkarte für das wandernde Gottesvolk. Das Bekenntnis wird so im vereinigten Protestantismus nicht etwa depotenziert. Es wird vielmehr als norma normata ernstgenommen. Die Gemeinschaft derer, die auf Gottes Wort hören, bedarf immer wieder neu der Schärfung ihres Gehörs.

Weil der vereinigte Protestantismus um die funktionale Rolle des Bekenntnisses weiß, begeht er nicht den Fehler, sich vom Bekenntnis zu verabschieden. Die Gemeinschaft der Hörenden wäre nicht die Gemeinschaft der Heiligen, wenn sie sich nicht zum Gehörten bekennen würde, und sich in Momenten der Unsicherheit durch das einmal Bekannte wieder zurecht bringen und neu auf Gottes Wort ausrichten ließe.

Er begeht aber auch nicht den Fehler, das Bekenntnis zu verabsolutieren. Wenn das wandernde Gottesvolk sich von einem Hinweisschild nicht auf die Reise schicken lässt, sondern dabei stehen bleibt, das Schild zu bewundern, hört es nicht nur auf, wanderndes Gottesvolk zu sein, sondern es hört dadurch überhaupt auf, Gottes Volk zu sein, weil es den Hinweis auf Gottes Wort mit Gottes Wort verwechselt. Darum heißt es im bereits zitierten Text weiter:

Indem bei dieser Bestimmung des Bekenntnisstandes […] die Heilige Schrift als alleinige Quelle und oberste Richtschnur des Glaubens, der Lehre und des Lebens vorangestellt ist, wird eben dadurch zugleich […] das Recht des freien Gebrauchs der Heiligen Schrift sowie der im Heiligen Geist gewissenhaft zu übenden Erforschung derselben anerkannt und für alle Glieder der Kirche, insbesondere aber für ihre mit dem Lehramt betrauten Glieder die Pflicht ausgesprochen, sich solcher Schrifterforschung unausgesetzt zu befleißigen5.

Wird das Bekenntnis als Anleitung zum Hören ernstgenommen und wird Ernst gemacht damit, dass dem Bekenntnis seine Bedeutung nur von seinem Gegenstande her erwächst, so bedeutet das auch, dass die Hinweisschilder immer wieder neu daraufhin zu überprüfen sind, ob sie ihren Charakter als Wegweiser tragen. Eine Korrektur des Bekenntnisses der Kirche ist sachlich nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar geboten, nimmt man das Bekenntnis als Bekenntnis ernst. Sie kann aber eben darum nur von dem aus erfolgen, was das Bekenntnis als Bekenntnis qualifiziert. Ob das Bekenntnis der Kirche seinen Namen zu Recht trägt, ob es wirklich ein Bekenntnis zu Christus als Gottes Wort ist, kann nur immer wieder von dem Ort aus entscheiden werden, an dem uns das Wort Gottes begegnet. Darum weiß der vereinigte Protestantismus um die Wichtigkeit wissenschaftlicher Bibelauslegung.

Der vereinigte Protestantismus weiß um die Notwendigkeit eines kirchlichen Bekenntnisses und um die Funktion dieses Bekenntnisses. Er hat darum keine Schwierigkeiten, sich positiv auf Lehrzeugnisse unterschiedlicher reformatorischer Schulrichtungen zu beziehen. Der Kleine Katechismus Martin Luthers gilt ihm nicht als Bekenntnis, weil er aus der Feder Luthers ist, sondern weil und nur insofern er eine Anleitung zum Hören auf Gottes Wort ist. Ebenso gilt ihm der Heidelberger Katechismus nicht als Bekenntnis, weil er das wirkmächtigste Resultat deutschreformierter Theologie wäre, sondern allein darum und insoweit, als er „Grundlehren Heiliger Schrift“ bezeugt.


Indem also der vereinigte Protestantismus Ernst mit dem Charakter des Bekenntnisses als norma normata macht und einen strikt funktionalen Bekenntnisbegriff entwickelt, bringt er zugleich die Autorität des Bekenntnisses als norma normata zur Geltung. So ist vereinigter Protestantismus eine Erinnerung an den Charakter der Kirche als Gemeinschaft derer, die auf Gottes Wort hören und sich zu ihm bekennen und eben darin Ausdruck echt reformatorischen Kirche-Seins.



1 Vgl. die gute Übersicht über die Zusammenschlüsse in der EKD auf http://ekd.de/kirche/zusammenschluesse.html (24. Februar 2014).
2 Der Verfasser entstammt der Evangelischen Landeskirche in Baden. Seine Vorstellung von vereinigtem Protestantismus ist daher von den dortigen Gegebenheiten geprägt. – Die unterschiedlichen Unionstypen sind für die Grundthese nicht relevant.
3 Diese These wäre selbstverständlich viel umfangreicher zu entfalten, als es hier geschehen kann. Insbesondere die wichtige Frage nach der Genese einzelner Bekenntnisse müsste eigens verhandelt werden; außerdem wäre eine historische Darlegung der Unionsversuche des 19. Jahrhunderts und der Unionstheologie Friedrich Daniel Ernst Schleiermachers vonnöten. Fürs erste mag man sich mit der hier gegebenen Skizze bescheiden.
4 (Authentische Interpretation der Generalsynode von 1855 zu § 2 der Badischen Unionsurkunde, EG (Baden) 886.2)
5 Ebd.

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