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Es gibt keine gravierenden Unterschiede? - Ein Plädoyer für die Kindertaufe

von Claudia Kühner-Graßmann

Michael Neudecker konstatiert in seinem Artikel vom 04. Januar 2015 auf sueddeutsche.de, dass es keine Unterschiede mache, ob ein Kind getauft oder (noch) nicht getauft sei.1 Dass er damit zu kurz greift, da es ihm um rein äußerliche Unterschiede wie die Teilnahme am Religionsunterricht geht, soll an dieser Stelle als Auseinandersetzung mit diesem Artikel genügen. Vielmehr nehme ich diesen Artikel zum Anlass, ein Plädoyer für die Kindertaufe zu verfassen. Ausgehend von der reformatorischen, hauptsächlich der lutherischen Tradition erfolgt hier keine rein wissenschaftliche, historische oder dogmatische Auseinandersetzung. Vielmehr möchte ich im Spiel mit der Tradition begründen, warum die Kindertaufe – auch wenn sie keine ‚äußerlichen‘ Vorteile bringen mag – trotzdem eine sinnvolle Möglichkeit ist bzw. sein kann. Das Plädoyer ergibt sich zudem anlässlich der bevorstehenden Taufe meines knapp fünf Monate alten Sohnes, weswegen mir die Leserinnen und Leser den stellenweise persönlichen Ton nachsehen mögen.

„Die Taufe ist nicht allein schlecht Wasser, sondern sie ist das Wasser, in Gottes Gebot gefasset und mit Gottes Wort verbunden.“2

Taufe ist nicht nur ein äußerlicher Akt, bei dem der Täufling mit Wasser übergossen wird. Sie begründet auch nicht nur die Mitgliedschaft in der Institution Kirche. Ihren Sakramentscharakter erhält sie im Zusammenspiel mit Gottes Wort. In der Taufe wird Gottes Liebe, Gotteskindschaft, Sündenvergebung etc. zugesprochen. Glaube ist – hier schließe ich mich ganz der lutherischen Tradition an – keine Voraussetzung der Taufe, sondern vielmehr eine Wirkung derselben. Sie ist eben kein menschlicher Akt, sondern einer, der durch Gott selbst gewirkt wird.3 Erst in der Aneignung des in der Taufe vorausgegangenen Zuspruchs entfaltet sie ihre Wirkung. Das Problem der reformiert gefärbte Taufvorstellungen, die den Bekenntnischarakter hervorheben, liegt meiner Meinung nach darin, dass sie eben diesen Gabencharakter vielleicht nicht nivellieren, aber dennoch nicht ausreichend betonen. Besonders möchte ich mich hier gegen Karl Barths Verständnis der Wassertaufe als antwortenden Akt der Geisttaufe und besonders gegen die damit einhergehende Verneinung der Kindertaufe abgrenzen. Das Moment der vorausgehenden, unverdienten Gnade ist vielmehr das zentrale Moment – der Glaube folgt dann in der Aneignung der Taufe. „Darümb hat ein iglicher Christen sein Leben lang gnug zu lernen und zu uben an der Taufe; denn er hat immerdar zu schaffen, daß er festiglich gläube, was sie zusagt und bringet: Überwindung des Teufels und Tods, Vergebung der Sunde, Gottes Gnade, den ganzen Christum und heiligen Geist mit seinen Gaben.“4 Luther versteht also Taufe von der Rechtfertigung her. Sie symbolisiert nicht einfach das damit verbundene Leben in Christo, nein, sie bewirkt es!5

„Nu wird die Taufe davon nicht unrecht, ob sie gleich nicht recht empfangen oder gebraucht wird, als die […] nicht an unsern Glauben, sondern an das Wort gebunden ist.“6

Bevor nun Bemerkungen zur Kindertaufe folgen, möchte ich noch zwei Punkte hervorheben, die in dem angeführten Zitat mehr oder weniger deutlich anklingen:

Zunächst den bereits mehrfach erwähnten Tatbestand, dass die Taufe nicht unseren Glauben zur Voraussetzung hat. Es ist allein Gottes Wort, das im Zusammenspiel mit dem äußerlichen Zeichen des Wassers die Taufe bewirkt. Sodann schwingt in diesem Satz noch etwas anderes mit: der unverlierbare Charakter der Taufe. „Darümb bleibt die Taufe immerdar stehen, und obgleich jemand davon fället und sundigt, haben wir doch immer ein Zugang dazu, daß man den alten Menschen wieder unter sich werfe.“7 In diesen Ausführungen zur Buße macht Luther deutlich, dass unser Verhalten die Taufe nicht einfach auflösen kann. Das mag für den zum Kirchenaustritt geneigten Lesenden wie eine Drohung klingen. Im Grunde ist es aber die bedingungslose – weder an Glaube noch an Werke gebundene – Zusage Gottes. Andererseits wird hier wiederum deutlich, dass der Getaufte sich auch zu seiner Taufe verhalten muss, der alte Mensch muss immer wieder unterworfen werden. Aber, ich kann es nicht oft genug betonen, dies ist keine Bedingung, keine Voraussetzung für die Taufe, kein Bleiberecht.

„Von der Tauf wird gelehret, daß sie notig sei, und daß dadurch Gnad angeboten werde; daß man auch die Kinder taufen soll, welche durch die Tauf Gott überantwort und gefällig werden.“8

Warum nun also Kindertaufe? Das angeführte Zitat aus CA IX macht deutlich, worauf es mir ankommt: das Angebot der Gnade gilt auch den Kindern, da es voraussetzungslos ist. Die Taufe markiert nicht den Abschluss eines Glaubensweges, sondern den Anfang. Auch Kinder sollen und können der Gnade teilhaftig werden. Der Charakter des Angebots bringt es aber auch mit sich, dass Kindern weiterhin die Möglichkeit gegeben wird, dieses Angebot anzunehmen. Konkret heißt dies, Kinder christlich zu erziehen – in aller Weite und Offenheit dieses Begriffs – und sie an den Glauben heranzuführen. Diese Aufgabe kommt dabei nicht nur den Eltern und Paten zu. Auch der christlichen Gemeinde obliegt die Verantwortung für ihre Glieder. Die Taufe markiert also den Beginn eines christlichen Lebens, das nichts anderes ist „denn eine tägliche Taufe, einmal angefangen und immer darin gegangen.“9 Diese Argumente sprechen, das möchte ich nun doch betonen, nicht für die Kindertaufe als einzig richtiger Möglichkeit – das sei ferne. Hier soll lediglich mit Hilfe theologischer Bestimmungen der lutherischen Tradition auf den bedingungslosen Charakter der Taufe als unbedingter Zuspruch am Anfang eines christlichen Lebens hervorgehoben werden, der die Möglichkeit der Kindertaufe einräumt (oder explizit empfiehlt).

„[D]as Gegebensein und das Gegebenwerden des Lebens“10 oder: Warum ich mein Kind taufen lasse

Nach den eher theologischen Ausführungen zur Taufe und ihrem reinen Gabencharakter folgen nun einige Überlegungen zur lebensgeschichtlichen Einordnung der Taufe am Beginn eines Lebens. Denn nicht nur die Tatsache, dass ein Kind schon am Anfang seines Lebens das unwiderrufliche, bedingungslose Geschenk der Gnade in der Taufe zugesprochen bekommt, motiviert zur Kindertaufe. Die EKD antwortet auf ihrer Homepage auf die Frage, was für eine Kindertaufe spreche, mit folgenden Worten: „Die Geburt eines Kindes ist ein Geschenk Gottes. Eltern antworten darauf, indem sie ihr Kind taufen lassen. Gott spricht in der Taufe den kleinen Kindern seine Liebe zu, unabhängig davon, wie sie sich verhalten. Eltern und Paten haben dann die Aufgabe, stellvertretend für die Kinder den Glauben zu bezeugen und den Kindern von ihrem christlichen Glauben, aber auch von ihren Zweifeln zu erzählen. Später in der Konfirmation bekräftigen die Jugendlichen selbst ihr Ja zum Glauben an Jesus Christus.“11 Zunächst also antworten Eltern mit der Taufe ihres Kindes auf das Geschenk, das ihnen von Gott gegeben wurde – oder mit den Worten Dietrich Rösslers: in der Taufe wird die Perspektive des Gegebenseins und des Gegebenwerdens des Lebens thematisiert. Damit werden folglich beide Perspektiven, die des Kindes und die der Eltern, in der Kindertaufe deutlich. Dem Zuspruch folgt aber in gewisser Weise auch ein Anspruch: die lebenslange Aneignung der Gabe der Gnade, der Entwurf eines christlichen Lebens. Besonders symbolkräftig kann dies am Anfang eines Menschenlebens, eines neuen Lebensentwurfes verdeutlicht werden. Beide Anfänge kommen sozusagen zusammen.

Was bringt die Kindertaufe nun? Abgesehen von der Tatsache, dass mein Kind Teil der ‚sichtbaren‘ Kirche wird und somit automatisch am evangelischen Religionsunterricht teilnehmen kann, bekommt es den Zuspruch der Gnade Gottes und wird aufgehoben in etwas, das unser diesseitiges Leben umgreift und übersteigt. Es bekommt die Chance, sich diese Gnade im Glauben anzueignen und seinen Lebensentwurf christlich zu gestalten. Uns Eltern wird im Taufakt nicht nur dieser Beginn verdeutlicht. Auch das Leben als solches ist ein Geschenk und von Gott gegeben. Sich die Totalität des Gegebenseins auf diesen verschiedenen Ebenen zu vergegenwärtigen, kann die Taufe neben all ihren anderen wichtigen theologischen Bedeutungen leisten. Daher spreche ich mich für die Taufe am Anfang des Lebens meines Kindes aus und versuche ihm zu einer Aneignung des göttlichen Zuspruchs zu verhelfen, sodass es in der Konfirmation diesen nachfolgenden Glauben selbst bekräftigen kann – oder auch nicht. Die Taufe soll also das Leben des Kindes begleiten, von Anfang an. Aus der Perspektive des Glaubens und theologischen Gründen spricht schließlich nichts dafür, die Taufe ‚aufzuschieben‘. Und es macht damit für mich sehr wohl einen Unterschied, ob mein Kind getauft ist oder nicht.

Diese zwei Stück, unter das Wasser sinken und wieder erauskommen, deutet die Kraft und Werk der Taufe, welchs nichts anders ist denn die Tötung des alten Adams, darnach die Auferstehung des neuen Menschens, welche beide unser Leben lang in uns gehen sollen, also daß ein christlich Leben nichts anders ist denn eine tägliche Taufe, einmal angefangen und immer darin gegangen.“12



2Martin Luhter, Kleiner Katechismus, in: BSLK, 515.
3 Vgl. z.B. Martin Luther, Großer Katechismus, in: BSLK, 701.
4Martin Luhter, Großer Katechismus, in: BSLK, 699.
5Vgl. Martin Luther, Großer Katechismus, in: BSLK, 706.
6Martin Luther, Großer Katechismus, in: BSLK, 701.
7Martin Luther, Großer Katechismus, in: BSLK, 706.
8CA IX, in: BSLK, 63.
9Martin Luther, Großer Katechismus, in: BSLK, 704.
10Martin Rössler, Grundriß der Praktischen Theologie, 2., erw. Aufl., Berlin/New York 1994, 250f.
11http://www.ekd.de/einsteiger/taufe.html, letzter Zugriff am 05.01.15.
12Martin Luther, Großer Katechismus, in: BSLK, 704.

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