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Bibel und Bekenntnis

„… also daß in alle Wege ein Unterscheid soll und muß gehalten werden zwischen unnötigem und unnützem Gezänk, damit, weil es mehr verstöret denn bauet, die Kirche billich nicht soll vorwirret werden, und zwischen nötigem Streit …“ (BSLK 839)

Ein Eröffnungsartikel von Tobias Graßmann

Diese Rubrik ist überschrieben mit „Bibel und Bekenntnis“ und soll sich reformatorischem Selbstverständnis und protestantischem Profil widmen, insbesondere als konfessionell bestimmte Identität. Identität soll dabei zumindest vorläufig nicht rein individuell, sondern als Selbstverständnis im Horizont einer Gruppe verstanden werden, die einen gemeinsamen Bezug auf Tradition und geteilte Geschichte pflegt. Inwiefern beschreibt nun die Formel „Bibel und Bekenntnis“ protestantische Identität?

„Bibel und Bekenntnis“ – diese beiden Begriffe umreißen nun landläufig und relativ unbestritten das, was seit Reformation und Trennung von der römisch-katholischen Kirche die Grundlage protestantischer Lehre und ebenso Quelle evangelischer Frömmigkeit ist. Unstrittig dürfte unter Protestantinnen und Protestanten wohl auch sein, dass dabei der Bibel als Heiliger Schrift und norma normans der höhere Rang und eine stärkere bindende Kraft zukommt.

Strittig ist dagegen gerade auch unter Protestanten, wie sich das Verhältnis von Bekenntnis zur Heiligen Schrift genau fassen lässt. Zudem stellt sich die Frage, welche Texte – oder auch welche ungeschriebenen Traditionsbestände, Bräuche und liturgischen Eigenarten – den Status eines „Bekenntnisses“ haben, haben können und haben sollen. Ist die Bekenntnisbildung abgeschlossen und wenn ja, seit wann? Gibt es eine interne Hierarchie der Bekenntnisse?

Gerade in diesen Fragen brechen die mehr oder weniger gravierenden Unterschiede zwischen den reformatorischen Kirchen auf. Hier werden Spannungen und durchaus auch im wörtlichen Sinn: Verwerfungen spürbar, die das reformatorische, protestantische, evangelische Christentum selbst durchziehen – so trennt gerade das Verständnis von Bekenntnis reformiert von lutherisch, lutherisch oder reformiert von uniert, unter Umständen lutherisch-orthodox von liberal-lutherisch …

Mit Blick auf die Bibel sind dagegen seit jeher Fragen der Hermeneutik, der Art und Weise ihres rechten Verstehens und ihrer sach- und zeitgemäßen Auslegung, zu klären. Über den Umfang des Kanons biblischer Schriften sowie Existenz und Gehalt einer „Mitte der Schrift“ lässt sich ebenfalls trefflich streiten.

Nicht zuletzt herrscht darüber hinaus alles andere als Konsens in der Frage, wie sich die beiden Größen Bibel und Bekenntnis zur individuell gelebten Frömmigkeit und zur kirchlich praktizierten Religion verhalten, zugespitzt: Worin genau liegt ihr Geltungsanspruch und wie weit erstreckt er sich?

Liegt es bei all diesen ungelösten Problemen nicht scheinbar nahe, unter „modernen“ Bedingungen ganz auf Schrift- und Bekenntnisbindung zu verzichten? Wäre es nicht – zumindest auf der Ebene der Kirche als Organisation und sozialen Gebildes – besser, die normierenden Geltungsansprüche zurückzustellen und alle Einzelheiten der individuellen Wahl und Präferenz zu überlassen? Trifft der oben vorgeschlagene Begriff von Identität die Sache, dann wäre dies nicht weniger als Selbstaufgabe, die Verabschiedung konfessionell-protestantischer Identität... das kann man unterstützen und sogar im Namen der Ökumene propagieren, man kann es aber auch kritisch betrachten.

Ausgehend von den lutherischen Bekenntnisschriften, die – man denke nur an die Katechismen Luthers oder Melanchtons Apologie der CA – für ihre Anliegen nachdrücklich an die Selbst- und Welterfahrung ihrer Leser appellieren, muss man nun allerdings den Geltungsanspruch der Größen „Bibel und Bekenntnis“ so verstehen, dass ihre Aussagen am Leben geprüft und im Leben bewährt werden wollen. Und nimmt man gerade die protestantischen Abgrenzungen von einem katholischen Glaubens- und Dogmenverständnis ernst, so muss man auf einer individuellen Aneignung der betreffenden Inhalte und einer Übersetzung in Lebenswirklichkeit bestehen – oder die Irrelevanz für das heutige Christentum zugestehen.

Deshalb wollen wir uns in dieser Rubrik zunächst mit einer Reihe von Blogeinträgen auf die Suche nach lebendigen Konfessionskulturen und dem Kern dessen machen, was für junge Theologinnen und Theologen konkret und spürbar die eigene, konfessionell bestimmte Identität ausmacht. Welchen Stellenwert und welche wahrnehmbaren Auswirkungen hat die eigene Konfession? Welche Rolle spielt dabei die Geschichte mit ihren herausragenden Gestalten, lässt sich eine dezidiert konfessionelle Komponente des individuellen Ethos bestimmen, was bedeuten Bekenntnisse und kanonische Texte, wie sehen typische Praktiken der Schriftauslegung und des gemeinsamen Gottesdienstes aus?

Anschließend ist geplant, sich mit einer weiteren Reihe der Schrift und ihrer Auslegung zu widmen, besonders dem Stellenwert der historisch-exegetischen Theologie: Was bedeutet für uns die historisch-kritische Methode der Bibelauslegung? Wie verhält sie sich zu anderen Arten der Schriftauslegung (politisch, feministisch, bildlich-allegorisch, …)? Gilt hier sowohl/als auch oder entweder/oder? Worin genau besteht ihr wissenschaftlicher Ertrag und kirchlicher Mehrwert? Impliziert sie vielleicht sogar so etwas wie eine eigene Spiritualität?

Ich hoffe, dass sich auf diese Weise: im regen Austausch und in der gemeinsamen Diskussion, die Erkenntnis darüber vermehren lässt, was protestantisches Leben zwischen und mit Bibel und Bekenntnis heute bedeutet – und auch in Zukunft noch bedeuten könnte.

Göttingen, der 2. Dezember 2013

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