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Braucht liberale Theologie eine normative Moderne?

Sie kennt die Falschen und die Echten /

sie trennt die Guten von den Schlechten

(Fink – Stern)


Dieser Beitrag greift eine Frage auf, die auf dem 11. Kongress der Ernst-Troeltsch-Gesellschaft, der unter dem Titel Freiheitsglaube. Liberale Religion heute vom 16.-18. Februar in Augsburg stattfand, gestellt wurde: Welche Bedeutung hat ein „normativer Modernebegriff“ für eine Theologie, die sich als „liberal“ versteht?
Nun sollen die dortigen Diskussionen hier nicht im Detail nachgezeichnet oder einfach fortgeschrieben werden. Stattdessen soll hier eine grundsätzliche Positionierung erfolgen. Als Kritiker einer solchen Konzeption von liberaler Theologie möchte ich 10 Argumente präsentieren, die mich dazu führen, einen normativen Modernebegriff im Namen einer – wie ich betonen möchte – dezidiert liberalen Position abzulehnen.

1. Schwierigkeiten, einen Wesensbegriff der Moderne zu bestimmen

Als erstes stellt sich die Frage, wie man überhaupt zu einem normativen Modernebegriff kommt, also einem Wesensbegriff der Moderne, der dazu dienen kann, zwischen „richtig“ und „falsch“ zu unterscheiden.

Die historische Wissenschaft ist zur Konstruktion eines normativen Modernebegriffs kaum in der Lage. Denn erst einmal stellt sich die Frage, inwiefern und für wen geschichtliche Ereignisse überhaupt normative Geltung beanspruchen können. Gleich anschließend stellt sich die zweite Frage, an welchen geschichtlichen Ereignissen und Prozessen sich die Moderne nun paradigmatisch festmachen lässt. Historisch wird man hier ein hochkomplexes Bild zeichnen müssen, das von vielen, sich überlagernden und teilweise gegenläufigen Entwicklungen ausgeht und an deren Ende die umfassende Lebenswirklichkeit steht, die Moderne genannt werden kann. Soweit ich die derzeitige Forschungslage korrekt überblicke, hat die historische Forschung der letzten Jahrzehnte nicht nur diesem Bild neue Schattierungen hinzugefügt, sondern zudem viele Spuren von „Modernität“ in der Vormoderne aufgewiesen und parallel dazu die klassischen Großerzählungen vom Weg aus der Vormoderne in die Moderne immer weiter verkompliziert, umgeschrieben und so faktisch dekonstruiert. Historische Forschung wirkt tendenziell rekontextualisierend und relativierend – und relativiert damit auch jede Wesensbestimmung der Moderne.

Weist man auch, wie etwa Magnus Striet, einen epochenbezogenen Modernebegriff zurück, so kann das nichts anderes bedeuten, als dass diese Epoche trotzdem auf ihr wie auch immer zu verstehendes „Wesen“ hin befragt werden soll. Dies soll nun aber nicht historisch, sondern durch andere, im Regelfall sozialtheoretische Metaerzählungen geschehen, die ihre Schneisen in Form von abstrahierenden Grunderzählungen bestimmter Wandlungsprozesse durch das historische Material schlagen.

So macht man sich allerdings von gewissen Referenztheorien (z.B. Modellen zur Entwicklung von Gesellschaften, System-, Differenzierungs-, Individualisierungs- und Säkularisierungstheoremen) abhängig und es stellt sich die Frage: Ist hier der normative Modernebegriff nicht nur eine Ableitung aus den (normativ gewendeten) Vorannahmen der Referenztheorien? Damit verlagert sich das Problem aber hin zu der Frage, wodurch diese wissenschaftlichen Theorien ihren normativen Anspruch (wenn sie ihn denn überhaupt haben) legitimieren können!

Zwei Beispiele vom Troeltsch-Kongress: Wenn Striet seinen Modernebegriff als kritisch-reflexives Verhältnis zur eigenen Tradition bestimmt, dann wäre zu fragen, ob hier nicht eigentlich eine normative Theorie der Traditionskritik im Hintergrund steht, die ihn auf das Wesen der Moderne erst stößt. (Dafür spricht, dass er Spuren dieser „Modernität“ schon bei den Propheten des Alten Testaments aufgefunden haben will!) Und stellt ein systemtheoretisch konstruierter Modernebegriff, wie er von Karsten Fischer ins Feld geführt wurde, sobald er normativ verwendet wird, nicht eigentlich einen verschleierter normativer Systembegriff dar – wäre so etwas im Sinne Luhmanns?

2. Die grundlegende Ambivalenz der Postmoderne

Auch dort, wo sie sich nicht radikal von der Moderne abwendet, ist die Spät- oder Postmoderne (wie unsere gegenwärtige Epoche in Ermangelung einer besseren Benennung genannt wird) gerade durch ein ambivalentes Verhältnis zur klassischen Moderne gekennzeichnet. Ist es dann aber nicht zeitgemäßer, die Moderne weniger auf den Begriff oder eine Struktur zu reduzieren, als vielmehr, sie als offene Frage und Herausforderung zu begreifen? Somit wäre eine Modernekonzeption, die diese postmoderne Erfahrung der Ambivalenz mit der Moderne nicht in sich aufnehmen kann, nicht mehr zeitgemäß!

Zeitgemäß wäre dann, statt einer Wesensbestimmung der Moderne kritisch zu bilanzieren, was an der umfassenden Lebenswirklichkeit Moderne zu Recht normative Geltung beanspruchen kann. Als Frage ließe sich formulieren: Welche der Tendenzen, die in unserer Zeit zu beobachten sind, sind als Fortschritt anzusehen und wo handelt es sich um korrekturbedürftige oder zumindest verbesserungswürdige Entwicklungen? Man kann all jene, die solche Fragen stellen, nicht einfach beschuldigen, die Errungenschaften der Moderne kleinzureden und vormodernen Vorstellungen huldigen zu wollen.

3. Die Strittigkeit der Moderne

Hier schließt das nächste Argument an: Spätestens unter den pluralistischen Bedingungen der Postmoderne wird „die“ Moderne strittig. Nun kann etwas, das selbst fraglich und strittig ist, im Diskurs durchaus die Rolle eines normativen Kriteriums einnehmen. Das gilt gerade für die Theologie, in der schon seit der Entstehung des Schriftenkanons und der altkirchlichen Bekenntnisbildung die Normen, auf die man sich bezog, selbst thematisiert und ausgehandelt werden mussten. Diese konstitutive Strittigkeit ist nicht nur für die Auslegung der Bibel und ihren Kanon, für den angemessenen Vernunftgebrauch und die Stellung der kirchliche Tradition anzuerkennen, strittig sind auch der Gottesgedanke (vgl. Pannenberg), jede Vorstellung „richtiger“ Religion sowie die philosophischen Begriffe der Wahrheit (vgl. Wellmer), des Sinnes, der Moral oder des Guten.

Als Kriterien, also als Mittel der Unterscheidung von richtig und falsch, können und müssen diese Begriffe gegebenenfalls im Diskurs wiederum selbst zum Thema gemacht, neu ausgehandelt und möglicherweise sogar kritisiert werden. Ein normativer Modernebegriff bildet hier keine Ausnahme! Er ist also keineswegs, wie manchmal suggeriert wird, der „sichere Grund“, von dem aus man sich die anderen normativen Begriffe vornehmen und ihren Gehalt, Status und Anspruch eindeutig klären könnte. Was aber würde der Modernebegriff als ein strittiger Begriff unter anderen über das hinaus leisten, was in der grundlegenden Struktur des Diskurses mit der Möglichkeit, jedes Kriterium selbst wieder zu thematisieren, schon angelegt ist?

4. Kein Mittel gegen das Beliebigkeitsproblem vieler liberaler Positionen

Wenn der normative Modernebegriff auf das Problem reagieren soll, dass liberalen Positionen traditionell ein Defizit in Sachen „Profil“ nachgesagt wird, so stellt sich ernsthaft die Frage, ob er das leisten kann. Denn schließlich ist das, was in der antiliberalen Polemik gerne als Profil- und Positionslosigkeit kritisiert wird, im Programm liberaler Theologie insofern angelegt, als eben dieses eigene Profil notgedrungen als eines unter mehreren begriffen und eine prinzipielle Möglichkeit unterschiedlicher Positionen zugestanden wird. Dass damit klare Abgrenzungen von „richtig“ und „falsch“ schwerer werden, ist ja gerade gewollt und wird im Sinne der Freiheit bewusst bejaht.

Will man trotzdem dem Vorwurf der mangelnden Profilierung entgehen, dann ist dies meines Erachtens nicht durch die Parole „Modernité!“ zu erreichen, sondern durch eine transparente und konkrete Rechenschaft bezüglich der eigenen Positionen, Ansichten und Überzeugungen. Was liberaler Theologie teilweise den berechtigen Vorwurf der Profillosigkeit eingebracht hat, ist ja gerade, dass sie sich hier oft höflich zurückgehalten und stattdessen auf Grundsatzdebatten sowie das angenehme Geschäft der Kritik anderer Entwürfe beschränkt hat. Liberale Theologie, die nicht profillos oder beliebig sein will, muss ihre Theologie auch material ausarbeiten und an konkreten Fragen bewähren. Hier ist aber (so habe ich das zumindest erfahren) der Modernebegriff eher hinderlich, insofern er von dieser materialen Ausarbeitung ablenkt und schnell auf das außertheologische Feld der Feuilletonistik mit ihrem unabschließbaren Spiel konkurrierender Gegenwartsdiagnosen lockt.

Will eine liberale Theologie nicht abstrakt oder gar beliebig bleiben, so muss sie ein Fundament in gelebter Religion haben und ihre Erfahrungen mit gelebter Religion einbringen. In der Regel wird auch liberale Theologie sich nicht nur und ausschließlich als „liberal“ verstehen, sondern aus weiteren Quellen schöpfen und sich dabei konkreter bestimmen. Dabei sind verschiedene Kombinationen möglich: Liberale Entwürfe können natürlich aufklärerisch, kulturprotestantisch oder neoidealistisch grundiert werden – sind aber keinesfalls auf diese Optionen beschränkt. Liberale Theologie könnte konfessionsbewusst (z.B. lutherisch, reformiert, römisch-katholisch), uniert-protestantisch, monastisch, pietistisch, neoscholastisch, dialektisch-theologisch, feministisch, befreiungstheologisch, negativ, ökumenisch, interreligiös und sicher noch in vielen weiteren Spielarten entwickelt werden.

Noch einmal zugespitzt und in der Abgrenzung von einem verbreiteten Missverständnis formuliert: Von liberaler Theologie ist nicht nur da zu sprechen, wo die Namen Friedrich Schleiermacher oder Ernst Troeltsch im Munde geführt werden. Liberale Theologie zeichnet sich durch ein spezifisches Verhältnis zur Freiheit von Religion und Theologie aus, das von unterschiedlichen Ausgangspunkten her erreicht und begrüßt werden kann.

5. Nicht notwendig für die „Wehrhaftigkeit“ liberaler Religion

Aber ist nicht eine notwendige Aufgabe liberaler Theologie, im Namen liberaler Religionskulturen gewisse andere Formen von Religion zu bekämpfen, die einem friedlichen und freiheitlichen Zusammenleben im Weg stehen? Wie steht es um die „Wehrhaftigkeit“ liberaler Theologie? Will man, wie es etwa Striets zentrales Anliegen zu sein scheint, hauptsächlich Fundamentalisten und Terroristen ihre Legitimität absprechen, so gibt es einfachere Möglichkeiten, als diese Phänomene als „unmodern“ zu brandmarken. Schließlich ist zu diskutieren, ob es sich dabei nicht gerade um dezidiert moderne Phänomene handelt.

Stattdessen ist es besser, die Grenze des Tolerierbaren mittels einer prinzipiellen und universalen Verurteilung jeder Gewalt gegen Andersdenkende zu ziehen. Liberale Religion distanziert sich von jedem Zwang gegen das Gewissen des Einzelnen sowie insbesondere von religiöser Gewalt. Wäre Gewalt gegen Andersdenkende auch noch so „modern“, so wäre sie um nichts besser. Wenn sie nicht „modern“ ist, macht sie das auch nicht wesentlich schlimmer. So ist die „Wehrhaftigkeit“ einer liberalen Position nicht an den Modernebegriff gekoppelt, sondern daran, dass sie sich zum Gewaltmonopol bekennt, auf das jede funktionierende Gesellschaft angewiesen ist, und dieses hinsichtlich eines weitgehenden Gewaltverzichtes zuspitzt. Dieser Weg ist einfacher und kann meiner Ansicht nach auch zu Recht universale Anerkennung beanspruchen.

6. Die Gefahren des Ethnozentrismus und Kulturchauvinismus

Waren bisher hauptsächlich Einwände gegen die Praktikabilität eines normativen Modernebegriffs genannt, so sind nun auch die Gefahren in den Blick zu nehmen.

So ist mit Hans Joas zu bedenken, dass der Begriff „Moderne“ (anders etwa Gott, Religion, Sinn, Wahrheit, Vernunft) sich kaum von der gebräuchlichen Epochenbezeichnung lösen lässt, sondern diese als Konnotationen unweigerlich „mitschmuggelt“. Auch wenn man den Modernebegriff global in „multiple modernities“ realisiert wissen möchte, wird dabei doch eine (mehr oder weniger) universale Struktur gerade mit einer Epoche in Beziehung gesetzt, die zumindest auch aufs Engste verbunden ist mit der verbreiteten westlichen Überheblichkeit gegenüber den „unterentwickelten“ bzw. vormodernen außereuropäischen Gesellschaften.

Wenn man unter die zentralen Aufgaben liberaler Theologie fasst, das friedliche Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen zu befördern und ihr Aufeinandertreffen moderierend zu begleiten, dann ist ein westlich imprägniertes Kriterium eher schädlich. Besteht hier nicht die Gefahr, dass unter der Hand eben doch suggeriert wird, es handle sich in der Epoche der westeuropäischen Geschichte um die einzig maßgebliche Realisierung dieses Begriffes? Wird dem Eindruck nicht entgegengearbeitet, kann es zu einem liberalen Kulturchauvinismus oder zumindest einer Blindheit gegenüber den „anderen Modernen“ und ihren außereuropäischen Realisierungsgestalten liberaler Religion kommen. Es ist fraglich, ob hier der Gewinn eines normativen Modernebegriffs den potentiellen Schaden übersteigt.

7. Die abwertende Pragmatik der Unterscheidung modern/veraltet

Aus der Sprachpragmatik des Wortes „modern“ ergibt sich ein so gewichtiges wie knappes Argument: So ist im allgemeinen Sprachgebrauch angelegt, dass das, was als nicht modern gilt, im Gegenzug als altmodisch, veraltet, überholt zu gelten hat. Dem Altmodischen und Veralteten ist aber (außerhalb des Museums) kein eigenes Existenzrecht einzuräumen. Damit wird der normative Modernebegriff, sobald er gegen konkurrierende Positionen effektiv ins Feld geführt wird, notwendig zum abwertenden Kampfbegriff. Sobald man sich diese polemische Anwendung aber verbietet, verliert der normative Modernitätsbegriff tendenziell auch an Wert als Kriterium von richtig und falsch.

8. Belastend für innerkirchliche Debatten in freiheitlichem Geist

Damit ist an dieser Stelle grundsätzlich zu fragen, was eigentlich Aufgabe liberaler Theologie sein soll.

Liberale Theologie – wie ich sie vertreten würde – bezieht ihre primäre Existenzberechtigung und Legitimation nicht aus einem Projekt einer Modernisierung von Religion, sondern aus dem gelungenen Umgang mit faktischen gesellschaftlichen, innerreligiösen, innerkirchlichen und innergemeindlichen Konflikten, in denen sie die von ihr als legitim anerkannte Vielfalt von religiösen Interessen und theologischen Überzeugungen so zu vermitteln sucht, dass das erreichte Ergebnis möglichst Freiheitsspielräume für den Einzelnen wahrt und daher von möglichst vielen Beteiligten getragen wird. Kirchliche Theologie als Vermittlungstheologie ist unter den pluralen Bedingungen der Postmoderne im Idealfall liberal, da in einer Kirche notwendig unterschiedliche Frömmigkeitskulturen integriert werden müssen.

Ist dies der Fall, so ist das sprachliche Instrumentarium liberaler Theologie daran zu messen, ob es diesem Ziel dient. Die Pragmatik des Modernitätsbegriffs (s.o., Argument 7) ist hier fatal, indem gewisse Interessen und Überzeugungen, die vor diesem Kriterium nicht bestehen, per se delegitimiert werden und damit die betreffenden Personengruppen aus dem Diskurs ausgeschlossen werden. Eine liberale Theologie, die auf ein friedliches und freiheitliches Zusammenleben unterschiedlicher Frömmigkeitskulturen und Theologietraditionen abzielt, schadet ihrem Anliegen, wenn sie einzelnen Gruppen als erstes abverlangt, sich einem Kriterium zu unterwerfen, das ihre Position abwertet.

9. Kein inneres, sondern bloß äußeres Verhältnis von Moderne und Liberalismus

Wie steht es nun aber um die Behauptung, dass Moderne und Liberalismus in einem notwendigen Verhältnis zueinander stehen, da doch erst die Moderne eine beispiellose Ausbreitung und Verwirklichung liberaler Ideen ermöglicht hat? Dies ist zunächst überhaupt nicht zu bestreiten. Trotzdem stellt sich die Frage, ob die Moderne hier nur die Rahmenbedingungen geschaffen hat, unter denen sich liberale Ideen endlich gegen durchsetzen konnten. Das würde bedeuten, die Moderne hat ein nur äußerliches Verhältnis zum Liberalismus. Nur wenn beide in einem inneren Verhältnis stünden, könnte die Moderne als normativer Begriff in die Definition von „liberal“ selbst Eingang finden. Dies würde ich bezweifeln.

Was bedeutet liberal? Liberal verweist schon begrifflich auf den zentralen Wert der libertas bzw. liberté, also Freiheit. Im Begriff der Freiheit bzw. Freiheitlichkeit ist ein normatives Kriterium dafür zu sehen, welche Religionsausübung und welche Theologie als liberal gelten kann. Liberal ist also die Theologie, die das Ziel hat, Freiheit in der Ausübung der Religion und der Lebensführung als Ganzer zu sichern und zu befördern.

Die eigene Freiheit wird lebensweltlich unvermeidlich mit der Freiheit der Anderen und Andersdenkenden konfrontiert. Hier kommt es auch im Bereich der Religion unweigerlich zu Konflikten, die rechtlich, kirchenpolitisch oder eben auch theologisch zu bearbeiten sind. Kirchliche Theologie als Vermittlungstheologie ist unter den pluralen Bedingungen der Postmoderne notwendig Konflikttheologie. Liberal ist eine solche Theologie, wenn sie diese unausweichlichen Konflikte akzeptieren kann und sie so behandelt, dass die Freiheit aller Beteiligten ein höheres Gut darstellt als die Durchsetzung der eigenen Position oder auch der Mehrheitsmeinung. Diese Liberalität ist ein hohes Gut, und zwar nicht, weil sie besonders „modern“ ist, sondern weil sie unter den Bedingungen faktischer Verschiedenheit ein Höchstmaß individueller Freiheit und zugleich ein friedliches, auf gegenseitige Anerkennung gegründetes Miteinander ermöglicht.

Ich verstehe unter einer liberalen Theologin also eine Person, die sich mit ihrer eigenen Position (ohne diese zu verleugnen!) zwischen unterschiedlichen Frömmigkeitskulturen und Theologietraditionen so flexibel bewegen kann, dass im Konfliktfall möglichst ein Interessenausgleich erzielt oder zumindest eine faire Einigung angebahnt werden kann.

Das schließt ein, dass liberale Theologie die Freiheit von Minderheiten und Randgruppen zu schützen hat. Dies gilt gerade auch für Minderheiten, die ihre Freiheit ausüben, indem sie aus dem Konsens der liberalen Mehrheitsgesellschaft ausscheren und diesen möglicherweise sogar ablehnen. Liberale Theologie kann das akzeptieren, weil sie sich nicht anmaßt, in den Bereich individueller Freiheit dergestalt einzugreifen, dass sie mehr fordert als die äußerliche Wahrung der für den Frieden und die Freiheit der Anderen notwendigen Grenzen und insbesondere den Verzicht auf Zwang und Gewalt gegen Andersdenkende. Traditionell firmiert das unter der Unterscheidung von privater und öffentlicher Religion: Liberale Theologie bezieht sich auf die öffentliche Religion, sofern sie normieren will, und beschränkt sich da auf das Notwendige. In der privaten Religion ist die Freiheit des Einzelnen maximal zu respektieren.

Prägnant: Man muss selbst nicht liberal sein, um sich im Interesse der eigenen Freiheit auf liberale Theologie berufen zu können. Hierin liegen gerade die moralische Größe und der gesellschaftliche wie kirchliche Wert liberaler Theologie. Deshalb ist von Seiten einer liberalen Theologie auch die jüngste Entscheidung im Kopftuchstreit zu begrüßen, unabhängig davon, ob das Tragen von Kopftüchern eine liberale Haltung ausdrückt oder nicht!

10. Die theologische Bedeutungslosigkeit der Kategorie „Modernität“

Es ist in der Theologie umstritten, inwiefern Zeitgemäßheit ein Kriterium für sachgemäße Theologie sein darf. Nicht wegzudiskutieren ist, dass Theologie hier und heute unvermeidlich von modernen Menschen für ebensolche formuliert wird und die Moderne insofern der Raum ist, aus dem heraus und in den hinein wir unsere Botschaft sprechen. Theologie ohne Adressatenbezug und ohne Bezug zur konkreten Lebenswirklichkeit ist nicht sachgemäß, da der Glaube ja auch und gerade als Glaube an Gott als Gott eben dieser Lebenswirklichkeit bewährt werden soll. Bedeutet das aber, dass für diese Aufgabe im Vorfeld ein normativer Modernebegriff notwendig ist?

Zunächst wurde und wird hier zurecht vor der Gefahr eines Eindringens fremder Systemlogik auf das Gebiet der Theologie gewarnt. So soll unter Berufung auf die „Bedingungen der Moderne“ nicht selten die Entscheidung für eine bestimmte theologische Position (etwa: gegen die radikale Sündenlehre der Reformatoren, gegen die Rechtfertigungslehre als Zentrum protestantischer Theologie, gegen eine Christologie „von oben“ …) als alternativlos dargestellt werden. Eine unvoreingenommene theologische Betrachtung soll erübrigt werden, indem vom theologischen Problem auf das Feld der Gegenwartsdiagnose ausgewichen wird – das ist meines Erachtens theologisch nicht sauber. Ob es liberal ist, ist ebenfalls fraglich. Vor allem, wenn es bedeutet, dass gewisse theologisch legitime und in der Frömmigkeitspraxis zumindest einer kirchlichen Minderheit stark verwurzelte Vorstellungen als „altmodisch“ und rückwärtsgewandt, ja potentiell gefährlich diskreditiert werden. Was ist an einer theologischen Praxis liberal, die meint, die Spannungen von Gottebenbildlichkeit und Sünde, von Gottessohnschaft und Menschlichkeit Christi, von Schöpfungsglauben und frommer Weltüberwindung unter „modernen Bedingungen“ eindeutig auflösen zu können?

Das Problem von „Modernität“ als theologischem Argument stellt sich aber nicht nur auf theoretischer Ebene im akademischen Diskurs, sondern gerade auch in der kirchlichen Praxis, an der sich liberale Theologie vor Allem bewähren sollte. Bei einem Satz wie: „Ihr Gottesbild ist falsch, weil es nicht modern ist!“ würde es mich wundern, wenn der Gesprächspartner die Diskussion nicht abbricht – auch wenn er kein eingefleischter Barthianer ist, der sowieso immer die 1. Barmer These auf den Lippen führt. Und ich kann mir auch schlecht vorstellen, die Diskussion um die angemessene Form, Abendmahl zu feiern, im Kirchenvorstand mit dem Verweis auf die „einzig moderne Lösung“ (welche auch immer es sei, vermutlich intinctio mit Traubensaft?) zu entscheiden. Sicher sind das jetzt etwas skurrile Beispiele, aber sie führen vor Augen, zu welchen Ergebnissen ein normativer Modernitätsbegriff – konsequent kommuniziert und nicht nach außen hinter vorgeschobenen Gründen verborgen – führt.

Mir scheint, dass es sich bei einem normativen Modernebegriff letztlich um die Kehrseite des antiken Prinzips presbyteron kreitton (Das Ältere ist das Bessere) handelt, das die Theologiegeschichte lange geprägt hat. Während damit lange die Nötigung verbunden war, originelle und überzeugende Gedanken als „Wiederentdeckungen“ des Alten zu maskieren, sollte jetzt die Theologie etwa verpflichtet werden, auch bewährte oder altbekannte Gedanken als besonders neu und modern darzustellen? Beides vermag mich nicht zu überzeugen. Schlechte Theologie wird nicht besser, wenn sie alt ist. Gute Theologie wird nicht schlechter, auch wo sie alles andere als neu ist.

Uns stehen für die Bewertung und Ausarbeitung guter Theologie einige normative Größen zur Verfügung, die alle in der Problemgeschichte der Theologie tief verwurzelt sind und sich in ihrer Leistungsfähigkeit redlich bewährt haben, wenn auch um ihren Gehalt und konkreten Anwendungsbereich unter Umständen lange und engagiert gestritten wurde:

Gott, Wahrheit, Freiheit, Vernunft, Moral, Gerechtigkeit.

Hinzu kommt das Kriterium der Traditionskontinuität, das sich auffächert in Schriftgemäßheit, Apostolizität, Bekenntnistreue und das seit der Reformation zurecht an die anderen Kriterien rückgebunden und damit in ein produktives Wechselverhältnis beispielsweise mit Freiheit, Vernunft, Gerechtigkeit und nicht zuletzt persönlicher Erfahrung gebracht wurde. Das befördert zu haben, ist keine geringe Leistung der Moderne, die wenn, dann auch unter diesem Erfahrungsbezug ihren normativen Anspruch erheben kann. Aber da sind wir bei der Moderne als faktischer, lebensbestimmender Macht – nicht bei einem Modernebegriff.


Mit diesen 10 Argumenten meine ich, gute Gründe genannt zu haben, auf einen normativen Modernebegriff auch und gerade in der liberalen Theologie zu verzichten.

Das letzte, versöhnliche Wort soll nun eine Person haben, die von christlich-liberaler Theologie wohl eher wenig versteht, aber derzeit wie keine andere ein couragiertes Einstehen für den Liberalismus symbolisiert. Mit eleganter Schlichtheit hat der für sein Engagement in Saudi-Arabien jüngst zu 1000 Stockhieben verurteilte Blogger Raif Badawi sein Verständnis von Liberalismus auf den Punkt gebracht:

For me, liberalism simply means, live and let live. This is a splendid slogan.“


Von Tobias Graßmann. Veröffentlicht am 23. März 2015.

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Kommentare

Julian Scharpf
Dieser Begriff von liberaler Theologie bezieht sich auf die Aufgabe von Kirchenleitung als der Vermittlung von verschiedenen Standpunkten in den Gemeinden. Das ist zu begrüßen. Auch der überdeutlich artikulierte Verzicht auf Gewalt und Zwang beruhigt den Leser.

Aber ist diese Moderationsrolle in der öffentlichen Religion wirklich das Einzige, wofür liberale Theologie steht? Gibt es denn keine Bezugnahme der liberalen Theologie auf die private Religion?

Für mich bleibt dieser Begriff dann seltsam leer. Seltsam, weil einerseits die reine Moderatorenrolle so stark gemacht wird, dann doch wieder für gute Theologie normative Kriterien wie „Gott, Wahrheit, Freiheit“ und die Traditionskontinuität gelten sollen. Diese Kriterien sind sinnvoll, aber wohl nicht die ersten Schlagwörter, die einem zu liberaler Theologie einfallen. Das wird noch gesteigert, wenn die Ablehnung von radikaler Sündenlehre und der Rechtfertigung als Zentrum protestantischer Theologie in Berufung auf die Bedingungen der Moderne (zurecht!) kritisiert wird.

Liest sich das nicht eher wie ein Plädoyer eben für diese Theologumena und damit gegen bestimmte Linien in der Tradition der liberalen Theologie und vor allem ihr heutiges Wesen?

Wird mit diesen Kriterien nicht doch eine inhaltliche Wesensbestimmung angestrebt, die sich auch auf die private Religion bezieht?
23.03.2015 - 21:37 Uhr
Johannes Graßmann
Ich habe den Artikel zwar nicht ganz gelesen, aber das hindert mich als Kommentierer selbstverständlich in keinster Weise meine Meinung, die mehr oder weniger Bezug zum Artikel hat kundzutun und den Wächtern der Kommentarsektion die Möglichkeit zu geben mich auf den Artikel zu verweisen.

Ich denke erstens: Es muss bei allen Problemen, die eine modernitätstheoretische Theologie aufweist, berücksichtigt werden, dass das Interesse, das im besten Fall dahintersteht, nämlich die Beziehung "christlicher" Traditionen und Gedanken auf die gegenwärtige Lebenswirklichkeit, grundsätzlich ein wertvolles ist. Der einfache Rückzug auf den innergemeindlichen Bereich in religionssoziologischer Hinsicht bzw. der Rückzug auf die Frömmigkeit in religionspsychologischer Hinsicht ist m.E.n. nicht zulässig. Selbstverständlich ist es dabei ebenso falsch die interne Verständigung über die Glaubensinhalte zugunsten einer reinen Apologetik aufzugeben und den Blick ausschließlich nach Außen zu richten. Beides muss m.A.n. in Relation gestellt und ausgeglichen werden. Aber ich denke, da sind der Autor und ich uns grundsätzlich gar nicht uneins. Natürlich bin ich mir bewusst, dass "Lebenswirklichkeit" nicht nur außerhalb der Religion zu finden ist, aber im Sinne plakativen Kommentierens möchte ich hier einen Kritikpunkt aushebeln, indem ich ihn anspreche ohne ihn zu behandeln.

Zweitens stimme ich grundsätzlich mit der These überein, dass normative, liberale Theologie ein innerer Widerspruch ist. Dennoch denke ich, dass es einer liberalen Theologie zugestanden werden muss "positiv" werden zu dürfen. Dabei muss sie sich unausweichlich von anderen Postionen abgrenzen. Diese Abgrenzung sollte natürlich im besten Falle keinen allgemeinen normativen Anspruch erheben, muss aber die für einzelne, subjektive Persönlichkeit die Möglichkeit beinhalten einen solchen in Bezug auf die eigene Frömmigkeit und Theologie entwickeln zu können. Auch hier denke ich, dass der Autor mit mir gar nicht wirklich uneins ist, es sei denn er versuche mit diesem Aufsatz nur einen ungeliebten Gegner mundtot zu machen und einer neoorthodoxen und dogmatistischen Theologie unter dem Vorwand der Freiheit Tür und Tor zu öffnen. (Ähnliches geschieht z.B. wenn AntifeministX versuchen den Feminismus auszuhebeln, indem sie sich selbst als durch diesen diskriminiert stilisieren. Nur andersrum)

Hiermit erbitte ich nun einen Shitstorm, der sich weitgehend auf die Aussage "Hast du überhaupt den Artikel gelesen" begrenzen wird, dem ich hiermit erwidere: "Hast Du überhaupt meinen Kommentar gelesen, dann wüsstest Du nämlich, dass ich es nicht getan habe". Herzliche Grüße
23.03.2015 - 23:16 Uhr
Tobias Graßmann
@ Julian:

Nun, was meine persönliche Meinung zu Sündenlehre und Traditionskontinuität angeht, weißt du natürlich, dass da durchaus mein Herz schlägt. Und dass ich die gegenwärtige liberale Theologie mehr oder weniger offen kritisiere, ist auch richtig.

Dass liberale Theologie material ausbuchstabiert werden muss, ist klar, auch wenn ich das hier natürlich für meine Theologie nicht tun konnte. Damit bezieht sie sich immer auch auf private Religion, damit hast du recht - aber wie sie das tut, daran hängt ihr Charakter als liberale Theologie. Steht hier eine Orientierung an der Freiheit des Einzelnen im Vordergrund oder der Wunsch nach Homogenisierung der religiösen Landschaft (=antiliberal)?

Mein Punkt, was das Materiale angeht, ist:
Es mag zwei Theologinnen geben, die bezüglich z.B. der Sündenlehre und ihrer Wichtigkeit unterschiedlicher Meinung sind. "Liberal" ist meines Erachtens jetzt nicht die zu nennen, deren Theologie besonders "modern" ist oder gar die, die besonders wenig von ihrer eigenen Position durchblicken lässt, sondern die, die trotz mitunter starker subjektiver Überzeugungen doch mit anderen Meinungen "liberal" umgeht.

Das heißt, anderen Positionen prinzipiell ihr Existenzrecht zu lassen, sie unverkürzt und fair in der Debatte zu Wort kommen zu lassen, in Rechnung zu stellen, dass da vielleicht unterschiedliche (gleichwertige) Frömmigkeitskulturen im Hintergrund stehen, für die bestimmte Vorstellungen unterschiedlich wichtig sind usw. ...

Besonders zeigt sich solche Liberalität, wenn ich mich etwa kirchen- oder theologiepolitisch in einer vorteilhaften Lage befinde und die Chance hätte, diese Überlegeheit zu meinen Gunsten auszunutzen und andere Positionen zum Schweigen zu bringen.

@ Johannes:

Das ein oder andere habe ich mit Bezug auf Julian schon erläutert. Ich finde nicht, dass liberale Theologie nicht normativ sein kann. Nur tut sie gut daran, dabei auf andere Begriffen als "die Moderne" zurückzugreifen: Z.B. Freiheit, Vernunft, Frieden, Wahrheit etc.

Ein Shitstorm kann meinetwegen ausbleiben. Lies den Artikel trotzdem, denn er ist gut :-)
24.03.2015 - 09:25 Uhr
Dr. Klaus Beckmann
Auf nthk.de zu verweilen, finde ich immer recht unterhaltsam und oft auch anregend. Allerdings wundere ich mich als Theologe mit bisher vier Jahren Erfahrung als „Pfarrer unter Soldaten“ – seelsorgerisch ernsthaft „in der Schlammzone“ gefordert – und davor zwölf Jahren praktischer Erfahrung in der Landeskirche doch ein wenig über die Dominanz von Themen aus der Rubrik "Liberale Theologie". Welches mehr als museale Interesse gibt es denn, heute – unter gesellschaftlichen, politischen und weltanschaulichen Bedingungen, die längst nicht mehr die des 19. und des (theologie-)geschichtlich so kurzen 20. Jahrhunderts sind – noch eine kategorial „liberale“ Theologie zu treiben (für die Dialektische oder Wort-Gottes-Theologie gilt tendenziell das Gleiche, wobei ich da doch etwas mehr spezifische Substanz sehe, die sich m. E. auch künftig bewähren kann, zumal die Umstände der Entstehungsphase für uns weniger abständig sein dürften). Ernst Troeltsch ist mir bedeutsam in historischer Hinsicht als Vertreter eines brachialen Nationalchauvinismus einerseits, als dann doch recht couragierter Kritiker des Antisemitismus andererseits. Aber lässt sich seinen theologischen Gedanken, die in ihrer Zeit sicherlich ihren berechtigten Ort hatten, für die heutige kirchliche Praxis ernsthaft etwas abgewinnen? Ich schätze die Liberale Theologie historisch als nötiges Korrektiv eines Kirchentums, das Menschen weltanschaulich zu gängeln vermochte und dies auch tat. Um dieses Korrektiv zu sein, bedurfte es des klaren Bewusstseins der Zeit- und Gesellschaftsabhängigkeit aller kirchlichen Aussagen. In unserer Gegenwart ist ein solch tyrannisches Kirchentum, dem die Liberalen im Namen der persönlichen Autonomie und Gewissensfreiheit entgegneten, aber nicht mehr existent; Kirche (zumindest die protestantische) ist schlechterdings keine bevormundende Autorität mehr (was ich keineswegs bedauere). In der christlich geprägten Hemisphäre garantieren insgesamt die Staatsverfassungen individuelle Bekenntnisfreiheit. Was in dem Artikel als "typisch liberal" angeführt wird, halte ich schlicht für Elemente persönlicher Integrität (Hierarchie nicht zur Gewissensknebelung missbrauchen) und für Ausdruck akademischer Professionalität (fremde Positionen redlich referieren und darauf konstruktiv eingehen). Mit theologischer Schulrichtung hat das m. E. nichts zu tun (leider musste ich v. a. im Studium auch einige erklärt "Liberale" kennenlernen, denen es extrem schwerfiel, andere theologische Konzepte fair zu betrachten, und die ihre Idole, Schleiermacher zuvörderst, ausschließlich hagiografisch gelesen sehen wollten). Ich denke, die Frage, ob die Liberale Theologie einen normativen Begriff von Moderne hatte, ist theologiegeschichtlich bedeutsam, um ihre eigene Zeitgebundenheit herauszuarbeiten. Und das Eintreten der alten Liberalen für individuelle Glaubensautonomie – den eigenständigen Umgang mit der religiösen Tradition – verdient, bewahrt und gepflegt zu werden. Unter den Rahmenbedingungen eines liberal-säkularen Staates und einer pluralistischen Gesellschaft, wo das Axiom der individuellen Bekenntnisfreiheit vorweg schon realisiert ist, kann evangelische Theologie aber m. E. nur positionell sein, will sie innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses Wahrnehmenswertes beitragen und zu eben jenem eigenständigen Umgang mit Tradition anregen. Wo ohnehin jeder Mensch alles glauben oder bezweifeln darf, ist es nicht Sache der öffentlichen Präsentation von Christentum, im Namen der – kirchlicher Praxis ja schon säkular von außen vorgegebenen – Glaubensfreiheit unter unterschiedlichen Positionen vermitteln zu wollen. Innerhalb des pluralen gesellschaftlichen Diskursraumes wird Kirche einzig dann interessant sein, wenn sie mehr bietet als Vermittlung. Nach meiner Wahrnehmung entspringt im Verkehr mit evangelikal-freikirchlichen Kreisen wie im interreligiösen Gespräch die zuweilen geäußerte Verachtung des Mainstream-Christentums einer überzogenen Vorsicht gegenüber entschiedenen, Verneinungen einschließenden Positionen. Innerkirchlich wie interreligiös gilt es nach meiner Überzeugung, die Kraft der Argumente geltend zu machen und zu erproben: Im Sinne einer tröstenden, ermutigenden, der Freiheit und Gerechtigkeit dienenden, auch den Intellekt nicht beleidigenden Auslegung der christlichen Überlieferung. Wo Kirche die Möglichkeit des „Zudeckelns“ dissentierender Auffassungen nicht mehr besitzt, hat sie streitbar das ihr anvertraute Evangelium zu bekennen. Ich unterstreiche daher die Aussage von Tobias Graßmann, kirchliche Theologie unter den pluralen Bedingungen der Postmoderne sei „notwendig Konflikttheologie“. Aber ich sage, die Schlussfolgerung, Theologie müsse die unausweichlichen Konflikte so behandeln, „dass die Freiheit aller Beteiligten ein höheres Gut darstellt als die Durchsetzung der eigenen Position“, verkennt die Rahmenbedingungen. Denn nicht die Kirche hat gouvernantenhaft die Freiheit des öffentlichen Diskurses zuzulassen. Diese Freiheit garantiert vielmehr im Voraus die staatliche, von kirchlicher Dreinrede emanzipierte Ordnung. Sehr dankbar bin ich für das Zitat von Raif Badawi. Hier sollte aber der Sitz im Leben präzise gesehen werden. Badawi tritt unter gänzlich anderen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht für eine liberale Interpretation der Religionen, sondern für staatlich gewährleistete Glaubens- und Gewissensfreiheit ein. Dies bewegt sich auf der politisch-verfassungsrechtlichen Ebene und will genau das herstellen, was uns das Grundgesetz an Glaubenspluralität schenkt und vorgibt. Staatlicher Liberalismus ermöglicht es den Religionen wiederum, guten Gewissens positionell zu sein, ist ihnen der zwingende Zugriff auf das individuelle Gewissen doch verwehrt. Dies der Kommentar eines kirchlichen Praktikers, der Barmen I zwar nicht ständig im Munde führt, aber weiß, was er daran hat.
25.03.2015 - 20:36 Uhr
Tobias Graßmann
Lieber Herr Dr. Beckmann,

vielen Dank für Ihren Kommentar, der mich dazu anregt, noch einmal ein paar Punkte klarer herauszustellen.

Zunächst würde ich unterstreichen, dass ich "liberal" nicht im Sinne einer Schulzugehörigkeit fasse. Eine von mehreren Stoßrichtungen des Artikels war gerade, eine solche Monopolisierung des (wie ich finde:) Ehrentitels "liberal" durch diejenigen Theologen zurückzuweisen, die sich mehr oder weniger explizit auf Schleiermacher, Troeltsch und Tillich beziehen und die ich um der Klarheit willen lieber als Kulturprotestanten oder Neoidealisten bezeichnen würde. Ich würde Ihnen daher bei folgendem Satz ausdrücklich zustimmen:
Was in dem Artikel als "typisch liberal" angeführt wird, halte ich schlicht für Elemente persönlicher Integrität (Hierarchie nicht zur Gewissensknebelung missbrauchen) und für Ausdruck akademischer Professionalität (fremde Positionen redlich referieren und darauf konstruktiv eingehen).

Ausgehend von meiner Konzeption tue ich mich aber sehr schwer damit, "liberal" und "positionell" in einen Gegensatz zu bringen. Ich würde eher sagen: Liberalität ist unverzichtbare Bedingung dafür, dass eine Theologie "positionell" und trotzdem kirchlich sein kann (d.h. mit einem gewissen Anspruch auf Allgemeinheit auftreten und nicht nur als persönlich-individuelle Selbstklärung).

Dass der Staat die "individuelle Bekenntnisfreiheit vorweg realisiert hat", ist (wo es denn der Fall ist, siehe Badawi) von Seiten der Theologie zu begrüßen. Das, was der Staat effektiv schützen kann, ist für mich aber kein Grund, die Theologie (hier genauer: die Dogmatik) aus ihrer zentralen Verantwortung zu entlassen: Sich um die in einer Kirche zu einem bestimmten Zeitpunkt geltende Lehre zu kümmern (Schleiermacher, Glaubenslehre) - was auch immer das jetzt genau beinhaltet. Das kann ich hier auf die Schnelle nicht ausführen.

Der konkrete Horizont, vor dem meine Gedanken formuliert sind, ist der der bayerischen Landeskirche, in der sich z.B. neben dem gesamtevangelisch-politischen Diasporaprotestantismus, in dem ich groß geworden bin, ebenso ein selbstbewusst-konfessionalistisches Luthertum, ein bildungsbürgerlicher Großstadtprotestantismus, ein aus der Vielzahl gemischtkonfesioneller Ehen gespeistes "basisökumenisches" Element, eine kleine evangelikal-charismatische Szene, verschiedene (Spät-)Aussiedlergruppen mit ihren Traditionen und sicher noch weitere Frömmigkeitskulturen finden lassen. Andere Kirchen mögen kleiner und homogener oder auch größer (röm.-kath. Kirche!) sein, das Grundproblem stellt sich, wo mehr als zwei oder drei im Namen des Herrn versammelt sind: All diese Frömmigkeitskulturen fordern legitimerweise (!) ihr Recht innerhalb der Landeskirche, die ihnen standardisiert ausgebildetes Personal und einen Raum der Religionsausübung bereitstellt sowie nicht zuletzt den Anspruch erhebt, wirklich eine Kirche mit Bekenntnis und nicht (nur) ein gemeinsamer Dachverband zu sein.

In dieser Landschaft die eigene theologische Position zu entfalten und zugleich in ein möglichst konstruktives Verhältnis mit alternativen konkurrierenden Positionen zu bringen, ist die Aufgabe, die sich Theologinnen und Theologen fortwährend stellt. Das geht nur - davon bin ich aufgrund meiner bescheidenen "Fronterfahrungen" überzeugt -, wenn die Theologie Profil hat, aber auch in dem hier gemeinten (nicht "schulbezogenen") Sinne liberal ist. Ist sie das nicht, zerschellt sie einfach an der Wand faktischer Pluralität.

Will man den Begriff "liberal" lieber vermeiden, weil man ihn mit Beliebigkeit oder bestimmten politischen Richtungen assoziiert, kann man das gerne tun. Ich finde allerdings, er drückt trotz allem ganz gut aus, worum es mir geht. Aber wer weiß, vielleicht begegnet mir hier oder woanders mal eine überzeugende Alternative.
26.03.2015 - 13:59 Uhr
Tobias Graßmann
Nachtrag bevor man mir jetzt vorwirft, binnenkirchlich zu denken: Was innerhalb der Kirche gilt, gilt meines Erachtens gesamtgesellschaftlich in analoger Weise. Der gesamtgesellschaftliche Ertrag der Theologie hängt aber, würde ich behaupten, immer damit zusammen, wie sie sich innerkirchlich bewährt. Wer den eigenen Standpunkt gegenüber anderen Weltanschauungen überzeugend vertreten will, muss erst einmal dafür sorgen, dass er ihn auch innerkirchlich plausibel machen kann. Und gute Theologie entlastet den Staat nicht zuletzt dadurch, dass dieser nur die gravierendsten und nicht alle möglichen innerkirchlichen Konflikte schlichten muss.
26.03.2015 - 14:19 Uhr
Dr. Klaus Beckmann
Lieber Herr Graßmann,

immerhin habe ich nun einigermaßen verstanden, worin Ihr Anliegen besteht (zumindest hoffe ich das). Ich meine sagen zu können, das Verhältnis der eigenen theologischen Positionen zu anderen christlichen Frömmigkeitsformen ergibt sich beim Gemeinde-, nicht minder etwa beim Schulpfarrer schlicht dadurch, dass Vertreter anderer Richtungen in der Gemeinde oder Schule präsent sind und den Pfarrer herausfordern. Hier kommt es nach meiner Erfahrung dann aber nicht so sehr auf „Liberalität“ an, sondern auf Empathie und die Fähigkeit, die eigene Position authentisch ins Gespräch einzubringen.

Was die Frage eines normativen Begriffs von Modernität hier zu suchen hat, leuchtet mir freilich immer noch nicht ein. Eine prinzipiell legitime und zu respektierende christliche Position zeichnet sich durch ihren Bezug zum Christuskerygma aus. Die Selbstdefinition als „modern“ ist Kennzeichen „liberaler“ Schultheologie; von der wollten Sie aber doch gerade nicht reden, wenn ich Sie richtig verstehe.

Den Namen „Liberale Theologie“ für diese Kunst der Vermittlung unterschiedlicher Frömmigkeitsstile und theologischer Positionen zu benutzen, scheint mir ausgesprochen misslich. Denn „Liberale Theologie“ ist im gängigen Sprachgebrauch nun einmal mit dem, was Sie „Kulturprotestantismus“ nennen und mit bestimmten Theologenpersönlichkeiten umreißen, besetzt und für Ihren Zweck sozusagen „verbrannt“. Ihnen geht es doch eher um „good governance“, etwas hölzern vielleicht mit „kluge Gemeindeleitung“ ins Theologendeutsch zu übersetzen. Die Offenheit für eine Vielfalt christlicher Richtungen ergibt sich m. E. auch weniger aus der „Liberalität“ eines Theologen als vielmehr der theologischen Einsicht in die Unvollkommenheit jeder menschlich-zeitlichen Erfassung der Christuswirklichkeit. Diese Einsicht ist aber keineswegs ein Spezifikum der „Liberalen“, sondern mindestens seit Paulus (1. Kor 13,12) vorhanden und als prinzipielle dialogische Offenheit auch etwa bei Karl Barth in der „Lichterlehre“ explizit da.

Die Bereitschaft zur Relativierung der eigenen Positionen „liberal“ zu nennen, genügt m. E. auch nicht der Herausforderung, über Grenzen des legitim „christlich“ zu Nennenden nachzudenken. Ihre Aussage: „All diese Frömmigkeitskulturen fordern legitimerweise (!) ihr Recht innerhalb der Landeskirche, die ihnen standardisiert ausgebildetes Personal und einen Raum der Religionsausübung bereitstellt sowie nicht zuletzt den Anspruch erhebt, wirklich eine Kirche mit Bekenntnis und nicht (nur) ein gemeinsamer Dachverband zu sein“ scheint mir unterbestimmt. Vielfältig kann ja nicht „pluralistisch“ heißen im Sinne eines „anything goes“ (was Sie wohl auch nicht sagen wollten). Im historischen Abstand können wir uns sicherlich leicht darauf verständigen, dass eine völkisch-rassistische Lesart von Christentum wie die der unseligen Deutschen Christen (unter deren akademischen Protagonisten durchaus Theologen waren, die sich „modern“ fühlten), nicht unter das Dach der Kirche gehörte. Im Blick auf solche Repräsentanten des Christentums, die in der Vergangenheit anderweitig im Interesse ihrer – subjektiv redlichen – Auslegung des Bekenntnisses Gewalt zur Durchsetzung der Wahrheit forderten und praktizierten, dürfte das zwischen uns auch gelten. Was ist aber heute z. B. mit extremen evangelikalen Zeitgenossen, die sich zwar extensiv auf Bibelstellen berufen, aber die Botschaft von Jesus Christus zur Drohbotschaft verkehren, indem sie die rettende Wirkung des Kreuzes durch eine vom Menschen selbst zu leistende „Bekehrung“ limitieren, somit die reformatorische Formel der „Gerechtigkeit durch Glauben“ zur Selbsterlösung via religiöser Eigenleistung umbiegen und in diesem Horizont bestimmte Lebensweisen anderer Christen, Homosexueller z. B., buchstäblich „verteufeln“? Ich zumindest meine, kluge und verantwortliche Gemeindeleitung hat hier klar und streitbar zu sagen, dass dies keine Position ist, die sich auf das Christuskerygma berufen kann, da hier nicht „Christum getrieben“, sondern Furcht und Druck erzeugt wird. Dass dabei häufig dezidiert un- bzw. antimoderne weltbildliche Elemente mitschwingen (Ablehnung der Evolutionstheorie z. B.), ist m. E. sekundär. Das Kriterium für die „Vermittelbarkeit“ unterschiedlicher Bezugnahmen auf Christus ist in meinen Augen die Aufnahme des Christuskerygmas als freimachende, jeden Selbsterlösungsdruck überwindende Botschaft, mithin das reformatorische sola gratia. Ich vertraue darauf, dass ein entschiedenes theologisches Eintreten für Christus als Verkörperung des gnädigen (!) Gottes – und dies schließt die Verwerfung jeden Gebrauchs des Namens Jesu Christi für ungnädige, sprich: Menschen in Furcht auf sich zurückwerfende Konzepte zwingend ein! – nicht „an faktischer Pluralität zerschellt“, sondern sich letztlich bewahren und durchsetzen wird, weil das Schicksal der Gemeinde und ihrer Botschaft nicht in der Hut kluger oder auch allzu kluger Theologen ist.

Das Kriterium des sola gratia ist nicht der „Durchsetzung der eigenen Position oder auch der Mehrheitsmeinung“ verpflichtet, sondern einem unerlässlichen Minimum an inhaltlicher Profilierung des Christentums im Horizont eines freiheitlichen Diskurses. In dieser Präzisierung verstehe ich das, was Sie die „zentrale Verantwortung“ der Theologie nennen, nämlich „sich um die in einer Kirche zu einem bestimmten Zeitpunkt geltende Lehre zu kümmern“.

Vielleicht finden Sie es illiberal, aber ich bekenne mich zu der Position, dass nicht jedes religiöse Konzept innerhalb der evangelischen Kirche seinen Platz finden muss, selbst wenn es Christus im Namen führt. Das Kriterium ist das „Christum treiben“. Dies kann freilich in äußerst vielfältiger Weise geschehen.
27.03.2015 - 08:20 Uhr
Tobias Graßmann
Zum Beginn ihres Kommentars:
Die Frage nach dem normativen Modernebegriff greife ich schlicht aus den Diskussionen des letzten Troeltsch-Kongresses (noch einmal) heraus. Der Ausgangspunkt ist, dass es (einflussreiche liberale) Theologen gibt, die ihn auch und gerade heute für unverzichtbar halten. Ich wäge ab und komme zu einem konträren Ergebnis. Ob man sich von dieser Frage herausgefordert fühlt und sie deshalb aufgreifen will, kann man natürlich unterschiedlich beantworten. Ich rede, könnte man sagen, nicht (nur) von liberaler Schultheologie, aber ich rede insbesondere diese an, insofern ich auch und gerade "die Liberalen" von meiner Konzeption überzeugen will. Aber nicht nur.

"Good parish governance" überzeugt mich noch nicht ganz. Mir klingt das einerseits zu amtstheologisch, andererseits auch etwas zu sehr verengt. Aber das gehört sicher mit hinein in den "Anwendungsbereich" der praktischen Wissenschaft Theologie. Beschränken wir uns hier also darauf.

Was die Aussage betrifft, dass nicht jede Frömmigkeit ihren Platz in der ev. Kirche finden kann und muss, so ist diese nicht per se illiberal, aber freilich so selbstverständlich, dass ich das nicht gesondert betont habe. Ich habe eine gewisse Auswahl von (meiner Ansicht nach unstrittig evangelischen) Frömmigkeitskulturen angeführt und das Ganze sicherheitshalber relativiert, falls ich etwas übersehen haben sollte. Sozusagen "schlechthin alle" (auch nur christlichen) Frömmigkeitskulturen bedienen zu wollen kollidiert mit der unverzichbaren konkreten Ausformung von religiösem (etwa gottesdienstlichem) Leben und kirchlichem Bekenntnis als der Gestaltwerdung von Kirche als Gemeinschaft.

Sicher gibt es Frömmigkeitskulturen, die in einer ev. Kirche bestenfalls "Gaststatus" haben können, und andere, die gegebenenfalls auch "abgewehrt" werden müssen. Hier stellt sich die Frage nach der Scheidung der Geister sowie nach geeigneten Verfahren. Sie skizzieren ein am Exklusivpartikel "sola gratia" orientiertes Vorgehen, das in dem konkreten Beispiel sicher einiges für sich hat. Ob das in allen Fällen solcher Abgrenzungen praktikabel ist, wäre eigens zu durchdenken. Das kann man hier offen lassen, denke ich.

Bei Ihren Beispielen (DC, gewisse Evangelikale) kann ich also nur beipflichten. Unterschiedlich scheinen wir zu bewerten, ob hier eine besondere Herausforderung für die gegenwärtige Theologie liegt. Das würde ich bestreiten: Diese Abgrenzungen lassen sich meines Erachtens auch ohne größere theologische Kompetenz leicht vollziehen und auch die Kirchenleitung scheint mir damit ganz gut klarzukommen. Was, vermute ich, auch damit zusammenhängt, dass man hier sozusagen säkulare gesamtgesellschaftlich anschlussfähige Argumente und Evidenzen "borgen" kann und sich oft gar nicht auf die genuin theologische Diskussion einlassen muss, über die Sie (sicher sachgemäß!) diese Klärungen herbeiführen würden - wenn ich Sie hier richtig verstehe.

Nebenbei scheint mir gerade die klassisch "liberale" Theologie wenig praktische Probleme damit zu haben, sich von radikalen evangelikalen Elementen abzugrenzen. Wo diese Abgrenzung schwerer fällt, ist doch überall da, wo bei aller positionellen Differenz insgeheim doch die "Klarheit" und Kompromisslosigkeit dieser totalitären Theo-Ideologien bewundert wird.

Was die "good parish governance" betrifft, so wäre ich im Gegenzug weniger optimistisch als Sie, das größtenteils dem gesunden Menschenverstand und der individuellen Charakterbildung übertragen zu können.

Ich würde schon als Problem formulieren, dass jede positionelle Theologie so gebaut sein muss, dass eine Vermittlung unterschiedlicher religiöser Interessen und Positionen prinzipiell möglich und im besten Fall auch genuin theologisch und nicht nur kirchenpolitisch-pragmatisch einzuholen ist. Daran scheint es, so ist meine Erfahrung, in Theologie und Kirche noch oft zu scheitern. Hier sehe ich eine zentrale Herausforderung, dass es nicht bei folgender Alternative bleibt: Entweder kann die eigene Theologie in konkurrierenden Positionen nur Häretiker sehen, von denen man sich kompromisslos abzugrenzen hat, oder die faktische Konkurrenz wird hinter der Undifferenziertheit eines "anything goes" verschleiert.

Auf dieses Problem will man, scheint mir, mit der "normativen Moderne" antworten. Ich finde diesen Weg unbefriedigend. Bei Ihnen scheint folgende christologisch-offenbarungstheologische Denkfigur die notwendige Implementierung solcher "Liberalität" (wie ich es bisher nenne) zu gewährleisten: die theologische Einsicht in die Unvollkommenheit jeder menschlich-zeitlichen Erfassung der Christuswirklichkeit. Ich vermute, so kommt man weiter.
28.03.2015 - 11:56 Uhr
Dr. Klaus Beckmann
Lieber Herr Graßmann,

es freut mich, dass eine „christologisch-offenbarungstheologische Denkfigur“ Ihre Zustimmung gefunden hat; ich möchte sie mit „eschatologischer Vorbehalt“ konkretisieren.

Etwas erklärungsbedürftig finde ich allerdings Ihre Aussage, fremde theologische Positionen bzw. Schlussfolgerungen müssten in das eigene, „liberale“ Konzept „genuin theologisch“ integrierbar sein.

Was Ihnen vorschwebt, imaginiert eine Art protestantischer Einheitstheologie, wenn ich Sie recht verstehe. Das wäre m. E. nicht nur faktisch unmöglich – denn es erforderte letztlich ein ganz und gar unprotestantisches „kirchliches Lehramt“ –, sondern nähme auch eine radikale Verarmung des Protestantismus in Kauf, der immer aus der konkurrierenden Vielzahl theologischer Konzepte lebte und nicht zuletzt daher lebendig und spannend war. Ist das, was Ihnen vorschwebt, nicht in letzter Konsequenz totalitär, da alles vereinnahmend und so gerade den eschatologischen Vorbehalt verneinend?

Ich bestreite eine exklusive Alternative zwischen „anything goes“ einerseits und der Häretisierung der theologischen „Konkurrenz“ andererseits. Solange der die Beliebigkeit beschränkende Maßstab des sola gratia gewahrt bleibt, ist ein Konzept, das das Christuskerygma anders deutet als mein eigenes – und damit womöglich Menschen anspricht, die mein eigenes Zeugnis nicht erreicht –, doch nicht „ketzerisch“, sondern im guten Sinne herausfordernd!

Ich meine, Differenzen, die das sola gratia nicht antasten, sind prinzipiell gut und aushaltbar. Ich muss nicht alles verstehen und billigen, was ein anderer Theologe sagt (und umgekehrt), aber ich kann mich daran freuen, dass er auf seine Art innerhalb der Kirche da ist und womöglich der Wirkungsbereich des Evangeliums so vergrößert wird. Bereits innerhalb des nt-lichen Kanons werden erhebliche theologische Spannungen doch gut und anscheinend auch bewusst ausgehalten.

Dass Sie nicht urteilslos jede Art von Religiosität in der Kirche haben wollen, scheint für Sie so selbstverständlich zu sein, dass Sie explizit das Gegenteil geschrieben haben (zumindest habe ich Sie so gelesen). Am 26. 3. um 13.59 Uhr erwähnten Sie nämlich – ohne jede einschränkende Differenzierung – die (zwar „kleine“, doch das ist kein inhaltliches Kriterium) „evangelikal-charismatische Szene“, die „legitimerweise (!)“ zur Kirche als Bekenntnisgemeinschaft gehören solle. Selbstverständlich will ich nicht alle Evangelikalen „rausschmeißen“, doch sind meine eigenen Erfahrungen leider so gelagert, dass hier ein sehr kritisches Hinhören schon dringend geboten ist, v. a. im Blick auf seelsorgliche Folgeerscheinungen. So haben mich Ihr Beitrag und die von mir erfahrene kirchliche Realität gleichermaßen zum Widerspruch herausgefordert.

Schließlich wundert es mich, wenn Sie ein theologisch brisantes Thema – immerhin geht es darum, die volle Kirchen- und Bekenntnisgemeinschaft zu begrenzen gegenüber Menschen, die durchaus für sich beanspruchen, Christen zu sein! – damit beiseite schieben, dass Sie sagen, die Kirchenleitung habe die betreffende Sache doch gut im Griff. Ich wenigstens erwarte von einem examinierten Theologen in einer solchen Frage einen eigenen, gewissenhaft erwogenen Standpunkt. Ob die Kirchenleitungen tatsächlich der Herausforderung der zunehmenden evangelikal-charismatischen Strömungen adäquat begegnen, muss ich zudem bezweifeln. Zumindest in der Öffentlichkeit (deren Durchschnittsmeinung hier durchaus von Belang ist!) wird die Konstellation nach meinem Dafürhalten eher so wahrgenommen, als seien jene von Ihnen als „totalitär“ gebrandmarkten Gruppierungen eben der biblischen wie Bekenntnistradition radikal treu, während die „Anderen“, darin die Kirchenleitungen eingeschlossen, ein „modernes“ laisser-faire praktizierten. Ich meine, es bedarf da sehr wohl theologischer Kompetenz, um auf die evangelikale Herausforderung qualifiziert im Sinne einer den reformatorischen Grundsätzen verpflichteten Theologie (insbesondere im Blick auf Erlösungs- und Sündenlehre sowie Eschatologie!) zu reagieren und klar zu machen, dass die „Großkirchen“ sich hinsichtlich ihrer Bekenntnistreue von den Evangelikalen nicht „jagen lassen“ müssen.

Die Grundsätze einer theologisch reflektierten, evangelischen Grundsätzen gemäßen Gemeindeleitung sind – erschrecken Sie bitte nicht! – in Barmen III und IV niedergelegt (auch die Kirchenordnung „predigt“; Unterschiede in Funktion und Befugnis, doch nicht im Rang). So fanden sie auch in die Verfassungen der meisten EKD-Kirchen Eingang. Doch glauben Sie mir: Was praktisch aus diesen hehren Grundsätzen wird, hat mit Theologie wenig zu tun, um so mehr jedoch mit der Persönlichkeit der Beteiligten (das ist in anderen Lebensbereichen, bei der Bundeswehr und ihrem Konzept der Inneren Führung z. B., prinzipiell nicht anders!). Ich war in diversen Konflikten immer froh, auf Barmen als „geltendes kirchliches Recht“ verweisen zu können. Wie Reibereien unter Amtsgeschwistern ausgetragen werden, ist aber dennoch nicht durch theologische Lehre umfassend zu regulieren; ich habe erklärte „Liberale“ wie auch erklärte Barthianer und Barmen-Anhänger als ausgesprochene Despoten erlebt, wie es kluge und vermittlungsbereite Kollegen aus allen theologischen „Lagern“ gegeben hat. Theologie ist wichtig in der Kirche; sie ist aber nicht alles. Die Praxis desillusioniert an diesem Punkt schnell.

Spätestens seit René Girards „Sündenbock“ sollten wir wissen, dass Neid und Nachahmungsbedürfnis zutiefst allgemeinmenschliche Erscheinungen sind. Die psychologische Frage, wer unterschwellig wen wofür bewundert oder beneidet, sollte deshalb von schultheologischen Streitigkeiten ferngehalten werden.
30.03.2015 - 18:49 Uhr
Tobias Graßmann
Lieber Herr Dr. Beckmann,

zunächst möchte ich Ihnen danken, dass Sie mir durch Ihre beharrlichen Rückfragen die Möglichkeit geben, meinen Standpunkt weiter zu erläutern, der doch an manchen neuralgischen Stellen weniger "selbsterklärend" ist, als ich in meiner Betriebsblindheit angenommen hatte. Durch Ihre "Hermeneutik des Verdachts" (wobei ich nicht so recht weiß, worin genau Ihr Verdacht besteht) zerren Sie jedenfalls beharrlich die Stellen ans Licht, wo ein Satz mehr meine Position noch klarer gemacht hätte. Also wird wieder nachgeliefert:

Wenn Sie bei mir das "totalitäre" Ziel einer "protestantischen Einheitstheologie" vermuten, muss ich mich doch fragen, wie viel Inkonsequenz Sie mir zutrauen. Also beteuere ich erneut, was ich hier und andernorts schon vielfach beschworen habe: Mein Ziel ist nicht die Vereinheitlichung der protestantischen Theologielandschaft - welch ein Gräuel! Was man allerdings sagen kann, ist, dass mir (im Anschluss an Leuenberg) die kirchliche "Einheit in versöhnter Verschiedenheit" am Herzen liegt. Vielleicht ist Gemeinschaft hier auch besser als Einheit.

Ich sehe mich nun gezwungen, etwas abstrakt zu werden:
Die "Integration" die mir vorschwebt (ich habe "einholen" geschrieben, was für mich einen anderen Zungenschlag hat), ist die, dass die Möglichkeit anderer, auch konkurrierender theologischer Positionen nicht kategorisch oder doch faktisch ausgeschlossen ist. Letztlich will ich das über eine bezogene Unterscheidung von kirchenbezogener Orthodoxietheorie (im Idealfall liberal) und individuell-persönlicher Glaubenslehre (im Idealfall profiliert) erreichen. Alles, was ich mit der Implementierbarkeit oder Integrierbarkeit hier meine, ist: Wenn meine eigene Glaubenslehre die Orthodoxietheorie "gleichschaltet", ist theologischer Atomismus oder eine subjektivistische Theologie die Folge. Wenn die Orthodoxietheorie dagegen die Glaubenslehre zu normieren versucht (und sei es mittels der "normativen Moderne"), besteht die Gefahr ideologischer Theologie. Beides muss nicht, kann aber totalitär werden. Wenn Glaubenslehre und Orthodoxietheorie unvermittelbar auseinanderfallen, bekommt die einzelne Theologin ein massives Authentizitätsproblem.

Stattdessen muss es also Anknüpfungspunkte geben, die eine (im Idealfall irgendwie produktive, also spannungsvolle) Überlagerung beider Sphären möglich machen.
Beispiel: Ein eschatologischer Vorbehalt schränkt den subjektiven Absolutheitsanspruch ein, während andererseits die objektive Orthodoxietheorie nicht als Lehramtslehre, sondern als Konflikttheologie entfaltet wird. Das umreißt in etwa die Architektur meiner fundamentaltheologischen Konzeption.

Die Bibel als Beispiel legitimer religiöser und theologischer Vielfalt innerhalb eines einenden Kanons haben Sie ja selbst angeführt. Dann muss ich das nicht mehr tun.

Was die evangelikale Szene in der (bayerischen) Landeskirche betrifft, so gibt es halt diese gewisse Gruppe von Menschen, die sich "zwischen den Welten" der Freikirchen und der Landeskirche bewegt und der teilweise auch Pfarrer zuneigen. Das ist erst einmal wertfrei zu konstatieren. Ich sehe das wie Sie nicht unkritisch, aber würde es auch nicht dramatisieren. Keinesfalls handelt es sich immer um "Wölfe im Schafpelz" oder "falsche Propheten", teilweise sind es auch einfach Gemeindeglieder, die sich für ihre Frömmigkeit hin und wieder ein bisschen Kompromisslosigkeit und Klarheit und Erwählungssicherheit wünschen. Das will ich als Pfarrer nun wirklich nicht selbst bedienen müssen, finde es aber grundsätzlich ok. Solange es die Gemeinschaft in versöhnter Verschiedenheit nicht gefährdet...

Zur Bewertung evangelikaler Theologie könnte ich als examinierter Theologe durchaus einen "eigenen, gewissenhaft erwogenen Standpunkt" vorbringen. Aber im Moment ist das für mich eben schlicht nicht drängend genug, um da etwas auszuformulieren und zur Diskussion zu stellen.

Wann immer ich in die Verlegenheit kam, mit Evangelikalen zu sprechen, hatte ich eigentlich recht schnell passende Ad-hoc-Argumente zur Hand. Freilich würde ich die Auseinandersetzung immer lieber am konkreten Streitpunkt (in der Regel entzündet es sich ja an einer Bibelstelle) führen als über das sola gratia, weil ich kaum vermute, dass ein Gesprächspartner mir auf diese Ebene folgt, ohne dass ich das (so funktioniert das evangelikale Spiel nun einmal!) wiederum solide mit Bibelstellen unterfüttere und entfalte. Im akuten Fall ein sehr mühsamer Anweg, erst eine korrekt-lutherische Paulusinterpretation vorzubringen, um dann irgendwann mal z.B. den Missbrauch einer Bibelstelle zum Zwecke gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit als unchristlich zurückweisen zu können!

Sollte hier eine "feindlichen Übernahme" oder "Infiltration" drohen, müsste man anders urteilen. Davon sind wir hier in Bayern weit entfernt, soweit ich das sehen kann. Möglicherweise stellt sich das bei Ihnen anders dar. Dann muss ich schlicht gestehen, dass ich für Ihre Praxisherausforderung wenig anzubieten habe. Vielleicht fühlt sich jemand anderes dazu berufen...

Ob man unabhängig davon in der Öffentlichkeit den Anspruch evangelikaler Christen, das "authentische" und "echte" Christentum zu vertreten, stärker anfechten müsste - schaden kann es freilich nicht! Es stellt sich mir aber die Frage, für wen und mit welchem Zweck hier Stellung bezogen werden soll. Geht es um Apologie? Oder will man die Öffentlichkeit für sich einnehmen, d.h. Mission betreiben? Je nachdem könnten unterschiedliche Strategien sinnvoll sein...

Ach, und was Barmen betrifft, muss ich Sie möglicherweise irritieren: Ich habe jedenfalls kein besonderes Problem mit der Barmer Theologischen Erklärung und würde die Rezeption als Bekenntnisschrift tendenziell befürworten. Einschränkung ist, dass das (von verschiedener Seite vorgebrachte) Verständnis ausgeschlossen ist, mit Barmen mache man sich die Theologie Karl Barths als Ganze zu eigen. Dabei folge ich Argumenten, wie sie jüngst C. Axt-Piscalar und N. Slenczka vorgetragen haben (in Kerygma und Dogma Nr. 57, 2011).
30.03.2015 - 21:08 Uhr
Dr. Klaus Beckmann
Lieber Herr Graßmann,

zur Gereiztheit besteht kein Grund, und ich würde mich freuen, blieben Sie in Bayern noch auf lange Zeit von anderwärts existenten Anfechtungen verschont, die eine rückläufige Volkskirchlichkeit mit sich bringt. Vielleicht wäre es lohnend, unsere Debatte in einigen Jahren wieder aufzunehmen.

Hinsichtlich Ihres Verhältnisses zur Barmer Erklärung habe ich – wie auch bei den anderen Punkten – keine „Hermeneutik des Verdachts“ betrieben, sondern versucht, Sie der aufmerksamen Lektüre zu würdigen. Und da war nicht zu übersehen, dass Sie Barmen I im Kontext eines Gesprächsabbruchs thematisierten.

Schwierig finde ich, wenn Sie sich – der Sie ja noch am Anfang Ihrer Berufslaufbahn sind – regelrecht vornehmen, „als Pfarrer“ Bedürfnisse nach „ein bisschen Kompromisslosigkeit und Klarheit und Erwählungssicherheit […] nicht selbst bedienen“ zu wollen. Wieso eigentlich nicht? Sollte ein Prediger und Seelsorger nicht gerade auf der hier markierten Ebene auskunftsfähig und „präsent“ sein, wo es um das geht, was Christenmenschen im Innersten umtreibt?!
30.03.2015 - 22:12 Uhr
Tobias Graßmann
Lieber Herr Beckmann,

auch und sogar in Bayern verlassen Menschen die Volkskirche(n). Sie tun das aus unterschiedlichen Gründen, sie ärgern sich etwa über bestimmte Vorfälle (mit dem Ortspfarrer oder in den Medien), nehmen die Kirchen als bürokratisch, selbstbezogen oder gar selbstherrlich, "lebensfern", mit wenig Begeisterung bei der Sache und nicht zuletzt als unprofessionell wahr. Manche halten sie auch für intellektuell nicht mehr auf der Höhe der Zeit oder spüren eine gewisse theologische Leere. Wieder andere sehen nicht, welchen Unterschied es überhaupt macht, in der Kirche zu sein oder nicht. Viele dieser Menschen wenden sich nicht anderen Glaubensgemeinschaften zu, sondern verharren in distanzierter oder auch desinteressierter, aber grundsätzlich nicht feindlicher Haltung gegenüber der Kirche.

Und ja, dann gibt es natürlich auch diejenigen, die sich nach der weltanschaulichen Klarheit und ethischen Rigorosität der Evangelikalen sehnen. Aber wie groß ist diese Gruppe? Was sich mit meiner Erfahrung jedenfalls nicht deckt, ist, dass die Leute der "lasch" gewordenen Volkskirche in Scharen weglaufen um stattdessen gesammelt bei den Evangelikalen mitzumachen. Die Missionserfolge der Evangelikalen und Pfingstkirchen mögen global gesehen imposant sein. Für unseren Volkskirchenschwund sind sie sicher nicht verantwortlich.

Also würde ich schwer davor warnen, sich zu sehr auf diese (wenn auch manchmal ihren Austritt und die nachfolgende Konversion lautstark inszenierende) Gruppe zu konzentrieren. Wenn man sich zu stark auf dieses Terrain begibt, dann läuft man Gefahr, an anderer Stelle großen Schaden für den Frieden in der Kirche anzurichten, und man versperrt für andere Gruppen den Weg (zurück) in die Kirche. Ich würde deshalb zu mehr Gelassenheit und einer Konzentration auf klassische volkskirchliche Tugenden raten. (Und dabei sind natürlich die Türen offen zu halten, wo es Kontakte gibt, sind die weiter zu pflegen.)

Diesen Tugenden habe ich mich verschrieben und ich hoffe sehr, ihnen auch im weiteren Berufsleben treu bleiben zu können. Wenn Sie das für "bedenklich" halten, liegt das möglicherweise daran, dass ich als ein Zeichen der Stärke betrachte, was Sie offensichtlich für ein Eingeständnis von Schwäche halten.

Die Theologie, die ich für sachgemäß halte, ist eine, die sich gerade um die brisanten Fragen (Stellung des AT/Gesetzes im Christentum, Macht der Sünde und Wirklichkeit des Bösen, Leben nach dem Tod, Erwählung und Gericht, Bedeutung des Todes Christi ...) nicht zu drücken braucht und auch politischen oder ethischen Herausforderungen unserer Zeit nicht ausweichen muss. Aber gerade bei solchen auch innerkirchlich schon immer heftig debattierten Themen ist es wichtig, sie nicht möglichst "eindeutig" und ein für alle Mal entscheiden und damit erledigen zu wollen, sondern, im Wissen um die innere Vielfalt der Tradition und mögliche konkurrierende Lösungswege, behutsam und lebensnah plausible Antworten in den Denkprozess der Glaubenden und die kirchliche Diskussion einzuspielen. Damit komme ich in der Praxis weiter, dabei stoße ich auf positive Resonanz und bin im Nachhinein, hin und wieder, auch selbst mit dem Ergebnis zufrieden. Dass "die Leute" von mir mal so richtig gesagt haben wollen, wo es lang geht, ist doch sehr unwahrscheinlich! Gerade bezüglich dessen, was "Christenmenschen im Innersten umtreibt" - da wissen diese Christenmenschen im Allgemeinen schon selbst ganz gut Bescheid!

Darin gebe ich Ihnen Recht: In zwanzig Jahren werden wir klarer sehen, wo wir zu wenig entschlossen waren und wo wir vielleicht auch überreagiert haben. So ist das eben. Wie ich oben geschrieben habe: Das unabschließbare Spiel konkurrierender Gegenwartsdiagnosen.
01.04.2015 - 09:34 Uhr