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Für uns gestorben

Persönliche Erfahrungen mit dem neuen EKD-Grundlagentext

von Sebastian Wieder

Eins muss man vorab sagen: Der Text umschreibt elegant und treffend die verschiedenen Arten, wie evangelische Frömmigkeit im Kontext der ev.-luth. Kirche mit dem Thema Tod und Sterben in der Passionszeit umgeht.

Beschriebenen Formen evangelischer Passionsfrömmigkeit durfte ich in Neustadt/Aisch begegnen:

So wurde ein klassischer Abendmahlsgottesdienst am Abend des Gründonnerstags gefeiert, in welchem an die Einsetzung des Abendmahls erinnert und dieses selbst gefeiert wurde. Die Predigt war stark auf das Feiern von gemeinsamen Mahlen und auf die aktuelle Abendmahlspraxis in der Gemeinde fokussiert, da dies ein aktuelles Thema in den Beratungen des Kirchenvorstandes und dem Team der Haupt- und Nebenamtlichen ist.

Der Höhepunkt der Passionsfeierlichkeiten lag auf dem Karfreitag. Der evangelische Jom Kippur – Fasttag. Der Morgengottesdienst, effektiv ein G2 Gottesdienst mit Abendmahl, bestach durch die Predigt des Dekans, die Feier des Abendmahls und die entschlackte Liturgie, die sich nahe an eine Beerdigungsfeier anlehnte. So fehlten nach dem Segen das Glockenläuten und jegliche Musik zum Auszug. Das Altarbild wurde während der Passionszeit verhüllt und erst in der Osternacht wieder enthüllt. Der Altar blieb schmucklos. Die Kerzen blieben aus. Der Liturg stand am Ende nicht am Ausgang für die Verabschiedung. Das Passionskonzert der Kantorei am Nachmittag, die Passionsstücke von Bach und Buxtehude zu Gehör brachte, endete ebenfalls ohne Applaus in aller Stille. Die ergreifenden und bewegenden Texte, die sich auf die Wundmale und Jesu Hingabe ans Kreuz bezogen (bei Buxtehude wurde der Text auf Latein gesungen), verfehlten ihre Wirkung im Publikum nicht. Die verkündigende Kraft dieser hohen kulturellen Ausprägung lutherischer Frömmigkeit ist immer wieder bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass die gesungenen Texte im Kontext eines Gottesdienstes, einer Bibelstunde, eines Hausbesuches oder einer Religionsstunde eher Irritationen und Ablehnung provozieren (vgl. S. 22 des Grundlagentextes).

Der Grundlagentext leistete hier im Vorfeld eine gute Orientierungshilfe, die er laut Vorwort ja auch sein möchte (vgl. S. 19). Sehr treffend wurden die Beobachtungen in Kapitel V (S. 147-158) empfunden, in denen der Text auf die aktuelle Situation eingeht, wie mit dem Kreuzestod Christi heute umgegangen wird und umgegangen werden kann. Ein Mentalitätswandel kann durchaus verifiziert werden. So war die Stadtkirche in Neustadt zum Passionskonzert sehr gut gefüllt und mehr Menschen dort anzutreffen, als am 50 Meter entfernten Marktplatz, wo Eisdielen, Cafés, Bars und Wirtshäuser geöffneten hatten und der Nachmittag am Karfreitag des Jahres 2015 ein sonniger und sehr warmer war. (Noch) heile Kirchenwelt in Neustadt/Aisch oder ein Umdenken in weiten Teilen der Bevölkerung? Jedenfalls ist das Bedürfnis, sich mit Tod und Sterben von Jesus Christus (und wohl auch dem eigenen) zu beschäftigen, vorzufinden.

Ebenso ist auch das Phänomen zu beobachten, dass die Mentalitäten immer individueller werden:
So fand am Abend in der Marktgrafenhalle von Neustadt/Aisch ein biblisches Musical von Adonia statt, in der die biblische Geschichte um die Person Nehemia thematisiert wurde. Ein Projektchor von gut 70 Jugendlichen brachte mit weiteren 30 Freiwilligen im Hintergrund ein abendfüllendes, fast zweistündiges Programm auf die Bühne einer sehr gut gefüllten Halle. Das Altersspektrum der Zuhörer reichte von Jung bis Alt. In der Hauptsache waren Jugendliche und Familien mit Kindern zu sehen. Nehemia – von Ostern keine Spur. Musical, peppige Songs zum Mitklatschen und eine sehr lebendige, fast professionelle und stark von ausgefeilter Technik begleitete Inszenierung ließ keine Langeweile an diesem Abend aufkommen. Jedoch kam da auch keine nüchterne Karfreitagsstimmung auf. So sehr man die Leistung, Sinnhaftigkeit und Qualität dieser Jugendarbeit würdigen muss, das Thema Tod und Sterben kam hier nicht vor. Eher das Erlebnis von Event, Erfolg, Happy End und der Botschaft: Dass Gott Träume verwirklicht.


Der Text bemerkt hier treffend: „Die Individualisierung, die unsere Zeit ebenso wie neue Formen forcierter Vergemeinschaftung bestimmt, hat viele gute Seiten: Sie gibt Freiheit, nötigt nicht zu Sichtweisen, gegen die sich das Denken oder Fühlen zur Wehr setzt, sondern ermöglicht die Wahl. Auf der anderen Seite ist die Notwendigkeit der Wahl oft eine Überforderung, und statt bunter Fülle empfinden viele nur Verwirrung. Und es gibt eine Gefahr: Unbequeme Wahrheiten können ausgeblendet werden, und auf diese Weise könnte diejenige Wahrheit, die allein im Leben und Sterben wirklich Bestand hätte, dem freien Individuum verloren gehen.“ (vgl. S. 156f.)

Uns ist beides: Kreuz und Auferstehung zugemutet. Die Frage nach dem Sterben Jesu ist eine schwierige, die nach seiner Auferstehung ist analogielos. Doch wird das eine ohne das andere nicht stattfinden können. Karfreitag nicht ohne Ostern und Ostern nicht ohne Karfreitag. Diese beiden Pole immer wieder zusammenzudenken und zusammen zu sehen ist Aufgabe von TheologenInnen, PfarrernInnen und ChristenInnen. Der Grundlagentext bietet gute Anregungen dazu. Ein hilfreicher und gelungener Text, wie ich finde.


Sebastian Wieder, geboren 1984 in Weiden i.d.OPf., ist seit 01.März 2014 Vikar in der Kirchengemeinde Neustadt a.d.Aisch. Sein Studium der evangelischen Theologie führte ihn innerhalb von insgesamt 16 Hauptsemestern nach Neuendettelsau, Jerusalem (Hebräische Universität) und nach Leipzig.

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