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Die Barmer Theologische Erklärung als Bekenntnistext im Luthertum

Ein Essay von Christina Hörsch

1. Lutherische Reserven gegenüber der Rezeption der BThE als Bekenntnistext1

Die lutherische Kritik2 an der BThE richtet sich hauptsächlich gegen die Rezeption der BThE als verbindliches Lehrbekenntnis neben den reformatorischen Bekenntnisschriften. Generell wurde die BThE in ihrer Zeit von lutherischer Seite als akzeptable Grundlage wahrgenommen, an der dem jeweiligen Bekenntnis gemäß weitergedacht werden kann. Dennoch gab es schon bei Entstehung der BThE kontroverse Auseinandersetzungen um ihre kirchenrechtliche Stellung und ihre theologische Beschaffenheit. Diese Kontroversen wurden erneut bei der Neuordnung des Protestantismus nach 1945 aktuell, als bedacht wurde, inwiefern die BThE in Kirchenordnungen und Verfassungen aufgenommen werden soll. Auch in jüngerer Vergangenheit kommen Diskussionen um die BThE immer wieder auf, so wurde zum Beispiel um das Jahr 1984, zum 50-jährigen Jubiläum der Erklärung viel dem entsprechendes publiziert. Jüngst kam es wieder anlässlich des Zusammenschlusses der „Nordkirche“ zu einer Debatte um den Stellenwert der BThE. Die Sache ist demnach immer noch aktuell. Vor allem, weil die Frage nach der Stellung der BThE im Luthertum bis heute nicht abschließend geklärt wurde, da eine lutherische, vor den reformatorischen Bekenntnisschriften verantwortete Auslegung, wie von den Synodalen erhofft, bisher nicht erarbeitet wurde. In diese Richtung gab es ausschließlich Unternehmungen, die lediglich als Versuche gelten können.

Die lutherische Kritik geschieht bis in die Gegenwart unverändert aus zwei unterschiedlichen Anliegen heraus: zum einen die Kritik aus bekenntnispolitischen Gründen und zum anderen die Kritik aus theologischen Gründen. Beide Aspekte sind nicht immer klar voneinander abzugrenzen, denn natürlich geschieht z.B. theologische Kritik aus bekenntnispolitischen Gründen und auch die bekenntnispolitische Kritik wird gespeist aus theologischen Bedenken. Dennoch werden hier diese beiden Kritikpunkte unterschieden und um der besseren Darstellung willen getrennt aufgezeigt, da es eben diese zwei Intentionen in der lutherischen Kritik an der BThE gibt, auch wenn sie sich oft miteinander verbunden zeigen.

Theologische Kritik

Die theologische Kritik von lutherischer Seite wird meist von der Annahme gespeist, dass es sich bei der BThE um ein Dokument mit klaren reformierten Zügen handelt, das stark von der theologischen Denkweise Barths3 und auch Calvins geprägt ist. Dieser Vorwurf kam sehr früh nach der Erarbeitung der Erklärung auf, vor allem von den Theologen Paul Althaus und Werner Elert. Beide sehen die Thesen der BThE teilweise als unvereinbar mit der lutherischen Lehre und dem Bekenntnis an. So sieht Althaus in der 1. These der BThE Barths Christomonismus verwirklicht und kritisiert dazu eine seines Erachtens zu geringe Beachtung der Schöpfungsordnung und den christozentrischen Ansatz. Auch Elert sieht insbesondere die 1. These unvereinbar mit den Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Er sieht die dort vertretene Christologie nicht in den Einklang zu bringen mit den in den lutherischen Bekenntnisschriften vertretenen Lehren zur Christologie. Er nimmt hinsichtlich dessen fragmentarisch eine Umformung der 1. These vor. Im lutherischen Konvent bei der Bekenntnissynode kamen Fragen nach dem Stellenwert der natürlichen Theologie und der Schöpfungsordnung auf und führen zu dem Urteil, dass die theologischen Aussagen diesbezüglich die Annahme der BThE erschweren, dennoch nicht unmöglich machen. Der BThE wird dogmatische Relevanz abgesprochen und ihr wird Unvollständigkeit vorgeworfen, außerdem werde inhaltlich keine neue Erkenntnis transportiert. Die lutherische Seite hat die Tendenz, die BThE zu historisieren, d.h. sie als Aufruf zum Bekennen in einer Zeit zu sehen, ohne überdauernde Aktualität.

Bekenntnispolitische Interessen

Mit einer anderen Intention, nämlich aus bekenntnispolitischem Interesse heraus, argumentiert Hermann Sasse. Seine Reserve gegenüber der BThE richtete sich vor allem gegen die Tatsache, dass es eine gemeinsame Erklärung über Konfessionsgrenzen hinweg sein sollte, nicht so sehr dagegen gegen die theologischen Einzelaussagen. Die Argumentationsgrundlage für diese Haltung gegen die Rezeption der BThE als Bekenntnisschrift ist u.a. die angenommene Abgeschlossenheit der lutherischen Bekenntnisbildung. Die Ablehnung der BThE als verpflichtendes Lehrbekenntnis hängt hier also weniger mit Kritik an theologischen Einzelaussagen zusammen als mit dem Vermeiden-Wollen einer Bekenntnisunion. Eine Bekenntnisunion mit den Reformierten und Unierten würde nach lutherischer Auffassung das reformatorische Bekenntnis verwischen und korrumpieren. Denn die Bekennende Kirche als einheitliche auf ein Bekenntnis (in diesem Fall BThE) gründende Kirche zu sehen, würde der Auslegung des Artikels CA VII, wonach die Einheit der Kirche die Einheit der Lehre bedeutet, nicht gerecht werden. Aus dieser Argumentation heraus, die natürlich trotz ihrer bekenntnispolitischen Intention eine theologische ist, kann in lutherischem Sinne, d.h. konkreter, in dem lutherischen Sinne Hermann Sasses, die BThE kein Bekenntnis im Sinne des reformatorischen Lehrbekenntnisses sein.

In einem anderen lutherischen Sinn, nämlich dem von Edmund Schlink, kann sie dennoch zumindest eine bekenntnisgemäße Schriftauslegung und ein Beispiel für vorbildliches aktuelles Bekennen sein. Schlink ermöglicht mit dieser Wertung und mit seinem Abstand Nehmen von einem Messen an den reformatorischen Bekenntnisschriften eine Sicht, die aus der verfahrenen Konfrontationsstellung hinaus helfen konnte.

Die hier angeführten Argumentationsgänge sind trotz ihres großen zeitlichen Abstands noch aktuell und spielen in gegenwärtige Debatten (siehe „Nordkirche“) mit hinein. Über die Rezeption der BThE im Luthertum wurde trotz immer wiederkehrender Anlässe noch nicht abschließend und zufriedenstellend nachgedacht.

2. Eine mögliche Rezeption der BThE im Luthertum oder die Position Notger Slenczkas4

Notger Slenczka hat sich in jüngst mit der Stellung der BThE im Luthertum beschäftigt und kommt zu einem interessanten Ergebnis, deshalb soll seine Position hier Darstellung finden.

Notger Slenczka kommt nach ursprünglicher Ablehnung5 einiger Thesen der BThE aus lutherischer Sicht, bei einer erneuten Auseinandersetzung mit der Erklärung zum Ergebnis, „daß eine Rezeption der Barmer Erklärung durch die Lutherischen Kirchen als Richtschnur und Norm für ihr Leben und ihre Lehre unter bestimmten Bedingungen nicht nur unschädlich, sondern wünschenswert ist“6. Zu dieser Einsicht kommt Slenczka, nachdem er die historische und theologische Situation der Entstehung der BThE bedenkt, die hermeneutischen Prämissen einer lutherischen Rezeption abklärt und einzelne lutherisch-theologische Einwände gegenüber Barmer Thesen überprüft und dazu neue Auslegungen erarbeitet und damit eine lutherische Lesart der BThE entfaltet, die eine lutherische Rezeption ermöglicht. Er geht in diesen Schritten also der Vereinbarkeit der BThE mit der lutherischen Theologie und dem lutherischen Bekenntnis nach.

Im ersten Schritt, der Betrachtung der historischen Situation und dem Zweck der BThE legt er eines der hauptsächlichen lutherischen Rezeptionshindernisse offen – die Inanspruchnahme der BThE durch Barth als Zeugnis seiner Theologie. Slenczka legt dar, dass eine Rezeption der BThE im Sinne Barths theologischer Überzeugungen offensichtlich Grundannahmen der lutherischen Theologie, z.B. was die „natürliche Theologie“ betrifft, in Frage stellen würde. Unter Anbetracht der Mitwirkung lutherischer Theologen bei der Erstellung und Annahme der Erklärung bringt Slenczka die These vor, dass die Barthsche Lesart nicht die einzige gültige sein kann und darf und führt eigene hermeneutische Prämissen an. Demnach sollte bei der Auslegung der BThE mit bedacht werden, dass im Selbstverständnis der BThE7 den lutherischen Bekenntnisschriften Treue gehalten werden soll und sie vorausgesetzt sind für das rechte Verständnis der BThE. Genauso gilt es zu bedenken, dass sie im Zusammenhang mit Asmussens Auslegung im Einbringungsreferat zu sehen ist und die positiven Sätze der Thesen für die lutherische Rezeption hauptsächlich relevant sein sollten. Slenczka überprüft die theologischen Einwände von lutherischer Seite gegen die Thesen 1,2 und 5 der Barmer Erklärung, die u.a. die Stellung der Schöpfungsordnung, di e Rolle der Lehre von den zwei Regimentern, das Verhältnis von Gesetz und Evangelium und die Rolle Christi bei der Offenbarung betreffen. Unter der Einbeziehung der Arbeit Albrecht Peters8 zur theologischen Kritik der BThE von lutherischer Seite kann Slenczka eine lutherische Lesart der kritischen Passagen plausibel machen.

Schwerer als die bloße Möglichkeit der theologischen Zustimmung wiegt seiner Ansicht nach allerdings der positive Ertrag einer solchen Rezeption: die Abgrenzung der Barmer Erklärung, was die Vereinnahmung der Kirche durch „säkulare[…], religionsförmige[…] Totalitarismen“9 angeht. Dies ist auch der ausschlagegebende Punkt, die BThE als Bekenntnisgrundlage der lutherischen Kirchen zu übernehmen, doch das immer nur unter dem Vorbehalt der Geltung der reformatorischen Bekenntnisschriften. Um dies sicherzustellen spricht Slenczka abschließend die Empfehlung aus, die BThE für die lutherische Übernahme mit einem Einleitungstext zu versehen, in dem die gültige Auslegungshermeneutik offengelegt wird.

Christina Hörsch studiert Theologie in Göttingen.


1 Dieser Essay wurde unter Berücksichtigung von Nowak, Kurt; u.a.: Barmen und das Luthertum, Hannover 1984 und Nicolaisen, Carsten: Der Weg nach Barmen. Die Entstehungsgeschichte der Theologischen Erklärung von 1934, Neukirchen-Vluyn 1985 und Hauschild, Wolf-Dieter u.a. (Hg.): Die lutherischen Kirchen und die Bekenntnissynode von Barmen, Göttingen 1984 verfasst.
2 Beim Erstellen einer Übersicht über die lutherische Kritik und Position zur BThE ist natürlich bedacht, dass es sich beim Dargestellten lediglich um einen kleinen Ausschnitt des vielfältigen lutherischen Meinungsspektrums handelt. Dennoch werden diese Positionen hier aufgegriffen, da sie doch weit und prominent rezipiert wurden.
3 Dabei gilt zu bedenken, dass Barth auch seinen Teil zu dieser Sichtweise beigetragen hat, denn er hat seine Verfasserschaft stark hervorgehoben mit den berühmt gewordenen Worten „Die lutherische Kirche hat geschlafen und die reformierte Kirche hat gewacht.“. Mit diesen Worten spielte er auf den Mittagschlaf der Lutheraner bei der Vorbereitung der Bekenntnissynode in Frankfurt am Main an. Auch seine Auslegungen der BThE in der KD, die den theologischen Gehalt der Erklärung in gewisser Weise festigen, tragen zu der zeitweisen Wahrnehmung der Lutheraner, dass die BThE ein Manifest der Privattheologie Barths sei, bei.
4 Der Erarbeitung der Position Slenczkas liegt der Aufsatz Slenczka, Notger: Die Vereinbarkeit der Barmer Theologischen Erklärung mit Grundüberzeugungen der Lutherischen Kirche und Theologie, in: KuD 57 (2011), S. 346-359 zu Grunde.
5 Slenczka schreibt, dass er selbst einigen Thesen ablehnend gegenüberstand. Diese Ablehnung konnte er nach einer eingehenden Beschäftigung mit der BThE ablegen.
6 Slenczka: Vereinbarkeit, S. 346-347.
7 Siehe Präambel der BThE: „Gerade weil wir unseren verschiedenen Bekenntnissen treu sein und bleiben wollen, dürfen wir nicht schweigen, da wir glauben, daß uns in einer Zeit gemeinsamer Not und Anfechtung ein gemeinsames Wort in den Mund gelegt ist.“
8 V. a. von diesem Beitrag: Peters, Albrecht: Die Barmer Theologische Erklärung und das Luthertum, in: Hauschild, Wolf-Dieter u.a. (Hg.): Die lutherischen Kirchen und die Bekenntnissynode von Barmen, Göttingen 1984, S. 319-359.
9 Slenczka: Vereinbarkeit, S. 358.

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