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Das Alte Testament im alltäglichen Vollzug des Vikariats

„Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst, und komm, dass du hörst.“ (Prediger 4,17)


Ich stehe mit sechs Konfis auf der Kanzel. Es ist Churchnight in Neustadt/Aisch. 53 Konfis wuseln spätabends durch die gesamte Kirche und müssen in einer Kirchenraumrally verschiedene Stationen in der Kirche abgehen und Fragen beantworten. Die Kanzel ist eine dieser Stationen.

Frage: „Was passiert hier oben im Gottesdienst?“ Die Antwort ist schnell gefunden: „Hier wird gepredigt.“ Frage: „Wie nennt man diesen ‚Balkon‘ auf dem wir hier stehen?“ Die Frage ist schon schwierig. Die Antwort fällt nicht ein. Ich verschiebe diese Frage nach hinten und stelle die dritte: Frage: „Wer sind die abgebildeten Männer an der Außenseite und wie heißen sie?“ Das Raten beginnt: „Es sind die Freunde Jesu!“ „Jesus hatte viele Freunde. Was macht gerade diese hier besonders?“ „Es sind seine Jünger.“  „Nee, diese Herren haben Jesus wahrscheinlich nicht mehr live erlebt. Überlegt mal weiter: Sie haben alle etwas gemeinsam.“ „Es sind Juden!“ „Juden waren sie ALLE, sowohl Jesus, als auch seine Jünger!“

Juden waren sie alle… in dieser kurzen Begebenheit spricht eine Konfirmandin unbewusst eine grundlegende Tatsache an, die viele Jahrhunderte lang in der Kirchengeschichte stiefmütterlich behandelt und schier vergessen wurde oder die man nicht wahr haben wollte: Die Wurzel des Christentums ist das Judentum. Mit am deutlichsten wird das immer wieder im Vollzug des Gottesdienstes und seiner Kontexte. Es gibt kaum einen biblischen (Predigt-)Text, der nicht irgendwie von jüdischem Wissen, jüdischen Gepflogenheiten oder Vorstellungen geprägt ist. Der Großteil der biblischen Verfasser waren Juden und die nicht-jüdischen Autoren hatten Kontakte zu jüdischen bzw. jüdisch-christlichen Milieus.

Man predigt immer wieder aus einem jüdischen Buch – auch wenn es ein neutestamentlicher Text ist. Die Briefe des Paulus, die Evangelien – sie fußen auf dem Tanach. In der Stadtkirche zu Neustadt ist dies architektonisch sehr schön visualisiert: Die Kanzel, an der oben die vier Evangelisten angebracht sind, fußt auf einem Stützpfeiler, den der Kanzelschreiner zum Mose mit den 10 Geboten schnitze. Sicherlich stand hier weniger der christliche-jüdische Dialog als vielmehr Luthers Credo von der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium Pate. Doch ohne den Tanach, wäre das NT nicht denkbar, ohne die Lehre (das bedeutet „Tora“) des Mose, wäre die Lehre Jesu Christi haltlos, ohne Judentum gäbe es kein Christentum. Jesus zitierte aus dem Tanach – nicht aus dem NT.

Doch es bleibt nicht alleine beim Lesen und der Exegese der Bibel. Auch im der Liturgie unserer Gottesdienste finden sich jüdische Wurzeln und Anlehnungen.

Allen voran die Psalmen müssen hier erwähnt werden. Der Psalter ist das gemeinsame Gebetsbuch von Synagoge und Kirche. Gebet und Seelsorge speisen sich aus dem reichen Schatz dieser Gebete, die auch das laute Klagen zulassen. Weiter kommt das Vaterunser hinzu – DAS Kennzeichen des Christentums –, doch auch dieses Gebet ist jüdisch. Es hat keinerlei christologische Anleihen und kann somit jederzeit problemlos auch von Jüdinnen und Juden mit gebetet werden. Weiterhin wäre der aaronitische Segen am Ende eines jeden regulären Sonntaggottesdienstes zu erwähnen, den das Christentum übernommen hat, der jedoch ursprünglich nur von jüdischen Priestern über das Volk Israel gesprochen werden durfte, die von Aaron abstammen. Dieser Brauch der Segnung des Volkes findet seit ein paar Jahrzehnten in Israel wieder zweimal jährlich, zu Pessach und Sukkot, vor der Klagemauer in Jerusalem statt.

Diese Aufzählung soll reichen um auf die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens zu verweisen. Ist das AT für den Alltag im Vikariat nützlich – auf jeden Fall! Nur kann es nicht immer 1:1 als eine Technik oder Methode angewandt werden. Vielmehr sollten die Welt des Tanachs und seine Texte als eine Anleitung verstanden werden, um eine innere Haltung zu diesem Reichtum, zu dieser zeitlosen jüdischer Weisheit und deren Gedanken zu entwickeln. Diese neue Haltung hilft, dem eigenen Christentum, seinen vielfältigen Erscheinungsformen und Bildern neu zu begegnen, sie besser zu verstehen und auch das Zusammenhängen und Zusammenspiel von Wurzel und Zweig (Röm 11) neu zu sehen.

Kritiker werden hier einhaken und mahnen, dass eine zu starke Fokussierung auf die jüdischen Wurzeln einen Rückschritt hinter Jesus Christus und sein soteriologisches Handeln bedeuten könnte. Spätestens bei den Fragen nach der Mission unter den Juden und dem Absolutheitsanspruch des einzigen Heilsweges in Jesus Christus wird diese Kritik laut

Müssen wir Heiden erst Juden werden um wahre Christen sein zu können? Ich antworte mit Paulus: Das sein ferne! Zudem habe ich es persönlich noch nie erlebt, dass jemand, der den christlich-jüdischen Dialog offen und ehrlich führt, zur Konversion ins Judentum aufgerufen hätte oder umgekehrt. Zu den beiden Spitzenfragen um die Mission und um die Absolutheit des Heilsweges in Jesus Christus möchte ich kurz Stellung nehmen und meine derzeit aktuellen, persönlichen Antworten darlegen.

Ist Mission unter den Juden nötig?

Ich denke: Nein. Es genügt meiner Meinung nach, wenn wir gegenüber Jüdinnen und Juden Zeugnis über unseren Glauben ablegen und uns als authentische Christen und Christinnen zeigen, die ihre Nachbarn nicht mit aller Gewalt (und das meine ich jetzt sehr wörtlich!) konvertieren müssen. Wird unser Zeugnis abgelehnt, so ist es uns geraten, nicht zu verurteilen – wie wir auch andere Menschen aus den Heidenvölkern nicht verurteilen sollen, wenn sie ihren alten Vorstellung treu bleiben. Wer letztlich in den Himmel kommt und wer nicht, dieses Urteil wird ein anderer sprechen! Der Platz des Retters UND des Richters ist schon besetzt. Der Missionsbefehl ergeht von einem auferstandenen Juden an eine Gruppe von zwölf Juden. Eigentlich ist es die Aufgabe des Judentums, den Glauben an den einzigen Gott Israels und seines Messias in die Welt zu bringen. Real wird derzeit diese Aufgabe unter Hinzuziehung von vielen Heiden-Christen begangen. Das empfinde ich als Wunder und eine Gnade Gottes. Die Erwählung Israels bleibt und es ist wohl gut, wenn wir weiterhin auf das Volk Israel genau achten, ihm zuhören und Seite an Seite mit ihm durch die Zeiten wandeln. Generell wäre es gut, sich neu über den Begriff Mission zu verständigen. Bin ich erst Missionar, wenn ich Leute konvertiere und bekehre, oder bin ich schon Missionar, wenn ich mich offen als Christ oute und versuche, Wort und Tat in Einklang mit meinen christlichen Glauben zu halten?

Ist der Weg über Jesus Christus der einzige Heilsweg?

Ist der Weg über Jesus Christus der einzige Heilsweg? Für mich persönlich, denke ich, ja. Für mich persönlich kann ich als gläubiger Christ meinen Glauben an Jesus Christus nicht aufgeben. Ob dies generell für jeden einzelnen Menschen gilt, ist für mich fraglich.

Von einem sauberen und korrekten dogmatischen Standpunkt aus müsste ich hier unbedingt „ Ja“ sagen: Denn wenn Gott seinen einzigen Sohn dahingibt und wieder auferstehen lässt und dies als DAS singulärste Ereignis der Weltgeschichte tut, dann ist die Absolutheit dieses Weges nur logisch.

Aber ein jüdisches Sprichwort sagt: „Der Mensch dachte, und Gott lachte.“

Über die Prolegomena dieses kurz angedeuteten dogmatischen Standpunktes kann man freilich streiten, schließlich ist es ein menschliches Gedankenkonstrukt über ein Objekt, dass er nie voll und ganz begreifen kann. Wer hat Gott je gesehen und ihm einen Rat gegeben? Und:

Wer kann des Menschen Herz ergründen? Gott allein weiß es, wer sich in dieser Welt wahrlich und treu zu ihm in Jesus Christus bekannt hat und somit in die kommende Welt einziehen darf.

Im Vikariat ist man gut beraten, wenn man auf die Weisheit und den tiefen Schatz des Alten Testamentes hört. Gerne auch mit Unterstützung durch den Heiligen Geist im Namen Jesu Christi. Ein reformierter Rabbi des 20. Jahrhundert wurde einmal gefragt, ob der Rabbi Jesus von Nazareth eine neue Lehre/Tora in die Welt gebracht hätte. Der Rabbi studierte daraufhin die Lehre Jesu in den neutestamentlichen und außerbiblischen Quellen und meinte: „Nein, er hat keine neue Tora verkündigt und in die Welt gebracht. Nur sich selbst.“

So wie Gott zu uns Christen in der Taufe jeweils „Ja“ gesagt hat und dieses Ja Gottes unumkehrbar von seiner Seite ist, so ist ebenfalls die Erwählung des Volkes Israels unumkehrbar. Beide Religionen sind miteinander verwandt und Gott schreibt mit diesen beiden Geschichte.

Das Neue Testament ist ohne das Alte Testament zwar ausreichend, um zum Glauben an Jesus Christus zu kommen, jedoch wird durch das Alte Testament erst der ganze Horizont von Jesu Lehre, seiner Herkunft und des Kontextes, auf den er ja fleißig zurückgreift in vielen Gesprächen, deutlich. Eine gute Kenntnis und regelmäßige Lektüre des ATs ist zu empfehlen. Die Pflege der hebräischen Sprache wäre wünschenswert, kann jedoch aus Zeitgründen mitunter kaum geleistet werden – sie ist aber dort, wo sie gelingt, bestimmt kein Schaden.

Wer einen guten alttestamentlichen Sockel mitbringt, wird sich auch mit der Predigt von neutestamentlichen Texten leichter tun und daraus einen Schatz für sich und seine Zuhörer/Gemeinde ziehen – um hier wieder auf die Kanzel in Neustadt zurückzukommen.

Und so möchte ich mit einer Anlehnung an den oben genannten Vers aus dem Buch Prediger schließen:

„Bewahre Augen und Ohren, wenn du die Bibel aufschlägst, und lese, dass du hörst.“



Sebastian Wieder



Zum Autor: Geboren 1984 in Weiden i.d.OPf. Ich bin seit 01.März 2014 Vikar in der Kirchengemeinde Neustadt a.d.Aisch. Mein Studium der evangelischen Theologie führte mich innerhalb von insgesamt 16 Hauptsemestern nach Neuendettelsau, Jerusalem (Hebräische Universität) und nach Leipzig.

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